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Weltmarkt im Kuhstall

Deutsche Bauern sind von der Milchkrise in ihrer Existenz bedroht. Nur Biomilch erzielt noch existenzsichernde Preise. Foto: Bardehle

Die Lage ist dramatisch: Ein Jahr nach dem Ende der Milchquote stehen viele Bauern vor dem Aus. Ein Familienbetrieb zeigt, wie eine nachhaltige Milchwirtschaft möglich ist.

Wer denkt schon an den Weltmarkt, hier, zwischen den prächtigen oberbayerischen Bauernhöfen, den Wäldchen und sanften Hügeln, von deren Kuppen der Blick bis tief in die noch schneebedeckten Alpen reicht? Friedlich liegen Kühe auf den Wiesen, gemächlich wiederkäuend wie seit Jahrhunderten. Birnbäume stehen in voller Blüte, und über dem Land kreist ungestört ein Bussard. Dann und wann gleitet er höher, liegt mühelos in der Luft, bevor er sich langsam wieder sinken lässt, elegant und ohne Eile, den spähenden Blick stetig aufs Gras gerichtet, das die Kühe der umliegenden Höfe kurzhalten. Vielleicht hat er seinen Horst in einem der Fichtenwäldchen, vielleicht wird er gleich eine Feldmaus erwischen, eine unvorsichtige junge Amsel oder eine Blindschleiche. Sicher ist, dass er sich nur holen wird, was er und seine Brut an diesem kühlen Frühlingstag brauchen. Nicht mehr.

Maß halten ist das Gebot der Stunde

Maß halten, das scheint sein gleichmütiger Flug zu sagen, Maß halten mit Energie und Beute, mit Jagd und Kraft. Vielleicht reicht ein Blick auf den kreisenden Bussard aus, um zu erkennen, was schiefläuft in der Landwirtschaft und der Agrarpolitik, was schiefläuft mit dem unersättlichen Wachstum, der Überproduktion, dem Immermehr und Vielzuviel an allem und an jedem. 

Preisverfall bei der Milch

Milchkrise. In den vergangenen zwei Jahren sank der Milchpreis rapide, und kein Ende ist in Sicht. Mit den knapp 30 Cent, die Bauern im Frühjahr für einen Liter konventioneller Milch erhielten, ist kein Geld zu verdienen – er deckt nicht einmal die Produktionskosten. Viele kleine Höfe können das Preisdumping nicht überbrücken, aber auch den großen geht die Luft aus: Vier Prozent der Milchviehbetriebe mussten im vergangenen Jahr dichtmachen, über 3.000 Höfe waren das. Die Verbliebenen setzten meist darauf, die niedrigen Einnahmen über die Menge auszugleichen, und überschwemmten die Märkte. Jedoch: Nach marktwirtschaftlicher Logik drückt je­des Überangebot auf die Preise, und so entstand eine Spirale nach unten, die nicht nur bayerische, deutsche, europäische Bauern in Existenznot bringt, sondern auch direkte Auswirkungen auf die armen Länder des Südens hat. 

„Es geht um nicht weniger als um die Existenz der bäuerlichen Familienbetriebe“, alarmierte der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes Walter Heidl im April. Und tatsächlich ist in Bayern die Lage besonders angespannt: Mehr als ein Fünftel der deutschen Bauernhöfe steht im Freistaat. Die meisten werden von Familien geführt, und im bundesdeutschen Vergleich sind sie klein: Ein bayerischer Milchviehbetrieb hat durchschnittlich 36 Kühe. Zum Vergleich: im Bundesschnitt sind es 58, in Brandenburg sogar 224.

Familie Eichner setzt auf Bio – seit 20 Jahren

Die 42-jährige Milchbäuerin Barbara Eichner strahlt eine Ruhe aus, wie das vielleicht nur eine achtfache Mutter kann. „Die Milchkrise? Nein, die ist hier kein Thema“, sagt sie und lacht, als müsste sie sich dafür entschuldigen. Während sie von ihrem Alltag erzählt, fängt sie immer wieder den kleinen Alois ein, ihren gut einjährigen Nachzügler, der geschickt auf Stühle, aufs Sofa, auf den Tisch kraxelt und spitzbübisch lacht, wenn die Ma­ma ihn abpflückt. Seine Brüder, beide noch keine Schulkinder, toben ausgelassen durch die geräumige, rot und beige gekachelte Diele des alten Bauernhauses auf dem oberbayerischen Jasberg bei Dietramszell, während vor der Haustür, ge­schützt unterm Dachüberstand, Hofhund Lucki döst. Ein Bauernhof wie aus dem Bilderbuch, einer, dem die Milchkrise nichts anhaben kann. Denn die Milch, die Barbara und Sepp Eichner ökologisch erzeugen, ist auf dem Markt gesuchte Mangelware. Die Preise sind bei etwa 50 Cent pro Liter stabil. 

Bereits vor über zwanzig Jahren hat Sepp Eichner auf ökologische Landwirtschaft umgestellt, als er eben, knapp dreißigjährig, den elterlichen Hof übernommen hatte. „Damals warst halt ein Spinner“, sagt er schulterzuckend, „aber für mich waren weniger idealistische Ziele ausschlaggebend als ökonomische. Wir haben schon immer extensiv gewirtschaftet, da war’s kein großer Schritt, auf Bio umzustellen.“ 

50 Kühe stehen bei den Eichners im Stall und auf den Wiesen, dazu kommen Kälber und Kalmen, wie die weib­lichen Jungtiere genannt werden, bevor sie das erste Mal trächtig werden, außerdem ein Stier und ein paar Ochsen. 120 Stück Vieh sind im Schnitt auf dem Hof. Sechs Ferkel staksen im Schweinestall, auch sie haben einen kleinen, sonnigen Auslauf. Die größeren Sauen, feist und neugierig, wühlen sich hingebungsvoll durch Gras und Schlamm der eingezäunten Wiese und stellen sich nur unter, wenn echtes Sauwetter herrscht. Im alten Kälberstall ist das Heu frisch aufgeschüttet, die tief hängenden Lampen wärmen es vor für Gockel und Gänse, die bald hier einziehen werden. 

Kontrapunkt zur herrschenden Wirtschaftsdoktrin: "Wir wollen nicht erweitern"

52 Hektar Grünland gehören zum Hof und ernähren das Vieh, zusätzlich erhalten die Rinder zugekauftes Kraftfutter, ökologisch und ohne Gentechnik er­zeugt. Als Sepp und Barbara Eichner vor ein paar Jahren den neuen Laufstall planten, in dem sich die Kühe frei bewegen können, war für sie klar: „Wir erweitern nicht. Wir wollen nicht wachsen.“ Was Hof und Hofladen abwerfen, ernährt die elfköpfige Familie, zu der auch die Austragsbäuerin und Oma der acht Kinder gehört. 

Eine klare Absage ans Größerwerden – das ist ein Kontrapunkt zu einer Wirtschaftsstruktur, die auf an­dauerndem Wachstum beruht. Ein Kontrapunkt auch zu den marktwirtschaftlichen Strategien der Europäischen Union. Rund 60 Milliarden Euro fließen alljährlich aus Brüssel in die Landwirtschaft, das sind fast 40 Prozent des EU-Haushalts. Allein Deutschland er­hält aus diesem Topf jährlich rund sechs Milliarden. Das Geld ist heiß umkämpft: Agrarpolitik war schon immer eines der wichtigsten Aufgabenfelder bei der Einigung Europas. Und so haben die europäischen Bäuerinnen und Bauern im Laufe der Jahrzehnte un­zählige Reformen und Neuordnungen miterlebt und oft genug auch miterlitten. Zur Zeit gilt ein Modell, das auf zwei Säulen ruht: Förderprogramme für eine nachhaltige Landwirtschaft einerseits. Und Direktzahlungen an die Landwirte, die von der Größe der bewirtschafteten Fläche abhängen. Für die Bäuerinnen und Bauern machen diese Zahlungen bis zu 40 Prozent ihres Einkommens aus. 

Die Warnung vor dem Höfesterben verhallte

Der tiefste Einschnitt der aktuellen Agrarreform war das Aus für die Milchquote, die ab 1984 die Butterberge abschmelzen und Milchseen austrocknen sollte und doch nie so richtig funktionierte. Auch während sie galt, schwankten die Preise erheblich. Seit April 2015 nun sind die festen Kontingente Vergangenheit – und das, obwohl der Europäische Rechnungshof auf die dramatischen Folgen – die Instabilität des Weltmarkts, die drohende Überproduktion, das Höfesterben – bereits 2009 hingewiesen hatte. Doch die Warnung der Ökonomen verhallte. Seit dem vergangenen Jahr dürfen Bauern so viel Milch erzeugen, wie sie wollen und für richtig halten. „Wachsen!“ und „Exportieren!“ lautete die De­vise, die vom Bundeslandwirtschaftsministerium wie vom Bauernverband ausgegeben wurde. Der freie Markt würde sich schon selbst regeln, ohne Eingriffe der Politik. 

Insbesondere die großen Micherzeuger sahen ihre Chance gekommen: Viehbestände wurden aufgestockt, die Milchmenge erhöht und auf den Weltmarkt geworfen. Gleichzeitig diktieren im Inland die großen Einzelhandelsketten die Milchpreise: Wenn bei Aldi oder Lidl der Liter Milch 55 Cent kostet, bleibt für die Erzeuger nicht genug übrig. 

Der Preis wird auf dem Weltmarkt gemacht

Der Handel allerdings weist die Verantwortung von sich: „Wer Supermärkte und Discounter verantwortlich macht, redet am Thema vorbei: Die Preisbildung für Milch und Fleisch erfolgt auf dem Weltmarkt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Stefan Genth, im April. Die niedrigen Preise seien die Folge einer verfehlten Agrarpolitik, die ausschließlich darauf gesetzt habe, immer mehr zu produzieren. Und tatsächlich gehen knapp 50 Prozent der in Deutschland produzierten Milch in den Export. Auch das Institut für Ernährungswirtschaft (ife) in Kiel bestätigt, dass der Milchpreis in Deutschland zu 80 Prozent von den Preisbewegungen auf den internationalen Milchmärkten – wie zum Beispiel Ozeanien – ab­hänge. Wie das ife ermittelte, lag der Rohstoffpreis für ein Kilogramm Standardmilch ab Hof im vergangenen März nur noch bei 19,8 Cent. Das ist der niedrigste Wert in diesem Jahrzehnt, und er lässt nichts Gutes für die Preisentwicklung der kommenden Monate erwarten.

Die Verbraucher sollen's richten

Was kann da helfen? Bayerns Landwirtschaftsminister Brunner suchte im vergangenen Jahr Schützenhilfe bei den VerbraucherInnen: Sie sollen sich das Qualitätsprodukt Milch etwas kosten lassen, statt nach dem al­lerbilligsten Preis zu schielen. In einer Kampagne warb sein Ministerium auf Plakatwänden, in Tageszeitungen, in Supermärkten. „Fair Trade auch dahoam!“, „Stoppt Milchdumping!“ hießen die Slogans und: „Spart uns nicht die Bauern weg!“ und „Mindestlohn für Kühe!“ So sympathisch die Kampagne mit dem Foto einer prachtvoll aufgeputzten Kuh auch daherkam: Ist es wirklich an den VerbraucherInnen, zu richten, was der Politik nicht gelingt? 

Verkauf im Hofladen – ein Zusatzeinkommen für Landwirte

Die Nacht zum Samstag ist kurz für Bäuerin Barbara Eichner: Nach zweieinhalb Stunden Schlaf steht sie wieder auf, um im Steinofen frisches Brot für den Hofladen zu ba­cken. „Zwischendurch wische ich hier durch oder hänge Wä­sche auf und beschäftige mich irgendwie, während das Brot im Ofen ist. Ich traue mich nicht, mich hinzulegen, weil ich Angst habe, dass ich einschlafe und alles verbrennt“, erzählt sie. Um fünf Uhr ist die Arbeit der Nacht getan und die des Tages beginnt: Die Kühe müssen gemolken werden, die Oma schaut derweil nach den Kindern, während Sepp Eichner, der Bauer, vor der Stallarbeit seinem Bruder, einem gelernten Metzger, dabei hilft, das Fleisch frisch geschlachteter Tiere auszulösen, das ebenfalls im Hofladen verkauft wird. Mal gibt es Schwein, mal Rind, im Sommer auch Geflügel, die Kunden und Kundinnen werden per E-Mail über das Angebot der Woche informiert. Viele Sorten Würste gibt es, Regensburger, Debreziner. Dazu Honig und Marmeladen, süße Schmalznudeln und duftendes frisches Brot. Im Laden helfen die großen Töchter der Eichners und die Schwägerin. 

In Bayern gibt's die meisten Bauernmärkte

Der Direktvertrieb in Hofläden, auf Bauernmärkten oder Straßenständen schafft vielen Höfen ein Zusatzeinkommen, und sehr oft liegt die Organisation in den Händen der Bäuerinnen. Das Interesse an hochwertigen und frischen Erzeugnissen aus der heimischen Landwirtschaft ist groß und wächst ständig. 2015 waren es bereits rund 15 Millionen Menschen, die in Deutschland Lebensmittel genossen, die direkt beim Erzeuger oder in Hofläden gekauft wurden. In Bayern gibt es rund 3.500 landwirtschaftliche Direktvermarkter, in ganz Deutschland sind es geschätzte 20.000 bis 30.000. Von den gut 350 Bauernmärkten in Deutschland findet nach den Zahlen des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums, das die Direktvermarktung unterstützt, gut die Hälfte in Bayern statt. Oft sind es Öko-Betriebe wie bei den Eichners.

Der direkte Kontakt zu den VerbraucherInnen im Hofladen, das ist die eine Seite des globalen Spannungsbogens, in dem bäuerliche Betriebe heute stehen: Hier die Kundschaft, der Hof, das Dorf, die Verbundenheit mit dem Land, mit der Scholle wie seit Jahrtausenden. Dort der Weltmarkt, auf dem nur ökonomische Regeln von Menge und Masse gelten. Da­zwischen die Verantwortung für die Tiere und Menschen, für nachhaltige Bodennutzung, für Soziales. Der Bogen ist weit, die Anforderungen komplex und drängend. 

Sepp Eichner ist ein nachdenklicher Mann, dem bewusst ist, dass er nicht nur Bauer im schönsten Oberbayern ist, sondern auch eine globalisierte Welt voller Widersprüche betritt, wenn er morgens in den Kuhstall zum Melken geht. Neulich, zum Beispiel, da war er auf einer Bioland-Tagung. Da hat ein Kollege seinen Hof präsentiert, der ähnlich groß ist wie der der Eichners. Ein blühender Hof, 7.500 Liter Stalldurchschnitt, be­wirtschaftet im Nebenerwerb: Bäuerin und Bauer gehen neben der Landwirtschaft noch einer Erwerbsarbeit nach. 

Immer weiter wachsen – für viele ist das selbstverständlich

Da hat er sich zu Wort gemeldet, der Sepp Eichner, und harmlos-hintersinnig nachgefragt: Warum der Kollege denn Nebenerwerbslandwirt sei, bei dieser Hofgröße? – „Na, das geht“, hat der Kollege geantwortet. Da müsse man sich halt sehr gut organisieren, gutes Time-Management betreiben, effizient sein. Und so weiter. – „Jaja, schon“, hat da der Eichner gesagt, aber das habe er mit der Frage nicht gemeint. Sondern: „Ich hab' 50 Kühe, 5.500 Liter Stalldurchschnitt. Aber ich bin Vollerwerbslandwirt. Warum g‘langt jetzt des bei Eahna net?“

Da wusste der Kollege nicht recht, was er sagen sollte. So selbstverständlich ist das Wachstum, dass die Antwort schwerfällt, wenn es hinterfragt wird. 

Die Agrarminister der Länder allerdings haben bei ihrer Frühjahrskonferenz im April unter dem Druck der Existenzkrise genau diese Notbremse gezogen und die Bauern aufgefordert, in Eigenverantwortung weniger Milch zu produzieren. Sollte das nicht gelingen, werde der Staat eingreifen.

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 6/2016

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