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Gehalt: Hart verhandeln zahlt sich aus

Drei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes will Jutta S. wieder zurück in ihren alten Beruf. Sie war in der Entwicklungsabteilung eines großen Unternehmens tätig und hofft, dort wieder einen Arbeitsplatz zu finden, der ihrer Qualifikation entspricht. Dass sie Abstriche machen muss, ist ihr schon klar. Zu lange war sie draußen aus dem Beruf. Und sie muss nun Familie und Erwerbsarbeit vereinbaren, ist also nicht mehr so verfügbar für die Firma wie vor der Geburt der Kinder. Das Bewerbungsgespräch verläuft ganz gut. Sie ist jedoch enttäuscht, dass sie in einer anderen Abteilung arbeiten muss und sehr viel weniger verdienen wird als vor der Familienphase. Schließlich akzeptiert sie das Angebot, ohne weiter zu verhandeln. Sie ist froh, in Zeiten der Wirtschaftskrise überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen und muss ja auch erst mal etwas leisten, bevor sie fordern kann. Typisch Frau?!

Genügsam aus Sorge um den Arbeitsplatz

"In persönlichen Gesprächen wie auch in Umfragen wird immer wieder deutlich, dass viele Frauen die Frage nach der angemessenen Vergütung ihrer Arbeit oftmals in den Hintergrund stellen", so Heike Berger, Referentin des KDFB-Projektes "Einstieg, Umstieg, Aufstieg". "Bei den Frauen steht vielmehr die Sorge im Mittelpunkt, zunächst erst einmal wieder einen Fuß in die Tür des Arbeitsmarktes zu bekommen. Diese Situation führt dazu, dass viele Wiedereinsteigerinnen unterbezahlt werden oder Tätigkeiten nachgehen, für die sie auf Grund ihrer Ausbildung eigentlich überqualifiziert sind. Auch scheuen sich Frauen anders als ihre männlichen Mitbewerber oftmals davor, selbstbewusst ihre Gehaltsvorstellungen zu benennen - natürlich nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil Frauen in der Regel anders, nämlich 'sozial verträglicher', sozialisiert wurden." 

Warum mehr zahlen, wenn Frauen es nicht einfordern?

Frauen ist es dabei meist wichtiger, mit dem Chef oder der Chefin gut auszukommen - und dieses gute Verhältnis wollen sie nicht durch Gehaltsforderungen stören. Sie akzeptieren eher Gehaltsvorschläge, statt selber zu fordern und zu kämpfen. Sie fordern weniger oft Zusatzleistungen wie einen Firmenwagen, Prämien und Boni, Weiterbildungen oder Sachzuwendungen. Sie lassen sich schneller entmutigen, wenn sie mit ihren Forderungen nicht ankommen. Sie arbeiten häufiger im Hintergrund, präsentieren sich nicht so wie ihre männlichen Kollegen, hoffen darauf, dass ihre Leistung schon gesehen und angemessen entlohnt werden wird. Das führt dazu, dass viele Personalleitende vor allem Familienfrauen bei der Rückkehr in den Beruf von vorneherein geringer dotierte Gehaltsangebote machen als Männern mit gleicher Qualifikation. Warum sollten sie auch mehr zahlen, wenn Frauen es nicht einfordern und sich mit dem zufrieden geben, was ihnen angeboten wird? "Viele Frauen verdienen auch deshalb schon vom Berufsbeginn an weniger als ihre männlichen Kollegen, weil sie im Bewerbungsgespräch oft 'vergessen', über ihren Gehaltswunsch zu reden. Sie fürchten, sich damit in ein schlechtes Licht zu rücken", berichtet eine Personalleiterin. Doch das Gegenteil sei der Fall. „Hört ein Personalchef nicht die Gehaltsvorstellung, schlussfolgert er, dass die Bewerberin von ihrer eigenen Leistung nicht überzeugt ist. Bei vielen Fachvorgesetzten gilt sogar: Je höher der Gehaltswunsch, desto besser und stärker von sich überzeugt ist der Bewerber - runterhandeln kann man ihn oder sie dann immer noch.“ 

Frauen verdienen etwa ein Viertel weniger als Männer

In Deutschland verdienen Frauen laut Statistischem Bundesamt rund 23 Prozent weniger als Männer, wobei in den alten Bundesländern die Lohnlücke 2008 sogar auf 25 Prozent gestiegen, in den neuen Bundesländern dagegen von sechs auf fünf Prozent gesunken ist. Das hat nicht nur mit der Zurückhaltung von Frauen bei Gehaltsverhandlungen zu tun, sondern auch mit anderen Faktoren. In seiner Erklärung zur Entgeltgleichheit stellte der Bundesausschuss des Katholischen Deutschen Frauenbundes 2008 fest: 

- Frauen wählen häufig Berufe in Branchen, in denen überwiegend Frauen tätig sind und die geringer bewertet und schlecht entlohnt werden. Das gilt auch dann, wenn Frauen "neue" Berufe oder Hierarchien erobern. So sinkt das allgemeine Lohnniveau im mittleren Management, wenn Frauen verstärkt entsprechende Positionen besetzen. Frauen haben insbesondere aufgrund von Kindererziehung und Pflege größere berufliche Unterbrechungen. Es gelingt ihnen häufig nicht, in die Position wieder einzusteigen, die sie bereits innehatten. Oft sind sie bereit, für ein geringeres Entgelt zu arbeiten, um Familie, Pflege und Beruf miteinander vereinbaren zu können. 

- Frauen sind seltener in gut bezahlten Führungspositionen; es bestehen noch viele Vorurteile gegenüber Frauen, vor allem in qualifizierten Positionen und männlich geprägten Branchen, sowie stereotype Vorstellungen, wie ein bestimmter Arbeitsplatz ausgefüllt werden muss; Frauen, die in Teilzeit arbeiten, haben kaum Chancen auf Führungsfunktionen. 

- Die Gesellschaft sieht Frauen immer noch eher als "Zuverdienerinnen", während Männern die Rolle des "Familienernährers" zugeschrieben wird. 

Die Folgen erkennen Frauen oft viel zu spät: Weniger Einkommen bedeutet weniger Anerkennung ihrer Arbeit, weniger Aufstiegsmöglichkeiten, weniger Rente. Und damit verfestigen sich alte Rollenbilder innerhalb von Partnerschaften, die Frauen und Männer eigentlich so nicht leben wollten. Oft sieht es dann so aus, dass die Frau nach der Geburt von Kindern oder bei Pflegeaufgaben beruflich zurücksteckt, weil der Mann mehr verdient, die Frau mit ihrem Verdienst die Familie jedoch nicht allein ernähren könnte. 

Aktiv gegen die Lohnlücke

Parteien, Gewerkschaften, Frauenverbände und -organisationen setzen sich seit einigen Jahren dafür ein, Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern zu beseitigen. In Forschungsprojekten sollen die Gründe für die Lohnlücke erforscht werden. Der "Equal Pay Day", an dem sich auch der KDFB beteiligt, ist eine bundesweite Aktion, um auf die Entgeltunterschiede zwischen Männern und Frauen aufmerksam zu machen und eine möglichst breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Der "Girls’ Day" soll Mädchen motivieren, eine breite Palette von Berufen zu wählen und nicht nur die typisch weiblichen. Die neue Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat angekündigt, beim Elterngeld die Vätermonate auszuweiten, den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen voranzubringen und die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu ermöglichen. Das Aktionsprogramm "Perspektive Wiedereinstieg" soll Frauen die Rückkehr in den Beruf erleichtern. Seit vergangenem Jahr bietet das Bundesfamilienministerium für Unternehmen das Programm Logib-D an. Damit können Unternehmen prüfen, ob es deutliche Entgeltunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt und was die Gründe dafür sind. Logib wurde für die Schweiz entwickelt und für Deutschland angepasst. 

Im Rahmen des Programms "Perspektive Wiedereinstieg" fördert das Bundesfamilienministerium auch das KDFB-Projekt "Einstieg, Umstieg, Aufstieg". Es ist ein Pilotprojekt, das dazu beitragen soll, die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern zu schließen. An den Workshops und dem Mentoring in Berlin, Trier und Regensburg haben bisher 60 Frauen teilgenommen. Ziel dieses sechsmonatigen Fortbildungs- und Mentoringprogramms ist, Wiedereinsteigerinnen über ihre Rechte aufzuklären, über verdeckte Formen von Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt zu informieren und ihre Kompetenzen zu stärken. "Dazu gehört auch ein professionell begleitetes Training für Gehaltsverhandlungen", so Projektreferentin Heike Berger.

Gabriele Klöckner

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 3/2010


Eingestellt: 1.03.10

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