Inhaltsverzeichnis
Titelbild 11/2017

Artikel in Verbindung

Klüger einkaufen!

Es muss nicht immer ein Schnäppchen sein

Wer beim Kleiderkauf immer nur nach Schnäppchen jagt, macht sich mitverantwortlich. Denn er fördert die verheerenden Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Der VerbraucherService ruft zu mehr Wachsamkeit auf.

Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon mal schnell bei T-Shirts oder Jeans zugegriffen, weil sie gerade so billig angeboten werden? Und wie viele ungetragene Kleidungsstücke hängen im Schrank, weil die Farbe doch nicht zu den anderen Teilen passt, weil die Jeans zu eng oder die Ärmel des Blazers zu lang sind? Im Durchschnitt kaufen Menschen in Deutschland rund 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Ein Großteil davon wandert nach einer Saison in den Altkleidersack. Unter welchen Arbeitsbedingungen diese Textilien jedoch in China, Bangladesch oder Pakistan hergestellt werden, darüber denken im Moment des Kaufs noch viel zu wenige Menschen nach. Zwar machen Organisationen wie die Kampagne „Saubere Kleidung“, die „Christliche Initiative Romero“ oder „Femnet“ bereits seit Jahren auf die unsäglichen Zustände in den Textilfabriken aufmerksam, aber bei  Verbrauchern und Verbraucherinnen ist es bisher nicht so angekommen, dass sie auch ihr Verhalten ändern.  

Wählen Sie Textilien, die ökologisch und sozial fair hergestellt werden!

Der VerbraucherService im KDFB will daher das Bewusstsein seiner Mitglieder dafür schärfen, beim Kauf von Textilien mehr darauf zu achten, dass sie ökologisch und sozial fair hergestellt werden. Seit Jahren schon ist der KDFB Mitglied der Kampagne „Saubere Kleidung“. Inzwischen engagiert sich der VerbraucherService auch im Bündnis für nachhaltige Textilien, das 2014 von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller gegründet wurde. In ihm arbeiten Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie, Handel, Hilfsorganisationen, Verbände, Gewerkschaften und VertreterInnen der Politik zusammen. Ziel ist es, bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen für diejenigen, die oft zu Hungerlöhnen und unter Gefährdung ihrer Gesundheit in der Textilproduktion tätig sind – auch für den Modemarkt in Deutschland. Als ArbeiterInnen auf den Baumwollfeldern, in den Spinnereien, an den Webmaschinen, in den Färbereien oder als Näherinnen in den Textilfabriken. Produzenten auf der einen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft auf der anderen Seite ringen in diesem Bündnis um bessere Löhne, um geregelte Arbeitszeiten, um das Recht, sich gewerkschaftlich zu engagieren, um gesundheitliche und soziale Standards, um menschenwürdige Arbeitsplätze, um Frauenrechte und um die Abschaffung der Kinderarbeit. Dabei geht es darum, dass die Unternehmen sich freiwillig verpflichten, von den Zulieferfirmen solche Standards einzufordern und die Umsetzung zu überwachen. Gleichzeitig sollen durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit VerbraucherInnen sensibilisiert werden, mit Kleidung nachhaltig umzugehen. 

Arbeiterinnen in der Textilindustrie: gnadenlos ausgebeutet

Anstoß für die Gründung des Textilbündnisses waren schwere Unfälle in Textilfabriken. Der bisher schwerste Unfall, der die Weltöffentlichkeit aufschreckte, geschah im April 2013 in Bangladesch. Damals stürzte in Sabhar das neunstöckige Rana-Plaza-Gebäude mit fünf Textilfabriken ein, in denen auch deutsche Firmen produzieren ließen. 1.138 Menschen wurden getötet, über 1.500 schwer verletzt. Bangladesch ist für Deutschland das zweitgrößte Importland von Textilien und das Land mit den billigsten Arbeitskräften. 80 Prozent der Beschäftigten in der Textilindustrie sind Frauen – deren Arbeitskraft gnadenlos ausgebeutet wird. Bis zu sechzehn Stunden am Tag. Oft stehend, in staubigen und stickigen Räumen, ohne ausreichende Pausen, ohne Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz, ohne Schutzkleidung, Giften ausgesetzt. Zu Löhnen, von denen sie nicht leben können. Als Frauen diskriminiert, körperlich und seelisch misshandelt. In ständiger Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Davon betroffen ist nicht nur die Herstellung der Textilien für den Billigmarkt. Das trifft auch für höherpreisige Bekleidung zu. Sie werden beide häufig in ein und derselben Fabrik gefertigt. Der Lohn der Näherinnen bleibt gleich – nur die Gewinnspanne für den Verkäufer liegt bei teurer Mode viel höher.

Die faire Modenschau soll aufrütteln

Der VerbraucherService wird im Bündnis für nachhaltige Textilien von KDFB-Vizepräsidentin Sabine Slawik vertreten, die sich schon seit Langem für das Thema Nachhaltigkeit engagiert. Unter anderem auch mit ihrem „Fairen Catwalk“ – einer Modenschau mit fair gehandelter Kleidung. „Für den KDFB bedeutet die Mitgliedschaft im Textilbündnis auch eine gewisse Selbstverpflichtung, die Ziele im eigenen Verband umzusetzen“, so Slawik. „Es kann nicht angehen, dass wir Missstände unterschiedlicher Art anklagen, dann in der Beschaffung unserer Textilien aber nur nach dem billigsten Produkt greifen. Wir müssen nach außen und vor allem für die Bündnispartner glaubwürdig sein in unserem Bemühen um eine gerechtere Welt und der Bewahrung der Schöpfung.“

Die sechs Arbeitsgruppen des Bündnisses haben in den ersten beiden Jahren einen Katalog von Schlüsselfragen entwickelt, zu denen die einzelnen Mitglieder für dieses Jahr jeweils eine individuelle Roadmap erstellen sollten, also einen Fahrplan. Das heißt, jedes Unternehmen, jede Organisation, jeder Verband ermittelt, wo er im Prozess „Nachhaltige Textilien“ gerade steht und welche Ziele er sich jährlich setzt. Dieses Jahr war die Veröffentlichung der Roadmap noch freiwillig, ab 2018 wird sie verbindlich. Und dann wird auch überprüft, ob  die Ziele tatsächlich umgesetzt wurden. 

Fahrplan zur Nachhaltigkeit

Für den KDFB hat Angelika Wollgarten, Bundesvorsitzende des VerbraucherService, mit Unterstützung von Kerstin Bause, Referentin für Verbraucherschutz und ländlichen Raum, solch eine Roadmap erstellt. „Die Roadmap bedeutet für uns in den ersten Schritten, dass wir uns einen Überblick über die Situation und das Wissen um die Problematik im Verband verschaffen und ein Bewusstsein für einen fairen Produktionsprozess in allen Schritten schaffen, das heißt vom Anbau bis zur ,Fairwertung‘“, fasst Sabine Slawik zusammen. Teil dieser Maßnahmen ist eine Online-Befragung, die der VerbraucherService vom 15. Mai bis 31. Juli durchgeführt hat. Erfragt wurde, welcher Bedarf an Textilprodukten für Verbandszwecke besteht, ob bei der Beschaffung auf Nachhaltigkeit geachtet wird, ob bestimmte Label bekannt sind und ob es vorstellbar sei, verstärkt ökofair hergestellte Textilien zu kaufen. 

Rund 150 Personen haben sich an der Befragung beteiligt. „92 Prozent davon sind Mitglied im KDFB. 34,5 Prozent gaben an, Bedarf an Textilien für verbandliche Zwecke zu haben, und 66,7 Prozent davon legen absoluten Wert auf eine nachhaltige Wertschöpfungskette“, berichtet Angelika Wollgarten. „Von allen Befragten möchten 74,3 Prozent künftig bei der Beschaffung von Textilien bewusst auf eine ökosozialverträgliche Herstellung achten.“ Die Befragung hat aber auch ergeben, dass die dreizehn in der Befragung genannten Label, die für nachhaltige Textilien stehen, in unterschiedlicher Ausprägung bekannt sind. 

„Als weiteren Schritt empfehlen wir unseren interessierten Mitgliedern einen kleinen ,Labelführer‘, demnächst stellen wir entsprechende Informationen dazu auf unsere Homepage“, so Wollgarten. Im kommenden Jahr soll die Informations- und Aufklärungsarbeit im Verband gesteigert und Leitlinien für die ökofaire Beschaffung von Textilien innerhalb des Verbandes, aber auch für den privaten Gebrauch erstellt werden.

Das Textilbündnis zeigt erste Erfolge

Das Bündnis arbeitet nun seit drei Jahren, und es zeigen sich erste Erfolge – in Bangladesch ist ein Mindestlohn vereinbart, auch wenn er oft noch nicht eingehalten wird. Es gibt erste Ansätze einer Kranken- und Unfallversicherung. Und auch im Umweltschutzbereich wurden Mindeststandards nach europäischem Vorbild eingeführt. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Arbeitsbedingungen der Frauen in den Textilfabriken erheblich verbessern werden. „Im Prinzip ist das Textilbündnis sehr sinnvoll, denn es bringt Akteure aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammen, die in diesem großen Stil sonst nie gemeinsam an einem Tisch gesessen hätten“, betont Sabine Slawik. Für die KDFB-Frau bedeutet das eine Stärkung und Sichtbarmachung der mühevollen, langen Arbeit von Nichtregierungsorganisationen. Schade sei, dass bisher nur die Hälfte aller deutschen Textilfirmen im Bündnis vertreten sind und dass aufgrund der Anforderungen auch einige wieder ausgestiegen seien. Sollte es nicht gelingen, mit gutem Willen und freiwillig die Arbeitsbedingungen zu verbessern, dann bleibe nur der gesetzliche Weg über die Politik. „Sollte sich der Prozess aber weiterhin positiv entwickeln, dann wäre der große Wurf gelungen, und er hätte Strahlkraft auch im europäischen Kontext“, ist Sabine Slawik überzeugt.  

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2017


Eingestellt: 29.10.17

Kommentare