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Titelbild 3/2017

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Was ist fair?

Justizia im Mittelpunkt: Das Mediationsbild zum Weltgebetstag der Frauen stammt von den Philippinen, Foto: WGT Deutsches Komitee

Meditation und Informationen zum Weltgebetstagsland Philippinen

Die philippinische Künstlerin Rowena Laxamana-Sta.Rosa versammelt in ihrem Bild (rechts) Eindrücke aus ihrer Heimat. Überbordend farbenfroh zeigt das Kunstwerk neben Schönheit und Fülle auch Mangel und Ungerechtigkeiten. Die Philippinen stehen im Mittelpunkt des Weltgebetstags der Frauen, der am 3. März 2017 gefeiert wird. 

Es ist nicht leicht, sich meditativ auf das Kunstwerk aus den Philippinen einzulassen. Denn auf den ersten Blick lädt nur die große Frauengestalt in der Mitte mit zwei größeren Farbflächen, der weißen Bluse und dem roten Rock, zum Verweilen ein. Etwas Ruhe strahlen auch die drei Frauengestalten unten im Bild aus, die nach vorne übergebeugt die ganz Szenerie zu tragen scheinen. Die bunte Vielfalt rund um diese Figuren zieht das Auge aber ständig ab und lässt es von einem Eindruck zum nächsten huschen. Wie bei einem Wimmelbild für Kinder schließt sich eine Szene an die nächste, und jede erzählt Geschichten, wirft Fragen auf und macht neugierig. „A Glimpse of the Philippine Situation“, auf Deutsch „Ein flüchtiger Blick auf die Situation auf den Philippinen“ hat die Künstlerin Rowena Laxaman-Sta.Rosa, kurz Rowena Apol, ihr Werk genannt. Die junge Frau lebt mit ihrem Ehemann und einer kleinen Tochter in Cavite, 35 Kilometer von der philippinischen Hauptstadt Manila entfernt. Sie träumt davon, eines Tages Kunst studieren zu können. Noch ist die freiberufliche Künstlerin darauf angewiesen, sich selbst etwas beizubringen. Ihr Ziel hat sie klar vor Augen: „Ich ermutige alle Frauen zu malen, ihre Gefühle auszudrücken und keine Angst davor zu haben, zu zeichnen und Farben miteinander zu vermischen. Letzten Endes beginnt es immer mit einem Pünktchen und endet mit einem wunderschönen Meisterwerk.“ Ihr Gemälde für den Weltgebetstag entwickelte Rowena Apol aus Impulsen eines Workshops, bei dem die philippinischen Frauen die Bibelstelle für den Weltgebetstags-Gottesdienst auslegten. Unter dem Motto „Was ist denn fair?“ dachten sie über das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1–16) nach, die für unterschiedlich lange Arbeitszeiten den gleichen Lohn erhalten. 

Gottes Gerechtigkeit und das Wirtschaftssystem der Starken

Die Künstlerin beschreibt, was sie aus dem Workshop ins Bild bringen wollte: „Gott gab den Philippinen menschliche und materielle Ressourcen in Fülle. Gott ist unser großartiger Versorger, für die ganze Schöpfung ist gesorgt. Das ist Gottes Darstellung einer ökonomischen Gerechtigkeit, die im Gegensatz steht zu einem Wirtschaftssystem, in dem die Starken und Mächtigen Gottes Gaben allein für sich und ihre Familien haben wollen.“

So ließ Rowena Apol rund um die zentrale Frauenfigur die Fülle ihres Landes entstehen. Ein lesendes Kind inmitten von Großstadthäusern, Arbeiter, die Bodenschätze ausgraben, ein Bauer in den weltberühmten Reisterrassen, ein Fischer auf dem See. Dazu einige Beispiele für typische Naturerscheinungen der Philippinen: ein Vulkan, ein Sandstrand mit Palmen und Bambussträucher. Im Vordergrund ein reich gedeckter Tisch mit Früchten, Fischen, Reis und Wein. Doch die Tafel, an der zwei Frauen sitzen, ist ungleich gedeckt. Vor der Mutter mit Kind liegt ein abgenagter Fisch, vor der Frau mit Hut sind alle Köstlichkeiten des Landes ausgebreitet. 

Justitia nimmt sich die Binde von den Augen

Diese Ungerechtigkeit wird wahrgenommen. Denn die zentrale Figur in der Mitte, die als Justitia dargestellte Frau mit Waagschale und verbundenen Augen, nimmt sich gerade das Tuch vom Gesicht.

In der Broschüre „Gerechtigkeit mit offenen Augen“, die vom Katholischen Bibelwerk zur Auslegung des Weinberggleichnisses herausgegeben wurde, erläutern die Autorinnen diese Geste mit einem Zitat aus der Literatur: Schon 1894 spottete der französische Autor Anatole France über „die majestätische Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen“. 

Wer das Bild meditativ auf sich wirken lassen will, muss sich zunächst mit der Fülle der Szenen auseinandersetzen. Für eine Vertiefung ist es hilfreich, bei jeder ein wenig zu verweilen. Was spricht Sie besonders an? Die madonnenhafte Frau mit dem abgenagten Fisch vor sich? Das ins Lesen versunkene Kind? Der gelbe Palmenstrand vor blauem Wasser? Der Wind, der die Augenbinde und die Haare der Justitia ergreift?

Bleiben Sie bei der Szene, die Sie am meisten trifft.

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 3/2017

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