KDFB

Wer bin ich?

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Ich bin ich. Kein anderer Mensch lebt mein Leben, fühlt wie ich, denkt wie ich. Kein anderer hat meine Erfahrungen, meine Erinnerungen, meine Werte. Doch woher weiß ich eigentlich, wer ich bin? KDFB Engagiert über das rätselhafte Phänomen der Identität.

Identität kann ziemlich anstrengend sein. Ganz besonders gilt das für Eltern von Teenagern: Da hat die 14-jährige Tochter alle zwei Wochen eine andere Haarfarbe, guckt stundenlang amerikanische Serien, chattet und textet von früh bis spät, und nichts ist ihr mehr wichtig, Schule nicht, Familie nicht, Pferde nicht (mehr). Wichtig ist nur: was die Freundinnen sagen. Und vor allem, was dieser unheimlich süße Junge zwei Straßen weiter sagt – der, dessen Augen man nur sieht, wenn er sich alle 30 Sekunden die Föhnwelle seitlich aus dem Gesicht streicht. Der 16-jährige Sohn geht neuerdings auf Saufpartys und kommt nachts um halb drei (ausgemacht war 24 Uhr!) in einem Zustand heim, den man nur verdrängen könnte, wäre da nicht das vollgekotzte Badezimmer. Wieder ausgenüchtert schlurft der junge Herr an den heimischen Esstisch und schwadroniert, während er drei Portionen Spaghetti und einen halben Kuchen in sich hineinschaufelt, über die Erfolge, die ihn zukünftig zweifellos erwarten. Heute hat er den Plan, Politiker zu werden, letzte Woche war es noch die Psychologie, die ihn reizte. Performance-Künstler wäre auch was. Oder Entwicklungshelfer. Aber egal, eines ist sicher:?Er wird alles besser machen als diese egozentrische, dekadente und zutiefst verachtenswerte Erwachsenengeneration, die alle ihre Träume an die Knete verraten hat, an das bisschen mitleiderregenden Wohlstand, und die die Welt in einem Zustand hinterlassen wird, für den man sie erschießen sollte. Über den Zustand seines Zimmers, wo sich zwischen vergammelnden Orangenschalen, großräumig verstreuten Chipsbröseln und fast leeren Joghurtbechern neues Leben entwickelt, falls die Erwachsenen im Haus nicht gut aufpassen, schweigt des Burschens Überschwang.

Die eigene Identität in der Pubertät zu entwickeln ist anstrengend  – auch für die Eltern

Sie kennen das? Nun, bevor Sie Ihre Kinder im Wald aussetzen oder zur Adoption freigeben, bedenken Sie bitte altersmilde: Es ist normal. Es geht vorbei. Es ist nur eine Phase, und zudem eine wichtige. Ihre Kinder probieren sich aus, sie testen, sie grenzen sich ab, auch von Ihnen, sie suchen einen Platz in der Welt. Sie explorieren, wie das die Entwicklungspsychologie nennt, und das ist unverzichtbar, um eine eigene Identität zu entwickeln. Die Mainzer Psychologieprofessorin Inge Seiffge-Krenke erklärt: „Im Jugendalter müssen sich die jungen Leute von den Eltern ablösen und sich fragen: Will ich werden wie sie? Inwiefern bin ich anders? Was will ich übernehmen? Sie müssen herausfinden, welcher Beruf zu ihnen passt und welcher Mensch als Partner, kurz: welche Rolle sie in der Gesellschaft einnehmen wollen.“ Der amerikanische Psychoanalytiker Erik Erikson hatte in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts diesen Prozess im Jugendalter als eine der entscheidenden Stufen der psychosozialen Entwicklung eines Menschen beschrieben, an dessen Ende eine stabile Identität gefunden sein sollte. 

Entscheidungen zu treffen gehört zum Erwachsenwerden

Heute allerdings dauert diese Entwicklung viel länger als früher. Die Professorin Inge Seiffge-Krenke: „Entwicklung von Identität bedeutet: suchen, ausprobieren, verwerfen. Und sich dann, und das ist wichtig, irgendwann entscheiden. Heute stellen wir aber in Studien fest, dass die jungen Leute im Alter von Mitte 20, Ende 20 immer noch auf der Suche sind und sich nicht entscheiden können, nicht für einen Beruf, nicht für eine stabile Partnerschaft.“ (Siehe Interview) Und damit immer noch keine Antwort auf die Frage haben: Wo ist mein Platz im Leben? Wo gehöre ich hin? Wer, verdammt noch mal, bin ich eigentlich? 

Die Identität bleibt ein Leben lang in Arbeit

Das Ich ist ein rätselhaftes Phänomen. Jeder spürt es, jeder fühlt es, jeder blickt aus seinen Augen auf die Welt. Es ist stabil, und es ist veränderlich. Es ist alles, was zu mir gehört und wohin ich gehöre. Alles, was ich von mir weiß und was ich über mich denke. Alles, was mich steuert und was mich jetzt und heute zu diesem einen unverwechselbaren Menschen macht. Vor 30 Jahren war ich anders, aber ich bin die Gleiche geblieben. Auch in Zukunft werde ich mich verändern und bleibe doch ich. Oder, wie der Philosoph Ernst Bloch sagte: „Wohin ich auch gehe, ich nehme mich immer mit.“ 

So ist das, und so bleibt es, ein Leben lang. Auch wenn im Jugendalter nach den nervenzehrenden Wirren der Pubertät die Weichen gut gestellt wurden, wenn ein Beruf gefunden wurde, der (fast immer) Spaß macht und ausfüllt, ein Partner gewählt wurde, mit dem es (größtenteils) passt, und auch die erste eigene Wohnung (meistens) so ordentlich ist, dass sie keine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt, wenn also der Start ins Erwachsenenleben gelang, bleibt die Identität immer in Arbeit. 

Der Mensch braucht ein Gegenüber als Spiegel

Identität ist nie fertig. Da ist kein fester, innerer Kern, kein „wahres Ich“, das sich nur aus uns heraus zu entfalten bräuchte, um dann als funkelnder Solitär im Leben zu stehen. Vielmehr geschieht und zeigt sich die Identitätsentwicklung immer auch anhand der sozialen Bezüge, denn kein Mensch lebt für sich allein. Sie zeigt sich in der Familie, im Freundeskreis, in den verschiedenen Teams in Beruf und Ehrenamt, überall dort, wo ein Mensch liebt, lebt und arbeitet, überall dort, wo jemand auf wichtige andere Menschen trifft. Menschen, die er braucht, um sich zu entwickeln, denn: Wir alle können uns nicht selbst ins Gesicht schauen. Um uns zu erkennen, brauchen wir einen Spiegel. Was ein Mensch über sich erfährt, erfährt er durch die Resonanz, die er im anderen findet. Ganz so, wie es der Religionsphilosoph Martin Buber in seinem berühmtem Satz ausdrückte, dass der Mensch am Du zum Ich wird. 

Unsere Identität schwingt ein Leben lang zwischen Stabilität und Wandel, zwischen dem Ich und dem Du, zwischen Autonomie und Bindung. Immer wieder wird sie herausgefordert und auf harte Proben gestellt:

„Von meiner Kindheit an war ich selten krank, und wenn mich mal ein Infekt erwischt hatte, war er schnell wieder vorbei. Seit ich denken kann, habe ich Sport getrieben, als Jugendliche Handball im Verein gespielt, später Ausdauersportarten, vor allem Laufen, auch Marathon. Das war immer meine Art, meine Kraft zu spüren. Ich war immer sicher: Selbst wenn alles wehtut, hat mein Körper noch Reserven. Ich kann mich auf ihn verlassen. Dass er mich so im Stich lassen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Als ich meine Krebsdiagnose bekam, hat mir das wirklich den Boden unter den Füßen weggezogen: nicht so sehr die Angst, dass ich sterben könnte, oder die Angst vor der Chemotherapie, sondern dass mein Körper so etwas tut.“
Michaela, 54 Jahre 

„Seit mein Mann mich von heute auf morgen verlassen hat, bin ich Single. Das fühlt sich so merkwürdig für mich an, ich sehe mich nicht so. Ich war jetzt 27 Jahre lang eine Ehefrau.“
Stefanie, 58 Jahre

„Bei meinen Freundinnen bin ich einfach die Prajna – ich bin wie sie, ich rede wie sie, ich lerne wie sie, ich denke wie sie. Zu Hause bin ich die brave Tochter meiner indischen Eltern, widerspreche nicht, füge mich. Ich darf nicht ausgehen, sogar wenn ich mal eine Stunde später aus der Schule komme, gibt es Stress. Niemals würden sie mir einen Freund erlauben, schon gar keinen deutschen. Europäer nehmen die Ehe nicht ernst, sagen sie. 

Ich fürchte, dass meine Eltern eine Ehe für mich arrangieren werden. Das will ich auf keinen Fall, aber wenn ich mich dagegen wehre, muss ich mit meiner Familie brechen. Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Prajna, 17 Jahre 

„Bald gehe ich in Rente. Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen – wie wird es sein, wenn ich nicht mehr arbeite? Wer bin ich dann noch?“
Ursula, 63 Jahre

„Seit mein Mann tot ist, fühle ich mich wie ein Baum, dessen Krone zur Hälfte weggebrochen ist. Unvollständig, amputiert.“
Annemie, 78 Jahre.

„Ich überlege schon lange, ob ich die griechische Staatsangehörigkeit aufgebe und die deutsche annehme. Ich lebe hier, seit ich vier Jahre alt bin, bin hier verheiratet, habe Kinder. Ich spreche besser deutsch als griechisch. Es wäre also nur logisch. Aber ich kann mich nicht überwinden, es käme mir vor wie ein Verrat.“
Sinowia, 38 

„Dass mir zuletzt ein Mann hinterhergepfiffen hat, ist lange her. Es ist, als wäre ich unsichtbar geworden. Natürlich stehe ich dazu, dass ich älter werde, das müssen wir ja alle. Aber ich kann nicht behaupten, dass mich meine grauen Haare und Falten ungerührt lassen. Manchmal erschrecke ich, wenn ich in den Spiegel schaue und denke: Bin das wirklich ich? Bin ich schon so alt?“
Sabine, 54 Jahre

Immer wieder erweist sich der Boden unter unseren Füßen als nicht so tragfähig wie gedacht, immer wieder müssen wir uns an veränderte Lebenslagen herantasten, ausprobieren was uns voranbringt und guttut. Uns Neues aneignen, auch wenn es zunächst fremd ist. Altes hinterfragen, wenn es uns nicht mehr zum Leben hilft. Und nach Stürzen irgendwann wieder aufstehen, das Krönchen zurechtrücken, die Schultern straffen. Die Zyklen sind dabei nicht grundlegend anders als bei den jungen Leuten an der Schwelle zum Erwachsenenalter: Ausprobieren, Verwerfen, Entscheiden – nur (hoffentlich!) flankiert von mehr Erfahrung, Geduld und Reife. Mit den Jahren kennen wir uns ein bisschen besser in uns aus: Unsere Identität ist gereift. 

Mein Blick auf mich wandelt sich

Die Frage nach der persönlichen Reife war der Schwerpunkt der Arbeiten der amerikanischen Psychologin Jane Loevinger (1918–2008). Sie erkannte in der Ich-Entwicklung das spezifische Muster, mit dem ein Mensch sich selbst und die Welt wahrnimmt und interpretiert. Dieses Muster wird im Laufe des Lebens mehrfach zu neuen, inneren Strukturen transformiert und führt idealtypisch zu einer immer größeren Bewusstheit über sich selbst. Das Ich ist aus Loevingers Sicht daher keine innere Instanz, sondern ein Prozess, der die Gedanken und Erfahrungen eines Menschen organisiert: Mein Blick auf mich selbst und auf die anderen kann sich im Laufe meines Lebens wandeln. Dass das jedoch nicht zwangsläufig und nicht linear passiert, weiß jeder, der schon mal seufzend aus einem Gespräch mit einem vom Schicksal verbitterten Menschen gegangen ist. 

Reife heißt auch: mit Widersprächen umgehen

Jane Loevinger beschrieb die Ich-Entwicklung als eine Abfolge von Sprüngen oder Entwicklungsschritten. Wo ein Mensch steht, ist durch einen von ihr entwickelten und vielfach empirisch bestätigten Test messbar. Loevinger arbeitete dabei Meilensteine der Entwicklung eines Menschen heraus, etwa wie stark er die Regeln einer Gruppe oder Gemeinschaft zum Maßstab seines Verhaltens macht. Auf dem konformistischen Entwicklungsplateau vermeidet ein Mensch Konflikte, erlebt starke Schuldgefühle, wenn er Erwartungen nicht entspricht, und denkt in schwarzweißen „Entweder-oder“-Kategorien. Wenn er weiter reifen kann, treten die Normen der anderen zugunsten eigener Werte und Vorstellungen zurück:?Er wird toleranter gegenüber individuellen Unterschieden, akzeptiert, dass Lebenslagen oft sehr komplex sind und sich nicht in Schwarz und Weiß, Gut und Böse einteilen lassen. Auf weiteren Entwicklungsstufen verinnerlicht man, wie sehr die eigene Wahrnehmung die Sicht auf die Welt prägt. Respekt vor der Selbstbestimmung anderer kann dabei wachsen, ebenso wie die Fähigkeit, die eigene Person zu reflektieren, negativ erlebte Seiten zu erkennen und als Teil seines Selbsts anzunehmen. Die Fähigkeit, mit Verschiedenheit und Widerspüchen umzugehen, wächst also, wenn eine Persönlichkeit reift, während das Bedürfnis sinkt, Dinge und Personen zu bewerten. In voller Reife (oder Weisheit?) kann vollständig akzeptiert werden, dass jeder Mensch anders ist. Diese Entwicklungsstufe erreichen laut Studien aber nur wenige. 

Im Alter zufrieden mit dem eigenen Leben

Was aber die meisten Menschen schaffen, ist vielleicht ohnehin wichtiger: nämlich widrige Lebensumstände, Schicksalsschläge oder schwerwiegende Veränderungen mit der Zeit in ihre Identität zu integrieren. Psychologen stellen immer wieder fest, dass die meisten Menschen im Alter im Grunde zufrieden und einverstanden mit ihrem Leben sind, auch wenn ihre Biografien heftige Einschnitte und Abschiede aufweisen, die sie durchleben und durchleiden mussten. Die Mainzer Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke: „Da werden enorme Anpassungsleistungen erbracht: Man sieht erstaunlich viele Leute, die es schaffen, sich zu verändern, mit Krankheit umzugehen, auch mit dem Tod umzugehen. Das ist wirklich bewundernswert.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 1+2/2017

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