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Mutig im Glauben – Frauen der Reformationszeit

Sie predigten öffentlich und verfassten Flugschriften – dennoch wurden sie von der Forschung vergessen

Wer mutige Frauen entdecken will, wird in der Reformationszeit fündig: Überraschend viele Zeitgenossinnen Luthers mischten sich in die theologischen Debatten ein. Katharina Zell wagt es sogar, öffentlich zu predigen.

Lange Zeit schien es so, als sei die Reformation nur von Männern geprägt. „In unseren Vorlesungen und Seminaren hörten wir lediglich von Martin Luther, seinem Leben als Mönch, seiner Konversion, seinem Thesenanschlag 1517 in Wittenberg, von seinen zentralen reformatorischen Schriften aus dem Jahr 1520 und der ­Bibelübersetzung. Wir mussten die Meilensteine der Reformation lernen...“ So hat es die heute 61-jährige evangelische Theologin Cornelia Schlarb in ihrem Studium erlebt. Sie resümiert: „Immer schien es, als seien die Reformation, die Beziehungen zwischen Staat und Kirche, die Konflikte und Kriege ausschließlich konzertierte Ak­tionen von Männern: Reformatoren, Gegenspielern, humanistisch gebildeten Wissenschaftlern, Territorialherrschern, Ratsherren in den Städten, Buchdruckern oder Künstlern, obwohl auch zur Zeit der Reformation die Hälfte der Menschheit weiblich war.“

Von der theologischen Forschung ausgeblendet

Erst in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begannen in Deutschland vor allem Wissenschaftlerinnen, die Bibel und die Kirchengeschichte nach dem Beitrag von Frauen zu erforschen. Diese Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen, aber schon heute ist klar, dass die Reformation im 16. Jahrhundert in alle Bevölkerungsschichten reichte und dort auch von Frauen wesentlich mitgetragen wurde. Frauen wirkten als Re­formatorinnen – wie Argula von Grumbach, als Ehefrauen von Reformatoren, so die Frauen von Luther, Zwingli oder Calvin, als Verfasserinnen von Büchern und Novellen, als Autorinnen von Liedern wie Elisabeth Cruciger, als Regentinnen, die die Reformation in ihren Territorien einführten, und als Frauen, die sich gegen die neue Lehre stemmten und am alten Glauben festhielten, wie die Klarissin Caritas Pirckheimer. 

Die achtbare Ehegattin

Aber Frauen wirkten nicht nur an der Reformation mit. In dieser Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit hatten die Umwälzungen, die von der Reformation ausgingen, massive Folgen für die Frauen. Indem Luther sich auf die Bibel beruft und für Frauen die Rolle der Ehefrau und Mutter hervorhebt, wird das Ideal der jungfräulich lebenden Nonne entthront. Gleichzeitig erfährt  die Ehefrau eine ganz neuartige Achtung, wie das im Mittelalter nicht der Fall gewesen war. Wenn Luther in einer seiner Hauptschriften von der Freiheit eines Christenmenschen spricht, dann inspiriert das Männer und Frauen. Denn wer mit seinem Gewissen unmittelbar vor Gott steht, der ist frei von einer Kirche, die das Heil vermitteln beziehungsweise mit dem Ablass sogar verkaufen will. Wenn alle die Bibel lesen sollen, dann müssen auch die Frauen dafür ausreichend gebildet sein. Und wer sich an das Grundprinzip der Reformation hält, dass die Taufe jeden zur PriesterIn macht, kann auch als Frau öffentlich predigen und sich in theologische Auseinandersetzungen einmischen, wie es Katharina Zell getan hat. 

Katharina Zell sieht sich als "Kirchen-Mutter"

Ich bin, seit ich zehn Jahre alt, eine Kirchen-Mutter (...) gewesen“, schreibt Katharina Zell 1557 an die Bürgerschaft ihrer Heimatstadt Straßburg. Für die damalige Zeit eine sehr selbstbewusste Aussage. Sie trumpft auf, weil sie am Ende ihres Lebens heftig angegriffen wird. Der Nachfolger ihres Mannes am Straßburger Münster, der Prediger Ludwig Rabus, vertritt ausschließlich die lutherische Richtung der Re­formation. Katharina Zell ist da zeitlebens viel toleranter und fordert bei allem Engagement ein Mit­einander, das von Liebe geprägt ist. Die öffentliche Auseinandersetzung mit Rabus ist nicht die einzige Diskussion in Glaubensfragen, die Katharina Zell in ihrem Leben führen wird. Pastorin Sonja Domröse aus Stade, die seit Jahren zur Geschichte von Frauen in der Reformationszeit forscht, sagt: „Sie ist eine der Frauen, die man zu Recht auch als Reformatorin bezeichnen könnte.“

Höhere Tochter mit Bibelkenntnissen

Katharina Zell kommt 1497 oder 1498 als Tochter des wohlhabenden Schreinermeisters Jakob Schütz und seiner Frau Elisabeth Gerster in der Freien Reichsstadt Straßburg zur Welt. Sie lernt lesen und schreiben und sammelte eifrig Wissen in der Kirche und beim Studium der Bibel. Die gibt es in Straßburg bereits seit 1495 auf Deutsch. Auch Luthers Übersetzung aus dem Jahr 1522 besorgt sich Katharina umgehend. Schon in jungen Jahren studiert sie Luthers Schriften, und seine Texte über Christus berühren sie tief. Der Gedanke „solus christus“ – „Christus allein“ ist ein zentraler Grundsatz der Reformation. Für Luther bedeutet er, dass niemand sonst das Heil vermitteln kann.

Notwendig: Die öffentliche Verteidigung der Ehe

Entscheidenden Einfluss auf Katharinas Leben hat die Begegnung mit Matthäus Zell. 1518 kommt der Priester an das Straßburger Münster und beginnt bald im lutherischen Sinne zu predigen. Im Zentrum von Luthers Lehre steht auch, dass der Glaube allein durch die Bibel zu begründen ist. Weder kirchliche Autoritäten, ein Dogma oder eine spirituelle Erfahrung könnten Maßstab sein, allein die Schrift. Und aus der Schrift ergibt sich für Luther, dass die Ehe eine göttliche Stiftung ist, die von Gott selbst eingesetzt wurde. So fordert er Priester, Nonnen und Mönche auf, die von Menschen erdachten Lebensformen zu verlassen und in die von Gott gestiftete Ehe einzutreten. Der 46-jährige Reformator Matthäus Zell folgt Luthers Rat und heiratet die zwanzig Jahre jüngere Katharina. Es ist nicht die erste Eheschließung eines Straßburger Reformators, aber es ist das erste Mal, dass eine Straßburger Bürgerstochter eine solche Ehe eingeht. Großer Aufruhr entsteht. Das Paar, das eigentlich nur eine vorbildliche christliche Ehe führen will, erzeugt durch diesen Schritt viel „Schand, Nachred und Lügen“, wie Katharina selbst berichtet. Matthäus Zell wird exkommuniziert. Als er dagegen Einspruch erhebt, greift auch Katharina zur Feder und verteidigt ihre Eheschließung öffentlich. Der Rat konfisziert ihre Schrift, zitiert Matthäus Zell zu sich und befiehlt ihm, seiner Frau zu verbieten, Pamphlete zu veröffentlichen. Katharina gehorcht und verfasst Streitschriften erst wieder nach dem Tod ihres Mannes 1548. 

Luther hält den Mann für Gott ebenbürtiger als die Frau

Dass eine Ehefrau gehorsam sei, entspricht den Vorstellungen von Martin Luther. Mann und Frau gesteht der Reformator in der Ehe einerseits gleiche Rechte und Pflichten zu. Sie sind für ihn, gemäß der Bibel, Gottes Geschöpfe und gleichwertige Ebenbilder Gottes. Dennoch hält Luther letztendlich den Mann für Gott ebenbürtiger als die Frau. Sonja Domröse meint dennoch, dass die Reformation für die Frauen eine deutliche Zänsur darstellt. „Die Ehefrau erfuhr eine ganz neuartige Achtung und Wertschätzung“, ist sie überzeugt. Luther bezeichnet Frauen sogar als Apostel und Bischöfe für die Kinder, da sie ihnen den Glauben weitergeben. Viele Reformatoren heirateten, und ihre Frauen begannen das neue Rollenbild der „Pfarrfrau“ zu prägen. Als gehorsame Pfarrfrau schreibt Katharina Zell zwar keine Pamphlete mehr. Aber sie veröffentlicht geistliche Texte, unter anderem eine Auslegung des Vaterunsers, und sie gibt eine Liedersammlung heraus. Wiederholt versorgt sie zahlreiche Glaubensflüchtlinge. Sie und ihr Mann sind Gastgeber vieler bedeutender Reformatoren, und Katharina Zell beteiligt sich an deren theologischen Diskussionen – zum Beispiel über unterschiedliche Vorstellungen zum Abendmahl. 

Von der feministischen Theologie entdeckt

Als sie 51 Jahre alt ist, stirbt ihr Mann und sie ergreift nach der offiziellen Grabrede selbst das Wort. Bereits diese erste von drei öffentlichen Predigten sorgt für Unmut. Deshalb leitet sie eine Gedenkschrift über ihren Mann mit dem Hinweis auf Maria Magdalena ein. Wie sie wolle sie sich nicht in das Amt des Predigers oder Apostels stellen, sondern so wie Maria Magdalena handeln, die im Auftrag Jesu den Aposteln von der Auferstehung sprach. Sonja Domröse hat in Katharina Zells theologischem Werk mehrfach Anliegen der feministischen Theologie von heute entdeckt. Sie hätte sich gewünscht, dass Zell, die sie als Vorbild für eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern im Dienst der Kirche sieht, nicht so lange in Vergessenheit geraten wäre. Doch Luther hatte kein geistliches Amt für Frauen vorgesehen. Allerdings betonte der bibeltreue Reformator, dass alle Menschen allein schon durch die Taufe zu Priestern geweiht sind. Das hatte letztendlich zur Konsequenz, dass in der Evangelischen Kirche Deutschlands im Jahr 1958 die erste Frau ordiniert wurde.

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2016

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