Inhaltsverzeichnis

Artikel in Verbindung

Bibelgärten: Paradiese zwischen Himmel und Erde

Rund um die Kirche Maria Königin in Schweinhütt im Bayerischen Wald ist leises Plätschern zu hören. An zwei Stellen sprudelt Wasser im neu angelegten Bibelgarten, der sich um die Dorfkirche aus den sechziger Jahren schmiegt. Für Besucher ist das Plätschern wohltuend, denn es übertönt ein wenig den Lärm der nahen Straße und lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Gartenanlage, die mit Pflanzen, Symbolen und Bildern in die Welt des Alten und Neuen Testaments einlädt. Wenn der Garten am ersten Julisonntag eingeweiht ist, nimmt er einen würdigen Platz unter über 100 Bibelgärten ein, die seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland entstanden sind. "Als ich 2004 mit meiner Doktorarbeit über Bibelgärten begann, gab es 26 solcher Anlagen bei Kirchengemeinden und fünf bis zehn bei anderen Trägern wie Bibelzentren oder Klöstern", berichtet Katrin Stückrath. Die 35-jährige Pastorin aus Lünen in Westfalen hat schon als Jugendliche ihre Leidenschaft für den Garten entdeckt. "Er war für mich ein Ort, wo ich mich zurückziehen und Entscheidungen treffen konnte. Und ich erlebte das Wunder der Ernte sehr intensiv." Aber erst nach ihrem Theologiestudium wurde ihr klar, dass man in Gärten auch theologische und philosophische Ideen ausdrücken kann. "Da habe ich gemerkt, dass mich das unerschöpflich interessiert", sagt die Forscherin. Neben ihrer akademischen Arbeit baute sie über das Internet ein Netzwerk auf, in dem sich BibelgärtnerInnen austauschen und unterstützen.

 

Das Heilige Land erfahrbar machen

 

Wer dort auf die Seiten einzelner Gärten geht, entdeckt, dass sich hinter der Bezeichnung "Bibelgarten" sehr unterschiedliche Ideen verbergen. Karin Stückrath hat herausgefunden, welche Schwerpunkte die BibelgärtnerInnen in der Regel setzen. Da gibt es den Gang durch die Bibel oder durch einen wichtigen Abschnitt der Bibel, wie zum Beispiel der Auszug aus Ägypten im Moses-Bibelgarten in Jägerwirth bei Passau. "Das finde ich immer sehr schön erzählerisch", so Karin Stückrath. "Es ist ein ganz kleiner Garten, aber anhand einzelner Stationen kann man sich klarmachen, wie die Geschichte, die in der Bibel so wichtig ist, erzählt wird." Dann gibt es Gärten, die vor allem einen Eindruck vermitteln wollen, wie es im Heiligen Land aussieht. Welche Pflanzen da zusammen wachsen, Wasser und Wüstenpflanzen, und welche Früchte die Menschen in biblischer Zeit angebaut haben. Und dann entstehen Gärten, die sich ein biblisches Thema wählen, zum Beispiel "Frieden und Versöhnung", und die das Thema mit Symbolen und Pflanzen gestalten.

Die ursprüngliche Idee für Bibelgärten stammt aus Botanischen Gärten im englischsprachigen Bereich. So gab es bereits 1884 in den Vereinigten Staaten eine Bibelpflanzenausstellung in Missouri. Den ersten Bibelgarten in Deutschland pflegt seit 1979 der Botanische Garten in Hamburg. Zur Verbreitung der Idee trug 1995 die Bundesgartenschau in Cottbus bei. Ein Ökumenischer Arbeitskreis hatte dort eine kleine gläserne Kirche errichtet und die Fenster nach dem Bericht der Schöpfungstage bemalt. Neben der Kirche entstand ein Bibelpflanzengarten.

 

Aus verwilderten Grundstücken wurden Biblische Gärten

 

Ein weiterer Anstoß für die Ausbreitung der Bibelgartenidee war 2003 das Ökumenische Jahr der Bibel. Wenn Kirchengemeinden, Bibelmuseen, Klöster, Krankenhäuser oder Schulen einen Bibelgarten anlegen, hat das oft nur einen praktischen Hintergrund, weiß Karin Stückrath. "Hinter der Einrichtung vieler Bibelgärten stand der Leidensdruck, mit einem verwilderten Grundstück umgehen zu müssen. Ein ehemaliger Kirchhof oder das Gelände eines Pfarrgartens war zu groß oder zu ungepflegt geworden", ergaben ihre Studien. Doch die Begeisterung für ein solches Unternehmen kommt vor allem aus der Möglichkeit, die Lebenswelt der Menschen damals mit der Lebenswelt der Menschen heute verbinden zu können. Über 2000 Jahre hinweg lassen sich kulturgeschichtlich Linien ziehen. Ein besonders gutes Beispiel dafür sieht Karin Stückrath im Johannisbrotstrauch. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn, Joh 15,16, werden Schweine mit Schoten dieses Strauches gefüttert. Die Schoten galten im Alten Orient als minderwertiges Nahrungsmittel. Der botanische Name des Johannisbrotstrauches "Ceratonia siliqua" zeigt die Verbindung mit dem Wort "Karat", der Maßeinheit für das Gewicht von Edelsteinen und Gold. Das erklärt sich daraus, dass früher die Samen der Schoten des Johannisbrotstrauches als Gewichtssteine eingesetzt wurden. Das Wort Karat geht auf die griechische Bezeichnung "keration" zurück, was soviel wie "Hörnchen" heißt. Die Schoten des Johannisbrotbaumes haben die Form von kleinen Hörnchen. Heute wird aus Johannisbrot Carubin gewonnen, das unter der Bezeichnung E 410 als Verdickungsmittel zum Beispiel im Joghurt zu finden ist.

 

110 Pflanzen in biblischen Texten

 

Wer anfängt zu suchen, findet zahlreiche Verbindungen, die Brücken schlagen zwischen gestern und heute. Den Rahmen dafür stecken die in der Bibel genannten Pflanzen. Von 110 Pflanzen ist die Rede, doch listen Botaniker in der Regel sehr viel mehr auf, denn es ist nicht eindeutig zu klären, welche Pflanzen sich hinter Begriffen wie Dornen oder Unkraut verbergen. Über den biblischen Zusammenhang hinaus entscheiden sich BibelgärtnerInnen oft auch für Pflanzen aus der europäischen Klostergartentradition und für heimische Gewächse, die christliche Bezüge im Namen vorzuweisen haben, wie zum Beispiel die Pfingstrose. Alle Verknüpfungen bewirken: "Die biblische Welt verliert an Fremdheit, und die biblischen Texte werden verständlicher", so Katrin Stückrath.

 

Ideen gesät und gemeinsame Projekte geerntet

 

"Wir erleben die biblischen Geschichten jetzt näher", ist auch Friederike Köppl überzeugt. Auf ihre Initiative geht der neue Bibelgarten in Schweinhütt bei Regen im Bayerischen Wald zurück. Als Vorsitzende des Dorf- und Gartenbauvereins hatte die Frauenbundsfrau zunächst die Verschönerung ihres Heimatortes im Sinn. Jetzt kann sie berichten, wie einladend zu Weihnachten das Glasbild mit der Krippendarstellung leuchtete. Und wie beeindruckend es war, als am Karfreitag das Felsengrab mit einem Rollstein verschlossen wurde und in der Osternacht daraus das Licht aufstrahlte.

Genauso beeindruckt hat sie der Weg zu dieser Erneuerung. "Es war letztlich eine Gemeinschaftsarbeit des ganzen Dorfes", berichtet sie. Die Idee brachte sie 2003 im Gartenbauverein ein, angeregt durch die Lektüre eines Artikels über Bibelgärten. Die Resonanz war eher verhalten, da sich niemand etwas darunter vorstellen konnte. Doch zwanzig Mitglieder des Dorf- und Gartenbauvereins trugen sich für Hand- und Spanndienste in ihre HelferInnenliste ein. Stadtpfarrer Josef Ederer und der Kreisfachberater für Gartenbau und Landespflege, Klaus Eder, begeisterten sich sofort. "Man muss einfach anfangen", war das Motto von Friederike Köppl. Sie schrieb Zuschussanträge und sammelte Spenden. Der Baubeginn verzögerte sich bis 2007 wegen Renovierungsarbeiten an der Kirche. Als es dann aber losging und die Pläne immer konkreter wurden, halfen Vereinsmitglieder und Anwohner, und auch die Kosten konnten aufgebracht werden.

 

Blühender Anstoß, über den Glauben nachzudenken

 

Die Geschichte dieses Zusammenspiels aller Kräfte zu erzählen und die "wunderbare" Verwirklichung des Plans wird in Zukunft wichtig bleiben. Davon ist die Bibelgartenforscherin Katrin Stückrath überzeugt. "Es reicht nicht, einen Bibelgarten anzulegen und Schilder aufzustellen. Ausstrahlung bekommt so ein Ort durch eine Gruppe von Menschen, die sich Zeit nimmt, andere zu führen und ihnen die biblischen Geschichten zu erzählen. Das wird immer die größte Wirkung haben", so die Pastorin. Denn der Garten ist Anstoß für die Gemeinde, über Theologie, über die Bibel zu sprechen. Nicht nur der Pfarrer in der Kirche, sondern die Besucher können anfangen, über ihren Glauben, ihr Gottesbild und ihre Erfahrungen zu sprechen. Der Bibelgarten in Schweinhütt präsentiert als Gesprächsimpuls eine Fülle biblischer Texte. Im alttestamentarischen Bereich geht es um das Paradies, die Geschichte von Josef, Abraham und Mose und die Errettung des Volkes Israel. Die Josefszisterne, der Opferaltar des Abraham und ein Stein, aus dem Wasser fließt, versinnbildlichen das Geschehen. In einem Kugelbackofen kann traditionelles Fladenbrot gebacken werden. Ein Weinberg lädt ein, das Jesuswort im Johannesevangelium zu meditieren: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige. Der neutestamentarische Teil erzählt das Leben Jesu nach. Über 600 Pflanzen machen das Gartenrund um die Kirche zu einem einladenden Ort. "Bibelgärten halten die Sehnsucht nach dem Paradies ein Stück weit wach, und gleichzeitig wird diese Sehnsucht konkret." Auch dafür lohnt sich die Mühe sie anzulegen, ist Katrin Stückrath überzeugt.            

 

Anne Granda

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 7/2010


Eingestellt: 1.07.10

Kommentare