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Maria – so fremd, so vertraut

Ein Blick auf die Gottesmutter – aus der Sicht zweier Konfessionen

In Bayern treffen in diesem Jahr zwei Jubiläen aufeinander: Die evangelischen Christen feiern 500 Jahre Reformation. Die Katholiken pilgern zu Maria, die vor 100 Jahren zur Beschützerin des Freistaates ausgerufen wurde. Ein Blick auf die Gottesmutter – aus der Sicht zweier Konfessionen.

Die Aussage der evangelischen Pfarrerin Hannah von Schroeders ist eindeutig: „Maria wurde in unserem Pfarralltag abgeschafft.“ Wenn sie überlegt, wann Maria vorkommt, fällt ihr als Erstes das Magnifikat ein, das prominent als Gebet im Evangelischen Gesangbuch steht. Und natürlich taucht Maria als wichtige Figur im Krippenspiel zu Weihnachten auf. Von Schroeders betont, dass es in der evangelischen Kirche keine negativen Assoziationen zu Maria gibt. „In der evangelischen Tradition wird von Maria erzählt, und das nur positiv.“ Doch gleichzeitig ist da die große Abwehr gegen alles, was mit Maria als Heilsvermittlerin zu tun hat. „Der Satz: ,Heilige Mutter Gottes, bitte für uns‘ ist für unsere Ohren etwas ganz Fremdes. Er käme mir nicht über die Lippen.“ Hannah von Schroeders ist Pfarrerin im oberbayerischen Chiemgau in der Kirchengemeinde von Aschau und Bernau. Zahlreiche Marienwallfahrtsorte sind ganz nahe. Sie beobachtet die katholischen Traditionen mit Erstaunen. „Ich fühle mich wie eine Touristin. Ich bin beeindruckt, ich bewundere das Tun, es bewegt mich auch, doch es ist mir fremd.“

Die Gottesmutter als Beschützerin Bayerns

Fremd ist ihr auch das Fest 100 Jahre Patrona Bavariae, bei dem die Gottesmutter Maria als Beschützerin Bayerns geehrt wird. Die Ursprünge dieses Jubiläums reichen viel weiter als hundert Jahre zurück. Das Fest wurde in der Zeit begründet, als sich durch die Reformation die beiden Konfessionen im Bereich der Marienverehrung auseinanderentwickelten. 

Luther bekannte sich zu seiner Marien- und Heiligenfrömmigkeit: „Es ist mir über die Maßen sauer geworden, dass ich mich von den Heiligen gerissen habe, denn ich bin über die Maßen tief darin gesteckt und ersoffen.“ In jungen Jahren lebte er noch mit der Vorstellung von Maria als Fürsprecherin im Jüngsten Gericht. Doch das widersprach seiner reformatorischen Haupterkenntnis. Danach wurde der Sünder allein um Christi willen, allein aus Gnade, allein durch den Glauben vor Gott gerechtfertigt. Luther lernte Gott als barmherzigen Vater zu sehen, der dem Sünder seine Gerechtigkeit in Christus schenkt. Wenn Christus für die SünderInnen selbst als Fürsprecher beim Vater eintritt, dann ist es nicht mehr notwendig, bei Maria vor dem strengen Richtergott Zuflucht zu nehmen. 

Der Herrscher verlangte marianische Frömmigkeit von seinen Untertanen

Da die Reformatoren die Heiligen- und Marienverehrung ablehnten, wurde sie im Gegenzug ein Kennzeichen des Katholischen. In Bayern fördert die katholische Haltung besonders Herzog – seit 1623 Kurfürst – Maximilian I. (1573–1651). Auf ihn geht letztlich die Vorstellung von Maria als Patronin Bayerns zurück. Selbst tief durchdrungen von marianischer Frömmigkeit, verlangt er sie auch von seinen Untertanen. Er verordnet, dass jeder einen Rosenkranz bei sich zu tragen habe und beim Gebetläuten – auch auf offener Straße – innehalten müsse, um den „Engel des Herrn“ zu beten. Die Marienverehrung wird Staatskult. Als äußeres Zeichen dafür bringt der Herzog 1616 an der neu erbauten Residenz in München eine überlebensgroße Bronzestatue an, die eine gekrönte Gottesmutter zeigt. Sie steht auf der Mondsichel, hat in der linken Hand ein Zepter und auf dem rechten Arm das segnende Christuskind. Vom Herzog selbst stammt die Bezeichnung „Patrona Boiariae“. Im Blick auf diese Herrscherin versteht er selbst sich als Statthalter. Für sie will er sein Land bewusst zu einer Hochburg der Marienverehrung machen und fördert deshalb sowohl alte wie neue Orden. Noch enger verbindet sich Maximilian 1635 mit Maria durch ein Gelübde. Als im Dreißigjährigen Krieg das feindliche Heer der protestantischen Schweden auf Bayern heranrückt, gelobt der Kurfürst „ein gottgefälliges Werk anzustellen, wenn die hiesige Stadt München und die Stadt Landshut von des Feindes endlichem Ruin und Zerstörung erhalten werden“. Er wird erhört. Zur Erfüllung seines Gelübdes lässt Maximilian die Mariensäule auf dem Münchner Schrannenplatz, dem heutigen Marienplatz, errichten. Die Darstellung der Madonna – eine überlebensgroße vergoldete Bronzefigur – wird zum Inbegriff der Gottesmutter als Schutzfrau Bayerns, als Patrona Bavariae. Wie es in der Inschrift ausgedrückt ist: „Jungfrau Maria, erhalte deinen Bayern das Sach’ und den Herrn, die Ordnung, das Land und den Glauben!“ 

Marienwallfahrten und Gnadenbilder entstehen

Auf welche Hilfe Maria bei ihrer Aufgabe, die Bayern zu schützen, zurückgreifen kann, wird bildlich dargestellt. An den Ecken des Sockels, auf dem die Mariensäule steht, kämpfen vier Engel in Rüstung gegen Untiere, die als die großen Plagen der Menschheit gedeutet werden können. Neben der Pest als Hahn mit Drachenschwanz, dem Krieg als Löwe und dem Hunger als Drache wird auch eine Schlange getötet, das Symbol für Unglaube und Ketzerei – was damals gleichgesetzt ist mit evangelischem Glauben. Maria, die siegreiche Königin, steht darüber und soll den Mittelpunkt des Landes bilden. Deshalb werden von ihr aus die Entfernungen zu den anderen Orten Bayerns vermessen.

Über die Jahrhunderte hinweg bleibt das bayerische Herrscherhaus dem Katholizismus und der marianischen Frömmigkeit verbunden. Marienverehrung und Marienwallfahrten breiten sich immer mehr aus und feiern im 17. und 18. Jahrhundert ihre Höhepunkte. Gnadenbilder und ganze Gnadenbildfamilien entstehen und verbreiten sich: Maria Schnee, Mariahilf, Maria Loreto oder die Schmerzhafte Muttergottes. Gleichzeitig leiden evangelische Christen vom 16. bis 19. Jahrhundert unter massiver Ausgrenzung. Erst 1803 erhalten Protestanten in Bayern die rechtliche Gleichstellung und Religionsfreiheit.

Als dann die Kriegsnöte des Ersten Weltkriegs das Land beuteln, greift König Ludwig III. auf die Tradition seines Hauses zurück. Maria soll um ihren Beistand angefleht werden. Er bittet Papst Benedikt XV., der Vatikan möge die Gottesmutter offiziell zur Patronin der Bayern erklären. Alljährlich soll unter dem Titel Patrona Bavariae im Marienmonat Mai ein Fest zu Ehren der Gottesmutter gefeiert werden. Der Papst genehmigt das Gesuch am 26. April 1916, und bereits am 14. Mai 1916 wird in München das Fest erstmals begangen. Im Jahr darauf in allen bayerischen Diözesen. 

Die Verehrung hält bis heute an 

So hat die Geschichte der Patrona Bavariae auf katholischer Seite starken Anteil daran, dass sich in Bayern die große Verehrung der Gottesmutter entwickelt. Maria wird bis heute in vielfacher Gestalt dargestellt und verehrt. Schon die Vorbereitung auf das Jubiläum in diesem Jahr hat das deutlich gemacht. Seit 2011 pilgerten Gläubige jedes Jahr an einen Wallfahrtsort in einer bayerischen Diözese. Dabei konnten sie unter anderem die Schwarze Madonna in Altötting besuchen, in Augsburg vor dem von Papst Franziskus hochverehrten Bild der Maria Knotenlöserin beten oder zur lächelnden Muttergottes in der Retzbacher Wallfahrtskirche im Grünen Tal wandern. 

Für die evangelische Seite erinnert die Geschichte der Patrona Bavariae dagegen wohl vor allem an die harten Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen. „Diese harten Kämpfe haben sich gelegt“, betont Hannah von Schroeders. In ihrem evangelischen Pfarralltag erlebt sie keine Zwistigkeiten mehr. Vielmehr gibt es eine gute ökumenische Zusammenarbeit. In ihrem Pfarralltag erlebt sie aber auch, wie sehr Menschen einen direkten emotionalen Zugang brauchen. „Wir evangelischen Christen sind oft sehr verkopft“, betont sie. Zwar ist sie skeptisch, denn mit Marienfrömmigkeit sei oft auch ein Frauenbild verknüpft, zu dem sie ungern zurückkehren würde. Doch spürt sie selbst, wie menschlich kindliche Sehnsüchte nach Schutz und mütterlicher Fürsorge sind. Hannah von Schroeders mag deshalb das Bild des blauen Mantels, wie ihn Schutzmantelmadonnen tragen: „Wie gerne würde ich mich auf der Suche nach Schutz, Trost und Verständnis in so einen tiefblauen Mantel hüllen! Ich weiß ja: Ich kann mich selbst an Gott wenden, wenn ich etwas brauche, ich kann auf mein Seelenheil vertrauen und auf Vermittler verzichten, ich übernehme selbst Verantwortung, bin doch erwachsen! Ja schon. Aber was, wenn es sehr kalt wird?“

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 5/2017

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