Inhaltsverzeichnis
Titelbild 10/2017

Artikel in Verbindung

Keine Artikel in dieser Ansicht.

Zwei Zuhause für Tim

Wenn Trennungskinder zwischen Mama und Papa pendeln

Immer mehr Mütter und Väter wünschen sich, auch nach einer Trennung weiter für ihr Kind da zu sein. Das heißt für den Nachwuchs: pendeln zwischen zwei Elternhäusern. Ein Spagat, der durchaus gelingen kann.

Wenn Tim (Name von der Redaktion geändert) dienstags in seinen Kindergartentag startet, dann hilft ihm sein Papa. Gemeinsam hängen sie den blauen Rucksack mit der Brotzeitdose an den Garderobenhaken und ziehen die Hausschuhe mit dem grünen Klettverschluss an. Einige Stunden später, am Ende des Kindergartentages, steht Mama zum Abholen vor der Tür. „Wie war es heute? Mit wem hast du gespielt?“, fragt Franziska Berle (Name von der Redaktion geändert) und lässt sich nicht anmerken, dass sie am liebsten noch viel mehr wissen möchte über die vergangenen Tage. Denn nicht nur der Abholer wechselt, sondern auch Tims Zuhause. Mit Mama geht er in die Mama-Wohnung und mit Papa in die Papa-Wohnung. Seit einem guten Jahr sind Tims Eltern kein Paar mehr. Samstagabend bis Dienstagmorgen und die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sind Papa-Zeit, an den übrigen Tagen ist seine Mutter zuständig. Da ein gerade Fünfjähriger noch nicht so viel mit den Wochentagen anfangen kann, hat Tim seine eigene Strategie entwickelt, um den Überblick zu bewahren. Morgens hat er es sich zur Regel gemacht zu fragen: „Wohin gehe ich heute?“ 

Wechselmodell oder Doppelresidenz nennt man diese Lebensform von Familien nach einer Trennung, bei der sich beide Eltern in etwa gleichen Zeitanteilen die Betreuung teilen. Mindestens 40 Prozent der Zeit muss ein Kind bei jedem der Elternteile verbringen, damit man vom Wechselmodell sprechen kann. Die Kinder sind beim anderen Elternteil nicht nur zu Besuch, sondern richtig zu Hause. Ins echte Leben übersetzt heißt das: zwei Kinderzimmer, die Geborgenheit schenken sollen und jede zweite Woche leerstehen, wandernde Krankenkassenkarten, hin- und herziehende Tennisschläger und vergessene Vokabelhefte.

Das Wechselmodell spaltet die Gemüter 

Eine Woche oder ein paar Tage bei Mama oder Papa im Wechsel leben – dieses Modell spaltet die Gemüter. Manche halten es für unmöglich. Andere für das Beste, was Kindern nach einer Trennung passieren kann. Fest steht: Es ist Ausdruck des familiären Wandels, dass Kinder nicht mehr automatisch bei der Mutter bleiben und den Vater nur jedes zweite Wochenende sehen. Laut einer Befragung von Trennungseltern durch das Allensbach-Institut aus diesem Jahr erziehen 15 Prozent der Trennungseltern bereits gemeinsam. Sogar knapp über die Hälfte wünscht sich eine hälftige oder annähernd hälftige Aufteilung der Kinderbetreuung.

Sabine Walper ist Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Pädagogik-Professorin sagt: „Die Diskussion, die wir momentan über das Wechselmodell führen, ist Ausdruck eines Trends, der durchaus zu begrüßen ist: Väter wollen stärker am Leben ihrer Kinder teilhaben. Das ist in Kernfamilien zu beobachten, und deshalb stellt sich auch nach einer Trennung die Frage, wer welche Aufgabe bei der Erziehung der Kinder übernimmt.“ Auffällig ist, dass besonders Paare mit höherem Bildungsabschluss das Wechselmodell leben. Wahrscheinlich sind dort Frauen auch schon vor der Trennung berufstätig und somit in einer Art Vorreiterrolle. Denn eine wichtige Voraussetzung für das Wechselmodell heißt: finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Zwei Kinderzimmer müssen unterhalten werden, manches an Ausstattung wird doppelt gebraucht. Der Unterhaltsanspruch für die Frau entfällt weitgehend, wenn der Mann im gleichen Rahmen für die Betreuung zuständig ist. Ein kleiner Ausgleich, wenn ein Partner mehr verdient, ist aber gesetzlich vorgesehen. Tims Mutter findet die momentane finanzielle Regelung mit dem Vater ihres Sohnes „so halb fair“. Er zahlt die Hälfte der Kindergartengebühren. Die hundert Euro, die er bisher monatlich zusätzlich für Anschaffungen für Tim zahlte, will er nun nicht mehr überweisen, da er sich ja an der Betreuung gleichwertig beteiligt. Trotzdem wird Tim Schuhe brauchen, eine größere Regenjacke, Bücher und was bei Kindergartenkindern sonst noch so alles ansteht. 

„Ich fühle mich nicht allein­erziehend“

Um ihr Leben, das sie zur Hälfte mit Tim teilt, zu finanzieren, arbeitet Franziska Berle nun wieder Vollzeit. „An den Tagen, an denen er nicht bei mir ist, fange ich schon um halb sieben an, um Stunden zu sammeln. Zum Glück macht mein Arbeitgeber das mit.“ Die Hochschulabsolventin arbeitet im Öffentlichen Dienst. Wenn Tim hauptsächlich bei ihr leben würde, könnte sie nicht im gleichen Maß berufstätig sein. Sie müsste ihre Stunden drastisch reduzieren. Und würde damit das Schicksal vieler Alleinerziehender teilen: chronisch knapp bei Kasse, wenig Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf, alleine mit den meisten Fragen ums Kind. „Verglichen mit wirklich Alleinerziehenden geht es mir trotz aller Organisation blendend“, ist ihr bewusst. Sie hat nicht nur ein ausreichendes Einkommen, sondern auch Regenerationszeiten alleine und Zeit, Freunde zu treffen und Sport zu treiben. Undenkbar für viele Alleinerziehende. „Ich fühle mich gar nicht alleinerziehend und bin sehr froh, dass wir beide für unser Kind da sind.“

Nicht bei allen Müttern läuft der Einstieg in die Vollzeiterwerbstätigkeit so prompt und problemlos, wenn sie das Wechselmodell leben. „Deutschland ist ein ausgeprägtes Teilzeitland bei Müttern, und unsere Daten sprechen dafür, dass es Müttern im Wechselmodell nicht unbedingt gelingt, Vollzeit hinzubekommen. Vermutlich wird mit dem Modell der Druck für Mütter einhergehen, sich in höherem Maße an der Erwerbstätigkeit zu beteiligen. Man wird gut hinsehen müssen, welche gesetzliche Lösung man finden kann, um die Kinder nicht mit völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen im Haushalt des Vaters und der Mutter zu konfrontieren. Es muss im Blick behalten werden, dass Kinder nicht in einem der Haushalte das stärkere Risiko haben, in die Armutsfalle zu geraten“, erklärt Forschungsdirektorin Sabine Walper, die im wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen auch das Bundesfamilienministerium berät. 

Immer mit dem Ex-Partner im Gespräch

Gemeinsam für Kinder zu sorgen, das bedeutet vor allem ständig gesprächsbereit zu bleiben, auch wenn die Gefühle Sturm laufen. So viel ist abzusprechen: Wer besorgt das Ge­schenk für die anstehende Kindergeburtstagsfeier? Die Einladung wird fotografiert und per Smartphone weitergeschickt, weil der Termin in der Betreuungszeit des anderen liegt. Wie kommt das Fahrrad von Wohnung A zu Wohnung B? Wer hat die Wanderstiefel, wer kauft neue Hosen, wenn die bisherigen am Knöchel enden, und wer geht zur Elternsprechstunde?

Vor drei Wochen saßen die Eltern von Tim gemeinsam bei der Erzieherin im Kindergarten zum Entwicklungsgespräch. Der Termin hat sie erleichtert. Als fröhliches, aufgeschlossenes Kind erlebt das pädagogische Fachpersonal ihren Sohn. „Die Erzieherin sagte, sie hat das Gefühl, dass wir besser an einem Strang ziehen als manche Eltern, die zusammenleben.“ Ein gutes Resümee finden Tims Eltern nach einem Jahr, das geprägt war von Organisieren und Kommunizieren. 

Gemeinsame Elternschaft ist nicht kündbar 

„Ein anspruchsvolles Modell“ nennt Sabine Walper das Wechselmodell. Anspruchsvoll ist es nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern. Denn nicht jedes Paar schafft es, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, um über das Kind zu sprechen und zu überlegen, was ihm gut tut. Doch genau das ist unerlässlich. „Anfangs kochten die Emotionen schon noch hoch“, räumt Franziska Berle ein. „Wir sind ja erst seit einem Jahr getrennt. Aber langsam wird es besser. Es nervt mich mitunter, dass ich mich dauernd mit meinem Ex-Partner absprechen muss, aber es geht einfach nicht anders. Wir schreiben uns morgens immer eine SMS mit den wichtigsten Informationen. Wenn der Ton dann kritisch wird, telefonieren wir lieber sofort, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Es wird schon wachsam darauf geachtet, ob der andere seine Pflichten auch erfüllt. Dabei reißen wir uns beide ein Bein aus für unser Kind.“ Eine Partnerschaft ist aufkündbar, gemeinsame Elternschaft nicht. 

Bei einem Drittel der Trennungskinder reißt der persönliche Kontakt zu einem Elternteil trotzdem vollkommen ab. Die meisten Kinder leben nach einer Trennung der Eltern im Residenzmodell, bei dem ein Kind seinen festen Wohnsitz bei einem Elternteil hat und den andere Elternteil regelmäßig besucht. Von diesem Modell geht auch das deutsche Familienrecht aus.

„Wenn sich ein Paar selbst entscheidet, sich nach einer Trennung in etwa gleichen Zeitanteilen um die Kinder zu kümmern, dann ist das seine private Entscheidung und da kann ihnen keiner reinreden“, sagt Sabine Walper. „Aber wenn dieses Modell vor Gericht erfochten werden muss, ist das eine andere Sache. Wir müssen dann davon ausgehen, dass die Eltern einen so großen Konflikt miteinander haben, dass sie ihn nicht alleine lösen können. Ob das der ge­eignete Kontext ist, in dem man sich für Kinder ein Wechselmodell wünschen soll, ist eine andere Frage.“ Zu groß ist ihres Erachtens dann die Gefahr, dass das Kind zwischen die Fronten gerät, und das ist laut Forschungslage einer der schwierigsten Belastungsfaktoren für Trennungskinder – egal in welchem Modell. 

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs hat deshalb im Februar aufhorchen lassen. Denn der BGH stellte klar, dass ein Familiengericht das Wechselmodell anordnen kann. Maßstab ist für den BGH das Kindeswohl: Im Einzelfall muss ein Wechselmodell dem Kindeswohl am besten entsprechen.

Kinder kann man nicht „gerecht aufteilen“

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter hat Bedenken. Vorsitzende Erika Biehn erklärt: „Wir hoffen auf salomonische Urteile, die dem Wohl des Kindes gerecht werden: Es darf nicht darum gehen, das Kind gerecht zwischen den Eltern aufzuteilen, sondern das Kind mit seinen Bedürfnissen und Bindungen in den Mittelpunkt zu stellen. Kommt ein Kind damit klar, zwei Zuhause zu haben statt eins?… Als Regelfall ist das Wechselmodell deshalb nicht geeignet, sondern nur im Einzelfall.“ Anders sieht das die Initiative „Doppelresident.org“, der unter anderem der „Verband berufstätiger Mütter“ und „Väteraufbruch für Kinder“ angehören: „Das Leitmodell der ,Einzelresidenz‘ hat ausgedient. Wir müssen einen Perspektivenwechsel wagen, um den Kindern beide Eltern zu erhalten und beiden Eltern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen.“

Wenn aus Kindern Jugendliche werden, entscheiden sie mitunter selbst, das Wechselmodell aufzukündigen. In einer Lebensphase, in der die Freunde an erster Stelle stehen, wird es ihnen zu anstrengend, zwischen zwei Elternhäusern zu pendeln. Doch bis dahin hatten sie im besten Fall Zeit, ihre Beziehung zu beiden Eltern zu festigen. Was das Wechselmodell für sehr kleine Kinder bedeutet, ist noch wenig erforscht. „Das sind Erkentnisse, die wir dringend brauchen“, sagt Sabine Walper vom Jugendinstitut.

Tim tut es gut, dass sich die Eltern zusammensetzen

Einigkeit herrscht darüber, dass die räumliche Nähe der beiden Wohnungen ein wichtiger Faktor für das Gelingen des Wechselmodells ist. Tims Mutter wohnt um die Ecke von ihrer alten Wohnung, in der Tims Vater nun seinen Lebensmittelpunkt hat. Wenn der Fünfjährige etwas älter ist, kann er selbst von einer Wohnung zur anderen gehen. Ein vergessenes Schulbuch wird kein Drama sein. Das ist der Idealfall. Die Freunde und der Kindergarten sind weiter gut erreichbar. Das Leben außerhalb des Elterhauses kann ohne allzu große Veränderung weiter gelebt werden.   

Immer samstags ist Franziska Berle kurz in ihrer alten Wohnung, wenn sie Tim gegen Abend zum Vater bringt. Ihrem Sohn tut es gut zu sehen, dass die Eltern sich dann zuammen an einen Tisch setzen können. Dass Tim eine gute Zeit haben wird, wenn er zu seinem Vater geht, dieses Vertrauen ist immer da. „Tims Vater macht vieles anders als ich, aber er macht es gut.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2017


Eingestellt: 2.10.17

Kommentare