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Auf den Spuren des keltischen Christus: Gottes grüne Insel

Auch nach einem Jahr ist die Erinnerung plötzlich ganz deutlich da. Dann stehe ich einen Moment lang wieder auf den mächtigen Klippen von Moher. Und unten auf der glitzernden Wasseroberfläche wirkt der Schatten einer riesigen Wolke ganz klein, denn Himmel und Horizont dehnen sich so weit. Oder ich laufe wieder durch das Tal des Boyneflusses, in dem sich die mystische Stimmung der sattgrünen Flussaue wie ein Zaubermantel um uns Wanderer legt. In diesen Momenten des Erinnerns verknüpfen sich die Landschaften mit den Impulsen, die eine Reise auf den Spuren des keltischen Christus bereitgehalten hatte. Der katholische Theologe Hans-Joachim Tambour bietet sie alljährlich an. Nicht die Stationen der Reise sind außergewöhnlich, sondern der Blick auf die Geschichte der besuchten Orte: Hauptstadt Dublin, Klosterruinen von Glendalough und Clonmacnoise, die malerische Dingle-Halbinsel mit dem im 8. Jahrhundert entstandenen Bethaus Gallarus Oratory, die Klippen von Moher, prähistorische Ausgrabungen mit steinzeitlichem Ganggrab in Newgrange, die Hochkreuze von Monasterboice und die Königsburg Tara. 

 

Heilige Orte besuchen

 

Dazwischen kleinere Wanderungen. Die erste führt durch das weich geschwungene Bergland der Wicklow Mountains auf dem Pilgerweg des heiligen Kevin. Ziel ist das "Tal der zwei Seen" - Glendalough -, in dem im frühen 6. Jahrhundert um den Einsiedler St. Kevin eine der bedeutendsten Klostersiedlungen Irlands entstand. Heute weiß ich, dass schon der erste Reisetag die ganze Mischung enthielt, die so nachhaltig beeindruckt: Pilgerwege gehen, Natur erfahren, heilige Orte besuchen, Geschichten aus dem Leben von Heiligen zu lauschen. Und dabei lernen, wie sich alles mit der sogenannten keltischen Spiritualität verknüpft. 

Natürlich kann man einige Wanderungen auf einer Reise nicht mit großen Pilgerreisen vergleichen. Zu solchen brachen keltische Christen auf. Die Kirchengeschichte erzählt von den irischen und schottischen Mönchen, die pilgernd und missionierend auf dem Kontinent bis in die Schweiz und nach Italien kamen. Die historischen Quellen berichten, dass sie Pilger für Christus sein und im Exil asketischer leben wollten als in einem gemütlichen Zuhause. Eine Nachfolge, die Jesu Bemerkung an die Schriftgelehrten ernst nimmt: "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Mt 8,20). Die Mönche setzten sich in ihre Boote und überließen es den Wellen und Gott, wo sie ankamen. "Die Pilgerschaft ist ein Bild für das ganze Leben, sich im Leben dem Willen Gottes anzuvertrauen und mal zu sehen, wo er einen hinführt", so der Reiseleiter Hans-Joachim Tambour. Der Autor des Standardwerks "Der keltische Weg", Ian Bradley, wird noch deutlicher: "Pilgerschaft war der äußerliche Ausdruck eines innerlichen Wandels, war Metapher und Symbol für diese Reise zu einem tieferen Glauben, zu größerer Heiligkeit und hin zu Gott." Was Ian Bradley schreibt, gilt auch für die Menschen von heute: Alle Impulse zum Aufbrechen und Pilgern verstärken den Weg nach innen.

 

Keltische Christen erlebten die Natur sehr intensiv

 

Fünf Wanderungen sind auf der Reise eingeplant. Am ersten Tag der Kevin-Pilgerweg nach Glendalough. Bald beginnt es zu regnen, und der Boden kann kein Wasser mehr aufnehmen. Schnell wird der Pfad zum Bachbett und erzwingt Umwege über Felsen durch Matsch und Dornengesträuch. Oder der Weg an der Küste zum westlichsten Punkt Europas. Auf der Halbinsel Dingle führt der Weg hoch über der Meeresbucht entlang. Strahlender Sonnenschein lässt tiefblaues Wasser glitzern. Am Anfang ist der Blick noch gefangen durch das gegenüberliegende Ufer. Dann heben sich am Horizont nur noch die bizarren Silhouetten der vorgelagerten Skellig-Inseln ab. Darüber eine weiße Wolke wie ein verlorener Wattebausch. Auf der größten der Skellig-Inseln, Skellig Michael, befinden sich Reste einer Mönchssiedlung aus dem 6. Jahrhundert und erinnern an asketisches Leben. 

Die Natur bewusst wahrnehmen, sich vollsaugen mit Bildern von großer Schönheit. Wer das tut, ist nahe am Naturverständnis der keltischen Christen. Es ist eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen. Bei Ian Bradley kann man nachlesen, dass sie drei Wurzeln hat: die Bibel, das heidnische Erbe der Kelten und ihre unmittelbaren Erfahrungen durch ein eng mit der Natur verbundenes Leben. Die Belege in der Bibel sind schon im Eröffnungskapitel der Genesis zu finden, wo jeder Schöpfungsakt mit dem Refrain bestätigt wird: "und Gott sah, dass es gut war". 

 

Namensgeberin vieler heiliger Stätten: die heilige Brigid

 

Das Christentum traf in Irland um 400 auf die Kelten, die Flüsse, Wälder und Hügel als Wohnstätten von Göttern und heiligen Geistern verehrten. Ihre spirituellen Führer waren die sogenannten Druiden. Die Missionare griffen die ehrfürchtige Haltung gegenüber der Schöpfung auf, da sie sie als Teil des christlichen Glaubens erkannten. Sie bauten Klöster auf den Plätzen heiliger Druidenhaine, Quellen und Brunnen wurden nach Heiligen benannt. Besonders häufige Namensgeberin ist Brigid, die Schutzpatronin Irlands neben Patrick. 

Den sanften Übergang vom Glauben der Kelten zum keltisch geprägten Christentum beschreibt David Adam, der sich viel mit der Vermittlung keltischer Spiritualität befasst hat: "Die keltische Kirche trachtete nicht so sehr danach, Christus zu den Menschen zu bringen, als vielmehr Ihn bei ihnen zu entdecken: nicht Ihn zu besitzen, sondern Ihn im 'Freund und Fremden' zu treffen; den Christus freizusetzen, der bereits in allen seinen Gaben da ist." Im Zentrum dieses sanften Umgangs mit spirituellen Vorstellungen standen Menschen, die sich, wie Kevin, getroffen von der Botschaft des Evangeliums, zunächst in die Einsamkeit zurückzogen. In der unberührten Natur erfuhren sie die Nähe des Schöpfers. Wie stark sie mit der Natur verbunden waren, veranschaulichen zahlreiche Heiligenlegenden. So wird berichtet, dass sich, wie 600 Jahre später bei Franz von Assisi, auch auf Kevin die Vögel in Scharen niederließen, um das Lob der Schöpfung zu singen. Manche Historiker vermuten sogar, dass Franz von Assisi die Heiligkeit und Bedeutung der nicht-menschlichen Geschöpfe durch die keltische Tradition übermittelt bekam. Denn es ist belegt, dass Franz die norditalienische Klostergemeinschaft von Bobbio besuchte, die der irische Mönch Columban gegründet hatte. 

 

Irische Mönche entwickelten eine starke Ausstrahlung 

 

Außerdem gab es rund um Assisi noch andere Klöster, die auf irische Mönche zurückgingen. Wie Franz von Assisi entwickelten die frommen Einsiedler durch ihre in Natur und Einsamkeit geschöpfte Gotteserfahrungen eine starke Ausstrahlung. Andere Menschen wollten ihnen nahe sein, sich von ihnen spirituell begleiten lassen. So entstanden Klöster, die sich teilweise sogar zu Städten ausweiteten. Wie großartig diese Entwicklung gewesen sein muss, lassen die Überreste der Klosteranlagen erahnen, die in so großer Zahl über ganz Irland verstreut besichtigt werden können. Clonmacnoise ist eine der beeindruckendsten. 545 gegründet, erreichte die Klosteranlage im Mittelalter den Rang einer Universität und beherbergte 3.000 Studenten aus ganz Europa. Zu besichtigen sind dort heute Gebäuderuinen, Grabmäler, ein Rundturm und Hochkreuze, die sich malerisch in die weitläufige Biegung des Flusses Shannon schmiegen. Nur wenn Reisende den Spuren der keltischen Welt nachspüren, erfahren sie etwas von der tieferen Bedeutung dieses Ortes. Denn er legt Zeugnis davon ab, dass sich der christliche Glaube in anderen Strukturen als in den von Rom vorgegebenen entwickeln kann. In der keltischen Kirche waren nicht das Amt des Bischofs und die Aufbau von Diözese wichtig, sondern Vorbilder, deren Autorität aus ihrer religiösen Erfahrung erwuchs. 

 

Frauen waren spirituelle Vorbilder

 

Und zu spirituellen Vorbildern wurden ebenso Frauen. Denn bei den Kelten waren Männer und Frauen gleichgestellt. Diese Grundeinstellung blieb unter den christianisierten Kelten bestehen. So sagen verschiedene Quellen, dass die heilige Brigid in Kildare als Äbtissin nicht nur die Aufsicht über den Abt des von ihr gegründeten Doppelklosters hatte, sondern auch über einen Bischof. Die historische Gestalt der Heiligen, die etwa um 452 geboren wurde und an einem 1. Februar um 520 starb, ist nicht zu rekonstruieren. Was bleibt, sind Heiligengeschichten, die die heilige Brigid nahe an die keltische Göttin Brigit rücken. Denn Kildare war schon vor der Klostergründung ein heiliger Ort, ein Eichenwald, Brigit geweiht, der Göttin des Lichts und des Feuers. Die keltische Brigit verkörperte Gottesvorstellungen, die weiter zurückreichen, bis zur Steinzeit und zur Verehrung einer Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin, der "Großen Mutter". Diese uralten Vorstellungen spiegeln sich wider in den Legenden der heiligen Brigid. In den Erzählungen über die Äbtissin spielt Feuer eine wichtige Rolle, es wird ihr Kennzeichen auf Darstellungen ebenso wie der Bischofsstab. Sie soll viele Wunder gewirkt haben, um für das leibliche Wohl anderer zu sorgen - wie eine große Mutter. In dem Kreuz, das nach ihr benannt ist, dem Brigittenkreuz, wird die naturnahe Vorstellung von Göttlichem sichtbar: Das schrägarmige Kreuz erinnert an uralte Sonnensymbole. 

 

Das Symbol der Sonne vereint mit dem Kreuz

 

Die bekannten irischen Kreuze, um deren Mittelpunkt immer der Kreis der Sonne gelegt ist, haben uralte Wurzeln. Das wird beim Besuch der steinzeitlichen Ganggräber von Newgrange deutlich. Dort sind all die Spiralen in Stein geritzt, die später so formvollendet auf irischen Kreuzen Endlosschleifen drehen. 

Von der heiligen Brigid findet man in der Ortschaft Kildare, was nach der Wortbedeutung „"Kirche der Eiche" heißt, nur noch eine mittelalterliche Kathedrale, die nach ihr benannt ist. Und seit 1992 gibt es eine Wohngemeinschaft von vier Schwestern des 1807 gegründeten Brigittenordens. Schwester Mary empfängt im Wohnzimmer ihres kleinen Reihenhauses Pilger aus der ganzen Welt - 2009 waren es 3.000 - und erzählt, wie die Gemeinschaft keltische Spiritualität zu leben versucht. Sie greift damit ein Erbe auf, das Mitte des 19. Jahrhunderts durch einen streng auf Rom ausgerichteten Kardinal fast ganz verdrängt wurde. Neben viel Engagement in ökologischen und Friedensfragen gehört Gastfreundschaft dazu, Zeiten der Stille, Pilgerschaft, die bewirken soll, im gegenwärtigen Moment zu leben. 

 

Eine Flamme für die heilige Brigid

 

"Man hat nur die Gnade für einen Tag", ist sie überzeugt. Wichtig ist spirituelles Wachstum, das von einem Seelenfreund unterstützt und begleitet wird. Zu Ehren der heiligen Brigid hüten die Schwestern eine Flamme, die schon auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Beijing und bei vielen anderen Versammlungen an die Heilige erinnerte. Am 1. Februar, dem Gedenktag der heiligen Brigid, beginnt für die Schwestern jedes Jahr eine Festwoche. In der keltischen Welt war der 1. Februar der Tag des Frühlingsanfang, an dem das Licht wiederkehrt. Schwester Mary entlässt die Pilger mit dem Zuspruch: "Habe keine Angst vor dem Licht, das in dir scheint." 

Eine Woche nach der Irlandreise verschickt der Reiseleiter an alle Teilnehmer einen Segenstext, der diesen Impuls noch einmal aufgreift. "Mögest du in deinem Leben das Feuer, die Wärme und das Licht deiner Seele entdecken. Mögest du erkennen, dass du niemals allein bist, dass deine Seele dich durch ihr Brennen mit dem Rhythmus des Weltalls verbindet. Mögest du erkennen, dass die Gestalt deiner Seele einzigartig ist, dass dir ein besonderes Schicksal beschieden ist, dass sich hinter der Fassade deines Lebens etwas Schönes, Gutes und Ewiges ereignet. Mögest du lernen, dein Selbst mit der gleichen Freude, dem gleichen Stolz und der gleichen Wonne zu betrachten, mit der Gott dich in jedem Augenblick anschaut." 

Anne Granda

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 8+9/2010


Eingestellt: 2.08.10

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