KDFB

Bücher, die verändern

Titelbild 1+2/2017
Titelbild 1+2/2017
Hildegard König
Regina Heyder
Dorothee Sandherr-Klemp
Andrea König
Ute Leimgruber
Sr. Nicole Grochowina
Barbara Janz-Spaeth
Maria Stettner

Theologinnen geben Buchempfehlungen

Welche Lektüre, welcher Film hat Sie in letzter Zeit überrascht und Ihr Denken verändert? Die Frage beantworteten evangelische und katholische Theologinnen. Die Katholikinnen engagieren sich in der Theologischen Kommission des KDFB-Bundesverbandes.

Das Eigene durch Fremde verstehen

Hildegard König, Professorin für Kirchengeschichte an der TU Dresden und ehemalige KDFB-Vizepräsidentin, hat David Kermanis Buch "Ungläubiges Staunen" (Beck Verlag, 2015) von einer Freundin geschenkt bekommen und in den Ferien am Meer gelesen. Mit welcher Entdeckerfreude und welchem Feingefühl sich ein religiöser Muslim dem Christentum nähert, hat sie tief beeindruckt: 

"Letzthin hatte ich jemand in unserem Haus zu Gast, dem Dinge auffielen, die ich längst gewohnt war und für selbstverständlich nahm. Unter seinem Blick klärte sich auch meine Perspektive: Wie schön ist das, was dich umgibt! Wie gut hast du‘s! 

Ganz ähnlich ging es mir bei der Lektüre von Kermanis Exkursionen in die christliche Bildwelt. Da betritt ein Gast, ein Muslim, mein eigenes Glaubensgebäude, und sein unverstellter, staunend-suchender Blick eröffnet mir neue Einsichten: So schön, so gut ist das, was dich umgibt und trägt! Kermani nähert sich meiner Religion als meditativer Betrachter von Bildern, und die Bildlosigkeit seiner eigenen Religion scheint seine Wahrnehmung zu schärfen: Er lässt sich ansprechen und anrühren, und das bringt seine eigenen religiösen Erfahrungen zum Klingen. Und damit rührt er wiederum tief an meinen eigenen Glauben.

Im Verlauf der Lektüre geht mir auf: Den Muslim und die Christin verbindet auf der Suche nach dem Geheimnis ihres Glaubens weit mehr, als sie trennt. Die Sehnsucht nach Verstehen ist keine schlechte Basis für eine gute gemeinsame Zukunft. Das macht Hoffnung."

 

Gottes Zuspruch erfahren

Die promovierte Theologin Regina Heyder ist Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung an der Universität Bonn und leitet die Theologische Kommission des KDFB-Bundesverbandes. Sie stellt die neuesten Forschungen zu Teresa von Avila vor, die Reinhard Körner in dem Buch „,Gott allein' genügt nicht – Gott nur ist genug" (Vier Türme Verlag, 2015) zusammengetragen hat: 

"Es ist einer dieser Texte, die für mich irgendwie immer schon da waren – das ,Nada te turbe' der Teresa von Avila. Ich habe das Gedicht als Taizé-Lied kennengelernt; seit 2013 findet es sich auch im Mainzer Diözesananhang des neuen Gotteslobs. ,Nichts soll dich ängstigen... Gott allein genügt', das schien mir eine logische Facette der Spiritualität Teresas von Avila, von der solche lebensfroh-souveränen Sätze wie ,wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn' oder das Gebet zum ,Herrn der Töpfe und Pfannen' stammen.

Die ökumenische Nacht der offenen Kirchen in Mainz haben wir in diesem Jahr mit einem offenen Singen alter und neuer Lieder aus dem Gotteslob ausklingen lassen, und ich sollte behutsam in die Texte einführen. Die Beschäftigung mit dem „Nada te turbe“ bot gleich zwei Überraschungen: Jacques Berthier hat nicht alle Verse des neunzeiligen Gedichtes vertont, in dessen Zentrum ein Wort steht – ausgerechnet „Geduld“. Die zweite Überraschung: Der Verfasser ist vermutlich Teresas langjähriger Vertrauter Johannes vom Kreuz. Der Text ist also nicht ein von ihr verfasstes Statement, sondern eine Zusage, die sie erhalten hat. ,Dich soll nichts ängstigen... Gott nur ist genug.' Teresa hat diese ihr so wichtigen Zeilen, diese Zusage in ihrem Gebetbuch aufbewahrt. Meist führen Bücher zu Überraschungen, in diesem Fall aber die Überraschungen zum Buch: Wer das ganze Gedicht, seine Kontexte, seine Text- und Übersetzungsgeschichte und Interpretationen kennenlernen möchte, der wird fündig bei Reinhard Körner."

 

Verborgene Glaubenswelten entdecken 

Die Religionspädagogin Dorothee Sandherr-Klemp arbeitet als Redakteurin, Buchautorin und Herausgeberin im Bereich christliche Spiritualität. Sie ist die Geistliche Beirätin des KDFB-Bundesverbandes. Es fasziniert sie, mit dem Roman "Die Hochzeit der Chani Kaufman" von Eve Harris (Diogenes, 2015) ein wenig in die verborgene Glaubenswelt des orthodoxen Judentums eintauchen zu können: 

"Dieser Roman, der sich leicht und spannend wie ein Krimi liest, erzählt die Geschichte einer jungen Frau mit eigenem Kopf im London der Gegenwart. Das Besondere dieser bewegenden und zugleich informativen Erzählung ist, dass sie mitten hineinführt in das Milieu des orthodoxen Judentums. Chani Kaufman wächst im fast hermetisch zu nennenden jüdisch-orthodoxen Milieu der britischen Metropole auf. Die englische Autorin Eve Harris schildert in ihrem Erstlingsroman diesen Mikrokosmos beeindruckend genau, subtil und höchst kenntnisreich. Es gelingt ihr, die wie aus der Zeit gefallene Enge und Strenge dieses in sich geschlossenen religiös-gesellschaftlichen Systems zu beschreiben, ohne es zu denunzieren. Denn sie vermittelt ebenso die Geistigkeit, die tiefe Frömmigkeit, das ernsthafte Ringen und Suchen nach Gott, nach Sinn und nach dem richtigen Leben. Der Lebensstrang einer zweiten Frau wird mit dem der jungen Chani, deren Hochzeit bevorsteht, verwoben. Die reife und kluge Rebecca ist vor vielen Jahren – um der Liebe ihres Lebens willen – bewusst den Weg vom liberalen zum orthodoxen Judentum gegangen. Die Lebensgeschichten der beiden Frauen veranschaulichen die ungeheure Härte einengender Rollenzuschreibungen – nicht nur, aber vor allem für die Frauen. Denn das Ideal der fügsamen und sich aufopfernden Ehefrau, die Hausfrau und Gebärerin zu sein hat, ist tief verankert. So werden auch die bescheidensten Versuche des Mädchens Chani, harmlose eigene Schritte zu gehen, sofort scharf sanktioniert. Wie kann Liebe, auch körperliche Liebe, wie kann gegenseitiges Verstehen wachsen und reifen, wenn sich die ,Liebenden' vor ihrer Hochzeit erst dreimal gesehen und nie berührt haben? 

Das Buch führt in die Tiefe religiöser Fragestellungen und regt zum Nachdenken über Liebe und gelingendes Leben, über Enge und Weite, Zwang und Freiheit, über Gott und die Welt an."

 

Mut zum Vorbild wählen 

Andrea König ist promovierte evangelische Theologin und Pädagogin. Seit 2013 ist sie zuständig für die evangelische Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und leitet die Fachstelle für Frauenarbeit im FrauenWerk Stein. Das mutige Eintreten der Reformatorin Argula von Grumbach, beschrieben von Silke Halbach in dem Buch "Die Reformatorin" (Verlag Kern, 2015) ist für sie ein Vorbild, dem sie gerne nacheifert:

"Selbstbewusst – ja, das muss sie wohl gewesen sein: Argula von Grumbach – die erste Frau überhaupt, die öffentlich für die reformatorischen Anliegen eintrat. Nachdem ein junger Gelehrter in Ingolstadt verurteilt wurde, legte sie sich mit der gesamten Universitätsleitung und den bayerischen Herzögen an. Sie forderte zu einer öffentlichen Disputation auf. Das kam einem Affront gleich. Ihre Schreiben wurden gedruckt, und sie wurde über Nacht zum Star. Dabei brachte ihr Handeln ihr viel Ärger ein. Ihr Mann verlor seine Stellung, die Familie setzte ihr zu und sie wurde als Teufelin diffamiert. Der historische Roman von Silke Halbach lässt einen tief in die Gedanken- und Gefühlswelt von Argula eintauchen, ohne dabei die historischen Umstände zu verfälschen. Am meisten beeindruckt dabei immer wieder zweierlei an Argula: zum einen, dass sie für eine fremde Person aus reiner Überzeugung eintrat, ohne selbst betroffen zu sein, und dafür ihr Leben und das ihrer Familie riskierte. Zum anderen, dass sie vehement darauf beharrte, nicht Luther zu bekennen, sondern Christus. Die Courage, der Mut und die tiefe Überzeugung dieser Frau ergreifen mich jedes Mal aufs Neue und lassen den Wunsch entstehen, nur ein kleines bisschen so zu sein, wie sie war."

 

Für eine lebenswerte Gesellschaft 

Die habilitierte Pastoraltheologin und Privatdozentin Ute Leimgruber aus Nürnberg arbeitet als Studienleiterin bei „Theologie im Fernkurs“ und liest seit Jahren begeistert die Texte von Carolin Ecke, darunter auch deren neuestes Buch "Gegen den Hass" (S. Fischer Verlag, 2016):

"Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich kann es schier nicht begreifen, in welchem Ausmaß Hass und Ressentiments salonfähig geworden sind. Dass rassistische, antisemitische, sexistische und nationalistische Hetze scheinbar in der Mitte der Bevölkerung auf Resonanz stößt, lässt mich erschaudern. Und immer wieder frage ich mich, wie man damit umgehen kann. Die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat ein Buch veröffentlicht, das sich genau dessen annimmt: „Gegen den Hass“. Sie beschreibt zum Teil erschütternde Ereignisse wie den Fall des blockierten Flüchtlingsbusses in Döbeln und deckt dabei Mechanismen auf, die zu Hass und Ablehnung führen: zum Beispiel der Wunsch nach Homogenität oder Reinheit. Viele Prozesse und Denkmuster habe ich dank der Lektüre besser duchschaut. Carolin Emcke bleibt aber nicht stehen bei der Analyse. Der Einsatz für eine plurale und für ALLE lebenswerte Gesellschaft steht für sie im Zentrum. Die vielen alltäglichen Formen der Ein- und Ausgrenzung in oft unhinterfragten Gesten oder Sprechgewohnheiten sind auch in meinem, in unserem Alltag – und hier gilt es, dem Hass den Raum zu nehmen, um „denen beizustehen, die bedroht sind, weil sie anders aussehen, anders denken, anders glauben oder anders lieben.“ „Gegen den Hass“ ist ein ungemein starkes Plädoyer für ein Zusammenleben, in dem Ressentiments und Hass nicht die Oberhand gewinnen."

 

Ein Leben nach dem Holocaust

Sr. Nicole Grochowina ist Mitglied der evangelischen Communität Christusbruderschaft Selbitz und arbeitet als Dozentin am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist fasziniert, wie der Autor Boris Cyrulnik traumatische Ereignisse seiner Kindheit überlebt hat und sie in dem Buch "Rette dich, das Leben ruft" (Ullstein, 2013) beschreibt:

",Ich wurde zweimal geboren# – so beginnt die Autobiographie des französischen Psychoanalytikers Boris Cyrulnik, eigentlich Jahrgang 1937. ,Zweimal geboren' heißt: Seine Eltern wurden deportiert, als er sechs Jahre alt war. Er jedoch wurde versteckt und überlebte so den nationalsozialistischen Rassenwahn. Cyrulnik ist Professor und Zeitgenosse zugleich – und in dieser Mischung erzählt er von seinem traumatischen und lebendigen Gedächtnis, vom Gefängnis der Vergangenheit und der Lebenslust, von der sprachlosen Ohnmacht und der wachsenden Fähigkeit, das Trauma in Sprache zu bringen. Und doch: Wird er sich je wieder sicher fühlen? Es ist das eindrücklich Überraschende dieses Buches, wie der Wissenschaftler und der Mensch über diese Frage im Gespräch sind und so die Worte auftauen, die den Menschen zu einer positiven Antwort führen. So bleibt am Ende weder Hass noch Vergebung, sondern die Einsicht: „Die Brände sind gelöscht... vielleicht.“

 

Idyllen misstrauen

Die langjährige Geistliche Beirätin im KDFB Rottenburg-Stuttgart, Barbara Janz-Spaeth, arbeitet heute für die Diözese als Referentin für Bibelpastoral. Sie schätzt die spannenden Bücher von Juli Zeh, zum Beispiel "Unter Leuten" (Luchterhand Verlag, 2016): 

"Ich habe das Buch von Julie Zeh im Urlaub innerhalb von zwei Tagen gelesen. Es hat mich gepackt, nicht nur, weil es spannend ist bis zur letzten Seite, sondern weil es so viele Überraschungen bietet. Der Roman spielt in einem Dorf, in dem man das ganze Leben des anderen kennt, in Schubladen steckt, so charakterisiert wird, wie die Mutter oder die Großmutter schon waren... Ein Dorf, wo alle Geschichten aus alten Generationen ständig aufleben, wiederholt werden und Neue(s) als feindliche Störung betrachtet werden. Julie Zeh zeigt deutlich auf, wie Druck von außen ein Verhalten fördert, das äußerst lebensfeindlich im Innern und für die Einzelne wirkt. Die Stärke nach außen ist gleichzeitig die größte Schwäche im Innern, wenn jede Veränderung als Bedrohung verstanden wird. Mir hat das Buch gezeigt, dass Menschen ihre eigene Identität verlieren, wenn sie nicht offen für Fremde(s), Unbekannte(s), Von-außen-Kommende(s) sind. Und dass es immer mindestens zwei braucht, wenn jahrzehntealte Strukturen aufgebrochen werden sollen. Es ist eine ernüchternde und zugleich spannende Lektüre, weil zwischen den Zeilen unendlich viele Möglichkeiten stecken, wie das Dorf Unterleuten zu einem lebensfrohen Ort werden könnte, wenn es sich diese Offenheit erlauben würde."

 

Im Glauben treu bleiben

Die promovierte Theologin Maria Stettner ist Kirchenrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und arbeitet im Bereich Ökumene und interreligiöser Dialog. Der Film "Von Menschen und Göttern" (als DVD erhältlich) hat sie tief beeindruckt:

"Im Jahr 1993 herrscht in Algerien Bürgerkrieg. Eine kleine Gemeinschaft von Trappistenmönchen lebt mitten unter der muslimischen Bevölkerung eines kleinen Dorfes. Ihr Leben ist geprägt vom Gebet und von der Arbeit – sie bestellen das Feld, der Arzt Luc kümmert sich auf der Krankenstation um die Menschen. Mit der unmittelbaren Gefahr durch Militär und Islamisten sickert die Angst ein, der sich die Mönche einzeln und als Gemeinschaft stellen. Beeindruckt hat mich das Ringen der Mönche: bleiben, in Solidarität mit den Menschen des Dorfes, oder fliehen? Wie können sie der Berufung treu bleiben? Sie entscheiden sich zu bleiben und bezahlen mit dem Leben."

 

Freiheit hinter Mauern finden

Die promovierte Pastoraltheologin Ursula Silber ist Rektorin im Martinushaus in Aschaffenburg. In Zusammenhang mit dem bevorstehenden Reformationsjubiläum 2017 stieß sie auf eine faszinierende katholische Zeitgenossin Luthers, auf Caritas Pirckheimer. Silber stellt das Buch von Anne Bezzel "Jenseits der Mauern die Freiheit" (Wartburgverlag, 2013) vor: 

"Im gerade erst protestantisch gewordenen Nürnberg wehrt sich eine ,altgläubige' Äbtissin gegen die gewaltsame Auflösung ihres Klosters: Caritas Pirckheimer, eine gebildete und selbstbewusste Frau, streitet mit weltlichen und geistlichen Würdenträgern. Drei junge Schwestern sollen das Kloster verlassen dürfen, so fordern es ihre Verwandten – doch die Mädchen wollen bleiben. Im Dialog mit dem Reformator Philipp Melanchthon findet die Äbtissin Caritas einen Verbündeten gegen Engstirnigkeit und Willkür. Aber was wird aus den Mädchen? Gerade zum Reformations-Gedenken 2017 lenkt dieser kleine, aber feine historische Roman den Blick auf ganz ungewohnte Facetten der Geschichte. Wenngleich sicher manche Mädchen und Frauen froh waren, ein unfreiwilliges und unglückliches Klosterleben hinter sich zu lassen, so galt das nicht pauschal für alle; manche Frauen fanden gerade im Kloster einen Freiraum, in dem sie sich geistig und spirituell entfalten konnten. Und auch heute noch ist die Frage aktuell, ob nicht manche ,Zwangsbefreiungen' zwar gut gemeint, aber letztlich doch eine Form von Gewalt sind."

Die Buchempfehlungen wurden zusammengetragen von Anne Granda

aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 1+2/2017