KDFB

Die fünfte Jahreszeit

Die Frauenfastnachtsband spielt beim Überlinger Frauenkaffee auf. Foto: privat

In vielen Orten sorgt der KDFB mit seinen Veranstaltungen in der närrischen Jahreszeit für echte Highlights im gesellschaftlichen Leben.

Die Bandleaderin

Wer beim Überlinger Frauenkaffee dabei sein möchte, muss früh aufstehen. Schon nachts um halb eins reihen sich die Ersten in die Warteschlange ein. Doch das ist nicht nur lästig, sondern auch lustig. „Der Kartenvorverkauf hat Kultstatus. Da stimmt man sich gemeinsam auf die anstehende Fasnacht ein“, erklärt Susanne Madlener. Die Frauenbund-

frau hat eine besondere Rolle bei der Fasnachtveranstaltung von Frauen für Frauen am Bodensee. Gemeinsam mit Elisabeth Moser leitet sie die Frauenfasnachtsband Cellolitis – Kaffeemusik ohne Cello. Wenn sie zu ihrem Flügelhorn greift und die anderen sechs Bandkolleginnen zu ihren Instrumenten, kocht die Stimmung schnell hoch im Kursaal. Die Band tanzt mit, die einstudierten Bewegungen sitzen. „Das ist probenintensiv, lohnt sich aber“, betont die 47-Jährige.

Stimmungsmacher bei der After-Show-Party

An fünf Nachmittagen spielen sie vor ausverkauftem Haus. Umrahmen die reine Frauenveranstaltung musikalisch, bei der mit Theaterstücken, Tanzeinlagen und Sketchen ein Höhepunkt den andern jagt. Als Stimmungsmacher, in den Pausen, manchmal als Untermalung eines Bühnenstücks und im Nachgang auf der After-Show-Party, bei der die Aufmerksamkeit dann ganz ihnen gehört und sich das Geschehen im Saal vor die Musikbühne verlagert.

Auftrittserfahrung hatte die Sparkassenmitarbeiterin und Mutter von zwei Kindern durch ihr Engagement bei der Stadtkapelle bereits eine Menge, als sie vor elf Jahren gefragt wurde, ob sie zur Frauenband dazustoßen möchte. Die Frauenband genießt einen hervorragenden Ruf und kann ein breites Repertoire anbieten. „Wir müssen viele Generationen bedienen. Da gehören Fasnachtsmärsche und Schunkellieder genauso dazu wie moderne Nummern“, erklärt Susanne Madlener.

Weg mit den Alltagssorgen

„Die fünf Nachmittage hintereinander verlangen vollen Einsatz und kosten Kraft. Aber man bekommt auch sehr viel Energie zurück. Wenn man sieht, wie man die Leute aus ihren Alltagssorgen holt, wie sie singen, tanzen und lachen, dann freut einen das sehr. Und dann lohnt sich dieses Engagement auf jeden Fall.“ Auf die Beine gestellt wird die Veranstaltung von den Frauen von KDFB und kfd gemeinsam. Von den Einnahmen werden mehrere soziale Projekte wie ein Frauenhaus oder ein Kinderheim unterstützt.

Wer dabei sein will, muss nicht nur lange anstehen, sondern auch mit der passenden Kopfbedeckung erscheinen. Denn beim Frauenkaffee ist Hutpflicht. Da trifft sich auch die eine oder andere fröhliche Runde vorher zum Basteln der Kopfbedeckungen. Vielleicht ist das ein Vermächtnis aus vergangenen Zeiten. Denn bereits um 1900 begannen die Überlinger Frauen, unter sich Fasnacht zu feiern.

Die Sitzungspräsidentin

Wenn Ursula Sehrt die Narrenkappe aufsetzt und sich mit ihren Elferrätinnen auf die Bühne begibt, startet die Herrnsheimer Frauenfastnacht in die fünfte Jahreszeit. Dann hat die Frauenbundfrau aus dem Wormser Stadtteil die Zügel fest, aber mit einem Augenzwinkern in der Hand. Sie muss den Überblick bewahren, die Aktiven auf der Bühne begrüßen und wieder entlassen, auf das Publikum reagieren und mit ihren Moderationen durch den Abend führen. Bekommt sie Handzeichen, weiß sie: Die Nächste ist noch nicht so weit. „Viele Frauen haben mehrere Rollen und müssen sich umziehen, dann muss ich so lange überbrücken“, erklärt sie.

Nur Frauen dürfen auf die Bühne

Ausschließlich das weibliche Narrenvolk ist berechtigt aufzutreten. Die Zeiten, in denen die Frauenfastnacht als Geheimtipp galt, sind lange vorbei. „Wir haben uns über die Jahre einen guten Namen erarbeitet. Diesem guten Ruf gilt es nun jedes Jahr aufs Neue gerecht zu werden. Inzwischen sind wir praktisch gleichberechtigt mit den Fastnachtsvereinen vor Ort. Mit acht Sitzungen sind wir allerdings an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit angekommen.“ In Rheinhessen spielt die Fastnacht eine große Rolle. Das Engagement der Närrinnen ist groß. Vier Tanzgruppen, vier Büttenrednerinnen und zwei Showblöcke, eine Art Mini-Musical, gehören zur Sitzung. In das Pfarrzentrum passen etwa 220 Gäste. „Das ist eine gute Zahl, um sein Publikum im Griff zu behalten“, lacht Ursula Sehrt. Zu ihren Aufgaben gehört auch eine längere Begrüßung, in die sie einen Jahresrückblick einbaut. „Das bedeutet beim Texten in der heißen Phase auch mal Nachtschichten.“ Der Frauenbundfrau ist es wichtig, dass mit der Herrnsheimer Frauenfastnacht eine Botschaft verbunden ist. Diese verpackt sie dann in Reim und Dialekt. Das kann sich dann so anhören:

...Drum guckt gut hie,

seid engagiert,

nemmt wahr,

was um eich rum passiert,

Packt oa,

verännert des, was geht,

was gut ist, niemols überseht,

manchmol sind’s die

kleinen Dinge,

die en Stoa ins Rolle bringen,

net nur an sich selber denke,

Zeit und Engagement

verschenke…

Im nächsten Jahr kann Ursula Sehrt 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern. In dieser Zeit hat sie eine richtige Fastnachtskarriere hingelegt. Angefangen hat sie wie viele junge Frauen aus der Pfarrei bei einer der Tanzgruppen. Später schloss sie sich dem sogenannten Dichterkreis an, der die Texte für die beiden Showblöcke schreibt, und stand auch in vielen Rollen auf der Bühne – bis heute.

Ein Zeichen, dass die Frauen unserer Pfarrgemeinde das auf die Beine stellen

„In der Gruppe aufzutreten, hat mich nicht so viel Mut gekostet“, sagt Ursula Sehrt, die im normalen Leben die Seniorenakademie der Stadt Worms leitet. „Doch als sich die Frage stellte, ob ich die Sitzungen leiten würde, war ich schon angespannt. Bis ich gemerkt habe: Das ist genau mein Ding.“ Stolz ist die 61-Jährige, dass die Fastnachtssitzungen aus der Pfarrgemeinde St. Peter heraus entstehen. Die Frauenkreise und der Frauenbund stellen sie gemeinsam auf die Beine. Sechzig Frauen zwischen 16 und 82 Jahren arbeiten zusammen. „Ohne das Engagement hinter der Bühne, die tollen Näherinnen, die sensationelle Kostüme kreieren, und alle anderen Helfer, wäre das nicht möglich. Es ist uns wichtig, dass wir Frauen der Pfarrgemeinde den Menschen einen Abend lang Freude schenken. Und wenn wir am Fastnachtssonntag das Hochamt mitgestalten, ist das auch ein Zeichen. Es zeigt: „Unsere Kirche lebt noch, und wir Frauen sind mittendrin!“

Die Mimin

Für sie hielt der Fasching schon so manche Paraderolle bereit: Nach 35 Jahren auf der Faschingsbühne ist Brigitte Haugg aus dem  Frauenbund-Fasching in Dießen am Ammersee nicht mehr wegzudenken. Ihr Auftritt als Johannes Heesters war solch eine Rolle, die dem Publikum noch lange im Gedächtnis blieb. Da war es Petrus im Himmel so langweilig, dass kurzerhand ein Konzert bereits verstorbener Künstler für ihn auf die Beine gestellt wurde. Brigitte Haugg glänzte dabei mit Heesters’ „Jetzt geh ich ins Maxim“. „Heutzutage hat man ja gute Möglichkeiten, sich mithilfe des Internets in die Mimik und Gestik eines Künstlers einzuarbeiten“, erklärt sie. Sie war auch schon als Mick Jagger, als Finanzbeamter oder feine Dame auf der Bühne. Jedes Jahr bietet mehrere neue Rollen. Denn die Theatergruppe des Dießener Frauenbundes stellt in ihrem Heimatort die größte Faschingsveranstaltung auf die Beine und führt dort für einen guten Zweck immer eine ganze Reihe von Bühnenstücken auf.

Den Frauenfasching in die Zukunft führen

Ab Oktober treffen sich die zehn Frauen regelmäßig, beraten, welche Anekdoten aus Ortsgeschehen und Kommunalpolitik dieses Jahr ihren Weg in die Faschingssitzungen finden werden und welche Themen sonst noch auf die Bühne sollten. „Seit einiger Zeit sind jüngere Frauen mit dabei. Die haben eigene Vorstellungen, und das ist gut so, denn wir wollen den Frauenfasching auf jeden Fall in die Zukunft führen. Es soll weitergehen“, betont die Frauenbundfrau, die auch zum Vorstandsteam in ihrem Zweigverein gehört. 1952 kamen die Damen in Dießen erstmals zum Faschingscafé zusammen. „Das waren schwierige Zeiten, und man wollte den Frauen eine Möglichkeit schaffen, auszugehen.“

Wenn im Dezember dann alle Rollen verteilt sind, heißt es: proben, Lieder einstudieren und Kostüme zusammenstellen. Gegen Lampenfieber hat Brigitte Haugg für sich ein wirkungsvolles Rezept gefunden. „Ich bin ruhig, wenn ich weiß, dass ich gut vorbereitet bin. Außerdem weiß jeder im Saal, dass wir Laien sind. Da ist ein Texthänger auch kein Drama.“

Bekannt im ganzen Umland

Der Frauenbundfasching hat sich auch im Umland einen Namen gemacht. „Zu uns kommen Zweigvereine aus der Umgebung, mit zwanzig oder dreißig Frauen angerückt.” Was 1952 mit einem Kaffeekränzchen begann, hat sich mittlerweile zu sieben Sitzungen in Folge im örtlichen Pfarrzentrum Traidtcasten, einem früheren Getreidespeicher, gemausert. Da fließen viele Stunden an Vorbereitungszeit hinein. „Ich liste sie nicht auf. Ich sehe den Fasching einfach als mein Hobby“, sagt die 68-Jährige. „Dieses Engagement hat mir unzählige schöne Stunden in Gemeinschaft beschert, und ich konnte damit auch vielen Menschen Freude bereiten.“

Viele Stücke der eingespielten Faschingstruppe bleiben dem Publikum lange im Gedächtnis. „Man wird das ganze Jahr darauf angesprochen. Wir sind bekannt im Ort“, weiß Brigitte Haugg. Doch nicht nur in Dießen, auch wenn sie in der Kreisstadt Landsberg am Lech unterwegs ist, bekommt sie das ganze Jahr über zu hören: „Mei, Sie kenn’ ich doch vom Fasching.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB engagiert 1+2/2020