Inhaltsverzeichnis
Titelbild 3/2017

Artikel in Verbindung

Endlich ein Kind!

Zwischen Hoffnung und Enttäuschung: die Frage nach den Grenzen der Kinderwunschbehandlung.

Wer über Kinderwunschmedizin nachdenkt, begegnet unweigerlich einem Sog aus Hoffnungen und Enttäuschungen, der rechtliche wie politische, ethische wie persönliche Grenzen immer wieder verschiebt.

Ein nüchterner Raum. Weiße Wände, große Fenster, hüfthohe, mit Stickstoff gefüllte Edelstahltanks. Neblige Schwaden wabern über den Rand, wenn der schwere Verschluss geöffnet wird. Im Inneren ein Metallkorb, darin Kunststoffröhrchen, deren Inhalt bei minus 169 Grad auf seine Verwendung wartet. „Unspektakulär, oder?“, sagt Constanze Bleichrodt und lässt den Deckel des Behälters wieder einrasten. Ja, unspektakulär. Und doch lagert hier in der Kälte tausendfach die Hoffnung.

Hierher, in die Samenbank im Münchner Stadtteil Solln, die die Psychologin Constanze Bleichrodt leitet, kommen Paare, die auf die Samenspende eines fremden Mannes zurückgreifen wollen. Sie kommen, weil sich herausgestellt hat, dass der Mann Träger einer Erbkrankheit ist oder dass seine Hoden keine befruchtungsfähigen Spermien bilden und er deshalb zeugungsunfähig ist. Oder weil er eine schwerwiegende Infektion hat, das HIV-Virus zum Beispiel. Es kommen auch lesbische Paare, die sich ein Kind wünschen. Und es kommen Männer, die bereit sind, ihre Spermien zu spenden. Die Samenbank wählt aus, welche Spender und Empfänger zusammenpassen, und versendet die Spermien an das Kinderwunschzentrum, in dem das Paar behandelt wird. Bei heterosexuellen Paaren ist das meist in Deutschland.

Die Gretchenfrage der Reproduktionsmedizin

Eine Eizelle und ein Spermium, die sich vereinen – das steht zweifellos am Beginn jedes Lebens. Doch werden so Mütter bereits zu Müttern, Väter zu Vätern? Das ist die Gretchenfrage der Reproduktionsmedizin, die Juristen, Ethiker und Kinderwunschpaare beschäftigt. Auch Constanze Bleichrodt, Geschäftsführerin der Sollner Samenbank, ist immer wieder damit konfrontiert. Sie sagt: „Gene werden zum Teil überschätzt. Wichtiger ist doch: Wie wird ein Kind groß? Ein Mann wird dann zum Vater, wenn er zuverlässig für das Kind da ist, wenn er es liebt, für es sorgt – auch wenn dieses eine Spermium, aus dem es entstand, nicht von ihm kam. Aber das ist eine Glaubenssache, das müssen die Paare für sich klären.“

Familiengeheimnisse verursachen Spannungen

Die moderne Medizin und der soziale Wandel haben Gewissheiten pulverisiert, die einst glasklar erschienen: Mutter und Vater, das waren diejenigen Menschen, die ein Kind zeugten und es aufzogen. Stief- und Pflegekinder gab es allerdings schon immer, Adoptionen ebenso. War es in vergangenen Zeiten oft der frühe Tod vieler Mütter, der Stieffamilien entstehen ließ, sind heute meist vorangegangene Trennungen der Grund für die Entstehung von Familien, in denen soziale und biologische Elternschaft nicht übereinstimmen. Fast jedes sechste Kind in Deutschland lebt in einer Patchworkfamilie.

So alltäglich Stieffamilien sind, so groß sind meist die Bedenken, wenn bei der medizinisch assistierten Zeugung Dritte beteiligt werden: als Samen- oder Embryonenspender (beides in Deutschland erlaubt), als Leihmutter oder als Eizellenspenderin (beides in Deutschland verboten). Denn das vorgeburtliche Patchwork, das in diesen Konstellationen entsteht, wirft viele Probleme auf: von der Ausbeutung der Frauen, die gegen Geld ihre Eizellen spenden oder ein Kind als Dienstleistung austragen, über unterhaltsrechtliche Fragen bis hin zu psychischen Belastungen, die aus Fragen der ungeklärten Abstammung entstehen können. Das Bundesjustizministerium plant daher zur Zeit ein Gesetz, das Kindern, die aus einer Samenspende entstanden, das Recht sichern soll, ihre genetische Herkunft zu erfahren. Dazu wird voraussichtlich ein bundesweites Register geschaffen, das alle dazu nötigen Daten für 110 Jahre speichert. Gleichzeitig sollen Samenspender von Unterhaltsansprüchen freigestellt werden. Bislang geschieht das durch Einzelverträge zwischen Samenbanken, Spendern und Wunscheltern. Allerdings: Viele Eltern der etwa 100.000 Spenderkinder in Deutschland, so ist zu hören, schweigen über die Umstände der Zeugung und informieren ihr Kind darüber nicht. Der 2009 gegründete Verein „Spenderkinder“ weist darauf hin, dass damit die Identitätsentwicklung gestört werden kann. „Solch grundlegende Familiengeheimnisse können familiäre Spannungen verursachen und sind keine Basis für eine vertrauenswürdige Familienbeziehung.“ Das geplante Register wird dieses Problem nicht lösen können. Auch deshalb ist ein weiterer Punkt im neuen Gesetz so wichtig: Beratungsangebote für alle Beteiligten.

Samenbanken: Haut- und Augenfarbe auswählen – leicht gemacht

Es gibt Samenbanken, und das nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, da kann man im Internet bestellen, was man braucht. Ein paar Klicks, und Haut-, Haar- und Augenfarbe sind ausgewählt, die Blutgruppe ebenso. Vielleicht passt Spender Nr. 116, ein Schriftsteller mit Abitur? Oder besser Spender Nr. 11, Lokomotivführer, 95 Kilo schwer, 1,80 groß, Herkunft Germany? Ein paar weitere Klicks und der Versand in eine Klinik nach Dänemark ist geordert, weiter geht’s zur Kasse. Macht 750 Euro inklusive Mehrwertsteuer, zahlbar gegen Rechnung.

Bei der Münchner Cryobank geht das nicht. Geschäftsführerin Constanze Bleichrodt will die Paare kennenlernen, für die sie Samenspender auswählt. „Ich finde, wir treffen eine so wichtige Entscheidung für das Paar, dass ich möchte, dass vorab ein Kontakt besteht. Ich möchte, dass sie herkommen und sehen: Wer trifft die Entscheidung, welcher Spender es wird. Ich möchte ihnen erklären können, wie wir den Spender suchen und was für Männer das sind. Ich möchte, dass sie sich prüfen, ob sie uns vertrauen. Denn das müssen sie: darauf vertrauen, dass sie mit der Entscheidung gut für ihr Kind sorgen.“

Oft kommt es dann zu einem längeren Gespräch, denn Bleichrodt ist nicht nur Geschäftsführerin der Cryobank, sondern auch Psychologin. Und selbst ehemalige Kinderwunschpatientin, die lange auf ihre beiden kleinen Söhne warten musste. Sie hatte zwar keine Samenspende, aber viele künstliche Befruchtungen, viele gescheiterte Versuche. Sie weiß, wie sich Grenzen verschieben können.

Auch Britta und Frank L. (Namen geändert) wissen das. Wo ihre Grenze gewesen wäre? Die beiden zucken die Schultern. „So weit haben wir nicht gedacht“, sagt Britta. Sondern immer nur einen Schritt nach dem anderen gemacht, einen Behandlungsversuch nach dem anderen, angetrieben von dem sehnsüchtigen, brennenden Wunsch nach einem Kind.

Was ist der richtige Blickwinkel auf die Fortpflanzungsmedizin?

Vielleicht muss man die Fortpflanzungsmedizin vom guten Ende her denken. Zum Beispiel von Martha und Oskar her. Die fünfjährigen Zwillinge, lebhafte, pfiffige Kinder, kommen im Herbst zur Schule, was Oskar mit einiger Skepsis sieht, denn er liebt den Kindergarten. Martha dagegen kann es kaum erwarten. Britta und Frank sind ihre Eltern, sie ist Lehrerin an einer Berufsschule, er ist Ingenieur. Vor drei Jahren hat die Familie ein Reihenhaus in einem Hamburger Vorort bezogen, nur ein paar Straßen von Franks Eltern entfernt. Der Platz im Garten reicht für eine Schaukel, ein Spielhaus auf Stelzen und ein Apfelbäumchen, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal einige Früchte trug. Eine ganz gewöhnliche Familie, keine Besonderheiten. Dass es Martha und Oskar ohne die Fortpflanzungsmedizin nicht gäbe, weil ihr Vater auf natürlichem Weg unfruchtbar ist – welche Rolle spielt das noch?

Die Jahre, in denen das Paar auf Nachwuchs wartete, die Behandlungen, ungewiss im Ausgang, aber letztlich erfolgreich, sind nur noch eine unangenehme Erinnerung, die schon dabei ist zu verblassen. Wäre da nicht die Rechnung, die jedes Jahr aus dem Kinderwunschzentrum kommt: rund 400 Euro für die Konservierung der zwei befruchteten Eizellen, die damals übrig blieben, als Martha und Oskar entstanden. „Vielleicht brauchen wir die Zellen noch“, sagt Frank, denn noch sind sich die beiden nicht ganz sicher, ob ihre Familienplanung wirklich abgeschlossen ist. Aber da ist noch ein anderer Gedanke, zwar irrational und unlogisch, aber dennoch vorhanden: Es sind zwar nur Zellen, die da aufbewahrt sind, ja. Aber gefühlt sind es potenzielle Kinder. Gefühlt könnten es Martha und Oskar sein, die da im Eis warten, hätte der Kinderwunscharzt damals die beiden anderen befruchteten Eizellen ausgesucht, um sie in Brittas Gebärmutter zu geben. Die Zellen aufzugeben, das bringen die Eltern noch nicht übers Herz. Also bezahlen sie Jahr für Jahr die Rechnung. Erst kürzlich haben sie erfahren, dass es eine dritte Möglichkeit gäbe: Sie könnten die Embryonen auch freigeben und spenden – an ein Kinderwunschpaar.

Das Kinderwunschpaar: die Geschichte von Frank und Britta 

Die Geschichte von Frank und Britta ist schnell erzählt: Studienabschluss, zwei Umzüge, berufshalber. Heirat. Der Wunsch, eine Familie zu gründen. Pille abgesetzt, Sex wie zuvor, nur ohne Verhütung. „Wir haben es einfach drauf ankommen lassen, fast absichtslos“, erinnert sich Britta. Aber nichts geschah. Nach gut einem Jahr, Britta war inzwischen 32, kam ihr das seltsam vor. Ihre Frauenärztin fand nichts Auffälliges, empfahl eine Überprüfung von Franks Spermienqualität und eine Blutuntersuchung zur Hormonkontrolle. „Mir ging das fast zu schnell – eben waren wir noch ein normales Paar. Und jetzt bereits in der Abklärung unserer Fruchtbarkeit.“ Als die Arzthelferin die Kanüle zur Blutentnahme ansetzte und Britta ihr im Plauderton erzählte, dass sie sich nicht mal sicher sei, ob sie wirklich Kinder wolle, nur Bescheid wissen, das wolle sie, da fiel der Satz, den sie seither nicht vergessen hat: „Niemand will Kinder – bis er keine bekommen kann.“ Britta schluckte. Stimmte das?

Die Untersuchungsergebnisse kamen und brachten Gewissheit: Bei Britta war alles in Ordnung, aber Franks Spermiogramm war katastrophal: kaum bewegliche Spermien vorhanden, eine Befruchtung auf natürlichem Weg äußerst unwahrscheinlich. Sie bekamen eine Überweisung an ein Kinderwunschzentrum. „Gehen Sie da hin, da kann man was machen“, sagte der Urologe.

Zwischen zehn und 15 Prozent aller Paare in Mitteleuropa sind ungewollt kinderlos. Die Ursachen für die Fruchtbarkeitsstörungen liegen zu gleichen Teilen bei Männern und Frauen: Hormonstörungen, Fehlbildungen und Schädigungen an Eileitern oder Hoden sind die wichtigsten. Ein unterschätzter Faktor ist das Lebensalter: Bereits ab Anfang 30 nimmt die Fruchtbarkeit der Frau rapide ab. Bei etwa jedem zehnten Paar wird keine Ursache gefunden.

Künstlich gezeugt: etwa ein Kind pro Schulklasse

Weltweit wurden etwa fünfeinhalb Millionen Kinder künstlich gezeugt, seit 1978 das erste „Retortenbaby“, Louise Brown, in England zur Welt kam. In Deutschland kommen etwa 20.000 Kinder pro Jahr auf die Welt, die in einem der 139 Reproduktionszentren gezeugt wurden. Das sind etwa drei Prozent aller Geburten, in jeder größeren Schulklasse sitzt also ein Kind, dessen Leben im Labor seinen Anfang nahm. Dazu kommen jene Kinder, deren Eltern ins Ausland gingen, nach Österreich oder Tschechien, nach Spanien oder Dänemark, weil dort erlaubt ist, was deutsches Recht oder ärztliche Leitlinien verbieten: Leihmutterschaften, Eizellspenden, künstliche Befruchtungen im höheren Lebensalter, Samenspenden an Singlefrauen. Wie viele Menschen ihr Kinderglück jenseits der deutschen Grenzen suchen, weiß man nicht. Auch nicht, wie viele Babys dabei entstehen.

In Deutschland werden die Kinderwunschbehandlungen seit 1982 im sogenannten IVF-Register dokumentiert. 2015, neuere Zahlen liegen noch nicht vor, wurden knapp 100.000 Zyklen bei 58.000 Patientinnen erfasst. Nicht eingerechnet ist die Zahl der künstlichen Befruchtungen in Frauenarztpraxen, bei denen mit oder ohne Hormongaben Spermien direkt in die Gebärmutter eingeführt werden, also keine Befruchtung außerhalb des Körpers stattfindet. 

Die Fehlgeburtenrate ist hoch

Behandelt zu werden bedeutet allerdings längst nicht, schwanger zu werden. Und schwanger zu werden bedeutet nicht, schwanger zu bleiben. Die Fehlgeburtenrate ist hoch, und nur gut 70 Prozent der Schwangerschaften nach einer Befruchtung außerhalb des Körpers führen zu einer Geburt. Die Zahl, auf die es letztlich ankommt, ist die sogenannte Baby-take-home-Rate: Wie viele Paare können schließlich ihr Kind mit nach Hause nehmen? Je nach Alter der Frau, je nach Methode und Zählweise liegt die Chance zwischen 16 und 23 Prozent pro behandeltem Zyklus. 

Kinderwunschbehandlungen sind ein langwieriges Unterfangen, auch wenn das Prinzip einfach klingt: Eizellen werden entnommen, aufbereitet, außerhalb des Körpers befruchtet und anschließend zurück in die Gebärmutter gebracht, wo sie sich einnisten und weiterentwickeln sollen. Hormongaben bereiten die Behandlung vor, begleiten und unterstützen sie. Britta und Frank wurde eine ICSI, eine intrazystoplasmatische Spermieninjektion, vorgeschlagen, das häufigste Verfahren in der Kinderwunschmedizin. Dabei werden Spermien, die zuvor aus der Samenflüssigkeit oder aus den Hoden des Mannes gewonnen wurden, mit einer hauchdünnen Kanüle unter dem Mikroskop in die Eizellen der Frau geführt. Die eigentliche Befruchtung vollzieht sich in einer Nährlösung. In den Tagen darauf findet, je nach Befund, der Transfer statt, die Übertragung in die Gebärmutter, und das hoffnungsvolle Warten auf einen positiven Schwangerschaftstest beginnt. Überschüssige Eizellen und Embryonen werden eingefroren. Wie viele davon in Deutschland auf Eis lagern, weiß keiner.

„Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es gleich funktionieren würde. Die Wahrscheinlichkeit ist ja nicht so groß. Aber man hofft natürlich trotzdem und horcht dauernd in sich hinein“, erinnert sich Britta. „Die Enttäuschung tat weh, als der Test negativ war, und ich wollte es sofort wieder probieren.“

Das beherrschende Gefühl: Nur nicht aufgeben!

Die nächste Runde begann. Drei der eingefrorenen Eizellen wurden aufgetaut, zwei transferiert. „Diesmal hatte ich ein so gutes Gefühl, ich verlor mich beim Warten direkt in meinen Träumen. Stellte mir das Leben mit unserem Kind vor, wie es uns dreien miteinander ergehen würde. Ich habe mit dem Baby geredet, meinen Bauch gestreichelt, als wäre es schon da. Das war alles so harmonisch und optimistisch.“ Doch nach zwei Wochen ergab der Bluttest eine biochemische Schwangerschaft. Die beiden Eizellen hatten sich zwar eingenistet, aber nicht weiterentwickelt. Ein Frühabort. „Diesmal war der Absturz wahnsinnig tief, ich habe drei Tage nur geheult. Dann wusste ich: Wir machen weiter, sobald wie möglich.“ Nächster Versuch: Die letzten eingefrorenen Eizellen – Kryos oder Eisbärchen nennen Kinderwunschpatientinnen sie oft – wurden eingesetzt. Wieder nichts. Keine Kryos mehr. Eine neue Eizellentnahme wurde vereinbart. Wieder Hormone, wieder Punktion, wieder ICSI. „Ich wollte auf keinen Fall aufgeben, das war wie ein Sog. Ich hatte das Gefühl, dass ich um unser Kind kämpfen muss. Ich durfte es nicht im Stich lassen – was für eine Mutter wäre ich sonst?“ Britta lächelt verlegen. „Ich weiß, das klingt bescheuert. Aber so war es.“

Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Wer über Reproduktionsmedizin nachdenkt, begegnet unweigerlich diesem Sog. Er wird gespeist aus Hoffnung und noch mehr aus Enttäuschungen, aus denen unmittelbar neue Hoffnung erwächst. Nicht aufgeben, weitermachen! – Das ist das Mittel gegen die gefühlte Ohnmacht. Irgendwann muss es doch klappen! Eine Spirale entsteht, ein Strudel, der mit jedem Rückschlag mehr Schwung aufzunehmen scheint, überwältigend wird und unberechenbar. Wer sich hineinbegibt, wird mitgezogen, mitgewirbelt. Wo der Sog hinführt, wo er schließlich nachlässt und abflaut, weiß niemand vorher. Vielleicht wird es dort sein, wo eine Wiege steht, wo ein Baby lächelt, wo endlich alles gut ist. Vielleicht endet er aber auch wie ein moderner Teufelsritt im Nirgendwo, und am Ende stehen nichts als vergeudete Jahre, Erschöpfung und Leid, ins Unendliche gedehnt.

Vielleicht ist der Sog der richtige Ansatzpunkt, um über die Fortpflanzungsmedizin nachzudenken? Dass die Medizin ihn selbst befeuert, steht außer Frage: Keine Praxis, kein Zentrum, keine Website ohne unzählige Fotos liebreizender Babys, ohne hymnische Dankesschreiben freudiger Eltern. Kein Arztgespräch, das nicht Mut macht auf noch eine Chance, noch einen Versuch, noch eine Methode, die der Hoffnung immer wieder neue Nahrung gibt. Allein schon die Begriffe: ART ist die gängige Abkürzung für „assistierte Reproduktionstechniken“ – und sicher nur ganz zufällig auch das englische Wort für Kunst. Oder „Kinderwunschzentrum“ – das klingt nach Bilderbuch und Babyschnuller, Wunscherfüllung in Rosarot und Himmelblau. Nur Zyniker kämen auf die Idee, Krankenhäuser in Gesundheitswunschzentren umzubenennen, obwohl man davon ausgehen darf, dass auch dort die Patienten einen dringenden Wunsch hegen – nach Gesundheit nämlich. Doch da jeder weiß, dass manche sie erlangen werden und manche nicht, würde wohl keiner Krankenhausflure und Sprechzimmer mit den Fotos glücklicher, penetrant gesunder Menschen tapezieren, so, als würde das Wünschen ausreichen.

Ärzte verbreiten Optimismus

Optimismus zu verbreiten gehört wohl dazu: „Viele Ärzte treten sehr zuversichtlich und sehr väterlich auf. Sie beruhigen. Sie sagen: ,Das wird schon, Sie werden sehen.‘ Sie ermutigen.“ Das ist auch die Erfahrung der Sozialpädagogin Susanne Gastl, die beim Verein Donum Vitae in Augsburg als Kinderwunschberaterin arbeitet. „Die meisten Ärzte, die ich kennengelernt habe, sind idealistisch, begeistert und sehr überzeugt von ihrer Arbeit. Und sie haben zweifellos Erfolge: Es kommen viele Kinder zuwege, sie sehen glückliche Frauen, die ihnen Babyfotos schicken, bekommen Anerkennung und Dankbarkeit für ihre Arbeit. Das tut doch jedem gut. Vielleicht bekommen deshalb manche so einen Tunnelblick.“ Aber die Fixierung auf die Machbarkeit hat eine Kehrseite: „Die Frauen, bei denen es nicht klappt, werden dabei auszentrifugiert.“

Gute Beratung ist wesentlich

Tragen auch die Reproduktionsmediziner fraglos dazu bei, dass der Sog entsteht – ihn in seiner Wirkung zu begrenzen, das können nur die Patientinnen selbst. Die Paare, die zu Susanne Gastl kommen, sind meistens schon seit Jahren mit den Schwierigkeiten ihrer Familienplanung konfrontiert. Manche haben erfolglose Behandlungen hinter sich. Alle stehen unter Druck, alle sind in Not. Und auch wenn der Beratungsauftrag vordergründig nur darin besteht, über die Fortpflanzungsmedizin nachzudenken, zeigt sich schnell, dass der Kinderwunsch viele Schichten der Persönlichkeit und der Paarbeziehung berührt. Es sei ein existentieller Wunsch, sagt Susanne Gastl, der die Identität in Frage stelle. „Wer bin ich in dieser Welt, wenn ich keine Kinder bekomme? Wo gehöre ich hin? Was hat mein Leben für einen Sinn?“

Vielleicht muss man die Reproduktionsmedizin daher vom Anfang her denken: Vom Kinderwunsch, der oft umso brennender wird, je länger das Warten dauert. Vom Kummer, wenn Monat für Monat die Blutung einsetzt. Von den Tränen, wenn der Schwangerschaftstest wieder negativ war. Von wiederkehrenden Abgängen und Fehlgeburten. Von der Angst, dass das Leben beschädigt sein könnte, unzureichend, fruchtlos, wenn kein Kind kommt. Vom Schmerz beim Anblick schwangerer Freundinnen und spielender Kinder. Von der gefühlten Einsamkeit, wenn alle im Umfeld Eltern werden, nur man selbst nicht. Ist der Kinderwunsch einmal da, drängt er danach, Wirklichkeit zu werden – oft mit geradezu archaischer Kraft: „Schaffe mir Kinder, wo nicht, so sterbe ich!“, forderte die kinderlose Rahel im Buch Genesis von ihrem Mann Jakob.

Der Druck lässt Paare vieles auf sich nehmen

Wer wollte urteilen, wenn Paare unter diesem Druck unkonventionelle Wege gehen? Für die alttestamentarische Rahel lag die Lösung in einer Art Leihmutterschaft: Sie schickte Jakob zu ihrer Magd, die wurde schwanger und gebar einen Jungen, Dan, den Rahel als ihren eigenen Sohn betrachtete. Dan wurde einer der Stammväter Israels. Dennoch steht im Katechismus der katholischen Kirche: „Techniken, die durch das Einschalten einer dritten Person (Ei- oder Samenspende, Leihmutterschaft) die Gemeinsamkeit der Elternschaft auflösen, sind äußerst verwerflich.“

Leihmutterschaften sind in vielen Ländern erlaubt, in Thailand, Indien, Georgien, aber auch in den USA, Kanada, Neuseeland, ebenso in vielen Mitgliedsstaaten der EU, Belgien etwa und Dänemark. In Deutschland sind sie nach dem Embryonenschutzgesetz ebenso verboten wie Eizellspenden. Wer die Möglichkeiten im Ausland nutzt (und dafür viel Geld bezahlt!), wird hier nicht strafrechtlich belangt. Allerdings gibt es hohe, teilweise kaum zu überwindende Hürden für die Einreise des Kindes nach Deutschland und seine rechtliche Anerkennung.

Beratung über die fortpflanzungsmedizinischen Techniken im Ausland findet sich in Deutschland meist nur unter der Hand – denn sie gilt als Beihilfe zu einer Straftat. „Ich bin noch nie in die Verlegenheit gekommen, danach gefragt zu werden, wahrscheinlich, weil die Informationen im Internet schnell verfügbar sind. Aber ich würde es nicht tun, damit mache ich mich strafbar“, sagt Susanne Gastl. Aber auch sie kennt den Konflikt – strenge deutsche Gesetze hier, liberale Regelungen rundum im Ausland, offene Grenzen in alle Richtungen. Zuletzt hat das Nachbarland Österreich ein Fortpflanzungsmedizingesetz verabschiedet, das Eizellspenden erlaubt, ebenso die Behandlung lesbischer Paare mit Samenspenden. „Leihmutterschaften und Eizellspenden widersprechen meiner inneren Wertewelt“, sagt Susanne Gastl. Aber wenn ich dann Paare sehe, die so glücklich sind über dieses Kind, und wenn ich das Kind sehe, das geborgen und geliebt aufwächst, dann denke ich: Kann das wirklich falsch sein? Umgekehrt ist die Zeugung auf natürlichem Weg auch kein Garant für Liebe, Glück und Bindung. Und darauf kommt es doch an.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 3/2017


Eingestellt: 1.03.17

Kommentare