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Hilfe vom Arzt per Computer

Der Siegeszug der Digitalisierung im Gesundheitsbereich ist nicht mehr zu stoppen. Neue Technologien setzen sich durch. Auf dem Land können sie helfen, Entfernungen zu überbrücken und Leben zu retten. 

Es kann völlig unerwartet geschehen: Eine Körperseite fühlt sich taub an, das Sprechen fällt schwer, das Sehen ist eingeschränkt. So äußert sich ein Schlaganfall. Ein Wettlauf ge­gen die Zeit beginnt. Denn: Verschließt sich ein Blutgefäß im Gehirn, kann das Gewebe nicht mit Sauerstoff versorgt werden und stirbt ab. Schnellstens muss der Patient in die Klinik gebracht werden, wo Ärzte das verstopfte Gefäß öffnen. Mi­nuten entscheiden über Leben, Tod oder Pflegebedürftigkeit.

Wer auf dem Land lebt, ist benachteiligt. Oft gibt es im nächstgelegenen Krankenhaus nicht einmal eine Abteilung für Neurologie, und der Weg in eine Spezialklinik ist weit. Zum Glück gibt es in Deutschland telemedizinische Netzwerke. Dabei arbeiten Regionalkliniken mit großen Schlaganfallzent­ren zusammen. Dort stehen Tag und Nacht Spezialisten zur Verfügung, die Patienten aus der Entfernung untersuchen können. Eine Videokamera und ein Computer werden zu Werkzeugen der Medizin. Direkt ins Krankenzimmer zugeschaltet, kann ein Experte gemeinsam mit dem Arzt vor Ort den Patienten untersuchen, mit ihm sprechen, die Computertomographiebilder des Gehirns beurteilen. Gemeinsam entscheiden dann die Ärzte über die Art der Behandlung, die sofort folgen kann. In Bayern zum Beispiel gibt es inzwischen vier solche Schlaganfall-Netzwerke, die das ganze Bundesland abdecken.


Die Zukunft der Patientenversorgung

Telemedizin rettet Leben, ist Siegfried Jedamzik, Ge­schäftsführer der Bayerischen Telemedallianz, überzeugt. In ärztlichem Austausch wie im Fall der Schlaganfall-Patienten sieht der Allgemeinarzt die Zukunft der Patientenversorgung in Deutschland. Zumal die Menschen immer älter werden und die Ärzte weniger. Schon jetzt müssen Menschen, die in kleinen Orten leben, kilometerweit fahren, wenn sie etwa einen Orthopäden oder Nervenarzt brauchen. Und die Situation wird sich verschärfen, zumal auch die Hausärzte schwinden. Kein Wunder, dass gerade Menschen auf dem Land digitalen Technologien in der Medizin aufgeschlossener gegenüberstehen als die Städter, wie die Umfrage „Zukunftsmonitor – Gesundheit neu denken“ des Bundesforschungsministeriums 2015 ergab. Den Begriff Telemedizin jedoch haben die meisten der Befragten noch nie gehört. Er steht für einen Austausch zwischen Arzt, Therapeut und Patient über Computer, sodass eine räumliche Entfernung überwunden wird, auch muss die Begegnung nicht zur gleichen Zeit stattfinden. 


Ärzte beraten Pflegepersonal per Tablet 

Seit Jahren nutzen Ärzte digitale Technik im fachlichen Austausch untereinander. So nimmt Siegfried Jedamzik an einem Projekt der Universität Erlangen teil, bei dem Hausärzte während ihrer Visite im Altenheim mittels eines Spezialgeräts die Augen untersuchen. Die Ergebnisse überspielen sie an den Augenarzt, der sie anschließend beurteilt, ohne die Patienten selbst besucht zu haben. Derzeit, und das ist neu, schließen sich Hausärzte in Versorgungszentren zusammen, die sich di­gital vernetzen, wie Jedamzik berichtet. Neulich hätten ihn die Träger dreier Altenheime besucht, die sich in einem solchen Zentrum mitbetreuen lassen wollen. Das sieht dann so aus: Die Hausärzte kommunizieren mit dem Pflegepersonal per Tablet-Computer. Wird zum Beispiel ein Wundliegen aus dem Pflegeheim gemeldet, muss der Arzt nicht mehr hinfahren. Stattdessen lässt er sich ein Bild der Wunde schicken, kann es in seiner Praxis begutachten und dem Pflegepersonal Anweisungen für die Behandlung geben. Das spart wertvolle Zeit, zumal die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wächst. 

„Die Digitalisierung in der Medizin explodiert gerade“, sagt Siegfried Jedamzik, „in den nächsten fünf Jahren wird digitalisiert, was nur geht“, weiß er. Überall dort, wo wenig Ärzte sind, werden künftig Patienten auch mittels Bildschirm betreut, ist er sicher. Hunderte Projekte sind in Deutschland am Laufen, Studien entstehen. Der Bundestag stellt gesetzliche Weichen. Und das, obwohl viele Ärzte wie Patienten dem Einzug neuer Technologien ins Gesundheitswesen misstrauen. Telemedizin? „Damit verbinde ich eher Risiken“, sagten über 50 Prozent derjenigen, die an der Umfrage „Zukunftsmonitor – Gesundheit neu denken“ teilgenommen haben. 

Zu Hause überwacht: Das bringt mehr Sicherheit   

Wird der virtuelle Kontakt zum Arzt irgendwann den persönlichen ersetzen? Wird der Kranke gar auf ein Datenbündel reduziert, das per Kabel an eine anonyme Stelle übermittelt wird? Wird es Call-Center geben, die, um Geld einzusparen, Patienten auf Entfernung verwalten? Nein, sagt der Kardiologe Friedrich Köhler, der an der Berliner Charité Deutschlands größte Studie zu Telemedizin leitet. All das sei nicht zu befürchten. Seit Ende 2013 betreut der Professor mit seinem Team Herzpatienten, die auf dem Land leben und einen weiten Weg zum Facharzt haben. Es handelt sich um Menschen mit Herzschwäche im Anschluss an einen Klinikaufenthalt. Ihr Ri­siko, erneut mit akuten Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder gar zu sterben, ist hoch. Deswegen müssen sie ein Jahr lang intensiv betreut werden. Köhler will beweisen, dass diese Patienten länger und besser zu Hause leben können, wenn Haus-, Facharzt und eine telemedizinische Mitbetreuung zusammenwirken. Und das geht so: Die Patienten messen täglich selbst ihre Herzfunktion, ihren Blutdruck und wiegen sich. Die Werte werden automatisch und auf sicheren Datenkanälen in Sekundenschnelle von jedem Ort in Deutschland direkt an die Berliner Charité übermittelt. Dort entscheiden Ärzte bei Auffälligkeiten, was zu tun ist. „Messen Sie noch einmal“, kann es dann heißen, aber auch: „In den nächsten Minuten werden Sie per Hubschrauber in die Klinik ge­bracht.“ 

Die Technik ist lediglich ein Hilfsmittel

Die telemedizinische Betreuung ersetzt nicht den Hausarzt, die Patienten bleiben in seiner Obhut. „Wir spannen le­diglich ein zusätzliches Sicherheitsnetz unter ihnen“, erklärt Köhler. An der vom Bundesforschungsministerium geförderten Studie, die 2017 abgeschlossen werden soll, nehmen 1.500 Patienten von Brandenburg bis Bayern teil. Wenn sich bestätigt, dass die telemedizinische Betreuung für sie nützlich ist, wird sie in Deutschland zu einer von den Krankenkassen bezahlten Regelversorgung. Immerhin sei Herzschwäche eine Volkskrankheit, wie Köhler sagt. Etwa 250.000 Deutsche werden jährlich deswegen in Kliniken behandelt. Schon jetzt zeigt die Studie ein positives Ergebnis: „Patienten, die sich zum Mitmachen bereiterklären, bleiben auch das ganze Jahr dabei“, berichtet Köhler. Das sei ermutigend. Es zeigt, dass es ihnen damit gutgehe. Keineswegs fühlen sie sich anonym verwaltet, vielmehr sicher und geborgen, so ist die Erfahrung. Studienteilnehmer werden zu Hause von speziell geschulten Krankenschwestern besucht, die mit ihnen alles besprechen und die Technik installieren. Dieselbe Schwester, die auf dem Sofa des Patienten saß, meldet sich dann bei ihm jeden Monat zu einem Gespräch, erklärt Köhler. Der Patient weiß zudem, dass die Ärzte der Charité mit seinem Hausarzt im Kontakt sind. „Was wir machen, ist echte ärztliche Tätigkeit“, sagt Köhler. Darauf legt er großen Wert. Die Technik ist lediglich ein Hilfsmittel. 

Telemedizin soll die Sprechstunde nicht komplett ersetzen

Wichtig ist ihm, dass auf die Entfernung die gleichen Grundbedingungen eingehalten werden wie im persönlichen Kontakt: Der Arzt hat einen Namen, er ist zu Verschwiegenheit verpflichtet und dazu, den Patienten über Wirkungen und Nebenwirkungen der Behandlung aufzuklären. Dieser Aspekt wartet noch auf eine gesetzliche Regelung. Ein wichtiger Grundsatz sei: „Menschen, die sich miteinander auf Telemedizin einlassen, müssen sich mindestens einmal die Hand gegeben haben“, so Köhler. In Deutschland gilt nach wie vor das sogenannte Fernbehandlungsverbot. Ärzte dürfen Patienten nicht ausschließlich über Telemedien beraten, sondern müssen sie auch unmittelbar sehen, heißt es in der Berufsordnung. Auch wenn derzeit Diskussionen laufen, dieses Verbot den digitalen Möglichkeiten anzupassen, wird nach Köhlers An­sicht die Telemedizin auch künftig die Sprechstunde in der Arztpraxis nicht ersetzen, lediglich ergänzen. In der Schweiz zum Beispiel ist es anders. Dort kann, wer sich krank fühlt, beim Telemedizin-Zentrum „MedGate“ rund um die Uhr anrufen, seine Beschwerden schildern und auf den Rückruf des Arztes warten. Mit ihm kann er dann die Behandlung besprechen, anschließend bekommt er ein Rezept zugeschickt. „Das wird es in Deutschland nicht geben“, ist Köhler überzeugt. 


Einfach zu bedienende Technik

Etliche telemedizinische Behandlungsmodelle werden derzeit ausprobiert. Zum Beispiel können sich Patienten in ausgewählten Hautarztpraxen für die Nachkontrolle mit dem Arzt online in Verbindung setzen. Das spart Wege und Wartezeiten. Technisch ist vieles möglich, doch ob es wirklich nutzt, muss erstmal nachgewiesen werden. Köhlers auf Jahre ausgelegte Studie will den wissenschaftlichen Nachweis liefern, dass Herzpatienten, die telemedizinisch betreut werden, seltener mit einem akuten Rückfall in die Klinik müssen, weil sie engmaschig überwacht werden. Gelingt der Nachweis, könnten künftig auch Patienten mit Diabetes oder chronischen Lungenkrankheiten von Telemedizin profitieren. „So setzen sich Innovationen in der Medizin durch, mühsam auf einem langen Weg“, sagt Köhler. 

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg sei auch die, dass sowohl Ärzte als auch Patienten mit der digitalen Technik gut umgehen können. Es gebe Patienten, die sagen: „Lassen Sie mich in Ruhe mit dem Teufelszeug.“ Doch diejenigen, die sich einlassen, finden sich schnell zurecht, selbst wenn sie schon über achtzig Jahre alt sind. Denn die Technologie, die für die Charité-Studie ausgewählt wurde, ist einfach zu bedienen. In zehn Jahren, sagt Köhler, wird Telemedizin ein selbstverständliches Arbeitsinstrument des Arztes sein, und keiner wird mehr davon sprechen.

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 1+2/2016


Eingestellt: 3.01.16

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