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Weltgebetstag der Frauen: Kuba

Kuba ist die größte und bevölkerungsreichste Insel der Karibik; © WGT e.V.
Landleben in Westkuba; Foto: L. Schürmann

Lange Zeit war Kuba wegen seiner sozialistischen Regierung ein Feindbild für die westliche Welt. Jetzt beflügeln die Annäherungen an die USA bei den Inselbewohnern Hoffnungen auf ein besseres Leben. Schließlich wird der Alltag der Frauen seit Jahrzehnten durch einen Mangel an Nahrung und Verdienstmöglichkeiten bestimmt. Ein Beitrag zum Weltgebetstag am 4. März.

Es ist schwül, sehr schwül. Ein rostiger Ventilator verwirbelt die feuchte Luft. Tania sitzt über einer komplizierten Näharbeit, die am nächsten Tag fertig sein muss. Die 38-jährige Kubanerin arbeitet untertags als Nuklear-Physikerin, ihr Mann Carlos als Arzt. Doch das Geld reicht nie. Zusammen verdient das Ehepaar umgerechnet 40 Euro im Monat. So hat Tania wie viele Kubanerinnen Nebenjobs, um über die Runden zu kommen: „Wenn ich nicht nähe, backe ich Kuchen, die Nachbarn bei mir bestellen. Es ist für mich unendlich mühselig, unsere Familie mit zwei Kindern ernähren zu können. Auch gibt es auf die staatlichen Lebensmittelkarten immer weniger Reis, Kaffee oder Bohnen.“

Das Gehalt reicht nicht zum Überleben

Armut bestimmt seit den 1990er-Jahren den Alltag der Kubaner. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Kuba seinen wichtigsten Handelspartner. Es folgte eine schwere Wirtschafts- und Energiekrise, denn nur die Devisen aus dem Ostblock hatten den sozialistischen Karibik-Staat am Laufen gehalten. Das Wirtschaftsembargo der USA, das seit 1962 Amerikanern den Handel mit Kuba verbietet, hatte zu einer wirtschaftlichen Abhängigkeit von der UdSSR geführt. Plötzlich wurden keine Ersatzteile mehr für die russischen Traktoren, kein Benzin und auch keine Düngemittel mehr geliefert. Bauern mussten wieder mit dem Ochsengespann das Feld pflügen. Lebensmittel- und Ölimporte wurden knapp. Wirtschaft und Agrarbereich kamen fast zum Erliegen. 

Dramatischer Verfall des Lebensstandards

Kubas damaliger Präsident Fidel Castro rief 1990 eine „Sonderperiode“ aus: Stromsperren und Warenrationierungen sollten den Staat vor dem Kollaps retten. Die Kubaner erlebten einen dramatischen Verfall ihres Lebensstandards. An dieses harte Sparprogramm kann sich Weltgebetstagsreferentin Doralkis Watson noch sehr gut erinnern: „Wir hatten so wenig zu essen, dass es nur für uns Kinder gereicht hat. Meine Mutter ist oft hungrig ins Bett gegangen. Es gab wirklich gar nichts, ab und zu Strom, alle fünf Tage kam mal Wasser aus der Leitung. Das war dann oft schmutzig.“ 

Beim KDFB-Weltgebetstagsseminar in Fürstenried informierte die 31-jährige Kubanerin über ihr Land, das seinen Einwohnern zwar ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem bietet, aber „sonst nichts“, wie sie sagt. Es mangelt nicht nur an Dingen des täglichen Lebens, an Geld und Nahrung, sondern auch an persönlicher Freiheit: „Wer öffentlich seine eigene, womöglich staatskritische Meinung äußert, muss damit rechnen, verhaftet zu werden. Auch die Presse ist zensiert. Es steht nur das in der Zeitung, was die Leute wissen sollen.“ 

Keine Presse- und Meinungsfreiheit

Der feste Wille, sich nicht staatlich manipulieren zu lassen, gab Doralkis die Kraft, über ihr Leben selbst zu bestimmen – obwohl die Regierung anderes mit ihr plante. Als Siebtbeste von 400 Abiturienten ihrer Schule in Santiago de Cuba zählte sie zur Kubas jugendlicher Elite. Mit den besten Absolventen des Landes wurde eine Spezial-Universität auf einer ehemaligen russischen Funk-Abhörstation gegründet. Vorgegebenes Studienfach: Informatik. „Auch Fidel Castro kam vorbei, um uns in Ansprachen auf den Sozialismus einzuschwören.“ Sonderbedingung dieser Universität: Wer fertig studiert hat, darf zehn Jahre lang nicht das Land verlassen. „Als ich das erfuhr, hatte ich nur noch drei Gedanken: Ich lasse mich nicht manipulieren! Ich will das nicht! Ich will hier weg!“, erinnert sich Doralkis. 

Um die Universität vorzeitig verlassen zu können, gab sie vor, dass ihre schwer erkrankte Mutter im Alltag ihre Hilfe bräuchte. Kurze Zeit später wanderte Doralkis aus. Die Gelegenheit bot sich, als sie einen Deutschen kennenlernte, sich verliebte und ihn schließlich heiratete. Seit zwölf Jahren lebt und arbeitet Doralkis nun in Deutschland, um „eine Zukunft zu haben“.

Viele Kubaner flüchten

Jedes Jahr verlassen rund 40.000 Kubaner ihre Heimatinsel, die meisten per Boot in Richtung Florida, das rund 160 Kilometer entfernt liegt. Wer den gefährlichen Weg schafft, darf in Amerika bleiben. „Nachdem sich USA und Kuba gerade wieder annähern, fürchten viele, dass diese Bevorzugung von Kubanern als politische Flüchtlinge bald wegfällt, und versuchen jetzt vermehrt die Flucht“, erklärt Doralkis. 

Die einstigen Erzfeinde im Kalten Krieg, Kuba und die USA, hatten im Dezember 2014 damit begonnen, ihre diplomatischen Beziehungen zu normalisieren. US-Präsident Barack Obama forderte bereits damals die Aufhebung der Wirtschaftsblockade, konnte sich bisher im amerikanischen Kongress jedoch nicht durchsetzen. 2015 hielt das Tauwetter zwischen der USA und Kuba an: Im April traf Obama den kubanischen Präsidenten Raúl Castro im Rahmen des Amerika-Gipfels. Im Mai strich Amerika Kuba von der US-Liste der Förderer des Terrorismus und im Sommer eröffneten Kuba und die USA wieder Botschaften im jeweils anderen Land. Über die Aufnahme direkter Linienflüge haben sich beide Staaten im Dezember geeignet. 

Die Erzfeinde Kuba und die USA nähern sich an

Viele Kubaner hoffen nun inständig auf die Aufhebung des Wirtschaftsembargos, weiß Doralkis: „Auch der Papstbesuch im September 2015 hat zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Kuba und den USA beigetragen“. Papst Franziskus hatte bei seinem Besuch mehr Religionsfreiheit in dem kommunistischen Land eingefordert. Wie der Vatikan mitteilt, sind 60 Prozent der Bevölkerung katholisch. Nachdem 1959 die Revolutionäre Fidel Castro und Che Guevara die Macht in Kuba übernommen hatten, wurde Kirchenzugehörigkeit bestraft. „Wer zum Beispiel katholisch war, durfte nicht in die Partei. Religion war verboten. Kirchlich Aktive kamen sogar ins Gefängnis. Es hieß vielmehr: Es lebe der Präsident! Es lebe der Staat! Inzwischen ist es aber wieder erlaubt, sich zu seinem Glauben zu bekennen“, so Doralkis. 

„Damen in Weiß" demonstrieren für Menschenrechte

Auch heute noch ist das Verhältnis zu christlichen Aktivisten sehr angespannt: Während des Papstbesuches wurden nach Angaben der christlichen Oppositionspartei „Movimiento Cristiano Liberacion“ (MCL) 50 Regimekritiker verhaftet, darunter zahlreiche Aktivistinnen der Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“. Dies ist ein Zusammenschluss von Frauen, die seit 2003 jeden Sonntag nach dem Gottesdienst in weißer Kleidung auf den Straßen des Landes protestieren. Sie sind Ehefrauen, Schwestern und Mütter von ehemaligen oder aktuellen politischen Gefangenen und demonstrieren für Menschenrechte in ihrer Heimat.

Die einzige offizielle Frauenorganisation auf Kuba ist jedoch die „Föderation der kubanischen Frauen“ (FMC). Sie wurde 1960 mit Beteiligung von Fidel Castro gegründet und unterstützt das sozialistische Regime. Eine der wichtigsten Ziele der Revolution war die Gleichberechtigung von Mann und Frau, erklärt Doralkis: „Dass sich ein Paar die familiären Aufgaben gerecht aufteilen soll, ist auf Kuba sogar gesetzlich festgeschrieben. Doch der Alltag sieht anders aus. Die Frauen tragen die Hauptlast und kümmern sich neben ihrem Vollzeit-Beruf um Kinder, Haushalt und die Pflege der Älteren. Und Letzteres wird für Kuba immer mehr zur Herausforderung.“

Senioren stehen wirtschaftlich und sozial vor dem Nichts

Die Karibikinsel hat inzwischen ein Problem mit der Überalterung der Gesellschaft. 2030 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein und die staatlichen Renten in Kuba reichen nicht zum Überleben. Früher war es für alle Kubaner selbstverständlich, bis zum Tod von der Familie versorgt zu werden. Heute stehen viele ältere Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben wirtschaftlich und sozial vor dem Nichts: Familiäre Versorgungsnetze brechen durch Auswanderung und die niedrige Geburtenrate weg. Besonders ältere Frauen leiden schon heute an großer materieller Not. Die sozialistische Regierung ist inzwischen gezwungen, mehr Altenheime zu bauen.

Um die Altersarmut abzumildern, unterstützt das Deutsche Weltgebetstagskomitee Seniorenprojekte auf Kuba. Die Caritas Cubana hat sich zum Ziel gesetzt, Älteren ein würdiges Leben durch wirtschaftliche Eigenständigkeit zu ermöglichen. Auch passend zum Weltgebetstagsthema „Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf“ soll mit den vom WGT bezuschussten Frauenprojekten das Miteinander der Generationen gefördert werden. Weitere christliche Projekte, die vom WGT unterstützt werden, sollen den Kubanerinnen dabei helfen, lokale Frauengruppen zu gründen, die sich mit den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltprävention beschäftigen.

Frauen leiden unter familiärer Gewalt

Gewalt gegen Frauen und ältere Menschen ist auf Kuba ein zunehmendes Problem, wobei es keine offiziellen Zahlen gibt. „Die Probleme häufen sich in prekären Schichten, wenn in den Haushalten oft mehrere Generationen auf sehr engen Raum leben. Auch geschiedene Ehepaare müssen oftmals aus Geldnot noch weiter zusammenleben. Das ist sehr konfliktträchtig, besonders wenn noch ein hoher Alkoholkonsum der Männer hinzukommt“, erklärt die deutsch-kubanische Politologin Jenny Morin Nenoff, die sich mit ihrem Fachwissen für den Weltgebetstag engagiert.

Kubanerinnen unterstützen die Machokultur

Grundsätzlich würden sich Kubanerinnen aber nicht viel gefallen lassen, weiß die 29-jährige Bonnerin: „Sie sind starke Frauen und haben zu Hause das Sagen.“ Trotz gesetzlich verankerter Gleichberechtigung hätte sich in Kuba aber ein veraltetes weibliches Rollenbild erhalten. Dazu käme, dass die Frauen sogar noch die lateinamerikanische Machokultur mit ihrer Überbewertung alles Männlichen unterstützen: „Kubanerinnen ziehen sich ihre Machos praktisch selbst heran. In der Generation meiner Oma waren Frauen hoch angesehen, die mit wenig Unterstützung alles schaffen und sich nicht beschweren. Heutige Kubanerinnen bekommen vielleicht mehr Hilfe von ihren Männern, aber öffentlich dürfte man das nicht sagen, sonst heißt es: Du bist ein Mannsweib und hast keinen Mann daheim!“, erklärt die Wissenschaftlerin, die mit einem Kubaner verheiratet ist, den sie bei einem Forschungsaufenthalt vor drei Jahren auf der Karibikinsel kennengelernt hat. 

Jenny Morin Nenoff, die in Havanna geboren wurde, liebt Kuba – die Menschen, die üppiggrüne Landschaft, die weißen Strände und das türkisblaue Meer. Und auch beruflich lässt sie die Karibikinsel nicht los. Gerade promoviert die junge Mutter einer einjährigen Tochter zum Thema kubanische Kleinunternehmer. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über den kubanischen Reformprozess: „Kuba ist im Umbruch, es tut sich viel. Das muss es auch, denn wirtschaftlich liegt das Land am Boden. Selbst Raúl Castro will den Sozialismus schrittweise reformieren. Doch den Jugendlichen gehen diese Veränderungen viel zu langsam. Sie haben großen Frust.“ 

Kuba ist im Wandel - mit ungewissem Ausgang

Das Ergebnis dieses Wandlungsprozesses ist noch nicht absehbar. Die Mehrheit der Bevölkerung hofft auf ein besseres Leben durch die Annäherung der US-Regierung an Kuba – im Idealfall durch einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. 

Doch ob sich Plan- und Marktwirtschaft vereinen lassen, bleibt fraglich: Schon jetzt stehen nicht nur amerikanische und mexikanische Investoren in den Startlöchern, sondern auch europäische. Im Januar reiste der deutsche Vize-Kanzler Sigmar Gabriel samt einer Wirtschaftsdelegation nach Kuba, um die Bedingungen für Investitionen abzuklären. 

Touristenboom: Kuba-Fans fürchten Verlust des nostalgischen Charmes

Der mögliche Wandlungsprozess beschert dem Land zudem einen Touristenboom: Kuba-Fans aus aller Welt fürchten, dass mit der Öffnung des sozialistischen Staates der nostalgische Charme der Karibikinsel verloren gehen könnte. Nach wie vor prägen Oldtimer wie Cadillacs und Chevrolets aus den 1950er-Jahren das Straßenbild der prachtvollen alten kubanischen Städte aus der Kolonialzeit. Über drei Millionen Touristen, davon allein 175.000 aus Deutschland, kamen 2015 nach Kuba – ein Rekord. Alle wollen noch einmal sehen, was vielleicht bald nicht mehr so sein wird.

Text: Karin Schott, KDFB Engagiert - Die Christliche Frau