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Titelbild 10/2017

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Retten Sie die Frauenfriedenskirche!

Die Frauenfriedenskirche in Frankfurt, Foto: Klöckner

In einem kaum vorstellbaren Kraftakt haben Frauen vor fast 90 Jahren ein Mahnmal des Friedens geschaffen: die Frauenfriedenskirche in Frankfurt. Der KDFB ruft seine Mitglieder auf, für den Erhalt des einzigartigen Baudenkmals zu spenden.

Die Schäden sind beträchtlich: Risse im Boden und in den Wänden, Dach und Fassadenplatten sind reparaturbedürftig, die Elektrik aus der Gründungszeit der Kirche entspricht nicht mehr heutigen Anforderungen, der Innenraum braucht dringend einen neuen Anstrich. Die Frauenfriedenskirche in Frankfurt ist in die Jahre gekommen und muss grundsaniert werden, um das denkmalgeschützte Ensemble überhaupt noch retten zu können. 

„Am meisten macht uns der Baugrund zu schaffen“, berichtet Franziska Baumgartl, Vorsitzende des 2017 gegründeten Freundeskreises Frauenfrieden, der sich um die Sanierung kümmert. „Er ist höchst problematisch und ursächlich für zahlreiche Schäden am Baukörper. Unmittelbar unter der Kirche befindet sich ein bindiger Boden mit großen Lehm- und Tonanteilen, der sich durch Feuchtigkeit und Austrocknung permanent hebt und senkt. In sechs bis zwölf Metern Tiefe dagegen haben wir Basalt-Fels, der einen sicheren Stand für das Gebäude bietet.“ Um die Bewegungen im Baugrund zu umgehen, ließ der Architekt beim Bau vor 90 Jahren einen Großteil der Kirche auf Betonpfähle setzen, die tief in den Fels eingelassen wurden. „Leider erfolgte dies aber nicht konsequent“, erzählt Franziska Baumgartl. Einige Bauteile wie zum Beispiel die Taufkapelle stehen nicht auf Pfeilern. Das führt zu unterschiedlichen Bewegungen innerhalb des Kirchengebäudes und dadurch zu Spannungsrissen, klaffenden Fugen und Absenkungen des Kirchenbodens.“

„Bei der nun anstehenden Sanierung muss die gesamte Bodenplatte erneuert werden. Die statische Ertüchtigung allein wird schon über eine Million Euro kosten“, so Baumgartl. Insgesamt sind über zwei Millionen veranschlagt. Einen Großteil der Kosten werden das Bistum Limburg und das Landesamt für Denkmalpflege Hessen übernehmen. Dennoch bleiben nach Zusagen von Stiftungs- und Spendengeldern für die Gemeinde noch rund 300000 Euro, die sie selbst aufbringen muss. Das schafft sie nicht alleine. So wie katholische Frauen aus ganz Deutschland vor 100 Jahren Spenden für den Bau „ihrer“ Kirche zusammengetragen haben, so ist die Ge­meinde wieder auf die Hilfe von SpenderInnen angewiesen. 

Ein Ort der Trauer und ein Ort, um für den Frieden zu beten

Ein Anliegen, dass der Frauenbund mitträgt. „Denn diese Kirche, dieses Symbol des Friedens ist von An­fang an eng mit dem KDFB verbunden“, so KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth. „Die damalige Frauenbundspräsidentin Hedwig Dransfeld hat im Ersten Weltkrieg die Vision einer Frauenfriedenskirche entwickelt und sich beharrlich dafür eingesetzt.“ 

Nach dem Eintreten Deutschlands in den Krieg zeigte sich sehr schnell, dass er furchtbar werden und bis dahin unbekannte Dimensionen annehmen sollte. „Es war jene Zeit, da bei unseren Tagungen eine Bundesschwester nach der anderen im schwarzen Kleid erschien, in dem Antlitz alle Furchen einer Mater Dolorosa“, schilderte Clara Siebert, Mitbegründerin des Frauenbundes, die Situation. Diesen Frauen sollte die Frauenfriedenskirche einen Ort der Trauer bieten, einen Ort des Gedenkens an ihre gefallenen Ehemänner, Verlobten, Söhne, Brüder und Väter. Es sollte aber auch eine Wallfahrtsstätte werden, an der Frauen um den Frieden in der Welt beten. Ein Mahnmal gegen die verheerenden Auswirkungen von Kriegen. 

Frauenbundspräsidentin Hedwig Dransfeld warb für die Idee

Hedwig Dransfeld warb für ihre Idee im eigenen Verband und bei den deutschen Bischöfen. 1918 gründete sie einen Ar­beitsausschuss, dem 18 katholische Frauenorganisationen beitraten, um den Bau einer Frauenfriedenskirche zu tragen und zu fördern. Bis zum Ende des Jahres 1919 hatten die Frauen bereits 861.888 Reichsmark gesammelt. Enttäuscht mussten sie erleben, wie sich die Baupläne verzögerten und wie schließlich aufgrund der Inflation ihr Kapital wertlos wurde. Ihnen blieb lediglich das bereits erworbene Grundstück in der Diaspora-Gemeinde Frankfurt-Bockenheim.

„Es ist kaum vorstellbar“, sagt Maria Flachsbarth. „Mitten im Krieg aufzubrechen mit dem Ziel, für den Frieden zu beten, sich auf den Weg zu machen, unter vielen Erschwernissen eine solche Summe zu sammeln in einem Land, wo Zerstörung und Tod herrschten – und dieses ganze Geld wieder zu verlieren. Und dann nicht aufzugeben, sondern weiterzugehen. Weiter zu vertrauen, den Mut zu haben, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich glaube, das ist ein ganz starkes Zeichen auch heute für uns.“

Die einzige Kirche in Deutschland von Frauen für Frauen 

Im März 1925 organisierte der Frauenbund erneut eine Sammlung. In Zeitschriften und Rundbriefen warben die Frauenverbände um Spenden. Plakate an Kirchentüren, Flugblätter, Aufrufe und Postkarten unterstützten die Aktion. Frauen brachten Sammellisten bis ins letzte Dorf. Große Spendenbeträge kamen zusammen, aber auch sehr viele kleine, die sich die Frauen quasi vom Mund abgespart hatten. 1927 hatten die Frauenverbände wieder so viel Geld gesammelt, dass nun tatsächlich mit dem Bau begonnen werden konnte. 

Dass diese Kirche von Frauen initiiert und finanziert wurde, mache sie so einzigartig, betont Kerstin Stoffels, die in einer 2017 veröffentlichten Broschüre und in Buch- und Zeitschriftenbeiträgen die Geschichte und Architektur der Frauenfriedenskirche beschrieben hat. „Es ist bis heute die einzige Kirche in Deutschland von Frauen für Frauen.“

Nach zweijähriger Bauzeit weihte am 5. Mai 1929 der Fuldaer Bischof Joseph Damian Schmitt die neue Kirche. Das Fest wurde zu einem religiösen und kulturellen Ereignis, das über Frankfurt hinaus viel Aufsehen erregte, auch in den Medien. Hedwig Dransfeld hat die Vollendung ihrer Vision nicht mehr erlebt. Sie ist 1925 gestorben. Ihr Anliegen führte Maria Heßberger weiter, die damalige Vorsitzende des KDFB-Landesverbandes Berlin. 

Wallfahrten für den Frieden

Seit 1929 begleitet die Frauenfriedenskirche das Friedensengagement des KDFB. Deshalb heiße die Kirche auch Friedenskirche und nicht Kriegergedächtniskirche, betonten Frauenbundsfrauen schon damals und griffen das alte Bild von Frauen als Friedensweberinnen auf. Beeindruckend war die erste Wallfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg. Fünftausend Frauen pilgerten im Mai 1947 nach Frankfurt. Der ganze Tag war ein Tag des Gebetes. „Die Kirche wurde nicht leer“, beschrieb damals KDFB-Frau Martha Rohrbach den Wallfahrtstag. „Und wer gesehen hat, wie der schweigende Strom der Frauen vom Morgen bis zum Abend durch die Krypta zog, wie jede ihren verborgenen Schmerz und ihr innerstes Wort vertrauensvoll vor die Pietà niederlegte, der weiß, dass in diesen Müttern unser armes Volk noch immer in der Barmherzigkeit Gottes steht.“ 

Vielen Mitgliedern ist wohl noch die Wallfahrt 1999 zum 70-jährigen Bestehen der Frauenfriedenskirche in Erinnerung. In jenem Jahr, in dem in Europa kurz vor der Wallfahrt der Kosovo-Krieg ausbrach und die Wallfahrerinnen eine Friedensbotschaft verkündeten. Oder die große Wallfahrt 2004 zum 100. Gründungsfest des Frauenbundes, bei der die bayrischen Diözesanverbände den Friedensengel Gabriela stifteten, der im Ehrenhof der Frauenfriedenskirche seinen Platz gefunden hat. Umrahmt von den Säulen mit den 1.500 eingravierten Namen von Gefallenen im Ersten Weltkrieg und Hunderten von duftenden Rosen. 

Die Friedenskönigin thront über dem Hauptportal

„Bis heute ist die Kirche Frauenfrieden ein besonderer Ort für Frauen“, so Maria Flachsbarth bei der letzten Frauenfriedenswallfahrt im Mai. „Hier bringen sie ihr Leben in Gebeten, Liedern und in der Stille zur Sprache, sie vernetzen sich, feiern Gottesdienste und erschließen die Bibel. Frauen sollen auch in der Zukunft hier ihren Raum haben, Orientierung und Begleitung finden im Dschungel der unterschiedlichen Werteangebote unserer Zeit.“ Und die Politikerin betont, wie wichtig es auch heute wieder sei, für Frieden, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenwürde einzutreten. 

Doch nicht nur als spiritueller Ort hat die Frauenfriedenskirche eine große Bedeutung, sondern auch als Baudenkmal. „Wir hoffen, dass das ganze Ensemble mit Kirche, Ehrenhof und Gemeinderäumen in die Liste der 100 Baudenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen wird“, erzählt Franziska Baumgartl, die Vorsitzende des Freundeskreises. 

Der Stuttgarter Architekt Hans Herkommer schuf ein Gesamtkunstwerk, das bis in die Details von ihm durchgeplant war – vom monumentalen Kirchenbau im Bauhausstil, dem Ehrenhof mit den hohen, schmalen Rundbögen bis hin zu den angrenzenden Gemeinderäumen. Auch die Innenausstattung wurde von ihm beeinflusst: Linie, Licht und intensive Farben waren prägende Elemente. „Man nannte den einfachen und formstrengen Stil die ‚Neue Sachlichkeit‘“, erläutert Kerstin Stoffels. Vieles ist bis heute im Original erhalten. Beeindruckend ist die zwölf Meter hohe Mosaikstatue der Friedenskönigin über dem Hauptportal. Oder die Mosaikwand mit der Darstellung heiliger Frauen im Altarraum, für die der Zweigverein Frankfurt 30000 Mark spendete. Erhalten blieben auch der Altar, der expressionistische Kreuzweg, die Kirchenbänke, der zwanzig Meter lange Kirchenteppich, den Bockenheimer Frauen 1929/30 gestickt haben, sowie die Pietà von Ruth Schaumann in der Krypta. 

Zum 90-jährigen Bestehen soll die Kirche saniert sein

Da die Kirche im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde, sind die ursprünglichen großen Fenster mit ihrem einzigartigen Lichtspiel zerstört. Eineinhalb Jahre war die Kirche ohne Dach. Dadurch wurden auch die ursprünglichen Farben ausgewaschen. Heute wirkt die Kirche grau und dunkel. „Aus alten Rechnungen und Untersuchungen unserer Restauratorin wissen wir, dass die Kirche teilweise in stark leuchtenden Farben gestaltet war – in Pompejisch-Rot, Türkisgrün, Kobaltblau und Gold“, so Franziska Baumgartl. „Derzeit besprechen wir mit dem Landesdenkmalamt, ob wir diese Farben im Rahmen der Sanierung wiederherstellen. Dabei müssen wir beachten, dass die Lichtverhältnisse in der Kirche inzwischen durch die neuen Fenster und die hohen Bäume davor völlig anders sind als früher. Auch die Neuordnung des liturgischen Raumes wird in die Überlegungen miteinbezogen.“ 

Die Bauarbeiten sollen im Januar beginnen. Über ein Jahr lang wird die Kirche geschlossen sein. Es ist geplant, dass sie spätestens zu Ostern 2019 wieder geöffnet wird – rechtzeitig zum 90-jährigen Bestehen der Frauenfriedenskirche. 

Die Frauenfriedenskirche – ein Stein gewordenes Symbol für den Frieden mit einer beeindruckenden Geschichte, von KDFB-Frauen initiiert und vielen Frauen finanziert, ein herausragendes Baudenkmal der Neuen Sachlichkeit im Kirchenbau und seit 2017 die Hauptkirche der Großgemeinde Sankt Marien. „Bitte unterstützen Sie mit uns die Wiederherstellung der Frauenfriedenskirche, denn es ist ein lohnendes Ziel, für das wir uns gerne engagieren!“, heißt es in dem Spendenaufruf des Freundeskreises Frauenfrieden, den unter anderem Vatikan-Botschafterin Annette Schavan, Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth unterschrieben haben. 

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2017


Eingestellt: 2.10.17

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