KDFB

Wie kann Versöhnung gelingen?

Die promovierte Theologin Claudia Lücking-Michel, Foto: privat

Der Einsatz für den Frieden weltweit bleibt auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine große Herausforderung. Wie kann Gewalt zwischen Staaten und zwischen Konfliktparteien verhindert werden? Wie können Gedenken, Aufarbeitung und Versöhnung funktionieren? KDFB-Frau Claudia Lücking-Michel, Geschäftsführerin des Entwicklungsdienstes AGIAMONDO, nimmt Stellung. 

KDFB engagiert: Wie sind Sie zur Friedensarbeit gekommen?

Claudia Lücking-Michel: Über die Entwicklungspolitik. Bei AGIAMONDO setzen wir Fachkräfte in aller Welt ein. Dazu gehört auch die Gewaltprävention und die Friedensförderung in Krisen- und Konfliktregionen. Der Zivile Friedensdienst ist ein großer, ein wachsender Arbeitsbereich von AGIAMONDO. Wir arbeiten im Zivilen Friedensdienst mit acht weiteren deutschen Organisationen zusammen. Aktuell sind insgesamt rund 350 ZFD-Fachkräfte in 45 Ländern tätig. 

KDFB engagiert: Welche Erlebnisse in Krisenregionen haben Sie besonders berührt?^

Claudia Lücking-Michel: Im vergangenen Jahr habe ich ein Projekt in Tumaco, Kolumbien besucht. Dort tobt ein brutaler Kampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Er fordert viele Menschenleben. Unsere Fachkraft dort arbeitet mit Menschen, die fürchterlichste Gewalterfahrungen gemacht haben. Es ist gelungen, eine Casa de la Memoria aufzubauen, wir würden sagen ein Museum, wo die vielen Toten mit Bild und Namen präsent sind. Es werden Gruppen eingeladen, sich damit auseinanderzusetzen, welche Spuren die Gewalt und Clankriminalität in der Stadtgesellschaft hinterlassen haben. Unsere Fachkraft arbeitet mit diesen Besuchergruppen, damit sie endlich darüber sprechen können, was ihnen zugestoßen ist und damit auch Zugang finden zu Versöhnung.
Oder ein anderes Beispiel: Kurz bevor die Corona-Krise sich zuspitzte, war ich in Mombasa, Kenia unterwegs. Dort arbeiten unsere Fachkräfte in einem Zusammenschluss verschiedener Religionsvertreter von Christen und Muslimen. Es geht um Versöhnungsarbeit, um die Aufarbeitung von Schicksalen muslimischer Frauen. Sie berichten, wie ihre Söhne, Brüder oder Väter von der Al-Shabaab-Miliz in Somalia angeworben, weggelockt und als Terroristen eingesetzt wurden. Die Frauen sind durch den Verlust ihrer nahen Angehörigen schrecklich verletzt. Und es stellt sich die Frage, wie können diese Frauen mit der Situation umgehen? Wie können sie sich damit versöhnen? In Gesprächskreisen haben sie Gelegenheit, außerhalb ihrer Familien offen zu sprechen, ihre Einschätzung zu geben. Das ist ganz wichtig. 

KDFB engagiert: AGIAMONDO ist der einzige katholische Träger unter den staatlich anerkannten deutschen Entwicklungsdiensten. Welche Rolle spielt die Religion in der Versöhnungsarbeit?

Claudia Lücking-Michel: Als katholischer Entwicklungsdienst stellen wir uns natürlich Fragen wie: Was sind die Stärken, die wir über unsere Religion in die Arbeit einbringen können? Wie können wir der Versöhnung den Weg bereiten? Wir dürfen in dieser Arbeit nicht vorschnell über Schuld, Straftaten, Bestrafung und Wiedergutmachung hinwegwischen. Wir müssen uns klarmachen: Ein Opfer muss mit dem Geschehenen fertigwerden und womöglich mit dem Täter an einem Ort zusammenleben. Dabei sind wir überzeugt, dass Religion eine besondere Kraft geben kann, um den Schritt zu einer inneren Versöhnung zu tun. 


KDFB engagiert: Wie kann Versöhnung tatsächlich gelingen?

Claudia Lücking-Michel: Versöhnung ist ein mehrstufiger Prozess. Er kann an jeder Stelle wieder scheitern. Es beginnt damit, dass man die Wahrheit ausspricht, dass man ausspricht, was gewesen ist, dass man Täter benennt, Situationen einschätzt und nicht darüber hinwegredet. Wenn man Schuld auf sich geladen hat, ist es wichtig, sich dazu zu bekennen und zu sagen: Ich war‘s, ich bitte um Entschuldigung. Der nächste Schritt ist der feste Vorsatz, es nicht wieder zu machen, und tätige Reue, Wiedergutmachung. Als Opfer hat man nichts zu bekennen, sondern muss sich mit dem Täter auseinandersetzen. Am Ende bleibt ein Schritt, der im Herzen der Opfer geschehen muss. Denn es gibt Situationen, die kann nie wieder jemand gutmachen. Wenn mein Sohn von Terroristen abgeschleppt und vereinnahmt wurde, wenn er umgekommen ist, kann niemand ihn mir wieder zurückgeben. Dann ist es vielleicht der Glaube, der mir die Kraft gibt, noch einen Schritt zu wagen und zu sagen, das Leben weitergeht.. Ich werde der Rache, der Wut, der Trauer nicht mein ganzes Leben überlassen, sondern mit Gottes Hilfe an der Versöhnung arbeiten. Ich werde das zwar nie vergessen, aber ich werde mich versöhnen und vielleicht auch vergeben können.

KDFB engagiert: Angesichts der vielen Gewalterfahrungen – haben Sie die Hoffnung auf ein Überwindung der Gewalt nicht verloren?

Claudia Lücking-Michel: Ich lerne immer wieder aufs Neue, welch ungeheure Veränderungsprozesse möglich sind – von Menschen unter einfachsten Bedingungen mit schrecklichsten Erfahrungen. Ich lerne immer wieder, welche Kraft zum Leben und zur Liebe in ihnen steckt. Sie schaffen es, den nächsten Schritt zu tun und sich von dem zu lösen, was sie erlebt haben. Es gibt keine Instrumente oder Mechanismen, die zeigen, wie man es machen muss. Aber da ist ein Wille, dem Guten im Leben immer weiter zu trauen, darauf zu bauen, dass es Gott gut mit uns meint. Obwohl alles dagegen zu sprechen scheint: die eigene Erfahrung, die Trauer, die Lebensumstände. Und dann kann man von den Menschen lernen, wie sie weitermachen, nach vorne schauen und die Zuversicht auf Gott nicht aufgeben, trotz allem.

KDFB engagiert: Vor welche Herausforderungen sehen Sie sich in der Corona-Krise gestellt?

Claudia Lücking-Michel: Wir wissen, dass in der nächsten Zeit die Lage unübersichtlich ist. Zu Beginn der Krise haben wir es den Fachkräften freigestellt, in ihren Einsatzländern zu bleiben oder nach Deutschland zurückzukehren. Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Immer mehr Länder haben ihre Grenzen dichtgemacht und die Flughäfen geschlossen. Die Rückholaktionen waren schwierig, wie das Beispiel eines Ehepaars zeigt, das wir mit komplizierten Flugverbindungen aus Nigeria zurückgeholt haben. Am Frankfurter Flughafen hieß es, der Mann, der die italienische Staatsbürgerschaft hat, dürfe nicht einreisen. Er sollte nach Rom abgeschoben werden. Wir haben es gerade noch geschafft, ihn aus dem Flieger zu holen – dank des Einsatzes eines Rechtsberaters der Caritas. Mittlerweile sind aber alle Einsatzkräfte, die nach Hause zurückwollten, in Deutschland angekommen und arbeiten jetzt von hier aus für Ihre Partnerorganisationen.

KDFB engagiert: Kann Entwicklungszusammenarbeit derzeit überhaupt weitergehen?

Claudia Lücking-Michel: Rund zwei Drittel der von AGIAMONDO vermittelten Entwicklungshelfer*innen, sind bei den Menschen vor Ort geblieben und signalisieren den Partnerorganisationen auch durch ihre Präsenz, wir stehen an eurer Seite. Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit für sie. Ihre Zahl mag sehr überschaubar erscheinen, dennoch kann sich daran zeigen, wie ernst es Deutschland mit der internationalen Solidarität ist. Bislang enden die milliardenschweren Schutzschirme und Finanzhilfen an den deutschen Grenzen. Die Partnerorganisationen vor Ort brauchen unsere Unterstützung gerade jetzt und vor allem für die Zeit nach der Krise. 

Interview: Eva-Maria Gras