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Was Kinder dringend brauchen

Wie viel Krippe und Tagesmutter vertragen Kleinkinder? 

Kindheit in Deutschland. Seit dem rasanten Ausbau der Tagesbetreuung hat sie sich grundlegend verändert. Immer mehr Babys und Kleinkinder verbringen viele Stunden am Tag in Krippen und bei Tagesmüttern. Doch Experten warnen vor den langfristigen Auswirkungen auf die psychische Entwicklung der Kleinsten. Ein Beitrag über Bindungen und warum sie so wichtig sind.

Im Supermarkt. Irgendwo beginnt ein Baby zu weinen. Es muss noch sehr klein sein, denn sein Schreien hat diesen maunzenden, unaufschiebbar drängenden Ton, der mitten ins Herz fährt und für den man augenblicklich alles stehen und liegen lassen möchte. Auch der Mann vor mir, um die 40 wird er sein, hält inne, hebt den Blick von Linsendosen und Maiskonserven und sieht sich suchend um. Unsere Blicke treffen sich. „Das kann man einfach nicht ignorieren“, sagt er und lächelt versonnen. Nickend stimme ich ihm zu und denke, während ich meinen Einkaufswagen weiterschiebe, an die Babyzeit meiner eigenen Töchter. Derweil wird das Weinen schriller, schraubt sich kurzatmig zu verzweifelter Empörung hoch, zu gefühlter Untröstlichkeit. Um die nächste Ecke sehe ich, woher es kommt. Und beobachte, wie sich die Mutter des Babys mit mitfühlendem, besorgtem Ausdruck über den dunkelblauen Kinderwagen beugt, wie sie das schreiende Bündelchen hochnimmt, behutsam das Köpfchen unterstützend, wie sie es in ihren Armen birgt und flüsternd in den uralten Singsang einstimmt, der seit Jahrmillionen Kindern sagt, dass sie geborgen, geliebt und in Sicherheit sind. Bald ebbt das Weinen ab, ein paar bebende Schluchzer noch, und das Baby beruhigt sich. Alles ist wieder gut. 

Ein Fundament fürs Leben 

Eine Alltagsszene, kaum drei Minuten wird sie gedauert haben. Und trotzdem enthält sie den Keim für eine gesunde seelische Entwicklung, für Mut, Zuversicht und Lebensbewältigung. Kinder, die regelmäßig er­fahren, dass sich die Mutter oder ein an­derer zuverlässiger Mensch einfühlsam und prompt um sie kümmert, erhalten das wichtigste Fundament für ihr Leben: eine sichere Bindung. 

Nach Sicherheit und Zuwendung zu suchen, ist ein biologisch angelegter Grundinstinkt. Jedes Baby (und viele Tierkinder) wird damit geboren – und im Schreien findet er seinen ersten Ausdruck und Sinn: „Wenn Kinder nicht schreien würden, dann hätten un­sere Vorfahren die Bündel einfach in der Savanne abgelegt und zurückgelassen. Schließlich war es sehr mühsam, sie auf den Wanderungen mit sich zu schleppen“, erklärt die Münchner Psychologie-Professorin Fabienne Becker-Stoll. Das Weinen war die einzige Lebensversicherung. Hinterherrennen oder sich festklammern, das kann ein Baby nicht.

Wenn ein Baby weint oder ein kleines Kind zur Mama läuft, weil es sich wehgetan hat, sehen die Entwicklungspsychologen darin das typische, instinktive Bindungsverhalten. Mütter (und Muttertiere) antworten da­rauf idealerweise ebenso intuitiv: Sie wenden sich zu, sie trösten, sie beruhigen, sie beschützen. Die Bindungssignale des Kindes und das Fürsorgeverhalten seiner wichtigsten Bezugsperson greifen ineinander, viele Male jeden Tag, und so entsteht mit der Zeit beim Kind eine innere Vorstellung darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Ein Arbeitsmodell, eine Art Prototyp der allerersten Liebe.

Mama ist fast immer die Nummer eins

Während des ersten Lebensjahres durchlaufen Kinder verschiedene Phasen der Bindung: Am Anfang unterscheiden sie noch kaum und lassen sich von der Oma fast genauso gut trösten wie von Mama und Papa oder der Nachbarin. Danach, etwa ab dem vierten Monat, werden ihre Signale zielgerichteter, meist auf die Mutter, wenn diese sie feinfühlig und oft versorgt, bis es in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres ganz klar und eindeutig eine primäre Bezugsperson gibt. Anderen Menschen gegenüber werden sie nun ängstlich und auffallend abweisend: Sie fremdeln. Um den ersten Geburtstag herum ist dann eine klare Rangliste der Bezugspersonen entstanden. Mama ist meist die Nummer eins, aber wenn sie nicht da ist, kann bei alltäglichen Unbilden auch der Papa trösten, die Oma oder die Erzieherin in der Krippe. Diese Zweit- und Drittplatzierten auf der Rangliste der Bindung brauchen ein bisschen länger, bis sich das Kind beruhigt, aber sie werden akzeptiert. Bei großer Angst oder schlimmen Schmerzen wird ein Kind jedoch so lange nach seiner wichtigsten Bezugsperson weinen, bis sie da ist. Im zweiten Lebensjahr festigen sich diese Strukturen. 

Parallelen zur Tierwelt

Wie sinnvoll diese Hierarchie der Bindungen ist und warum sie sich in Jahrmillionen der Stammesgeschichte he­rausgebildet hat, zeigt ein Blick ins Tierreich. Gerät ein Schimpansenbaby in Gefahr, hat es nur eine Chance: Schnellstens zurück zur Mama! Es kann nicht lange überlegen, ob es lieber zur Tante oder zum Papa läuft, denn dabei würden kostbare, möglicherweise lebensrettende Sekunden ungenutzt verstreichen. Kein Wunder also, dass kleine Kinder bei der Trennung von ihrer primären Bezugsperson oft so bitterlich weinen. Es fühlt sich an, als würde ihnen ihre lebenssichernde Zuflucht genommen. 

Eltern müssen für bessere Krippen kämpfen

Wer Bindungsbedürfnisse so wichtig nimmt, wie sie sind, wird die rasant zunehmende Tagesbetreuung mit Skepsis be­trachten. Immer jünger, immer häufiger, immer länger besuchen Kinder in Deutschland eine Kita, doch die Qualität ist besorgniserregend: Zu wenige ErzieherInnen müssen sich um zu viele Kinder kümmern. „Heute werden Bindungs- und Beziehungsbedürfnisse von Kleinkindern zwischen null und drei Jahren in der familienergänzenden Betreuung oft völlig unzureichend berücksichtigt“, heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH). Der Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch war lange Jahre ihr Vorsitzender, außerdem ist er Leiter der Abteilung Kinderpsychosomatik an der Münchner Universitätskinderklinik. Er sagt: „Nicht einmal zehn Prozent der Krippen sind prima, weitere zehn bis fünfzehn Prozent müsste man sofort schließen, weil sie das Kindeswohl gefährden. 80 Prozent sind von mittlerer Qualität, die aber für eine gesunde psychische Entwicklung nicht ausreicht. Das bedeutet: Das Gros der Kinder in Deutschland wächst in Krippen auf, die nicht ausreichend gut sind, damit sich die Kinder gesund entwickeln können. Das ist bekannt, das sagen alle, Forscher, Kinderärzte, Kinderpsychiater, Psychoanalytiker, viele Verbände und Fachgesellschaften. Und das wissen auch unsere Politiker. Es wird sich aber nur ändern, wenn Eltern dafür kämpfen.“ Brisch sieht durch die unzureichende Qualität eine Lawine an Problemen auf die Gesellschaft zurollen: „Wir haben uns darauf einzustellen, dass Kinder, die nicht bindungssicher oder sogar bindungsgestört sind, Schwierigkeiten in der Empathie und in der Regulation ihrer Emotionen haben. Sie werden Probleme haben, mit anderen zurechtzukommen, und zu Verhaltensauffälligkeiten neigen.“ Schon jetzt gebe es in jeder Grundschulklasse mehrere Kinder, die so auffällig sind, dass man sie nicht gut beschulen kann. Auch rapide steigende Zahlen von Kindern, die schon im Grundschulalter mit Psychopharmaka behandelt werden, und die deutliche Zu­nahme von Einweisungen in die Kinderpsychiatrie belegen, wie sehr Kinder heute unter Druck stehen. 

Brischs Zahlen über die unzureichende Krippenqualität stammen aus der sogenannten Nubbek-Studie, einer bundesweiten Erhebung aus dem Jahr 2012, an der auch das Bayerische Staatsinstitut für Frühpädagogik unter der Leitung der Psychologie-Professorin Fabienne Becker-Stoll beteiligt war. Auch sie sagt: „Wir brauchen unbedingt einheitliche Qualitätsstandards für Kitas.“ Und auch ihr brennt das Thema unter den Nägeln: „Wir müssen in der Gesellschaft darüber debattieren, wie die Beziehungserfahrungen sind, die Kinder in diesem jungen Alter machen.“ Denn das ist viel zu wenig im Bewusstsein verankert – bei Eltern, wie bei Erzieherinnen. 

Es gibt Kitas, da werden Kinder angebrüllt 

„Viele Erzieherinnen bemühen sich sehr, gute Arbeit zu machen, und es gibt sehr gute Kitas, in denen feinfühlig auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern eingegangen wird“, sagt Becker-Stoll. Aber es gibt auch die anderen. Die Münchner Professorin wird leidenschaftlich, wenn sie von den Defiziten erzählt, die sie und ihre MitarbeiterInnen bei ihren Forschungen gesehen haben: „Es gibt Krippen, da werden morgens die Kinder nicht begrüßt. Da ziehen die Eltern ihre Kinder um und schicken sie in den Gruppenraum. Die finden höchstens noch einen Zettel im Garderobenfach, auf dem steht: ‚Dringend Windeln mitbringen!‘“, sagt sie. „Da werden Kinder angebrüllt. Da gibt es Kitas, wo gegessen wird, was auf den Tisch kommt, wo Kinder am Tisch fixiert werden, indem der Teller aufs Lätzchen gestellt wird, und es heißt: ,Die Eltern wollen das so, weil sonst die Kleidung schmutzig wird.‘ Da gibt es Krippen, da wechselt dauernd das Personal, weil Schichtwechsel ist oder Teilzeitkräfte nur wenige Stunden am Tag da sind. Da gibt es Frühöffnungsgruppen, in denen jeden Tag ein anderer Erwachsener anwesend ist.“ 

Wenn überlastete Erzieherinnen ihre Aufgaben nur noch abspulen

Auch Erzieherinnen wissen davon zu berichten – tun das allerdings oft nur anonym: von Krippen, wo es kaum eine Eingewöhnung gibt, sondern die Kinder einfach abgegeben werden, ohne Chance auf eine vertraute Person. Wo Kinder acht und mehr Stunden am Tag bleiben. Oder wo sieben Kinder in drei Wochen von ein- und derselben Erzieherin eingewöhnt werden – wie soll sie unter solchen Bedingungen auf das einzelne Kind feinfühlig eingehen können? Wo Kinder eingesperrt werden, in den Schlafraum oder ins Badezimmer. Wo aus Zeitnot und Unkenntnis Funktionspflege betrieben wird, nach dem Motto: Alle Kinder um elf Uhr zum Wickeln, egal, ob eine Windel voll ist und ohne zu berücksichtigen, dass gerade das Wickeln eine Chance zum intensiven Eins-zu-eins-Kontakt böte. Wo resignierte, unterbezahlte, überlastete Erzieherinnen bloß noch ihre Aufgaben abspulen. Und die, die mit Herzblut dabei sind, die Arbeitsbedingungen nicht mehr aushalten und den Job an den Nagel hängen. 

Fehler der Eltern: Das unselige Schlaftraining

Doch auch vielen Eltern fehlen Sensibilität und ausreichendes Wissen darüber, wie wichtig ein achtsamer Umgang ist. „Viele Eltern, auch hoch gebildete Leute, glauben allen Ernstes, dass es besser ist, ein Kind schreien zu lassen. Da werden Babyzimmer mit einem Riesenaufwand eingerichtet, mit superteuren Holzmöbeln, mit Öko-Farben gestrichen, nur das Beste ist gut genug. Und die Eltern sind der festen Auffassung, dass das Baby dort nachts acht Stunden am Stück schlafen wird. Völliger Unsinn! Viele Eltern machen dieses unsägliche Schlaftraining, bei dem das Kind schreit, bis es völlig erschöpft einschläft. Die wissen nicht, was sie da tun!“, sagt die Münchner Professorin Fabienne Becker-Stoll. Sie sieht darin auch einen Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Kultur: „Die Erziehungsideale, die da zum Vorschein kommen, passen zu unserer Leistungsgesellschaft und der Überzeugung, dass alles machbar ist, dass jeder funktionieren kann und muss. Ich versuche im­mer zu sagen: Man darf nicht übersehen, wie verletzbar Kinder sind.“ 

Drei-zu-eins-Betreuung: Das gibt's nur in Baden-Württemberg 

Tatsächlich heißt auch die Rechtsgrundlage für den Ausbau der Krippen und der Tagespflege nicht etwa „Kinderbetreuungs-“, sondern „Kinderförderungsgesetz“ – als müsste man Kinder vor allem fördern, statt sie liebevoll zu begleiten. Zufall? Oder passend zu den Strukturen der Leistungsgesellschaft? Das 2008 verabschiedete Gesetz schreibt fest, dass seit 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Be­treuungsplatz ab dem ersten Ge­burtstag gilt. Die Gesamtkosten des Ausbaus werden auf zwölf Milliarden Euro ge­schätzt. Parallel dazu hat sich die Betreuungsquote von Kindern unter drei in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht: War es 2006 nur gut jedes zehnte Kind, ist es heute bereits jedes dritte, das in die Krippe oder zur Tagesmutter geht. Die Tendenz ist weiter steigend, denn der Bedarf ist noch nicht gedeckt. Auch die Betreuungszeiten werden länger: Mehr als die Hälfte der Eltern bucht nach Zahlen des Berliner Familienministeriums bereits heute einen Ganztagsplatz mit bis zu 45 Stunden pro Woche: Und auch wenn erfahrungsgemäß die Stunden nicht immer ausgeschöpft werden, ist das eine sehr lange Zeit – bei viel zu wenig Personal. 

Deutschlandweit fehlen etwa 107.000 ErzieherInnen, das hat die Bertelsmann-Stiftung kürzlich errechnet. Die Empfehlung von Experten, dass nicht mehr als drei Kinder unter drei Jahren von einer Erzieherin betreut werden – bei Säuglingen liegt die Empfehlung bei zwei zu eins –, wird danach nur in Baden-Württemberg erreicht. In Sachsen muss sich durchschnittlich eine Vollzeit-Erzieherin um mehr als sechs Kleinkinder kümmern, in Bayern um statistische 3,8 Kinder.

Stress und Kummer für betreute Kinder

Dabei verschleiern die Zahlen, dass das tatsächliche Be­treuungsverhältnis noch ungünstiger ist: Erzieherinnen wenden etwa ein Viertel ihrer Zeit für Team- und Elterngespräche, Fortbildungen und Dokumentation auf, außerdem arbeiten viele in Teilzeit und besetzen zum Beispiel zu zweit eine Vollzeitstelle. Ein Kind also, das 40 Stunden pro Woche in der Krippe ist, wird nie durchgehend „seine“ Bezugs­erzieherin als Ansprechpartnerin zur Verfügung ha­ben, sondern im Gegenteil regelmäßig von ihr getrennt werden. Die Folge: Stress und Kummer er­schüttern das Bindungssystem. Der Münchner Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch: „Die Kinder reagieren zum Teil, wie es Kinder in Heimen tun: Wann immer jemand vorbeikommt, strecken sie die Ärmchen aus und wenden sich, wenn sie in Not sind, wahllos an jeden, der da ist, weil sie sich sagen: Besser irgendwer als niemand! Das erinnert bereits an das Muster einer indifferenten Bindungsstörung, diese Distanzlosigkeit.“ 

Dabei ist Bindung nicht nur ein wesentlicher Schutzfaktor fürs ganze Leben, sondern auch die Voraussetzung fürs Lernen. Zwar will jedes Kind die Welt erforschen – und muss es auch, um großzuwerden und sich in ihr zurechtzufinden. „Der Wunsch und der Grundsatz zu lernen, ist eine zentrale Motivation jedes gesunden Kindes“, sagt Frühpädagogik-Professorin Fabienne Becker-Stoll. 

Kleine Entdecker brauchen einen sicheren Hafen

Aber: Erkundung ist nicht nur aufregend, sondern sie braucht auch Mut. Und manchmal ist sie sogar gefährlich: Wer laufen lernt, wird stolpern. An Schubladen kann man sich die Finger einklemmen, vom Kletterturm auf dem Spielplatz kann man runterfallen, Wespen können stechen, und nicht jedem fremden Menschen kann und sollte man vertrauen. Angst, Unsicherheit, Er­schrecken gehören zum Erkunden da­zu und aktivieren beim Kind wiederum das Bindungssystem. Umgekehrt kann sich nur ein Kind, das sich sicher fühlt, intensiv auf neue Erfahrungen und Erlebnisse einlassen: Kleine Entdecker brauchen einen sicheren Hafen, um in See zu stechen. 

Bindung und Erkundung hängen also eng zusammen: Eben spielt das Kind noch fröhlich auf der Krabbeldecke – doch wenn die Mutter den Raum verlässt, hört es auf zu spielen und schaut ihr nach. Wenn es nicht hinterherkrabbeln kann, wird es protestieren. Psychologen wissen: Immer dann, wenn das Bindungsverhalten aktiviert wird, tritt das Explorationsverhalten in den Hintergrund. Das gilt nicht nur für kleine Kinder, sondern für das ganze Leben: Wer Angst hat, kann sich nicht auf Neues einlassen, kann nicht lernen, kann sich nicht konzentrieren. Das inzwischen geflügelte Wort der Bindungspsychologen heißt daher: „Bindung kommt vor Bildung.“ Immer. Ein ganzes Leben lang.  

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 8+9/2016

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