Inhaltsverzeichnis
Titelbild 4/2017

Artikel in Verbindung

Die Kirche soll erwachsen werden

Botschafterin Annette Schavan in der Botschafts-Residenz in Rom. Foto: Gras

 

Interview mit Vatikan-Botschafterin Annette Schavan

Vor zwanzig Jahren hat Annette Schavan die KDFB-Initiative für den Diakonat der Frau mit angestoßen. Heute, als deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, berichtet sie von ihren Erfahrungen in Rom. 

KDFB Engagiert: Was tut eigentlich eine Botschafterin beim Heiligen Stuhl?

Annette Schavan: Meine wichtigste Aufgabe ist es, Brücken zu bauen, zwischen Menschen, Gruppen und Kulturen. Jüngstes Beispiel: der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands bei Papst Franziskus. Gerade jetzt im Jahr des Reformationsjubiläums spielt die Ökumene in dieser Botschaft eine große Rolle. Zum Alltag gehören an so einem Tag wie heute Gespräche und Konferenzen: Mittags treffen sich die EU-Botschafter mit Erzbischof Silvano Tomasi vom neuen Dikasterium – ich übersetze es immer mit „Ministerium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“. Davor gibt es eine Besprechung beim Malteser-Orden, gegen Abend gehe ich zu einer Veranstaltung der internationalen Laienbewegung Sant’Egidio. 

KDFB Engagiert: Haben Sie weibliche Ansprechpartner im Vatikan an entscheidenden Stellen?

Annette Schavan: Eher wenige, es gibt eine Frau im Mi­nisterium für Bildung und Wissenschaft und eine im Ministerium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Mit der Reform der Kurie entwickelt sich etwas in dieser Hinsicht, aber das ist noch in der ersten Phase. 

KDFB Engagiert: Haben Sie als Theologin einen guten Draht zu den Theologen auf Vatikanseite? ?Für mich sind die Gespräche sehr ergiebig, weil ich aus der Theologie komme und mir die Themen nicht erst erarbeiten muss. Mein Leben in Politik, Kirche und der Theologie ist eine gute Voraussetzung, um rasch zu verstehen und auch in diesen Gesprächsprozessen ganz schnell mittendrin zu sein. 

KDFB Engagiert: Haben Sie jetzt eine Art Traumjob, der Sie erfüllt?

Annette Schavan: Hier schließt sich für mich ein Lebenskreis. Und deshalb empfinde ich es als eine gute Zeit. Rom ist eine Stadt, die unerschöpflich ist. Ich komme auf neue Gedanken. Der Unterschied zum politischen Leben ist ein anderer Umgang mit Zeit und die Wiederentdeckung von Stille. Das politische Leben ist laut. Alles redet durcheinander. Aber man kommt halt nicht auf neue Gedanken, wenn man immer selbst reden muss. Stille ist eine gute Erfahrung, um Neues zu entdecken, Neues zu empfinden. Und vor allem: neue Erfahrungen im Umgang mit Kirche zu machen. Eine meiner eindrücklichsten Erfahrungen ist die Mehrsprachigkeit in Gottesdiensten, die Fürbitten in ganz verschiedenen Sprachen. Hier ist in einem Maße Weltkirche präsent wie nirgendwo sonst. Und ich erlebe das in einer Zeit, in der wir viel Unversöhnlichkeit begegnen, viel Renationalisierung. Die katholische Kirche hat eine Botschaft, die dem entgegensteht: die Botschaft der Versöhnung, die über nationale und kulturelle Grenzen hinweg reicht. Als politischer Mensch empfinde ich es als ermutigend, dass gerade jetzt die Kirche so klar für diese andere Botschaft steht, die dem Menschen ge­recht wird, die die globale Welt versteht, weil sie sie immer selbst gelebt hat. 

KDFB Engagiert: In den amerikanischen Medien wird der Papst als Anti-Trump bezeichnet. Wie empfinden Sie ihn in Ihren Begegnungen?

Annette Schavan: Papst Franziskus ist eine moralische Autorität weit über die katholische Welt hinaus. Für mich entscheidend: Er ruft zu Versöhnung auf in einer Zeit, in der Unversöhnlichkeit fast als Methode eingesetzt wird. Im Übrigen ist der Papst in der persönlichen Begegnung so, wie er von vielen geschildert wird: Er schenkt jedem ungeteilte Aufmerksamkeit. Egal wo die Begegnungen im Vatikan stattfinden, er nimmt alles Pompöse weg. Man kann durch wunderbare Räume gegangen sein und die ganze Pracht in sich aufnehmen – wenn ich durch die große Sala Clementina im apostolischen Haus gehe, nehme ich immer ein großes Bild auf: Es zeigt die Jünger in stürmischem Gewässer. Aber die Begegnung mit Papst Franziskus vermittelt eindeutig: Jetzt spielt das Pompöse keine Rolle. Der Papst verbindet Würde mit Normalität. Seine Zugewandtheit, die Art, wie er spricht, wirkt auf Menschen, auch auf mich, ermutigend. 

KDFB Engagiert: Welcher Akzent in jüngster Zeit hat Sie beeindruckt?

Annette Schavan: Im Februar hatte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm, erstmals gemeinsam mit Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, eine Papstaudienz. Dabei hat der Papst die Kirche in Deutschland enorm ermutigt, den Weg der Ökumene fortzuführen, denn Deutschland hat ja eine besondere Erfahrung in dieser Hinsicht. Es gibt kein zweites Land mit so vielen konfessionsverbindenden Ehen und Familien. Und der Papst hat gesagt: Genau weil Ihr die Erfahrung geistlicher Verbundenheit habt, weil es so viel ökumenisches Miteinander in Deutschland gibt, deshalb seid Ihr prädestiniert voranzugehen, Ihr seid prädestiniert – ich sage es mal mit meinen Worten –, Pioniere zu sein. Ich empfinde es bei vielen Themen so: Der Papst bremst nicht, er äußert nicht vor allem Zweifel und Mahnung, sondern er ermutigt. Er möchte eine synodale Kirche, er möchte, dass wir nicht immer warten, bis Rom gesprochen hat. Mir scheint, Papst Franziskus möchte, dass die Kirche erwachsen wird. So wie er spricht, wie er Menschen begegnet, welche Initiativen er er­greift, das alles ist auf die Zukunft gerichtet. Das heißt nicht, dass er alles auf den Kopf stellt. Manche sagen, Papst Franziskus sei ein Revolutionär. Aber das wird ihm nicht gerecht, denn das würde ihn ja von der eigenen Tradition trennen. Nein, der Papst leistet Erinnerungsarbeit. Er erinnert uns zum Beispiel an die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, und er erinnert an den Anfang der Christenheit. In der Apostelgeschichte werden die Christen Menschen des neuen Weges genannt. Der Papst plädiert dafür, der Tradition gerecht zu werden. Wir sollen sie weiterentwickeln und nicht so tun, als sei alles gesagt. 

KDFB Engagiert: Das haben Sie im Rahmen des Frauenbundes auch versucht – vor zwanzig Jahren. Wenn Sie zurückdenken, mit welchen Gefühlen haben Sie damals die Initiative zum Diakonat der Frau begonnen?

Annette Schavan: Wir wollten eine Weiterentwicklung der Theologie des Amtes, weil die Frage, ob dieses oder jenes Amt für Frauen geöffnet wird, nicht weitergeführt hat. Zwanzig Jahre später muss ich sagen, Von all den Themen, mit denen ich mich im Laufe meines Lebens beschäftigt habe, ist der Diakonat der Frau nahezu das einzige, bei dem ich müde geworden bin. Letztlich ist die Debatte steckengeblieben. Manchmal scheint mir fast, die Zeit sei darüber hinweggeschritten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass diese steckengebliebenen Debatten wieder neues Feuer brauchen. Der amerikanische Religionssoziologe José Casanova hat betont: Für die Zukunft der Religionen ist die Akzeptanz des gleichberechtigten Um­gangs von Männern und Frauen eine zentrale Frage. Ich glaube, er hat Recht. Gleichberechtigung heißt nicht, dass ich ein Recht auf dieses oder jenes habe. Für Institutionen, in denen Männer und Frauen wirken, bedeutet Gleichberechtigung: Ich muss beiden in den entscheidenden Bereichen Gestaltungsmöglichkeiten geben. Hinzu kommt – und damit hat der Frauenbund viel Erfahrung: Die Tradition des Glaubens haben durch die Jahrhunderte ganz wesentlich Frauen fortgeschrieben. Sie haben als Mütter ihre Kinder und später ihre Enkel religiös erzogen. Und auch das ist steckengeblieben. Viele Frauen, die sich noch vor zwanzig Jahren für Debatten zum Diakonat der Frau interessiert haben, tun das heute nicht mehr. Sie sind gar nicht mehr da. Sie haben ihr Christsein nicht abgelegt. Aber sie sind nicht mehr zu gewinnen für ein Engagement in der Kirche und auch nicht mehr für Debatten, weil sie sagen, das führt sowieso nicht weiter. 

KDFB Engagiert: Papst Franziskus hat eine Kommission gegründet, die sich der Geschichte des weiblichen Diakonats annimmt. Was erwarten Sie sich davon? 

Annette Schavan: Ich hoffe sehr, dass es gelingt, die steckengebliebene Debatte so zu beleben, dass etwas in Bewegung kommt. Es handelt sich nicht um eine Emanzipationsfrage, sondern um eine Kulturfrage für die Institution Kirche und die Christenheit. Mittlerweile gibt es gute Veröffentlichungen zu großen Frauen in der Kirchengeschichte. Und große Frauen der Kirchengeschichte finden sich bis hinein in unsere Zeit – wenn ich daran denke, dass Lea Ackermann in diesen Tagen achtzig Jahre alt geworden ist. Jetzt gilt es zu erforschen, wie sich eine Entwicklung in Gang setzen lässt, die der Kirche andere Schattierungen von Leben und Lebendigkeit verleiht. 

KDFB Engagiert: Wenn Sie zwanzig Jahre zurückdenken, hätte es Sie gereizt, diakonisch tätig zu sein?

Annette Schavan: Ich habe Theologie studiert, mich aber nie zum Amt berufen gefühlt. Insofern konnte ich über das Thema sprechen, ohne damit einen persönlichen Wunsch zu verbinden. Ich bin ein durch und durch politischer Mensch, ein Mensch, der sich interessiert für die wissenschaftliche Durchdringung. Deshalb habe ich Theologie studiert. Ich komme aus einem rheinisch-katholischen Milieu und war zehn Jahre alt, als das Zweite Vatikanische Konzil abgeschlossen wurde. Ich bin in dieser Aufbruchzeit groß geworden. Und ich habe dann Theologie studiert, weil ich wissen wollte, was da dran ist. Auch wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, Diakonin oder Priesterin zu werden, es war nicht meine Berufung. Und das hat mir eine große innere Freiheit gegeben, zu sagen, ich spreche bei diesem Thema nicht für mich. Aber ich finde nach wie vor: Im Zusammenhang mit dem Diakonat geht es um eine Kulturfrage in der Kirche und eine Frage, wie Kirche mit ihren Charismen umgeht. Und das Charisma gleichsam als ein Gegenüber des Amtes zu sehen, trägt heute nicht mehr. 

KDFB Engagiert: Könnten Sie sich vorstellen, dass geweihte Diakoninnen den Glauben und die Bindung der Frauen an die katholische Kirche erstarken lassen?

Annette Schavan: Da antworte ich ganz simpel und fromm: Es muss einen Willen zur Bekehrung geben, egal ob Mann oder Frau vor mir stehen. Die Situation der evangelischen Christen zeigt ja: Alles, worüber wir sprechen, ist verwirklicht – und die Situation ist keine andere. Es geht nicht darum, dass wir die Frauen brauchen, damit die Menschen wieder glauben. In dem Sinne: Die Männer schaffen es nicht, so sollen es die Frauen regeln. Was ich bedrückend finde, ist eine Entwicklung, die nahezu überall selbstverständlich ist: Was wir als Kirchengemeinde kannten, geht verloren. Kleine Einheiten, zu denen Menschen sich zugehörig fühlten, mit einem breiten Spektrum an Aufgehobensein und Begleitung – das verschwindet. Das liegt an der Vorstellung: Wer die Ge­meinde führt und für sie Verantwortung trägt, muss ein Priester sein. Und den gibt’s nicht mehr. Das heißt, die Zusammenlegung von Kirchengemeinden und die Verteilung der Aufgaben, wie sie heute in den Bistümern ge­schieht, ist ein pragmatisch-organisatorisch-technokratischer Weg – für mich ohne jeden spirituellen Impuls. Eigentlich heißt das doch: Wenn ich nicht an der Theologie des Amtes weiterarbeiten will, wenn ich nicht möchte, dass es Viri probati oder Diakoninnen gibt, dann muss ich den Laien eine andere Rolle geben. Aber auch das nicht zu tun, führt – und das ist meine persönliche Meinung – zu Entwurzelungsprozessen. Noch sind die Konsequenzen nicht vollständig erkennbar. Aber in zehn Jahren wird es klar sein, dass nicht die Menschen der Kirche weggelaufen sind, sondern dass es strukturelle Arrangements gibt, die zu einer Entwurzelung geführt haben. 

KDFB Engagiert: Eröffnen sich damit dem Frauenbund viele Aufgaben?

Annette Schavan: Natürlich. Der Frauenbund war ja nie eine pastorale Veranstaltung. Der Frauenbund hat sich immer verstanden als ein Verband von Frauen, die die Kunst des Politischen interessiert. Nicht in einem parteipolitischen Sinn, sondern auf das Gemeinwesen in Kirche und Stadtgesellschaft bezogen. Der Frauenbund erlebt jetzt in Bezug auf die Kirche einen Kairos. Wenn man nur den Notstand verwaltet, dann hat Kirche keine Ausstrahlung mehr. Die wenigen verbleibenden Priester sind erschöpft. Und das, was die Besonderheit von Kirchengemeinden vor zwanzig Jahren ausgemacht hat, kann man heute nicht einfach fortsetzen. Aber der Frauenbund hat die Kraft, für die einzelnen Gemeinden Vorschläge zu entwickeln, zeitgemäße Formen zu finden, Räume zu gestalten, die attraktiv sind. Es geht um Initiativen, die sich auf die Lebensgewohnheiten von modernen Menschen einstellen. Schon ein Wochenende verläuft bei Familien heute anders als in meiner Kindheit. Das heißt, es müssen neue Zeiten gefunden werden, um die Menschen anzusprechen. Ich bin überzeugt, wenn in einer Kirche samstags um 17 Uhr oder sonntags um 18 Uhr ein Abendgebet angeboten wird, verbunden mit Psalmen und Musik, wäre man erstaunt, wie viel Interesse und Orientierungssuche es gibt. Die Angebote sollten nicht konfessionell gebunden sein, sondern sich an alle Christen richten. Wir brauchen weniger abgeschlossene Kirchentüren und mehr geöffnete Räume. Den Menschen sollte klar sein: Da finde ich einen Ort, der mir bei meiner Suche und auf meinem Glaubensweg wichtig werden kann. ?Auf der anderen Seite hat der Frauenbund weiter die Aufgabe, politisch präsent zu sein in den Debatten der Kirche und der Gesellschaft. Für mich geht Politik nicht ohne Barmherzigkeit, wie die Debatte um die Flüchtlingspolitik gezeigt hat. Und eine Weiterentwicklung der Kirche gelingt nicht ohne spirituelle Impulse. 

KDFB Engagiert: Sie haben zum 100-jährigen Bestehen des Frauenbunds in der Diözese München und Freising gesagt: „Im öffentlichen Leben werden die rasch kraftlos, die glauben, in einer einzigen Generation zu ihren Lebzeiten ernten zu dürfen, was sie gesät haben.“

Annette Schavan: Ja, das gilt heute noch. Ich muss alles für eine gute Ernte tun, auch wenn ich weiß, dass ich sie nicht mehr erleben werde.                                                

Interview: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2017 


Eingestellt: 31.03.17

Kommentare