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Beten für Täter und Opfer

Sr. Johanna Kurie OCD, Foto: Gabriele Riffert

In unmittelbarer Nähe der KZ-Gedenkstätte Dachau liegt das Karmelitinnenkloster Heilig Blut. Dort leben Schwestern, die sich an diesem Ort des Bösen ganz bewusst in den Dienst der Aussöhnung stellen. Die Fenster der Klosterzellen sind auf das frühere Konzentrationslager ausgerichtet. Keine der Schwestern kann der Geschichte ausweichen. Seit 1964 stellen sie sich in den Dienst der Aussöhnung zwischen Menschen und Völkern und beten für Opfer und Täter.

Zum Beispiel in der Fastenzeit abends in ihrer Kirche vor dem Holzkreuz, das sich früher in der Lagerkapelle des ehemaligen KZ befand. „An diesem stillen Gebet für Frieden und Versöhnung können auch Gläubige aus der Umgebung teilnehmen“, erklärt Sr. Johanna Kuric. Die 54-jährige promovierte Germanistin war früher an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München tätig. Ihre Bewunderung für die Karmelitin Edith Stein und die Sehnsucht nach einer intensiv gelebten Gottesbeziehung haben sie 2002 in die Gemeinschaft geführt. Nun ist sie eine der 16 Schwestern aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Japan und Russland. „Unsere Gründerin, Mutter Maria Theresia, wollte diesen Karmel bewusst hier gründen, damit eine lebendige, betende Gemeinschaft entsteht“, sagt sie.

Der Kontakt zu den Überlebenden des Lagers ist den Schwestern bis heute wichtig 

„Manche Überlebende haben bei uns im Gästebereich übernachtet. Leider entfällt ausgerechnet zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau die Gedenkveranstaltung wegen des Coronavirus“, bedauert die Ordensfrau. Sie erinnert sich noch genau, wie die Schwestern im Meditationsraum einmal für rund 50 polnische Überlebende Kaffeetafeln deckten und Streuselkuchen servierten. „Das war der ausdrückliche Wunsch unserer Gäste. Und wir ha­ben natürlich gerne gebacken“, schmunzelt Sr. Johanna. Bewegt erzählt sie, wie ein betagter, zierlicher Herr sie anschließend umarmte und den Wunsch aussprach, sie möge gesund bleiben. „Das war ein wunderbares Erlebnis von Versöhnung, das ich in diesem Moment erfahren durfte.“

Zu manchen Überlebenden gibt es freundschaftliche Beziehungen. So war etwa Sr. Elija Boßler mit Max Mannheimer befreundet, der bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2016 Jugendlichen in Schulen von seinen schlimmen Erlebnissen erzählte. Sr. Elija, die viel beachtete Fotoporträts von Überlebenden angefertigt hat, und Max Mannheimer, der als Maler unter dem Künstlernamen Ben Jakov kreativ war, verstanden sich auch auf künstlerischer Ebene.

Ein Kloster am richtigen Ort

Täglich betet die Gemeinschaft der Schwestern im Vaterunser um Versöhnung – seit 56 Jahren. Das hinterlässt atmosphärische Spuren. Wer etwa als Besucher von der KZ-Gedenkstätte durch das Tor zum Karmel geht, nimmt eine spirituelle Präsenz wahr. „Besucher sagen uns oft, dass sie bei uns Frieden spüren und dass hier ein Kloster am richtigen Ort sei“, betont Sr. Johanna.

Die große Frau mit dem warmherzigen Lächeln steht auch für Gespräche und geistliche Begleitung zur Verfügung. „Bei uns hat Diskretion einen hohen Stellenwert. Aber so viel darf ich sagen, dass es auch bei den Einzelgesprächen um schlimme Erlebnisse gehen kann, bei denen das Thema Versöhnung mitschwingt. Dabei habe ich sowohl mit Opfern gesprochen als auch mit Tätern.“ Diese Erlebnisse trägt Sr. Johanna vor Gott. „Im Alten Testament war man sich darin einig, dass es Vergebung nur bei Gott selbst geben könne. Von daher nehme ich den Gedanken mit, dass jeder, der Versöhnung sucht, eine enge Beziehung zu Gott suchen sollte.“     

Autorin: Gabriele Riffert
aus: KDFB engagiert 5/2020