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Liturgie zum Weltgebetstag 2010

Als "Zwei-Flügel-Theologie" bezeichnen es afrikanische Theologinnen, wenn sie die Erfahrungswelt von Frauen in Gebete einfließen lassen. Ein zweiter Flügel soll der einseitig von Männern geprägten Theologie wachsen.

 

Wenn man ein Geräusch hört, ohne seine Herkunft ausmachen zu können, und die Frage stellt, 'Wer ist da?', dann antwortet die Frau, 'Es ist niemand, ich bin es'. Für die Theologin Thérèse Souga aus Kamerun verdeutlicht diese Floskel, dass Frauen in ihrem Kulturkreis nicht im Vollsinn als Person gelten. 

Auch die Bibel erzählt von Menschen, denen in ihrem Leben die vollen Rechte abgesprochen wurden. Dazu zählten vor allem die Sklaven. Ganz bewusst wählten die Frauen aus Kamerun für die Weltgebetstagsliturgie einen Text über eine Sklavin. Die Apostelgeschichte (16, 16 - 36) beschreibt die Begegnung der Sklavin mit Paulus: Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte. Sie lief Paulus und uns nach und schrie: Diese Menschen sind Diener des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils. Das tat sie viele Tage lang. Da wurde Paulus ärgerlich, wandte sich um und sagte zu dem Geist: Ich befehle dir im Namen Jesu Christi: Verlass diese Frau! Und im gleichen Augenblick verließ er sie.

Die Frauen in Kamerun verknüpfen mit dieser Bibelstelle eine große Hoffnung. Mädchen und Frauen, die in ihrem Land ausgebeutet werden, sollen mit der schreienden, versklavten Frau eine Stimme bekommen. Und umgekehrt, die ansonsten stumme, versklavte und namenlose Frau der biblischen Geschichte soll die Gesichter, Stimmen und Lebensgeschichten vieler Mädchen und Frauen in Kamerun annehmen. 

 

Das Leid der Ausgebeuteten

 

Die Pfarrerin Priscille Djomhoué weiß, an welche Frauen ihres Landes in diesem Zusammenhang gedacht werden sollte. Da sind die Mädchen aus armen Familien, die als Hausmädchen an reiche Familien gegeben werden. Sie erhalten für ihre Arbeit, die sie rund um die Uhr leisten, fast keinen Lohn. Bei einigen Hausherren droht ihnen die Gefahr, vergewaltigt zu werden. Da sind die Mädchen, die von klein auf als Straßenhändlerinnen und Hausiererinnen losgeschickt werden. Auch sie müssen Angst vor Missbrauch durch Kunden haben. Genauso soll an das Schicksal von Schülerinnen erinnert werden, denen Lehrer drohen, sie durchfallen zu lassen, wenn sie sich weigern, ihnen sexuell zur Verfügung zu stehen. Und nicht zuletzt soll es um die große Zahl von Jugendlichen gehen, die im Kleingewerbe betrogen werden. Viele Arbeitgeber beuten sie aus, indem sie sie nach drei Monaten entlassen, statt ihnen den vereinbarten Lohn zu zahlen. Das ist möglich, weil Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht greifen.

Das Leid dieser Ausgebeuteten, dieser als "Niemand" behandelten Frauen, Mädchen und Jugendlichen, sollen die TeilnehmerInnen der Weltgebetstagsliturgie mit in ihr Gebet nehmen.   

Die ausgewählte Bibelstelle enthält für die Frauen in Kamerun einen weiteren wichtigen Schwerpunkt. Er handelt von Gefangenschaft und Befreiung. Denn Paulus und sein Begleiter werden gefangen genommen, gefoltert, ins Gefängnis geworfen und streng bewacht. Umso erstaunlicher, wie sie der Gewalt trotzen: Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu (Apg 16, 25). Für die Frauen in Kamerun beinhaltet diese Stelle eine wichtige Botschaft. Wer lebt, kann Gott loben, für das Geschenk des Lebens und all das Gute, was er Gott verdankt. Sie wollen aus ihren Lobgesängen Hoffnung schöpfen. Obwohl sie gleichzeitig betonen: "Wenn wir Gott loben, lösen sich die Probleme in unserer Gesellschaft nicht einfach auf." Aber sie erinnern mit ihren Gesängen an die Rettung, die ihre Vormütter und Vorväter erfahren haben, denn in der Apostelgeschichte heißt es weiter: Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab.

Anne Granda

 


Eingestellt: 1.02.10

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