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Titelbild 10/2016

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KDFB Spendenaktion: Hilfe für Frauen im Lager

Mädchen und Frauen finden im Flüchtlingslager Zaatari Ausbildungsmöglichkeiten. Foto: ©UNHCR/Annie Sakkab

Spenden Sie für ein Projekt, das geflüchteten Frauen Hoffnung gibt!

Tausende syrische Frauen und Mädchen sind in einem riesigen Flüchtlingslager in Jordanien gestrandet. Sie haben Furchtbares erlebt. Der Frauenbund unterstützt mit seiner Spendenaktion 2016 ein Projekt, das die Geflüchteten vor Übergriffen schützt und ihnen Hoffnung gibt. 

Bomben. Tod. Flucht. Wenn sich die 17-jährige Zaad Al-khair an die letzten Minuten in ihrem Elternhaus im syrischen Daraa erinnert, werden ihre Gesichtszüge starr. Es kostet die junge Frau viel Kraft, ihre Geschichte zu erzählen: „Als die Bomben in der Nähe unseres Hauses einschlugen, bekamen meine Eltern und ich panische Angst. Wir hatten keine andere Chance als wegzurennen, ohne meine Geschwister, die gerade nicht da waren.“ 

Die Familie floh zu Fuß durch die Wüste und überquerte die Grenze nach Jordanien. Für die kommenden Sätze muss Zaad alle Kraft sammeln, um das Unsagbare auszusprechen: „Später erfuhren wir, dass einer meiner Brüder bei diesem Bombenangriff getötet wurde. Wir waren alle am Boden zerstört. Meine Mutter vergoss unendlich viele Tränen. Mein Vater wurde krank.“ Heute lebt Zaad mit ihren Eltern im Zaatari-Flüchtlingscamp in Jordanien nahe der syrischen Grenze, getrennt von den älteren Geschwistern, die noch in Syrien sind. 

80.000 Menschen hausen in Containern

Zaatari ist auf den ersten Blick ein hoffnungsloser Ort: Container reiht sich an Container in staubiger Wüstenlandschaft. Eine Betonmauer mit Stacheldraht trennt das Lager von der Außenwelt. Seit Juli 2012 ist aus dem kleinen Dorf Jordaniens viertgrößte Stadt herangewachsen, in der 80.000 syrische Flüchtlinge leben. 80 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. 

Die Flüchtlinge und viele Helfer haben inzwischen eine städtische Infrastruktur geschaffen mit rund 3.000 im­provisierten Läden. Die Straßen tragen klingende Namen wie Champs-Élysées. Zudem wurden Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Sportplätze und Polizeistationen aufgebaut – und drei sichere Orte für Frauen und Kinder, so­genannte Frauenoasen. Das ist dringend nötig, weil es immer wieder zu Gewalttätigkeiten kommt, zu sexuellen Übergriffen und Streitigkeiten unter verfeindeten Parteien. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: In den Wohncontainern ist es eng, die Lebensmittel sind knapp und viele Flüchtlinge tragen Kriegskonflikte in das Camp hinein. Frauen und Mädchen fürchten deshalb um ihre Sicherheit und trauen sich oft nicht, die Container zu verlassen. Aber selbst dort sind viele nicht sicher: Die hoffnungslose Situation und die ungewisse Zukunft lässt manchen Ehemann aggressiv werden – und zuschlagen.

In "Oasen" finden Frauen Schutz und Bildung

All das hat die Frauenrechtsorganisation der Vereinten Nationen „UN Women“ bewegt, geschützte Orte für Frauen und Mädchen einzurichten. Seit 2012 wird Betroffenen dort Schutz gewährt, eine Versorgung im Notfall sowie medizinische und psychologische Hilfe. Ziel ist es auch, Männer und Jungen in Projekte einzubinden, um sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt vorzubeugen. 

In den „Frauenoasen“ wird außerdem viel Wert auf Bildung gelegt: Pro Jahr lernen mehrere tausend weibliche Flüchtlinge lesen und schreiben. Außerdem werden Sprach- und Computerkurse, Kinderbetreuung und bezahlte Arbeit angeboten. Mit dem Schneidern von Schuluniformen, Kinderkleidung und Mehrweg-Taschen können die Frauen eigenes Geld verdienen. Auch wenn sie als Sicherheitskraft, Lehrerin oder Kinderbetreuerin arbeiten, ist das möglich. Die 46-jährige Reema ist in einem Frisör-Workshop beschäftigt. „Das gibt mir das Gefühl, nützlich und ein wertvolles Mitglied meiner Gesellschaft zu sein“, sagt sie.

Das Ziel: Frauen wirtschaftlich und psychologisch zu stärken

Viele Frauen im Camp sind traumatisiert vom Krieg, vom Tod ihrer Kinder, ihrer Männer oder naher Angehöriger und von den Erlebnissen auf der Flucht. Ihr altes Leben liegt in Trümmern. In den Frauenoasen können sie über ihre schlimmen Erfahrungen und aktuellen Probleme frei sprechen. „Wir stärken hier die Frauen in ihrer Würde, wirtschaftlich und psychologisch, um im Camp überleben zu können“, so Marta Garbarino von der UN-Women-Ländervertretung in Jordanien. Dankbar nehmen die Flüchtlinge das Angebot an: 5.000 syrische Frauen und Mädchen besuchen monatlich die drei Oasen, davon kommen 1.000 regelmäßig, wie zum Beispiel Walaa, eine 25-jährige Syrerin. Zuvor fühlte sie sich in dem karg ausgestatteten, dunklen Container einsam: „Ich war in einem sehr schlechten emotionalen Zustand. Ich ging nicht nach draußen und fühlte mich eingesperrt. Ich ging nur zwischen den Fenstern hin und her, wie in einem Gefängnis.“ In der Frauenoase lernte sie, Schmuck herzustellen, und konnte neue Kontakte knüpfen, seitdem hat sie wieder Mut geschöpft. Zwar bestehen die Frauenoasen auch nur aus Containern mit einer kleinen Freifläche, doch können sich die Besucherinnen im Innenhof ge­schützt bewegen. Auch ein Spielplatz ist eingerichtet.  

Die Isolation überwinden

„Die größte Herausforderung für Frauen hier ist die Isolation, die mit Geschlechterungleichheiten in Verbindung steht. Der gehemmte Zugang von Frauen in die Öffentlichkeit, sei es vom Ehemann verordnet oder selbstgewählt, führt zu einer Art Gefangenschaft in ihren Unterkünften“, erklärt Marta Garbarino. Die Oasen bieten eine Möglichkeit, die Isolation zu durchbrechen. Denn viele Ehemänner erlauben ihren Frauen den Besuch, da sie dort Geld verdienen können. 

Auch Zaad und ihre Eltern fühlen sich jetzt gestärkt: „Meine Mutter arbeitet hier im Handwerk, gemeinsam mit meinem Vater, der Frauen beibringt, wie man Accessoires herstellt, zum Bespiel Schmuck aus Dattelkernen und Kaffeebohnen. Inzwischen geht es ihm ein bisschen besser.“ Sie selbst arbeitet neben der Schule als Journalistin für die Camp-Zeitung. Stolz berichtet die junge Frau, dass sie in einem Kurs Englisch gelernt hat. Als UN-Generalsekretär Ban Ki-moon das Camp im März besuchte, traf er die 17-Jährige, und sie konnte ihm in Englisch von ihrem Lebenstraum berichten: später einmal als Übersetzerin für die Vereinten Nationen zu arbeiten, „um der Welt eines Tages erzählen zu können, was in Syrien passiert ist.“ Ban Ki-moon hörte sich Zaads Geschichte an, die ihm ihr Leben in Syrien vor dem Krieg schilderte, und nahm die junge Frau zum Abschied tröstend in die Arme.

Der Traum vom Studium

Zaad besucht nun jeden Tag die Frauenoase, um andere junge Frauen zu treffen: „Viele meiner Freundinnen gehen nicht mehr zur Schule. Sie haben mit 15 Jahren geheiratet und schon Kinder. Die Leute fragen mich, warum ich noch nicht verheiratet bin, aber ich denke, dass es zu früh ist. Zum Glück unterstützt mich meine Familie darin, erst einmal die Schule fertig zu machen. Eigentlich träume ich sogar davon, einmal zu studieren.“ 

In der Oase trifft sie beispielsweise die 34-jährige Nour. Sie nimmt an einem Programm teil, das es ihr ermöglicht, als Schneiderin zu arbeiten. „Ich bin jetzt ein Jahr dabei und wir sind hier inzwischen zu einer großen Familie zusammengewachsen.“ Und die 22-jährige Sama erklärt: „In Syrien haben wir in ständiger Anspannung gelebt, mussten mit Bombardierungen und dem Tod geliebter Menschen umgehen. Hier werden wir unsere negative Energie los. Wir unterhalten uns, singen oder tanzen traditionelle Kreistänze. Es ist für uns ganz wichtig, draußen und beschäftigt zu sein.“

Um die Oasen betreiben zu können, ist die UN-Frauenrechtsorganisation dringend auf Spenden angewiesen, zumal es nicht absehbar ist, wann die Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückkehren können. Dem deutschen Vizekanzler Sigmar Gabriel stiegen im September 2015 bei seinem Besuch im Zaatari-Camp die Tränen in die Augen: „Man wird demütig. Das ist eine dramatische Lage“, sagte er. Die Welt dürfe nicht einfach wegsehen.

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2016

 

 


Eingestellt: 1.10.16

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