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Typisch Mann? Typisch Frau?

Dass sich Männer und Frauen unterscheiden, ist jedem klar. Doch worin die Unterschiede genau bestehen, ist nicht so leicht zu beantworten.

"Mädchen, die pfeifen und Hühnern, die krähen, muss man beizeiten den Kragen umdrehen.“ Noch heute hasst meine Mutter dieses Sprichwort. Als sie in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts aufwuchs – ein lebhaftes Mädchen, das sang und tobte und Lieder pfiff wie ihr jüngerer Bruder – be­kam sie es häufig von ihren Eltern oder von Nachbarn um die Ohren gehauen. Die Missbilligung war offenkundig und hieß: Ein richtiges Mädchen tut so was nicht.

Mein Großvater hatte eindeutige Vorstellungen, was ein richtiges Mädchen tat: heiraten, Kinder kriegen. Keine Flausen. Dass er trotzdem dem Drängen nachgab und seiner Tochter, die nicht nur lebhaft, sondern auch intelligent war, erlaubte, aufs Gymnasium zu gehen, war wahrscheinlich seinem schlechten Gesundheitszustand und seiner Sorge um die Zukunft seiner Familie geschuldet. Ahnend, dass er früh sterben würde, würde sein ältestes Kind, meine spätere Mutter, nicht nur für sich selbst sorgen müssen, sondern auch für ihre Mutter und ihren Bruder. Und tatsächlich starb er, als sie gerade 19 war und, das Abitur frisch in der Tasche, mit einem Job bei der Post die Zeit bis zum Beginn des Studiums überbrücken wollte. Aus dem Job wurde eine ungeliebte, aber erfolgreiche Beamtenlaufbahn, leises Bedauern über das verpasste Studium begleitete sie lebenslang. Doch für die Uni war damals nach dem Tod des Vaters kein Geld mehr da: der jüngere Bruder noch in der Ausbildung, und ihre verwitwete Mutter hatte nichts gelernt, womit sie sich und ihre Kinder ernähren konnte. Hatte doch ihr Vater ihr seinerzeit ihren Traum verboten, Handarbeitslehrerin zu werden, mit der üblichen Begründung: Ein Mädchen braucht das nicht. Keine Flausen. Punktum.

Warum Mädchen manchmal keine Eins in Physik wollen 

Heute ist der Spruch von den pfeifenden Mädchen und krähenden Hühnern antiquiert – kein Mädchen bekommt ihn (hoffentlich!) noch ernsthaft serviert, und die meisten Eltern achten darauf, Töchter und Söhne nicht auf Rollenklischees zu eichen. Die Frage „Was ist typisch Mädchen, was typisch Junge?“ gehört der Vergangenheit an. Eigentlich. 

„Wir sind zutiefst geprägt von der Annahme, dass sich Männer und Frauen immer unterscheiden müssen. Gleichartigkeit beziehungsweise Unentscheidbarkeit ist geradezu ein Tabu“, sagt die Münchner Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa. „Wir betonen immer die Differenz, vielleicht ist das am typischsten.“ Beispiel Schulunterricht: In der Pubertät verschlechtern sich junge Mädchen in den Naturwissenschaften oft dramatisch. Zu erklären ist das so: In dieser Phase wachsen die Jugendlichen, die eben noch Kinder waren, in ihre Geschlechterrolle als Erwachsene hinein und überinszenieren aus Unsicherheit ihre Weiblichkeit, ihre Männlichkeit. Eltern können ein Lied davon singen: Die Jungs werden coole Macker, die Mädchen nerven mit Ausschnitten bis zum Bauchnabel, stelzen auf High Heels, bepackt mit zu viel Schmuck und Schminke. Und das wirkt sich auch im naturwissenschaftlichen Unterricht aus: Mädchen, so das Stereotyp, haben keine Ahnung von Physik, Mathe, Informatik. Also machen sie sich schlechter, als sie wären. „Dumbing down“, sich runterdummen, nennt das die Wissenschaft. Denn: Ein „richtiges“ Mädchen ist nicht gut in den Naturwissenschaften. Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa: „Viele Mädchen tun das, damit sie ihre soziale Weiblichkeit nicht verlieren, damit sie nicht als freakig oder sexuell unattraktiv gelten. Daher kann Mädchen getrennter Unterricht in diesen Fächern gut tun, denn da fällt der Zwang zur Differenzmarkierung weg. Sie müssen sich dann nicht den Jungs darstellen und zeigen: Ich bin ganz Mädchen.“ Umgekehrt profitieren die Jungs unter Umständen sehr in den Fächern, die als jungsuntypisch gelten,  von getrenntem Unterricht – in den Sozialwissenschaften, in der Literatur, in Sprachen, in Kunst. 

Der Zwang zur Differenzmarkierung ist zwar hinderlich, aber er schleicht sich immer wieder in unseren Alltag ein, in Erziehung, in Sozialisation. Villa: „Ich erlebe das immer wieder bei meinem Sohn: Wenn Jungs Fußball spielen und es nicht so gut läuft, dann ist ein beliebter Kommentar von Vätern wie von Müttern am Spielfeldrand: „Wir sind doch hier nicht beim Mädchenfußball! Mach mal ordentlich!“ 

Schubladendenken: Laute Jungs, einfühlsame Mädchen

So entstehen Stereotype, Schubladen, Eigenschaften, die in der Alltagswahrnehmung Gruppen zugeschrieben sind. Sie dienen dazu, die komplexe Wirklichkeit zu ordnen und übersichtlich zu machen. Aber sie führen zugleich ein Eigenleben: Denn aus ihnen entstehen bewusste und unbewusste Erwartungen, wie ein „richtiges Mädchen“ zu sein hat und wie „ein richtiger Junge“, Erwartungen, die Mädchen wie Jungen zu erfüllen versuchen. Dabei bestätigen sie das Stereotyp und erhalten es am Leben. Ein Kreislauf. 

So kommt es, dass Jungen hartnäckig als laut, rational, also vernunftorientiert, gelten als Mädchen, als wettbewerbs- und risikoorientiert, dass sie handeln, statt erst lang zu quatschen. Mädchen dagegen sind danach kommunikationsorientiert, Reden ist ihr Tun. Sie wollen verstehen und verstanden werden, sie sind intuitiv und einfühlsam, nicht so sehr von Vernunft und Logik gesteuert, sondern vom Fühlen und Mitfühlen bestimmt. Eher risiko- und wettbewerbsscheu und an Harmonie, Verständigung, an Kooperation und Effizienz orientiert. Die Münchner Soziologie-Professorin: „Ich bin davon gar nicht überzeugt und erfahre immer wieder, dass es bei Mädchen die ganze Bandbreite gibt, wie bei Jungen auch. Auch in Studien, etwa zu Ungleichheiten in den Bildungssystemen oder auf dem Arbeitsmarkt und zum Beruf stellt sich immer wieder die Frage: Kann man pauschal von ,Frauen‘ sprechen und von ,Männern‘? Wenn man genau hinschaut, dann kann man das meistens nicht. Dazu unterscheiden sich die Gruppen in sich viel zu stark.“

Trotzdem wird heute wieder lautstark über Geschlechterrollen gestritten und ob sie durch die biologische Ausstattung – Gene, Chromosomen, Hormone – festgelegt sind oder durch das kulturelle Umfeld, durch Erziehung und Sozialisation erst gebildet werden. Der Streit lodert immer wieder auf, seit der britische Naturforscher Charles Darwin 1859 mit seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“ die Grundlage für die moderne Evolutionstheorie schuf. 

Umweltfaktoren beeinflussen das Erbgut

Dabei müssten Umwelt und Biologie längst nicht mehr als Gegensätze gelten. Denn, was Darwin noch nicht wissen konnte: Umweltfaktoren beeinflussen das Erbgut. Der Fachbegriff für diesen Vorgang, der auch an Nachkommen weitergegeben werden kann, heißt Epigenetik. Als diese Vorgänge entdeckt wurden, stießen sie eine Grundidee der Biologie um: Die Vorstellung, dass wir durch unsere ererbte genetische Ausstattung unveränderbar bestimmt seien. Heute weiß man, dass sogar Persönlichkeitsmerkmale epigenetisch beeinflusst sein können. Lebensstil, Ernährung, soziale Stellung nehmen Einfluss auf unser Erbmaterial. So werden sogar Hunger oder sozialer Stress im biologischen Sinn vererbt. Umgekehrt brauchen Gene eine Art Aktivierung durch die Umwelt, um überhaupt wirken zu können. Die Zusammenhänge sind auch heute noch nicht vollständig erklärt. Klar ist aber, dass Gene kein unveränderliches Schicksal darstellen müssen.

Auch die Hirnforschung kennt die Wechselbeziehung zwischen dem Organismus und seiner äußeren Welt: Das Gehirn passt sich an sie an, es formt sich mit unseren Aktivitäten und Umweltbedingungen. Hirnfunktionen zum Beispiel können „wandern“: Wenn bei einer Kopfverletzung bestimmte Regionen ausfallen, können andere Teile des Gehirns ihre Arbeit übernehmen. Aber auch Aktivitäten bilden sich im Gehirn ab: So weiß man schon seit gut zehn Jahren, dass sich bei TaxifahrerInnen der Hirnbereich, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, deutlich vergrößert. Und selbst die Nutzung von Smartphones hinterlässt messbare Spuren im Gehirn: Die Areale, die für die Steuerung des Daumens zuständig sind, reagieren stärker und sensibler. Was wir tun, beeinflusst also unsere Hirnstrukturen und unsere Gene. Umgekehrt können wir nur tun, wozu uns unser Körper befähigt. Natur und Kultur sind keine Gegensätze, sondern vielfältig ineinander verwoben. 

Was ist ein "richtiger" Mann, ein "richtiger" Junge? 

So ist es offensichtlich, dass zum Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit mehr gehört als biologische Merkmale. Sicher, ein Mann hat Hoden, Penis, Bartwuchs. Muskelkraft und Körpergröße und das männliche Ge­schlechtschromosom Y. Er hat einen guten räumlichen Orientierungssinn, er kann einparken. Er ist eher wortkarg und handelt lieber, als zu reden. Hat ein Faible für Technik, denkt rational. Mag Macht, mag den Wettbewerb, das Risiko, den Kampf. Er liebt Frauen. Als Junge war er laut und raumgreifend. Nach drei Bier ist er es noch. Seine Zähne putzt er statistisch gesehen seltener, als Frauen das tun, und nach dem Training müffeln T-Shirt und Socken. Ein richtiger Kerl eben. 

Wenn all das und mehr angeboren sein soll, dann ist ein Bub, der mit Stofftieren spielt und Flöte übt, statt über den Bolzplatz zu wetzen, und den Raufereien mit seinen Klassenkameraden aus dem Weg geht, kein „richtiger „Junge. Was ist er dann? Ein falscher Junge? Was ist ein kleingewachsener, schmaler Mann, einer, der Erzieher wird oder Krankenpfleger oder Friseur? Einer, der klassische Musik liebt? Gar einer, der auf Männer steht? Kein Mann, kein „richtiger“ jedenfalls? Obwohl er Hoden hat, Penis, Bartwuchs? 

Frauenleben ist vielfältig 

Und was ist eine Frau, die Macht liebt? Eine, die Ingenieurin wird, Bundeskanzlerin oder Fußballerin? Eine, die keine Kinder bekommen hat? Eine, die Frauen liebt? Innere und äußere Geschlechtsmerkmale – Vagina, Gebärmutter, Eileiter – hat sie (meist), und auch zwei X-Chromosomen, egal, ob ihre Brüste groß oder klein sind, ob sie 1,85 misst oder 1,58. Und egal, ob ihr Wesen fürsorglich und kooperativ ist oder durchsetzungsstark und dominant. Ist eine Frau ohne Gebärmutter oder nach einer Krebsoperation der Brust keine „richtige Frau“ mehr?

Und was ist mit einem Menschen, der zwar körperlich ein Mann ist und Frauen begehrt, sich innerlich aber als Frau fühlt? Der mit Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, die nicht zu seinem inneren Empfinden passen? Ist er ein Mann oder eine Frau? 

Zum Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit gehört offensichtlich mehr als Penis oder Vagina, Testosteron und Östrogen. Der Be­griff des „Geschlechts“ wird neben äußeren Merkmalen und genetischer Ausstattung durch soziale Verhaltensweisen und persönliche Eigenschaften mitbestimmt. Vollständig wird das Bild, wenn auch inneres Empfinden über die geschlechtliche Identität und das Begehren, also die sexuelle Lust, mit einbezogen werden. Auch sie sind Facetten der Geschlechtlichkeit. 

Intersexualität ist seit der Antike bekannt

Unterschiedliche Kombinationen dieser Ausprägungen sind möglich und verbreitet, „Geschlecht“ ist daher kein eindeutiger Begriff. Es bleibt Geschmackssache, ob man dabei von einer Vielzahl von Geschlechtern reden möchte, wie manche GenderforscherInnen es tun oder eine weitere und vielfältigere Vorstellung als heute üblich entwickelt, was Männlichkeit und Weiblichkeit ausmacht. Und wie das dritte Geschlecht zu sehen ist: intersexuelle Menschen, früher oft Hermaphroditen genannt, die nicht mit eindeutigen Ge­schlechtsmerkmalen geboren wurden. Diese Menschen wurden seit den 1960er-Jahren als Babys – oft ohne medizinische Indikation – operiert, meist zu Mädchen, weil das chirurgisch einfacher ist. Diese Praxis, schmerzhaft und von viel Leid begleitet, verlangt nicht selten eine lebenslange, hormonelle Medikation. Heute sieht man diese Vorgehensweise der Medizin höchst kritisch: In einer Stellungnahme führte der Deutsche Ethikrat 2012 aus, wie sehr die Lebenswirklichkeit intersexueller Menschen durch ihre Leidenserfahrungen geprägt ist – durch mangelnde Sensibilität des Umfelds, Traumatisierungen durch medizinische Eingriffe, bürokratische Hemmnisse und gesellschaftliche Unkenntnis.

Intersexualität ist seit der Antike bekannt: eine der Gottheiten der griechischen Mythologie war Hermaphroditos, ein Sohn der Liebesgöttin Aphrodite. Noch das preußische Landrecht stellte es Hermaphroditen frei, sich nach der Volljährigkeit entweder für das weibliche oder das männliche Geschlecht zu entscheiden. Erst ab dem 20. Jahrhundert wurden diese Menschen von der Medizin als krank betrachtet, weil sie sich nicht in das vorherrschende Raster der zwei Geschlechter einordnen ließen. Sie stehen biologisch sozusagen in der Mitte zwischen Mann und Frau: Ihr Geschlecht ist nach den gewohnten Vorstellungen nicht eindeutig zu bestimmen. Sie können weibliche oder männliche Geschlechtschromosomen oder eine Mischung aus beiden in ihren Zellen tragen. Je nach Ausprägung haben sie sowohl Hoden als auch Eierstöcke, sowohl Penis als auch Klitoris und Eileiter. Oder sie bilden männliche Geschlechtsorgane aus, obwohl sie weibliche Geschlechtschromosomen haben und umgekehrt. 

Aufgaben teilen: am besten nach persönlichen Stärken, statt nach Geschlecht

Vielfalt ist der Normalfall, bei Männern wie bei Frauen, in der Natur wie in der Kultur. Die Erkenntnis macht die Welt nicht übersichtlicher, aber es macht sie freier. Rollenvorstellungen müssen wir dennoch nicht über Bord werfen: „Wir brauchen sie zur Orientierung, ganz ohne sie können wir nicht leben“, sagt die Münchner Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa. „Meine Utopie ist, dass sich damit nicht zwangsläufig Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit verbinden müssen. Wir können ja auch Rollenvorstellungen von Aufgaben und Funktionen haben: Was ist fürsorglich? Was ist machtvoll? Was ist eine Professorin, was ein Schüler? Das kann man auch jenseits von Geschlechtlichkeit denken.“ 

Männer müssen nicht unbedingt beinharte Kerle sein, Frauen nicht zwangsläufig dekorative Weibchen. In der Realität vieler Paare und Familien wird auch so gelebt: Von Menschen, die sich lieben und die Leben und Aufgaben miteinander teilen, je nach Persönlichkeit, nach Stärken, Vorlieben und  Schwächen – mal so, mal so. Weil sie es so wollen, weil es so schöner ist und einfacher. Es gibt Frauen, die die Steuererklärung machen, und Männer, die hingebungsvoll die Rosen im Garten pflegen. Frauen, die sachbezogen und strukturiert sind, und Männer, die als fröhliche Chaoten Lust und Leichtigkeit ins Zusammenleben bringen. Es gibt Frauen, die aktiver sind beim Sex, und Väter, die sich fürsorglich und liebevoll um die Kinder kümmern – unbekümmert davon, ob diese Eigenschaften und Verhaltensweisen als männlich gelten oder als weiblich. Dass Menschen sich ergänzen, ist so selbstverständlich wie belebend. Papst Franziskus formulierte das im apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ so: „Die identische Würde von Mann und Frau ist uns ein Grund zur Freude darüber, dass alte Formen von Diskriminierung überwunden werden und sich in den Familien eine Praxis der Wechselseitigkeit entwickelt.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 5/2016

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