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Titelbild 12/2017

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Wie werden wir alle satt?

Frauen sind der Schlüssel zur Ernährung der Familien. Foto: fotolia

Weltweit hungern hunderte Millionen Menschen

Weltweit hungern hunderte Millionen Menschen, auch jetzt, in diesem Augenblick. Der Hunger hat viele Gesichter und viele Ursachen. Der Krieg ist nur eine davon.

Immer wieder, wenn irgendwo auf der Welt eine Hungerkrise ausbricht, sind die verstörenden Bilder da. In Zeitungen, auf Bildschirmen kann man sie sehen, die ausgezehrten Kinder, dem Tod näher als dem Leben. Mit großen Augen blicken sie in die Kamera, die Ärmchen spindeldürr, die Bäuche aufgedunsen. Weinende Mütter beugen sich über sie, hilflos, selbst dem Hunger ausgeliefert. Irgendwann jedoch kommt die Entwarnung, die Hungerkrise sei behoben, dann drängen sich andere Nachrichten in den Vordergrund des satten Teils der Welt. Der Hunger aber bleibt. Nach aktueller Statistik der Vereinten Nationen litten im Jahr 2016 weltweit 815 Millionen Menschen an Unterernährung, 38 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl, so unvorstellbar groß, ist gestiegen, und vermutlich wird sie weiter steigen, denn die derzeitigen Hungerkrisen im Jemen und im Osten Afrikas werden erst in die kommende Statistik einfließen.

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger

Warum müssen Menschen hungern, wenn die Ernte, global gesehen, mehr als genug Nahrung für alle erbringt? Während die einen im Überfluss leben, bleiben die Teller der anderen leer – obwohl das Recht auf ausreichende Ernährung zu den international vereinbarten Menschenrechten zählt. Dieses Recht wird wohl wie kaum ein anderes mit Füßen getreten. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger, meist in Südasien oder Afrika, dort, wo die Not am größten ist. Nach dem aktuellen Index, den die Deutsche Welthungerhilfe jährlich herausgibt, hungern derzeit Menschen in mindestens 52 Ländern. Auch dann, wenn gerade keine Schlagzeilen auf ihre Not aufmerksam machen. Und sie hungern, obwohl ihr Land vielleicht Reichtümer birgt. Ein Beispiel ist Sierra Leone, ein kleiner Staat an der Westküste Afrikas. Eigentlich könnten die fünf Millionen Einwohner ein gutes Leben führen, denn unter ihren Füßen lagern wertvolle Bodenschätze, vor allem Diamanten. Doch genau dieser Reichtum hat ausländische Konzerne ins Land gelockt, die es Hand in Hand mit korrupten Politikern rücksichtslos ausbeuten. Um die Diamanten wütete sogar ein blutiger Bürgerkrieg, der ganze elf Jahre dauerte, von 1991 bis 2002. Die Ebola-Epidemie, die in den vergangenen drei Jahren das gebeutelte Land heimgesucht hat, machte alles noch schlimmer. Sierra Leone ist eines der ärmsten, am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Die meisten Menschen dort leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze, von weniger als einem Dollar am Tag. Viele von ihnen gehen täglich hungrig zu Bett, ihren Kindern können sie oft nicht viel mehr als eine dünne Suppe geben. Wen wundert es da, dass zwölf von 100 Kindern im Land ihren fünften Geburtstag nicht erleben. Die Welthungerhilfe hat die Ernährungssituation in Sierra Leone, wie auch in sechs weiteren afrikanischen Ländern, als „sehr ernst“ eingestuft. Bereits vor Jahren hat die deutsche Hilfsorganisation Entwicklungshelfer hingeschickt, die die Ärmsten unter den Armen unterstützen: die Kleinbauern. Ironischerweise trifft gerade diejenigen, die selbst Nahrung erzeugen, der Hunger besonders hart. 

Kein Geld für Bewässerung

Constanze von Oppeln, die im Auftrag der Welthungerhilfe Entwicklungsprojekte in Sierra Leone und dem benachbarten Liberia betreut, weiß, warum das so ist: „Den Kleinbauern fehlt es häufig an allem, was notwendig ist, um ihre Felder fruchtbar zu machen. Sie haben kein Geld für Saatkörner, für Dünger, geschweige denn für Maschinen oder Bewässerungssysteme“, erklärt sie. Oft reiche auch das kleine Stück Acker, das eine Familie bewirtschaftet, für eine gute Ernährung nicht aus. Und dann kann es passieren, dass den Bauern auch das kleine bisschen, was sie haben, unter den Füßen weggerissen wird. Die Juristin von Oppeln hat es vor sechs Jahren selbst erlebt: In der Provinz Pujehun, im Süden des Landes, dort wo die Welthungerhilfe Bauern in ihrem Überlebenskampf unterstützt, tauchten auf einmal internationale Konzerne auf, die Land pachten wollten – für groß angelegte Palmölplantagen. Und bevor den Bauern überhaupt klar wurde, was geschieht, waren sie ihre Äcker los. Die Regierung hat sie über ihre Köpfe hinweg verscherbelt. Möglich war das, weil in Sierra Leone, wie in vielen anderen Ländern, Landbesitz nicht klar geregelt ist. Bestellt eine Familie seit Generationen ein Stück Land, geht sie davon aus, es gehöre ihr. Amtlich eingetragen ist das aber nicht. 

Kleinbauern wird das Land geraubt – von Großkonzernen

Es hat nichts geholfen, dass sich die Bauern auf die Straße gestellt haben, um den Fahrzeugen des belgischen Investors die Zufahrt zu versperren. Für ihre Verzweiflungstat wurden sie verhaftet und mit Gefängnis bestraft. „Plötzlich machte es wenig Sinn, mit den Bauern an Verbesserungen in der Landwirtschaft zu arbeiten, sie hatten ja kein Land mehr“, erzählt von Oppeln. Was tun? „Wir haben angefangen, betroffene Landbesitzer untereinander zu vernetzen, sie aufzuklären, sie zu befähigen, wirksam Widerstand zu leisten. Die Bauern müssen von vorneherein wissen, dass so etwas passieren kann, und darauf vorbereitet sein. Sie müssen die Rechtslage kennen und fähig sein, sowohl mit der Regierung als auch mit dem In­vestor zu verhandeln“, so von Oppeln. 

Soja-Plantagen statt Gemüse

Fälle wie diese gibt es immer mehr. Das sogenannte Landgrabbing, Landraub, ist ein langfristiger Trend: Mit zunehmender Gier eignen sich global agierende Konzerne fruchtbare Äcker in armen Ländern an. Laut einer Untersuchung der Entwicklungsorganisation Oxfam kaufen Investoren häufig gezielt dort, wo die Regierungen schwach sind und Menschen kaum die Möglichkeit haben, ihre Rechte einzufordern. Dort werden dann Monokulturen für den Export angebaut. In Sierra Leone sind es Ölpalmen, deren Öl universell verwendet wird – für Schokolade bis hin zum Biodiesel. Im lateinamerikanischen Paraguay ist es Soja, das unter anderem an Masttiere verfüttert wird, um den wachsenden Fleischhunger derjenigen zu stillen, die sich jederzeit satt essen können. Neben dem fruchtbaren Land, auf dem ein ausländischer Investor im großen Stil erntet, leben dann die einheimischen Bauern und hungern. „Auf unserem Acker haben wir früher Maniok, Reis, Erdnüsse, Pfeffer, Mangos und Ananas gezüchtet“, klagt der Bauer Sama Amara aus Sierra Leone. Nun gibt es Ölpalmen, so weit das Auge reicht. Als Entschädigung für die Enteignung erhielt seine Familie umgerechnet etwa 560 Euro. Als Einmalzahlung. Vielen geht es so. Was bleibt ihnen? Um zu überleben, sind sie gezwungen, als Tagelöhner auf der Plantage zu arbeiten, zu einem mickrigen Lohn.

Frauen hungern häufiger als Männer

„Der Hunger hat viele Ursachen“, sagt Constanze von Oppeln, „Kriege und Konflikte sind mit die wichtigsten“, erklärt sie. Das zeigen auch Statistiken. Gut die Hälfte aller hungernden Menschen lebt in Kriegsgebieten oder in gescheiterten Staaten ohne Recht und Ordnung, wie Jemen, Sudan oder die Zentralafrikanische Republik. Wenn dort der Klimawandel mit Überschwemmungen oder Dürre zuschlägt, ist die Hungerkatastrophe vorprogrammiert. So wie in diesem Jahr in Ostafrika. Eine wesentliche Ursache sei aber auch die Ungleichheit, so von Oppeln. Ob weltweit oder regional, der Stärkere beutet den Schwächeren aus. So sind die Armen, die Machtlosen, die Frauen mehr von Hunger bedroht als andere Bevölkerungsgruppen. Wenn das Essen knapp wird, hungern Frauen öfter als Männer. Das, sagt von Oppeln, liege an ihrer niedrigen sozialen Stellung. Das fängt schon innerhalb der Familie an. In Indien zum Beispiel bekommen Frauen und Mädchen erst dann zu essen, wenn die Männer bereits satt geworden sind. Frauen müssen sich mit den Resten begnügen. Aber auch in vielen afrikanischen Kulturen ist es der Vater, dem das größte und beste Stück Fleisch oder Fisch vorgesetzt wird. Die Mahlzeit der Mutter fällt weniger nahrhaft aus. Dabei muss sie oft schwer arbeiten: Wasser holen, das Feld beackern, Kinder austragen, gebären, versorgen. All das kostet viel Kraft.    

Frauen stärken mit Verdienstmöglichkeiten

Die Ungleichheit hat weitreichende Folgen: Die Möglichkeiten von Frauen, Geld zu verdienen, sind geringer als die der Männer. Ihnen wird der Zugang zu Kapital, zu Krediten, auch zu Landbesitz schwer gemacht. Mit Hindernissen müssen vor allem alleinerziehende Frauen kämpfen. Dabei zeigt der aktuelle Welthunger-Index, dass sich die Ernährungssicherheit von Familien verbessert, wenn Frauen unabhängiger werden, wenn sie verdienen und entscheiden können, wie das Familieneinkommen verwendet wird.

Mit etlichen Projekten stärkt die Welthungerhilfe Frauen gezielt den Rücken. Es sind viele kleine Schritte, die erst langsam Früchte tragen. So auch auf Kuba. Erst vor ein paar Monaten ist Constanze von Oppeln von dort zurückgekehrt. Die Hungersituation auf Kuba stuft der Welthunger-Index als „niedrig“ ein. Aber es gibt zwei Arten von Hunger. Die nach außen sichtbare Unterernährung ist eine davon. Es gibt aber auch den versteckten Hunger, die Mangelernährung. Weltweit leiden zwei Milliarden Menschen darunter. Die Mangelernährten werden satt, sind nicht einmal untergewichtig, doch bei ihnen kommt täglich das Gleiche auf den Teller. Reis und Bohnen sind es auf den Tellern der Kubaner. Wer kann, leistet sich ab und zu ein Stück Schweinefleisch. Kaffee lässt sich billig kaufen, doch Obst und Gemüse sind für die meisten unerschwinglich. Fisch ist Mangelware. Von einer gesunden Mischkost kann keine Rede sein. Die einseitige Ernährung macht auf Dauer krank, weil Nährstoffe wie Eisen, Zink, Jod fehlen. 

Versteckter Hunger auf Kuba

Im Kampf gegen Armut tun Menschen auf Kuba Dinge, über die man aus der Ferne den Kopf schüttelt. Constanze  von Oppeln erzählt von der jungen Musiklehrerin Anaailí, die beschloss, als Tellerwäscherin in einem Restaurant in Havanna zu arbeiten. Denn dafür bekommt sie mehr Geld als für Musikunterricht, umgerechnet vier Euro am Tag. Ohne die Lebensmittelkarte, über die Kubaner seit Jahrzehnten Zucker, Reis und Bohnen günstig kaufen können, würde sie wohl nicht über die Runden kommen. Fleisch, Obst und Gemüse sind über die Karte aber nicht zu haben. Das ist versteckter Hunger.

Die Welthungerhilfe arbeitet vor Ort mit kubanischen Bauern, hilft ihnen, sich besser zu vernetzen und mit Regierungsinstitutionen zu kommunizieren. Gezielt fördert sie Frauen. Constanze von Oppeln erzählt, wie Frauengruppen entstanden sind, die sich nun untereinander austauschen und stützen. Und wie Frauen auf dem Land dank Vernetzung und Beratung neue Ideen umsetzen konnten. Zum Beispiel die heute 61-jährige María Valido aus der Gemeinde Las Palmas im Westen Kubas. Im Rahmen des Projekts der Welthungerhilfe hat sie angefangen, anderen Frauen beizubringen, Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten zu verarbeiten und zu konservieren. Dazu hat sie zunächst eine Fortbildung besucht und an Programmen für Landwirtinnen teilgenommen. Dort hat sie zum ersten Mal vom Agrotourismus gehört. Die Idee gefiel ihr. Als Erste in ihrer Region schaffte sie es schließlich, eine Genehmigung der lokalen Regierung zu erkämpfen. Heute kommen zweimal im Monat französische Öko-Touristen zu ihr, zelten auf ihrem Hof und erkunden die Gegend. María Valido kocht für sie und verwendet dabei Gemüse, das in ihrem Garten wächst.

Wer gegen Armut und Hunger kämpfen will, braucht einen langen Atem. In vielen kleinen Schritten werden Menschen aus ihrer Hoffnungslosigkeit herausgeholt. Das erfährt Constanze von Oppeln bei ihrer Arbeit. „Es gibt keine Blaupause zur Hungerbekämpfung“, sagt sie. Man müsse an vielen Ecken ansetzen und langfristig denken. 

Keine Chance für Ratten: Lagerräume aus Beton

Das kann auch Christa Reiterer, Vorsitzende der Bayerischen Landfrauenvereinigung, bestätigen. Seit 40 Jahren engagiert sich die Bäuerin aus Wurmannsquick in Niederbayern in einem Projekt zur Hungerbekämpfung, getragen von der Landfrauenvereinigung, der Katholischen Landvolkbewegung Passau und der Landvolkshochschule Niederaltaich. Es unterstützt langfristig Bauern in Senegal. Obwohl der Senegal als eines der wirtschaftlich stabileren Länder Westafrikas gilt, sind die meisten der 15 Millionen Einwohner bitterarm. Um sich zu ernähren, bauen sie Hirse an. Christa Reiterer hat schon öfter die weite Reise gewagt, um dortigen Bäuerinnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. „Erst wurden Brunnen gebaut, um kleine Parzellen zu bewässern“, berichtet sie. Auch hätten die Bauern früher nicht gewusst, wie sie Hirse vor Ratten und anderen Schädlingen schützen können. „Wir haben geholfen, Lagerräume aus Beton zu bauen“, erzählt Reiterer. Und weil Hirsemahlen Schwerstarbeit ist, haben die Helfer aus Bayern kleine Mühlen mit Motor besorgt.

"Kinder verhungern zu lassen, ist Mord"

Tag für Tag kommt Hirse auf den Tisch, viel mehr Nahrungsmittel haben die Menschen im Senegal nicht. Ab und zu wird eine Ziege geschlachtet, im Dorf gibt es eine Kuh zum Melken, manchmal auch zwei. Früher sind die Männer zum Fischen aufs Meer hinausgefahren. Heute liegen ihre hölzernen Fischkutter am Strand und vermodern, das hat Christa Reiterer selbst gesehen. Denn die Regierung hat die Fischereirechte entlang der Küsten verkauft. Riesige Fangschiffe aus Japan, Russland und EU-Ländern fischen das Meer vor der Westküste Afrikas leer, seit Jahrzehnten geht das schon so. Tonnenweise landen Thunfisch, Seehecht, Sardinen, Makrelen an Bord. Mancher Fang wird sofort zu Fischmehl, also zu Tierfutter, verarbeitet. Für die einheimischen Fischer bleibt kaum etwas übrig. Der Fisch, früher eine wichtige Eiweißquelle, fehlt nun im Speiseplan der Senegalesen. Es bleibt die Hirse. 

Nicht von ungefähr bezeichnet der streitbare Schweizer Soziologe Jean Ziegler den jährlichen Hungertod von Millionen von Menschen als den „Skandal unseres Jahrhunderts“. Denn Ressourcen hat die Erde ja genug. Ein Kind, das an Hunger stirbt, werde ermordet, schreibt er in seinem Buch mit dem Titel „Wir lassen sie verhungern“. 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2017


Eingestellt: 30.11.17

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