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Wege aus der Trauer

TrauerbegleiterInnen berichten, wie sie nach langer Trauer einen Lichtstrahl am Horizont sahen. Foto: Domladen und Mediothek Passau

Schritt für Schritt wieder Zuversicht finden

 

Wer um einen geliebten Menschen trauert, sehnt sich nach Trost. TrauerbegleiterInnen aus dem Frauenbund schildern, wie sie selbst Zuversicht gewonnen haben.

Wer den Botanischen Garten in Augsburg be­sucht, wird durch das kräftige Plätschern der Fontänen begrüßt, die aus der Mitte eines großen runden Brunnens sprudeln. Von dort führt eine kleine Allee aus kugelköpfig geschnittenen Bäumchen in ein grünes Reich, in dem an jeder Ecke prachtvolle Blüten schimmern. Liebevoll zusammengetragene Pflanzenwelten sind im Apotheker-, Bauern-, Rosen- oder Japangarten zu sehen. Immer wieder gibt es kleine, geschützte Ecken mit Sitzgelegenheiten, die zum Betrachten und Ruhen einladen. Für Christa Konnertz ist dieser Garten ein Ort des Trostes. Die 70-jährige Augsburgerin liebt die Anlage schon lange, aber seit einem Jahr lebt sie nur noch zehn Minuten Gehzeit entfernt. Den Garten nutzt sie gerne, denn sie weiß, dass ihr Herz ein bisschen höher schlägt, wenn sie nur durch die Eingangspforte spa­ziert. 

Dem Verlust bewusst Tröstliches entgegensetzen

Schon früh war Christa Konnertz gezwungen, sich ihre Zugänge zu tröstlichen Dingen zu suchen. Als 26-Jährige, sie war gerade mit ihrem ersten Kind schwanger, nahm sich ihr Vater oh­ne jedes Abschiedswort das Leben. Aus Angst, sie würde ihr Kind verlieren, verschwieg man ihr den Selbstmord zunächst. „Deshalb ist mein Vater für mich zweimal gestorben“, sagt sie heute. Und: „Mein Leben war von einem Grundton der Trauer begleitet.“ Vor dreizehn Jahren dann die Scheidung von ihrem Mann, auch dieser Abschied ein schwerer Verlust für sie und ihre Familie. Kürzlich starben eine gute Freundin und eine Bekannte, beide etwas älter, aber ihr Tod kam doch plötzlich. 

Der Trauer um geliebte Menschen setzt Christa Konnertz ganz bewusst Tröstliches entgegen. Das beginnt beim Erwachen am Morgen, wenn sie sagt: „Danke, lieber Gott, dass Du mich wieder aufgeweckt hast.“ Diese Dankbarkeit spürt sie seit einer schweren Operation. „Seitdem halte ich es nicht mehr für selbstverständlich aufzuwachen.“ Sie steht auf, öffnet alle Fenster und genießt die frische Luft und den Blick nach draußen. Noch vor dem Frühstück liest sich die evangelische Christin die zwei Verse aus dem Alten und Neuen Testament laut vor, wie sie im Andachtsbuch „Losungen“ zusammengestellt sind. „Ganz oft habe ich das Gefühl, sie sind genau für mich ausgesucht worden“, sagt sie, und ihre Stimme klingt plötzlich kräftiger. Den Start in den Morgen rundet ein Blick in einen Kunstkalender ab, in dem für jeden Tag ein Kunstwerk abgebildet ist. 

„Oma, das ist so!“

Auch über den Tag verteilt ist Material griffbereit, durch das sich Christa Konnertz selbst unterstützen kann, um nicht in Traurigkeit zu erstarren. Ein Fotobuch mit den „Weisheiten des Buddhismus“ liegt geöffnet auf seinem Platz, und das Bild einer Pusteblume am Computer tröstet sie mit dem Satz „Vertraue dem Leben, es trägt dich“. Manchmal sagt sie ganz be­stimmend zu sich selbst: „Los, los, lies das jetzt“, denn sie weiß, es wird sie aufheitern. Aber meistens locken die gelernte Bibliothekarin Worte und Formulierung ganz von selbst. Auch ihre eigenen Worte können das bewerkstelligen. Sie hält ihre Gedanken seit ihrem zwölften Le­bensjahr in Tagebüchern fest. Immer trägt sie das Büchlein bei sich und liest auch manchmal, wenn sie gerade irgendwo warten muss, die Eintragungen der vergangenen Wochen. „Es ist eine Lektüre, die mir guttut, denn ich kann meine Entwicklungsschritte erkennen.“ Ein Jahr lang hat sie ein zweites Buch geführt und nur positive Dinge notiert. Und einmal schrieb sie auf, was sie ihren Kindern Gutes auf den Lebensweg mitgegeben hat. „Das war sehr tröstlich und lehrreich für mich“, sagt sie. Denn sie erkannte, wie viel sie ihren Kindern ermöglichen konnte. 

Heute spenden auch die Enkelkinder viel Trost. „Ich erfahre diese Le­bensfrische und wie selbstverständlich leicht für sie vieles ist.“ Ein Satz ihres damals noch nicht einmal schulpflichtigen Enkelsohnes begleitet sie. Der er­klärte der traurig dreinblickenden Oma das Leben: „Oma, das ist so!“ 

Das hilft: Hinspüren, was die Seele erfreut

Ganz regelmäßig vertieft sich Christa Konnertz in Worte der Poesie. Sie liest leidenschaftlich gern Lyrik. Vor über zehn Jahren hat sie dann ihre zwei Leidenschaften verbunden. Mehrmals im Jahr bietet sie im Augsburger Botanischen Garten „Literarische Spaziergänge“ an. Wenn sie dann jahreszeitlich passende Texte vorliest und dazwischen einfache Volkslieder auf der Blockflöte spielt, strömen die Besucher herbei. Und sie spüren vielleicht, wie die Schönheit eines kunstvoll gestalteten Gartens zusammen mit ge­schliffenen Texten und fröhlichen Weisen die Seele trösten können.

Gebete, Bilder, Lyrik, Zusammensein mit der Familie, Musik – Trost können viele Dinge spenden. Für Trauernde ist es wichtig hinzuspüren, was die eigene Seele erfreut. Denn Trost wird wie Schmerz und Leid ganz subjektiv empfunden. Hans-Martin Lübking, der in seiner Arbeit als Pfarrer viele Erfahrungen bei der Begleitung von Trauernden gesammelt hat, weiß: „Die tröstenden Worte der guten Freundin geben der einen neuen Lebensmut und erreichen das Herz einer anderen überhaupt nicht.“ Jede Trauernde muss deshalb für sich herausfinden, was ihr guttut. Denn, so Lübking: „Trost ist, trotz der Flut der Trostratgeber auf dem Buchmarkt und im Internet, keine Technik. Trost kann man nicht machen, Trost kann sich ereignen wie ein Akt von Gnade.“ 

Zuhören ist der bester Trost

TrauerbegleiterInnen wissen von dieser Schwierigkeit und begegnen Trauernden so, dass Tröstendes geschehen kann. „Der beste Trost ist Zuhören“, sagt Christa Konnertz. „Wenn jemand jammert und klagt, dann hilft es zuzuhören und gar nichts dazu zu sagen.“ Allerdings müsse es ein aktives Zuhören sein ohne tausend Gedanken nebenher. Ein zweiter Schritt könne eine kleine vorsichtige Berührung sein. Aber: „Man muss wissen, ob der Lei­dende es möchte und zulassen kann, dass man eine Hand nimmt oder auf den Rücken legt“, so Christa Konnertz. Erst nach langem Zuhören würde sie einer Trauernden Vorschläge machen und da­von erzählen, was ihr selbst geholfen hat. Und immer ganz vorsichtig formuliert: „Wie wäre der Gedanke, wenn du...“

Pfarrer Hans-Martin Lübking kennt diese Situation: „Trösten ist ein kommunikatives Geschehen. Wer trösten will, muss eine Beziehung aufnehmen, muss anrufen, besuchen, einen Brief schreiben, vorbeifahren.“ Er geht sogar so weit zu sagen, dass Trost nur in einer Beziehung entstehen kann, da man sich nicht selbst trösten könne. „Man wird getröstet – von den Enkeln, vom Hund, von der Musik, in der Natur. Trösten ist ein dialogischer Vorgang.“ Auch der Trost aus dem Glauben ist für ihn im Gespräch mit Gott be­gründet. „Nicht: Der Glaube tröstet als Lehre oder als Zustimmung zum Glaubensbekenntnis. Sondern im Glauben kann ich Trost finden, im Vertrauen darauf, dass das eigene Leid oder der erlittene Verlust die Beziehung zu Gott nicht wirklich zerstören können.“

Der Schockstarre entrinnen

In eine Beziehung treten auch Trauernde, die ihre Not mit Bewegung und Gehen zu lindern suchen. Dabei wird die Be­ziehung zum eigenen Körper verbessert, was sich wiederum gut auf die Seele auswirkt. Heidimarie Schaitl aus dem niederbayerischen Malgersdorf holt sich auf diese Weise zum zweiten Mal Hilfe. Das erste Mal verlor sie kurz vor Weihnachten ein Kind während der Schwangerschaft. Da sie als Begleiterin von trauernden Freundinnen schon jahrelang Erfahrungen ge­sammelt hatte, wusste sie, dass regelmäßiges Gehen aus der Schock- und Trauerstarre führen kann. 

Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren – er starb nach einer Operation ebenfalls kurz vor Weihnachten – setzt die 49-jährige Frauenbundsfrau wieder auf die Hilfe durch Bewegung. Sechsmal in der Woche wandert sie bei jedem Wetter sechs Kilometer. Auch wenn es ihr sehr schwerfiel, mit dem Gehen anzufangen: „Es war Winter, es war kalt und ich fühlte mich körperlich ganz schlecht.“ Doch die ausgebildete Trauerbegleiterin wusste, dass im Anfangsstadium des Trauerns der Körper sehr geschwächt ist. Ob­wohl sie gehen wollte, fehlte ihr die körperliche Kraft. Da half eine Freundin, die immer wieder zu ihr sagte: „Heidimarie, nur Schritt für Schritt. Egal, wie lange wir brauchen.“ Das wurde zu ihrem Motto für die ganze akute Trauerphase. Egal, um was es ging, sie sagte sich vor: „Ich muss immer nur einen Schritt machen. Ich brauche nicht nach morgen planen, ich brauche nicht nach übermorgen planen, ich muss jetzt nur in der nächsten Mi­nute, der nächsten Stunde den nächsten Schritt machen.“ Die Kraft zu diesem einen Schritt fand sie immer. 

Auch gut: Unterwegs in der Natur 

Auch Sabrina Celoni aus dem oberbayerischen Chieming setzte auf Bewegung und Gehen, als sie vor sechs Jahren ihre Lebensgefährtin verlor, die bei einem Bergunfall verunglückte. Sabrina Celoni fühlte sich, als sei ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. „Geholfen hat mir das Pilgern und Bergwandern und das Unterwegssein in der Natur. Ich habe mich geerdet und angenommen gefühlt durch dieses lange Gehen. Dabei hat sich etwas gelöst. Jedes Mal war es ja auch ein Stück Weiterge­hen, auch innerlich.“ Diese Erfahrung hat sie so geprägt, dass sie jetzt Trauerwanderungen (Anfragen unter E-Mail: s-celoni@t-online.de) anbietet.

Die Berglandschaft Südtirols, in der Georg Pedratscher lebt, lädt ein, sich zurückzuziehen und bei Bergtouren über das eigene Leben nachzudenken. Das nutzt der 53-jährige Psychologe regelmäßig. „Ich bin ein Höhlenmensch“, sagt er von sich, wenn er über seine Art, mit Trauer und Leid fertigzuwerden, spricht. Er zieht sich so lange in sich zurück, bis er etwas klarer sieht. Erst dann sucht er Gespräche. Dem Thema Tod und Trauer ist er sowohl beruflich wie privat sehr nahe. Er arbeitet als Notfallpsychologe in der Krisenintervention und der Erst- und Nachbetreuung von Einsatzgruppen wie der Feuerwehr. Privat ist er seit Langem von einer Art vorweggenommener Trauer betroffen. Seine beiden Söhne – 22 und 12 Jahre – leiden an der unheilbaren, fortschreitenden Krankheit Mukoviszidose. Und letztes Jahr ist mit seiner Mutter erstmals ein ihm sehr nahe stehender Mensch gestorben. Deshalb kennt er, wie er es nennt, den „Hundeblick“, mit dem sich ihm Menschen nähern und fragen: „Wie geht es dir?“. „Ich weiß nie, ob sie wirklich wissen wollen, wie es mir geht, oder ob die Frage nur einfach so gestellt wird“, erläutert er seine Abneigung gegen diese Art der Annäherung. „Ich frage Trauernde immer: ‚Wie kommst du zurecht? Kann ich dich unterstützen?‘“ Und er weiß aus eigener Erfahrung, wie wohltuend diese Fragen sind. 

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2016