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Die Zyklen der Seele in der Natur finden

Hans-Joachim Tambour ist katholischer Theologe und systemischer Berater. Er organisiert regelmäßig spirituelle Reisen nach Irland, Schottland und Spanien.

 

Welche Impulse aus der keltischen Spiritualität halten Sie für wichtig? Ist es möglich, sie im Alltag aufzugreifen?

Das Besondere der keltischen Christen war ihre Überzeugung, dass Gott in allem gegenwärtig ist. Für sie war Gott nicht nur in der Kirche zu finden. Sie waren sich sicher, dass er überall und immer am Wirken ist. In einer Sammlung alter Gebete und Segen (die Carmina Gadelica) finden sich Gebete, die beim Kochen, Waschen oder Putzen gesprochen wurden. Hier, mitten im alltäglichen unspektakulären Tun wandten sich die keltischen Christen an Gott. Der Himmel war nach ihrer Vorstellung ganz nah mit der Erde verbunden, ja, die Erde war eingebunden in den Himmel, und ab und zu gab es einen Durchblick in diese Anderswelt. Diese Überzeugung deckt sich mit den Worten Jesu vom Reich Gottes, das schon hier mitten im Leben beginnt. Diese Einstellung kann auch heute noch Menschen unterstützen, nicht in Traumwelten oder in die Zukunft zu fliehen, sondern im Hier und Jetzt zu leben, aufmerksam für Gottes verborgene Gegenwart mitten im Leben.

 

Inwieweit ist es für Frauen interessant, den Spuren des keltischen Christus zu folgen?

Frauen hatten in der keltischen Kirche eine ganz andere Stellung als in der katholischen Kirche heute. Die Quellen zeigen, dass Frauen wie Hilda von Whitby oder Brigid von Kildare einem Doppelkloster (Männer und Frauen) vorstanden. Eine Legende der heiligen Brigid erzählt, dass der Bischof, vom heiligen Geist erfüllt, sie zum Bischof statt zur Nonne weihte. Ob das historisch ist, ist umstritten, doch Tatsache ist, dass sie als Äbtissin zweier Klöster ein wichtiges Leitungsamt ausfüllte. Und: Keltische Spiritualität ist eine Schöpfungsspiritualität. Die Christen ahnten, wie sehr die Zyklen der Natur mit den Zyklen der Seele übereinstimmen: empfangen, gebären, nähren und sterben, damit Neues geboren werden kann - das sind ganz natürliche Abläufe, in denen sich die Gesetzmäßigkeiten eines geistlichen Lebens spiegeln. Vielleicht können gerade Frauen durch die keltische Sicht einen neuen Zugang zur Spiritualität gewinnen, da viele Frauen diese elementaren Lebensvollzüge schon am eigenen Leib erfahren haben. Dieser weibliche Zug spielte in der keltischen Spiritualität eine große Rolle. 

 

Keltische Christen bezogen die Naturverehrung ihrer Vorfahren in ihren Glauben mit ein. Besteht die Gefahr, auf ihren Spuren in eine neuheidnische Welt zu geraten?

Es gibt immer ein Zuviel des Guten, dann gerät alles in Gefahr. Es kommt also auf das rechte Maß an. Entscheidend ist der folgende Unterschied: Gott ist nicht identisch mit der Schöpfung, sondern er hat sie geschaffen. Aber weil er sie geschaffen hat, sind seine Spuren in der Natur zu finden - das ist zentrale Überzeugung der Bibel. Paulus stellt beispielsweise heraus, dass Gott nicht in irgendeiner Ferne lebt, sondern ganz nah ist und allem das Leben und seinen Atem gibt. So kann er sagen: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir." (Apg 17,26–28).

 

Interview: Anne Granda 


Eingestellt: 2.08.10