KDFB

Lehren aus der Corona-Zeit


KDFB-Frau Anneliese Röhrl aus Kelheim berichtet über ihren Einsatz als Krankenschwester auf einer Coronastation im Krankenhaus. Das Foto zeigt sich mit fast kompletter Schutzausrüstung, nur der Schutzkittel fehlt noch. 

KDFB engagiert: Wie haben Sie Ihren Einsatz als Krankenschwester in der Corona-Zeit erlebt?
Anneliese Röhrl: Als Anfang März im Krankenhausmanagement die Entscheidung fiel, dass unser Team eine der zwei Coronastationen werden sollten, hatte ich zunächst Angst. Man hatte mir zwar angeboten, auf einer anderen Station zu arbeiten. Da wir aber ein sehr tolles Team sind, bei dem ich gerne bleiben wollte, habe ich mich entschieden, auf die Coronastation zu gehen.
Im Vorfeld hatten wir eine umfangreich Fortbildung zum Umgang mit Corona-Patienten und eine Einführung in die aktuellen Vorgaben des Robert Koch Institutes zu den vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen, vor allem zum Anlegen der Schutzkleidung. Das beinhaltet, dass wir jeweils mit zwei Masken, also einer FFP- und einer herkömmlichen Mund-Nasen-Schutzmaske ausgestattet sind. Zwei Masken waren nötig, da zu dieser Zeit ein Engpass an FFP-2-Masken herrschte. Wir mussten die Maske während der ganzen Schicht tragen und die MNS-Maske nach jedem Patientenkontakt entsorgen. Außerdem tragen wir immer zwei Paar Einmalhandschuhe. Sollte beim Kontakt mit Sekreten eine Lage Handschuhe verschmutzt sein, haben wir immer noch ein Paar Handschuhe an. Ich habe mich dank der Schutzkleidung und der Einhaltung der Hygiene-Vorschriften immer absolut sicher gefühlt.
Allgemein ist zu sagen, dass der Krankenhausträger, also die Landkreisführung, in hervorragender Weise der Pandemie gerüstet war. Wir hatten zu jeder Zeit in ausreichender Menge Schutzkleidung zur Verfügung.
Nach meinen ersten Einsätzen auf der Station hatte ich keine Angst mehr. Vielmehr kann ich sagen, dass die besonderen Umstände unser Team noch mehr zusammengeschweißt haben und mir das Arbeiten mit den Patienten durchaus Befriedigung und Bestätigung brachte. Wegen der verminderter Patientenzahl können wir momentan patientenorientierter arbeiten.


KDFB engagiert: Was hat Sie während Ihres Einsatzes besonders berührt?
Anneliese Röhrl: Da gibt es vieles zu benennen, etwa das herzliche Lächeln eines Patienten. Er hat sowohl seine eigene Situation als auch unsere Beeinträchtigung durch unserer Schutzmaske gesehen und sich mit einem von Herzen kommenden Lächeln für meine Hilfestellung bei der Pflege bedankt. 
Berührt hat mich auch zu sehen, wie schnell doch dann der Tod kam. Zum Beispiel war eine Patientin vormittags noch auf dem Pflegestuhl gesessen, bis zum Nachmittag hatte sich ihr Zustand jedoch so verschlechtert, dass sie noch am selben Tag verstarb.

KDFB engagiert: Was hat in dieser Zeit am meisten gefehlt?
Anneliese Röhrl: Der Kontakt zwischen Patienten und Angehörigen. Herausfordernd waren die Situationen, wenn Patienten keine digitale Verbindung zu ihren Angehörigen hatten. Nach Freischaltung der Telefonanlage konnten die Patienten immerhin kostenlos telefonieren. 
Obwohl sich engste Angehörige verabschieden konnten, hat mir gefehlt, dass es für Sterbende keine Möglichkeit gab, die Sterbesakramente zu empfangen. 
Das Kontaktverbot hat aber auch die Fantasie der Angehörigen geweckt: Oft war zu erleben, dass sich Angehörige auf den Parkplatz unterhalb der Patientenzimmerfenster stellten und so mit ihren Angehörigen sprachen, sofern es den Patienten möglich war aufzustehen.
Schlimm war auch, dass der letzte Wunsch von Sterbenden am Grab nicht erfüllt werden konnte. Darunter haben mit Sicherheit nicht nur die Sterbenden, sondern auch deren Angehörige gelitten. Ich kenne einen Fall, bei dem sich eine Mutter zu ihrer Beerdigung eine Arie ihres Lieblingskomponisten als Trompetensolo gewünscht hatte. Leider war das Spielen mit der Trompete auf dem Friedhof – im Freien mit gefordertem Abstand – nicht möglich! 

KDFB engagiert: Wie haben Sie den Frauenbund in dieser Zeit erlebt?
Anneliese Röhrl: Ich habe eine unheimlich große Solidarität gesehen, als die vielen Zweigvereine in Eigenregie unermüdlich Mund-Nasen- Schutzmasken genäht haben. Unser Zweigverein hat Masken für die Feuerwehr hergestellt. Diese Aktionen waren sehr wichtig, denn die Bediensteten in den Kliniken, den Heimen, den ambulanten Diensten und Arztpraxen sind auf professionellen Mund-Nasen-Schutz angewiesen.  
So gut gemeint auch KDFB-Aktionen wie „Schenk ein Lächeln“ und andere sind, müssen jetzt politische Forderungen folgen, zum Beispiel eine klare öffentliche Positionierung zum Problem Frauen und Kinderbetreuung. 

KDFB engagiert: Was kann die Gesellschaft aus Ihrer Sicht aus der Krise lernen?
Anneliese Röhrl:Es hat sich in der Krise einmal mehr gezeigt, wer die Schwächsten in unserer Gesellschaft sind. Da sind zum einen alte, kranke, pflege-und hilfsbedürftige Menschen, sei es in häuslicher Umgebung oder in Senioren- und Pflegeheimen. Die zweite Schwachstelle unserer Gesellschaft sind die Familien! Keine Kita, keine Schule, Homeoffice – mitten drin die Frauen, die jetzt Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen sollten. 
Nicht zuletzt erkennt man jetzt auch wer im Lande „systemrelevant“ ist. Neben all den Beschäftigten in Supermärkten, Verkehrsbetrieben und Logistik sind es die Pflegenden im häuslichen und stationären Pflegebereich sowie in den Kliniken. Gerade in diesen Berufen sind in der Mehrheit Frauen beschäftigt.
Jetzt müssen Taten folgen:


  • In der Gesellschaft muss der materielle und immaterielle Wert der Pflege endlich erkannt und beachtet werden. 
  • Das muss sich bei den Pflegenden aller Bereiche in merklichen Gehaltserhöhungen bemerkbar machen. Zur Umsetzung der Forderung ist Gesellschaft und Politik zur Unterstützung aufgerufen.
  • Wir dürfen nicht den Rufen einiger Wissenschaftler Glauben schenken, die mit ihren Forderungen nach drastischer Reduzierung von Krankenhäusern eine ganz andere Krankenhauslandschaft fordern! Die Pandemie hat gezeigt, dass es über die rein betriebswirtschaftliche Sichtweise auf das Thema hinaus viele andere Aspekte gibt, zum Beispiel ist überall eine ausreichende Bevorratung von Schutzausrüstung und Medikamenten nötig.
  • Es wäre schön, wenn sich wieder mehr junge Frauen und Männer mit dem Berufsbild Pflege auseinandersetzen würden. Das Arbeiten mit und an den Menschen, verbunden mit den hohen vielseitigen Ansprüchen, macht den Pflegeberuf attraktiv. Er gehört für mich zu den schönsten aller Berufe, getreu dem Wort von Florence Nightingale: „Pflege ist eine Kunst, fast hätte ich gesagt, die schönste aller Künste.“ 

Interview: Eva-Maria Gras

Foto: privat