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Weltgebetstag: Frauen in Kamerun

Affengulasch, Antilopenschnitzel oder Hähnchen in Erdnusssauce? Häuptling Melango hat die Qual der Wahl: 15 Gerichte werden ihm zum Abendessen aufgetischt. Für den Chef eines Dorfes im westlichen Kamerun ist das kein Luxus, sondern Alltag, denn Melango hat 15 Ehefrauen, von denen es sich keine nehmen lässt, am Abend für ihn zu kochen. "Das gibt unserem Ehemann die Möglichkeit, seine Freunde gut zu bewirten", sagt die 26-jährige Esther. Sie ist zufrieden, polygam, also in einer Vielehe, zu leben, umgeben von vielen Frauen. So können sie sich viele Arbeiten teilen, gemeinsam auf den Markt gehen oder zusammen Wasser holen. Etwas Privatheit gibt es doch: Jede der Frauen verfügt über eine eigene Hütte mit Küche, in der sie mit ihren Kindern lebt, und über ein kleines Feld, denn in der Regel müssen sich die Frauen selbst versorgen.

Nicht alle beurteilen ihre Situation positiv. Einige von Esthers Mitfrauen sind unglücklich, denn Neid und Eifersucht sind ständige Begleiter einer Vielehe, obwohl sich Melango bemüht, ein gerechtes Familienoberhaupt zu sein. Auch die Männer sind gestresst. Sandrine Akamba, eine Studentin aus Kamerun, führt beim Weltgebetstags-Studientag des Frauenbundes in München das Beispiel eines unglücklichen Prinzen aus ihrer Heimat an: Von Eifersucht gepeinigt, lässt der Prinz seine 300 Frauen von Detektiven überwachen, um sich ihrer Treue sicher zu sein.

 

Ein Mann darf so viele Frauen haben, wie er sich leisten kann

 

Jede zweite Ehe in Kamerun ist polygam, wobei sich in Krisenzeiten immer mehr Männer für nur eine Frau entscheiden. Selbst gläubige Christen halten an der Vielehe fest, die in Kamerun gesetzlich anerkannt ist. "Auf dem Trauschein kann der Mann Monogamie oder Polygamie ankreuzen. Frauen ist es jedoch nicht erlaubt, mehrere Männer zu haben", sagt Sandrine Akamba. Es gibt keine Regeln, wie der Alltag in einer polygamen Ehe auszusehen hat. Ein "Wochendienst" ist jedoch in vielen Fällen üblich: Ist eine Frau an der Reihe, kocht sie eine Woche lang für den Mann, stellt morgens warmes Wasser zum Waschen bereit und verbringt die Nächte bei ihm. In der restlichen Zeit kümmert sie sich vor allem um ihre Kinder. Eine Regel gilt für alle: Ein Mann darf nur so viele Frauen haben, wie er sich leisten kann, denn für jede muss er einen Brautpreis an die Eltern zahlen. Üblicherweise stellen auch Verwandte Brautpreis-Forderungen, die hoch ausfallen, vor allem, wenn eine Frau einen Europäer heiratet.  

Hochzeiten stellen die Höhepunkte im Leben jeder Familie dar. Eine Heirat ist mit strengen traditionellen Ritualen verbunden. Erst wenn diese vollzogen sind und der Mann das Brautgeld ganz oder zum Teil bezahlt hat, gilt die Ehe als geschlossen. Standesamtliche und kirchliche Zeremonien sind nur als Beiwerk zu sehen. Für Frauen sind frühe Ehen üblich: "Wenn du mit 30 Jahren noch nicht verheiratet bist, giltst du als Schande für deine Familie. Die meisten haben dann schon Kinder", weiß Sandrine Akamba. Wie in vielen afrikanischen Ländern, so gilt auch in Kamerun: Gehen junge Frauen eine Ehe ein, heiraten sie nicht nur einen Mann, sondern dessen ganze Familie, die sie zufriedenstellen müssen. Die Schwiegermutter hat das Sagen, auch bei Eheproblemen. Scheidungen sind kaum möglich: Will eine Frau sich trennen, muss der Brautpreis an den Ehemann zurückbezahlt werden. 

Die Religion hat auf den Brautpreishandel keinen Einfluss, selbst bei Muslimen nicht. Da die Preise nicht selten ins Maßlose steigen, gehen die Eheschließungen zurück. Vor allem in den Städten leben immer mehr Paare unverheiratet zusammen, um sich leichter trennen zu können. 

 

Das Witwenritual ist grausam

 

Mehr als eine Scheidung fürchten Frauen den Tod des Ehemannes. In diesem Fall gehören Frau und Kinder wegen des gezahlten Brautgeldes immer noch seiner Familie. Viele Witwen müssen ihren Schwager heiraten oder werden verjagt - ohne Erbe, ohne Geld, ohne Kinder. Und viel schlimmer noch kann das Witwenritual sein. Früher stellte es eine Art Begleitung im Trauerprozess dar, heute ist es grausam. Die Frauen werden gequält, einige sterben sogar.

Dabei hat jeder der 286 Kameruner Stämme nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch ein anderes Trauerritual: So müssen die Witwen etwa auf trockenen Bananenblättern im Freien schlafen, dürfen sich wochenlang nicht waschen oder tagelang nichts essen, was mit Wasser gekocht ist. Die Trauerzeit, die zwischen neun Wochen und einigen Jahren dauern kann, wird mit einem Fest und reinigenden Ritualen abgeschlossen. Danach erhalten die Frauen oft ein Stück Acker, um sich versorgen zu können. Die jüngere Generation lehnt solche Rituale ab. Inzwischen haben sich viele Witwen in Gruppen zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu helfen. Das Weltgebetstagskomitee unterstützt ein Witwenprojekt mit den Geldern aus der Kollekte in den Gottesdiensten am 5. März.

 

Zu Weihnachten gibt es Stoff für ein neues Kleid

 

Lebt die Schwiegermutter nicht mehr, gilt das Wort des Mannes in der Familie als Gesetz. Ihm selbst obliegen vor allem zwei Pflichten: ein Haus zu bauen und jedes Jahr zu Weihnachten seiner Frau Stoff für ein neues Kleid zu schenken. Denn Frauen in Kamerun legen sehr viel Wert auf ihr Äußeres: Am Samstagnachmittag verwandeln sich Dörfer in Friseursalons. Freundinnen flechten sich gegenseitig die Haare. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht: Wer heiratet wen? Wie hat die Fußball-Nationalmannschaft gespielt? Und ganz wichtig: Wie feiern wir den Internationalen Frauentag am 8. März? 

Der 8. März gilt als Festtag für die Frauen. Von der größten Weberei Kameruns wird extra für diesen Tag ein neuer Stoff hergestellt. "Alle Frauen tragen bei den Paraden in den Städten das gleiche Kleid, essen und tanzen die ganze Nacht bis zum Umfallen. Selbst meine Mutter kam vom Frauentag erst am nächsten Morgen wieder", so Sandrine Akamba. 

Der Frauentag, der seit 1986 gefeiert wird, hat der Frauenbewegung viel Aufwind beschert. "Die Emanzipation hat an Bedeutung gewonnen, und viele Frauenvereine wurden gegründet", berichtet die 22-Jährige. Frauen engagierten sich heute in der Kommunalpolitik. So sind Bürgermeisterinnen keine Seltenheit, und mittlerweile werden sechs Ministerien von Frauen geführt. 

Auf dem Land ist das Geschlechterverhältnis noch von der traditionellen Arbeitsverteilung geprägt. Den Frauen obliegt es, sich um die Kinder zu kümmern, Wasser und Feuerholz zu holen und Feldfrüchte anzubauen. Meistens verkaufen sie einen Teil der Ernte auf dem Markt. Mit dem Erlös kaufen sie Seife, Salz oder Schulhefte. Der Mann repräsentiert die Familie nach außen, übernimmt die schweren Arbeiten, schlägt Bäume, geht auf die Jagd. Zahlreiche Männer verdienen in der Vieh- und Plantagenwirtschaft Geld hinzu. 

 

Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in der Stadt

 

Fast zwei Drittel aller Kameruner leben in der Stadt. Dort arbeiten viele Frauen in Büros, an Schulen und haben zum Teil auch Führungspositionen inne. Die meisten versuchen sich jedoch mit Handel und Kleingewerbe über Wasser zu halten. Viele Männer jobben als Motorrad-Taxifahrer. Wer einen Job hat, muss einen Teil des Gehalts abgeben. "Die Familie macht sehr viel Druck. Die Menschen aus der Stadt müssen denen auf dem Land helfen", sagt Sandrine Akamba. 

Armut herrscht vor allem im Norden am Rande der Sahelzone. Dort können weniger Frauen schreiben und lesen als im Süden, da nicht alle Mädchen die Schule besuchen. Viele brechen sie vorzeitig ab, obwohl die Grundschule verpflichtend ist und kein Schulgeld mehr bezahlt werden muss. Die wahren Kosten des Schulbesuchs wie Uniform, Hefte und Bücher werden jedoch nicht aufgefangen. In den Städten besuchen dagegen fast alle Kinder die Schule. Berufsziel der Mädchen im Norden und Westen des Landes ist Hausfrau, so sehen es jedenfalls die Eltern. Schon mit zwölf Jahren werden sie gezwungen, Männer zu heiraten, die ihre Väter sein könnten. 

 

Die Beschneidung der Mädchen ist nicht strafbar 

 

Was das Leben der Mädchen im Norden ebenfalls überschattet, ist die Tradition der Beschneidung. Diese genitale Verstümmelung an Fünf- bis Neunjährigen ist in Kamerun nicht strafbar. "Dagegen kämpfen Frauengruppen. Es gibt jedoch noch viele Familien, die das machen lassen, da sie meinen, die Mädchen würden dadurch gereinigt", erklärt Sandrine Akamba. Viele Kinder werden durch die Beschneidung krank: "Aber wer sich weigert, wird geschlagen, gefesselt, und es wird trotzdem gemacht. Danach wird die Beschneidung im Dorf gefeiert."

Als frauenverachtend ist eine weitere Tradition einzustufen, das sogenannte Brustbügeln. Von dieser geheimen Praktik sind ein Viertel der jungen Mädchen betroffen. Damit sie die Blicke der Männer nicht auf sich ziehen, "plätten" ihre Mütter ihnen die Brüste mit Hilfe eines heißen Steins, teilweise täglich über Wochen hinweg. Die Verstümmelung führt zu starken Schädigungen des Brustkorbs, ruft große Schmerzen hervor und hinterlässt seelische Schäden. 

 

Jungen haben Ansehen, Mädchen haben Pflichten

 

Viele verheiratete Frauen leiden unter dem Anstieg der häuslichen Gewalt. "Offiziell dürfen die Männer ihre Frauen nicht schlagen, doch es gehört für sie leider zum Alltag", bedauert Sandrine Akamba. Jungen genießen in Kamerun innerhalb der Familie ein höheres Ansehen als Mädchen. Auf dem Land haben Jungen nur die Aufgabe, Rinder und Ziegen zu hüten, den Mädchen hingegen bleibt vor lauter Pflichten kaum Zeit zum Spielen. Die Mütter bürden ihnen schwere Arbeiten im Haushalt auf: Auch wenn sie noch klein sind, hüten Mädchen jüngere Geschwister, arbeiten auf dem Feld, helfen beim Kochen, holen mit Töpfen Wasser oder verkaufen Bananen.

Sandrine Akamba, in Yaoundé geboren, wuchs mit drei Geschwistern in einem städtischen Gebiet auf. Mit 18 Jahren begann sie ein Studium in Deutschland: "Meine Eltern haben alles getan, damit ich in Bamberg studieren kann, denn die Unis in Kamerun sind schlecht ausgestattet", räumt sie ein. Nach dem Auslandsstudium kehren nur wenige Kameruner nach Hause zurück, "weil es zu wenige Jobs gibt, es sei denn, man hat Beziehungen", sagt Sandrine. Wer im Ausland Arbeit findet, unterstützt meist seine Familie zu Hause mit Geld. 

Sandrine würde mit ihrem Mann gerne nach Kamerun ziehen, wenn sie nach dem Studium einen passenden Job fände. "Mein Wunsch wäre es, dort eine Firma zu gründen." Zudem würde sie gerne eine Computer-Schule für Frauen einrichten - im Dorf ihrer Großeltern, in dem sie oft die Ferien verbrachte.

Typisch für das traditionsbewusste Land: Das Ursprungsdorf der Ahnen hat eine große Bedeutung. Niemand will die Verbindung zu den Gräbern der Ahnen verlieren. Die Menschen gehen davon aus, dass die Verstorbenen für die Lebenden sorgen. Bei Krankheiten und frühen Todesfällen werden die Ahnen oder Wahrsager befragt, denn Krankheit wird als Strafe gesehen. Sofort macht sich die Familie daran nachzuforschen, wer oder was die Krankheit oder den Tod verursacht haben könnte. Wird nichts gefunden, gehen die Menschen davon aus, dass es sich um Hexerei handelt. 

 

Fünf bis acht Prozent der Kameruner sind Aids-infiziert

 

Die medizinische Versorgung gerade auf dem Land wird als schlecht eingestuft. Viele Menschen können sich eine Behandlung nicht leisten. Meist haben nur die Angestellten größerer Firmen eine Krankenversicherung. Dorfbewohner suchen traditionelle HeilerInnen auf, aber die können oft nicht helfen: So führen viele Krankheiten wie Malaria, die behandelbar wären, zum Tod. Kinder leiden häufig an Atemwegserkrankungen, Durchfall oder gefährlicher Unterernährung. Viele Mädchen sterben bei Schwangerschaften, an unsachgemäß ausgeführten Abtreibungen oder an der Immunschwäche-Krankheit Aids. Aids hat die durchschnittliche Lebenserwartung dramatisch gesenkt, immer noch nehmen die Neuinfektionen zu: Fünf bis acht Prozent der Kameruner sind infiziert. Da Aids die arbeitende Generation hinwegrafft, bleiben viele Alte unversorgt. Und weil es kein soziales Sicherungsnetz mit Rentenzahlungen gibt, nimmt die Altersarmut zu. "Es gibt auch kaum Altenheime, die älteren Menschen leben normalerweise bei ihren Familien", erklärt Sandrine Akamba. 

Selbsthilfe ist angesagt, auch bei Krankheiten, die durch verseuchtes Wasser ausgelöst werden. Denn nur in den Städten gibt es eine Wasserversorgung - meist von schlechter Qualität. Manche Dörfer bauen mit gemeinsam erspartem Geld Brunnen. Vielerorts gibt es Sparvereine: Nachbarn zahlen regelmäßig in einen Topf ein, aus dem gemeinsame Projekte und individuelle Anliegen finanziert werden, etwa eine Operation: Der Kranke erhält dann die Ersparnisse eines Monats. 

 

Proteste gegen die immense Teuerung

 

Seit den 90er-Jahren klafft die Schere zwischen Arm und Reich stark auseinander. So waren die jüngsten Proteste der Bevölkerung 2008 auch ökonomisch motiviert. Jugendliche und Taxifahrer protestierten gegen die enormen Teuerungsraten, die Artikel des täglichen Bedarfs betrafen, wie etwa Benzin. Die Regierung reagierte mit dem Einsatz des Militärs, wodurch die Proteste eskalierten und mehrere hundert Jugendliche ums Leben kamen, die meisten in Duala, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes. Die Politik hat so viel Vertrauen in der Bevölkerung verspielt. 

Im regionalen Vergleich gilt Kamerun seit Jahrzehnten jedoch als politisch stabil. Allerdings hat die "Seuche" Korruption das Land fest im Griff: Wer die Polizei zu Hilfe ruft, muss zuerst Geld für "Transportkosten" übernehmen, auch kommt es vor, dass Polizisten bei Straßenkontrollen Geld erpressen.  

Noch zählt Kamerun zu den Entwicklungsländern, doch in Sandrine Akambas Augen besitzt ihre Heimat viel Potential und könnte vom Tourismus profitieren. Das Land hat nicht nur Sonne und Palmenstrände zu bieten, möglich wären auch Safaris in den tierreichen Savannen des Nordens, botanische Exkursionen oder Trekking-Touren auf Dschungelpfaden und im vulkanischen Bergland.  

Denkt Sandrine an ihr Heimatland, so ist sie mit Stolz erfüllt: "Wir hatten noch nie Krieg. Das finde ich toll für ein Land, in dem so viele Völker leben. Ich hoffe für die Zukunft jedoch, dass sich die Situation der Frauen verbessert." Häufig wird die Studentin von Heimweh geplagt. Deutschland kann ihr das afrikanische Lebensgefühl nicht ersetzen: "Ich vermisse die Freude und Fröhlichkeit", gesteht sie. 

     

Karin Schott

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2010

 


Eingestellt: 1.02.10

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