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Werke der Barmherzigkeit

„Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“ – so lauten die ersten Worte der Verkündigungsbulle, mit der Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit eröffnet hat. Der Papst beschreibt mit diesem Satz einen Jesus, der mit dem, was er tut, was er verkündigt, mit seinem ganzen Leben, dem barmherzigen Wesen Gottes ein Gesicht gibt.

Die meisten biblischen Erzählungen und Gleichnisse des Neuen Testaments kreisen nur darum: Jesus spricht von Gott als barmherzigem Vater, gutem Hirten oder gnädigem Gutsbesitzer. Der verlorene Sohn, das verlorene Schaf und die verlorene Drachme werden hingebungsvoll gesucht. Das heißt: Jesu zentrales Anliegen besteht darin, dass sich die Menschen auf die Barmherzigkeit Gottes einlassen und dann selbst barmherzig handeln. 

Es geht ums Ganze

Diesen Kern des Evangeliums verdeutlichen nach der Neutestamentlerin Sr. Margareta Gruber auch Jesu Worte über das Weltgericht. „Wenn er sagt, dass am Ende der Zeiten alle nach ihren Werken gerichtet werden, scheint das zunächst eine harsche Warnung zu sein. Leider hat man in der Wirkungsgeschichte vor allem auf die Menschen geschaut, die gemäß dieser Gerichtsrede in die Hölle geschickt werden. So kam es, dass man sich in Angstschleifen verfangen konnte. Dabei hat man vergessen, dass die Mahnung so drastisch ist, weil es ums Ganze geht. Denn die Mahnung ist nur die Kehrseite von einem ungeheuren Angebot. Es ist zugesagt, dass jeder und jede mit einem unglaublich geringen Aufwand, nämlich mit einem einzigen kleinen Vertrauensakt auf den barmherzigen Gott hin, gerade nicht in die Hölle kommt.“ 

Die Bibelstelle zeigt, wie die Menschen handeln, die diesen Schritt gemacht haben: Sie geben Hungrigen zu essen, Durstigen zu trinken, nehmen Fremde und Obdachlose auf, bekleiden Nackte und besuchen Kranke und Gefangene. Im Laufe der Kirchengeschichte kamen zu diesen sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit noch sieben geistige hinzu. Danach sollen Christen Irrende zurechtweisen, Unwissende lehren, Zweifelnden recht raten, Trauernde trösten, Lästige geduldig ertragen, denen gern verzeihen, die beleidigt haben, und für Lebende und Tote beten. Die Mahnungen von Jesus in der Gerichtsrede beziehen sich auf die Worte Gottes im Alten Testament. Beim Propheten Jesaja erklärt Gott, dass er von den Menschen kein äußeres Fasten will: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungernden dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen“ (Jesaja 58,6f.). Sr. Margareta Gruber ist überzeugt, dass sich die Theologie viel zu sehr auf das Strafen und das Gericht fixiert hat, zum Beispiel auch beim Gleichnis vom Knecht, der zunächst von seinem Herrn eine ungeheuer große Schuldensumme erlassen bekommt. Bei nächster Gelegenheit behandelt er aber selbst seinen Mitknecht wegen einer winzigen Summe völlig unbarmherzig und wird dafür dann hart bestraft. In dem Gleichnis geht es aber nicht um die drastische Strafe, so Gruber. Vielmehr soll die Geschichte die Menschen aufrütteln: „Wie dumm seid ihr eigentlich, diese riesige Barmherzigkeit nicht anzunehmen und bei eurer Kleinlichkeit zu bleiben?“ 

Was uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn sagen kann

In vielen Schriftgesprächen über das Gleichnis vom verlorenen Sohn erlebt es Sr. Margareta Gruber bis heute, dass Leute sich mit dem Sohn identifizieren, der brav zu Hause geblieben ist und das Vermögen des Vaters nicht verjubelt hat. Seine Behandlung durch den Vater sei doch ungerecht. Doch ist die Theologin überzeugt, dass das Gleichnis nicht so sehr nach der Gerechtigkeit fragt, sondern die Menschen auffordert: „Setzt alles daran, in die Rolle des verlorenen Sohnes zu kommen. Oder eben des verlorenen Schafes oder des Zöllners.“ Und sie sagt: „Das ist der Grund, warum die wirklich Armen die Botschaft Jesu schneller verstehen. Das war schon zu Zeiten Jesu so. Die Armen und die Ungerechten sind ihm nachgelaufen und nicht die anderen. Natürlich ist es nicht gut, Zöllner, Prostituierte oder Ehebrecher zu sein. Aber diese Menschen sind an einen Punkt im Leben geraten, wo sie schneller verstanden haben, welches Angebot Gottes Barmherzigkeit ist. Und nur das interessiert Jesus.“ 

Ist die Kirche zur Moralanstalt geworden?

Dass Christen noch heute oft die falsche Brille aufhaben, sieht Sr. Margareta Gruber bei Kardinal Kasper bestätigt, der in seinem Buch über die Barmherzigkeit zu dem Schluss kommt, dass die Kirche viel zu sehr eine Moralanstalt geworden ist, statt eine Verkünderin der Barmherzigkeit, die eben zunächst einmal gratis ist. 

Wie die Verkündigung der Barmherzigkeit aussehen soll, dafür hat Papst Franziskus ein anschauliches Bild entworfen:

„Ein Feldlazarett, das ist das Bild, mit dem ich am liebsten diese ,hinausgehende Kirche‘ beschreibe, denn es wird dort aufgeschlagen, wo Kämpfe stattfinden. Es ist kein fest gemauertes Haus, in dem alles vorhanden ist und wo man hingeht, um seine großen und kleinen Wunden versorgen zu lassen. Es ist eine mobile Einrichtung für die Erste Hilfe, die Notversorgung, die man braucht, damit die Kämpfenden nicht sterben. Dort wird Notfallmedizin betrieben. Man nimmt dort keine ausgefeilten Untersuchungen vor."

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 4/2016

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