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Titelbild 4/2017

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Wie finde ich ein gutes Heim?

Ein Ratgeber nicht nur für Hochbetagte

Die meisten Menschen wünschen sich, im Alter in ihrem gewohnten Umfeld wohnen bleiben zu können. Doch nicht immer lässt sich der Umzug in ein Pflegeheim vermeiden. Was eine gute Einrichtung ausmacht und wie man sie findet – dazu einige Tipps. 

„Fahr mal in die Seniorenresidenz in Hennef an der Sieg“, rät mir eine Kollegin. „Da kannst du eine Einrichtung erleben, in der sich alte Menschen wohlfühlen.“ Neugierig mache ich mich auf den Weg – und bin wirklich überrascht. „Kurhaus am Park“ nennt sich das Altenpflegeheim. Und in der Tat, es ist das schöne alte Kurhaus von Hennef, das Familie Brähmer 1989 erworben, zu einem Altenpflegeheim umgebaut und nach und nach erweitert hat. Heute gehören zu der Anlage 151 Pflegeplätze, 18 Wohnungen im Bereich Betreutes Wohnen und zwei Neubauten mit 85 modernen „ServiceWohnungen“, in denen einzelne Serviceleistungen hinzugebucht werden können. 

Freundliche Begrüßung, wohnliches Ambiente   

Schon die großzügige Eingangshalle zum Kurhaus erinnert eher an ein Hotel als an ein Pflegeheim. Sie ist in warmen Farben gestaltet. Kunstbilder an den Wänden. Ein offener Kamin. Überall Sitzgruppen mit bequemen Stühlen und runden Tischen aus edlem Holz. Es macht Spaß, einfach dazusitzen und zu gucken. Am Nebentisch löffelt ein älterer Herr einen Joghurt. Frauen trinken Tee oder lesen Zeitung. Bewohnerinnen schlendern durch die Halle, mit und ohne Rollator. Mitarbeiterinnen und auch der Haustechniker grüßen freundlich. Im Restaurant ist schon der Mittagstisch gedeckt. 

Eine der Bewohnerinnen im Pflegebereich ist Gisela Schneider. Seit zwölf Jahren lebt die fast Neunzigjährige nun schon in der Einrichtung. Zehn Jahre in einer betreuten Wohnung, seit zwei Jahren im Pflegebereich. „Mein Mann und ich waren so um die 77, als wir darüber nachdachten, in ein Haus mit betreutem Wohnen umzuziehen“, erzählt sie. „Mein Mann war nämlich beinamputiert und wollte rechtzeitig für die Pflege im Alter vorsorgen.“ Da sie keine Kinder hatten, baten sie ihre Nichte Cornelia Voßloh um Hilfe bei der Auswahl eines geeigneten Hauses. „Ich habe mir mehrere Häuser in Köln und Umgebung angeschaut“, berichtet Cornelia Voßloh. „Durch einen glücklichen Zufall kam es dazu, dass ich mit einer guten Freundin deren Oma besuchte, die seit Kurzem in der Seniorenresidenz in Hennef wohnte. Das Ambiente mit der großen Empfangshalle und die freundliche Ansprache der Angestellten – gegenüber Bewohnern und Besuchern gleichermaßen – gefielen mir so gut, dass ich meiner Familie den Vorschlag machte, das Haus einmal gemeinsam zu besuchen. Sie waren gleich begeistert.“ Schnell war die Entscheidung getroffen. „Wir haben ungefähr ein Jahr gewartet, bis eine Wohnung in der passenden Größe frei wurde. In dieser Zeit haben wir im alten Zuhause nach und nach alle Zimmer ‚entrümpelt‘, sodass vor allem meine Tante reichlich Zeit hatte, sich von liebgewonnenen Erinnerungen zu trennen.“ 

Eine Überlegung wert: Kann man zu Fuß etwas erledigen? 

Die Lage des neuen Zuhauses war ideal. Die Wohnung hatte einen Balkon mit Blick auf den wunderschönen Kurpark. Sie lag nicht direkt in der Stadt, war aber so zentral gelegen, dass Gisela Schneider zu Fuß noch einige Besorgungen selbst erledigen konnte. „Das hauseigene Schwimmbad war ein großer Pluspunkt, und meine Tante hat es sehr genossen, von ihrer Wohnung aus im Bademantel zum Schwimmbecken gehen zu können – das hat sie viele Jahre lang zweimal wöchentlich morgens vor dem Frühstück gemacht. Ganz wichtig war uns allen, dass der Übergang vom Betreuten Wohnen zur stationären Pflege im Bedarfsfall innerhalb des Hauses vollzogen werden konnte, damit soziale Kontakte zu Mitbewohnern und dem Personal bestehen bleiben konnten. Als mein Onkel nur ein Jahr nach dem Einzug ins Betreute Wohnen unerwartet starb, war meine Tante sehr froh, dass sie den Schritt ins Heim rechtzeitig mit ihm gemeinsam gegangen war. Sie hätte sich das alleine vielleicht nicht zugetraut. Aber mittlerweile war sie so gut integriert, dass sie sich auch in der Phase der Trauer sehr gut aufgehoben fühlte.“

Zuwendende Pflege behält die Bedürfnisse der Einzelnen im Blick 

Trotz ihres hohen Alters erfreut sich Gisela Schneider an vielen Dingen: „Das Haus ist immer jahreszeitlich passend geschmückt“, erzählt sie. „Die Feiern werden sehr liebevoll und aufwändig vorbereitet, und man kann mit allen Fragen und Wünschen an die Mitarbeiterinnen herantreten. Es gibt an der Rezeption die Möglichkeit, das Nötigste einzukaufen, und das Café in der Halle ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Ich fühle mich in dem Haus rundum wohl und bin mit den Angeboten sehr zufrieden!“

„Ja, diese Atmosphäre zeichnet unser Haus aus“, betont Geschäftsführerin Nicola Just, die schon zwanzig Jahre in der Seniorenresidenz arbeitet. Man merkt ihr an, dass sie vom Konzept des Hauses überzeugt ist. Familiäres Miteinander und zuwendende Pflege heißen die Stichworte. Und das bedeutet, jeder Bewohnerin und jedem Bewohner das zu geben, was sie oder er individuell braucht. Um das zu erfahren, gibt es die Biografiearbeit. Gemeinsam erstellen Mitarbeiterinnen des Sozialen Dienstes, Angehörige und Bewohner in der Eingewöhnungszeit einen Sozial-Anamnesebogen. Da geht es um Fragen wie: Wann stehen Sie gerne auf? Was essen Sie besonders gerne? Was haben Sie beruflich gemacht? Was haben Sie gerne in Ihrer Freizeit gemacht?

Wünschenswert: keine festen Essens- oder Schlafenszeiten 

Infolgedessen werden im Kurhaus am Park viele verschiedene Freizeitangebote für Menschen mit unterschiedlichen Interessen gemacht. Es gibt im Haus auch keine festen Essens- oder Schlafenszeiten, wie man es häufig antrifft. Es gibt auch keine Stationen, sondern farblich unterschiedlich gestaltete Wohngruppen mit jeweils eigenem Aufenthaltsraum, eigener Küche und therapeutischen Einrichtungen. „Wir haben insgesamt fünf solcher Wohngruppen“, erläutert Just. „Drei typische Altenpflegewohngruppen. Einen beschützenden Bereich für Menschen mit einer Demenz oder anderen psychiatrischen Störungen. Und dann haben wir noch den Wachkoma-Bereich mit Beatmungspatienten und Wachkoma-Patienten.“

Pflegepaten als Ansprechpartner für alle Fragen 

Das Haus punktet auch im Pflegebereich. Gute Ausbildung und Weiterbildung sorgen dafür, dass die Einrichtung im Transparenzbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen seit Jahren gute Ergebnisse erzielt. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner hat einen Pflegepaten. Das ist eine feste Bezugsperson als Ansprechpartnerin. Insgesamt 180 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sorgen dafür, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohlfühlen. Nur ein Teil davon sind ausgebildete Altenpflegekräfte. Denn wie in allen Einrichtungen macht sich auch hier der Mangel an Fachkräften bemerkbar. Unterstützt werden sie von Hauswirtschaftskräften und Mitarbeiterinnen im sozialen Dienst. „Schön ist auch“, so Verwaltungsleiterin Hannelore Stof, „dass alle anfallenden Arbeiten von Mitarbeitern des Hauses gemacht werden. Der technische Dienst, die Reinigungskräfte, die Wäschepflege, die Küche, in der das Essen jeden Tag frisch zubereitet wird. Das ist ein ganz anderes Miteinander, als wenn das fremd vergeben wird. Die Mitarbeiter identifizieren sich anders mit dem Haus und seinen Bewohnern.“

Kontakte zu Einrichtungen vor Ort bringen Leben ins Haus

„Hinzu kommen noch etwa 40 aktive ehrenamtliche Helferinnen und Helfer“, so Just. „Wir sind ein offenes Haus, das in das Hennefer Gemeinwesen eingebunden ist. Es gibt Kontakte zu Kindergärten, Schulen, Kirchen und den vielen Vereinen, die sich für alte Menschen einsetzen. Hennefer Bürgerinnen und Bürger nutzen therapeutische Einrichtungen unseres Hauses oder nehmen an Kursen oder Festen teil. Räume können für Tagungen oder Familienfeiern angemietet werden. All das bringt Leben ins Haus.“

Seniorenresidenz, Schwimmbad und Sauna, offener Kamin, Restaurant mit eigener Küche, Kurgarten – das hört sich so an, als sei das nur etwas für betuchte Menschen, die sich das auch leisten können. „Nein“, wehrt Hannelore Stof ab. „Hier leben Frauen und Männer, die eine gute Rente oder Pension sowie noch ein kleines Vermögen haben. Aber auch Menschen mit kleiner Rente, die vom Sozialamt Hilfe zur Pflege benötigen. Wir haben vereinbarte Pflegesätze, die mit den Sozialämtern und Pflegekassen abgestimmt sind. Dadurch werden die Kosten übernommen, wenn das Geld nicht mehr ausreicht. Und wir sind nicht teurer als andere Pflegeheime im Umkreis.“

Es gibt preiswerte Einrichtungen, die ausgezeichnet geführt sind 

Das Kurhaus am Park – ein Beispiel von vielen, wie das Leben im Alter gelingen kann, wenn Menschen sich engagieren und mit dem Herzen dabei sind. Laut neuester Pflegestatistik gab es 2015 in Deutschland rund 13.600 Pflegeheime mit 866.000 Plätzen für die stationäre Dauerpflege. Die Qualitätsunterschiede zwischen den Heimen und auch die Heimentgelte sind jedoch groß. Und das liegt nicht am Geld, stellen Pflegewissenschaftler fest. Es gibt preiswerte Einrichtungen, die ausgezeichnet geführt sind, die eine Seele haben. Und es gibt teure mit schweren Missständen in der Pflege. Mit Sorge sehen Pflegeexperten, dass Altenpflege sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Da wird bei Investoren geworben, Altenpflegeheime und Seniorenwohnanlagen als Geldanlagen hochzuziehen. Im Zentrum steht dann nicht mehr der alte Mensch, sondern der Profit. Auf Kosten der Pflegebedürftigen, die ein hohes Heimentgelt zahlen und nicht die entsprechende Leistung erhalten. Und auf Kosten der Pflegekräfte, wenn am Personal gespart wird und sich der Druck, der ohnehin schon auf ihnen lastet, noch weiter erhöht. Hohe Krankenstände und häufiger Stellenwechsel sind die Folgen. 

In vielen Heimen gibt es Pflegemängel

In erschreckend vielen Heime treten schwere Mängel auf bis hin zur Gewalt an alten Menschen, die sich nicht mehr wehren können. Besonders schutzlos sind Pflegebedürftige, um die sich keine Angehörigen kümmern können oder wollen. Dabei geht es nicht nur um schlechtes Essen, um mangelnde Zuwendung oder die immer noch sehr hohe Zahl an Mehrbettzimmern. „Es geht darum, dass alte, sehr pflegebedürftige Menschen abmagern oder dehydrieren, obwohl man ihnen dreimal am Tag ein Essen vorsetzt, sie aber nicht füttert, ihnen die Getränke nicht reicht“, berichtet der Sozialpädagoge und Pflegekritiker Claus Fussek. „Die Alten bekommen Windeln, weil sich niemand die Zeit nimmt, mit ihnen zur Toilette zu gehen. Demente Menschen werden mit Gurten fixiert, damit sie nicht rumlaufen können, oder erhalten starke Beruhigungsmittel, die sie müde machen. Die medizinische Versorgung in Pflegeheimen mit Hausärzten, Fachärzten, Zahnärzten ist häufig nicht organisiert. Im Notfall wird einfach ins Krankenhaus eingewiesen. Menschen müssen alleine sterben, weil niemand Zeit für sie hat.“

Für eine menschenwürdige Versorgung braucht es ausreichend Pflegekräfte

Solche Missstände können nur durch eine Erhöhung des Personalschlüssels beseitigt werden, ist die Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin überzeugt. „Für eine menschenwürdige Versorgung müssen dort mehr Menschen arbeiten“, sagt die emeritierte Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke. „Altenpfleger brauchen mehr Zeit, damit sie auch wieder zuhören und trösten können.“ Und sie fährt fort: „Mich ärgert, dass der Pflegestand finanziell wie gesellschaftlich so wenig anerkannt ist. Das Begleiten von Menschen, die Fürsorge, ist völlig auf den Hund gekommen. Es geht nur noch um satt und sauber.“ Das Berufsbild der Altenpflege müsse dringend aufgewertet und die Pflegenden vor allem besser bezahlt werden. „Denn neben allen Schwierigkeiten ist die Altenpflege ein sehr schönes Berufsfeld: Die Arbeit ist abwechslungsreich, was die Einsatzorte und die Tätigkeiten angeht, sie hat viel mit Menschen zu tun und macht Sinn.“

Das Haus auch unangemeldet besuchen 

Meist sind Mängel im pflegerischen Bereich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Das macht es für Pflegebedürftige und Angehörige so schwer, ein gutes Heim zu finden. Besonders dann, wenn die Pflegebedürftigkeit infolge einer Krankheit oder eines Sturzes plötzlich kommt und schnell ein Heimplatz gefunden werden muss. Pflegeexperten raten, sich nicht nur auf Prospekte und auch nicht auf Auszeichnungen zu verlassen, sondern sich selbst vor Ort zu informieren. Es empfiehlt sich, intensive Gespräche mit der Heimleitung zu führen, das Heim unangemeldet zu verschiedenen Zeiten zu besuchen, Informationen über die Einrichtung einzuholen und dort zur Probe zu wohnen.

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2017 

 


Eingestellt: 31.03.17

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