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Medien nutzen - aber richtig!

Was stimmt noch? Was ist glaubwürdig? Bei Mediennutzern macht sich zunehmend Skepsis breit. Foto: image source

Was das verunsicherte Publikum wissen muss

Lügen, Lücken, Manipulation? Nur mehr eine Minderheit der Deutschen vertraut den Medien. Und doch ist auf sie angewiesen, wer sich ein Bild von der Welt machen will. KDFB Engagiert gibt Tipps für die Mediennutzung.

Es war einmal: In der guten alten Zeit schlug man morgens die Ta­geszeitung auf, hörte tagsüber Radio, sah abends die Tagesschau an und fühlte sich zuverlässig informiert. Heute ist das anders: Misstrauen und Skepsis gegenüber dem Journalismus sind groß, und nur noch eine Minderheit der Deutschen vertraut den Medien. Ein erschreckender Befund. Denn: Vertrauenswürdige Medien gehören zu den Fundamenten jeder funktionierenden Gesellschaft. Ohne sie geht es nicht.

„Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir über die Massenmedien.“ Der berühmte Satz des deutschen Soziologen Niklas Luhmann ist tausendfach zitiert. Er ist so banal wie beunruhigend – stellt er doch in Frage, worauf unsere ganz alltäglichen Entscheidungen und Einschätzungen beruhen. Wofür engagiere ich mich? Wie lege ich mein Geld an? Wen wähle ich? Sind neue Äpfel aus Neuseeland ökologischer als solche vom Bodensee, die monatelang in Kühlhallen lagerten? Gefährden die Flüchtlinge die Werte des Abendlandes? Welche Milch kaufe ich? Wie sorge ich fürs Alter vor? Ist die Ukrainekrise der Aggressivität Russlands geschuldet oder der Aggressivität der Europäischen Union? War Altbundespräsident Wulff korrupt? Sind Eier schlecht fürs Cholesterin? 

Blenden die Medien unerwünschte Meinungen aus?

Doch die journalistische Qualität ist zum Reizthema geworden. „Lügenpresse!“ heißt es am rechten Rand bei den Pegida-Demonstranten. Aber auch weit in die Gesellschaft hinein schwindet das Vertrauen. Eine Mehrheit der Deutschen glaubt, dass den Medien vorgegeben wird, worüber sie berichten sollen, dass sie unerwünschte Meinungen ausblenden, dass sie Staat, Regierung und Wirtschaft durch ihre Berichterstattung stützen, statt zu kontrollieren. Das ergab eine Studie des Bayerischen Rundfunks vom Frühjahr dieses Jahres, ebenso repräsentativ wie eine Umfrage der Wochenzeitung Die Zeit Ende 2014, die ähnliche Ergebnisse erbrachte. 

Was ist da los? Woher kommt das Misstrauen? Hat die Qualität der Presse tatsächlich so sehr gelitten, dass es berechtigt ist? Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte bei der Verleihung des Medienpreises „Lead Award“ schon Ende 2014: „Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch. Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter.“

Die Qualität sinkt 

Im Nachbarland Schweiz wird die Qualität der Informationsmedien – Presse, Radio, Fernsehen und Online – wissenschaftlich beobachtet und die Ergebnisse seit 2010 alljährlich in einem Jahrbuch veröffentlicht, finanziert von einer gemeinnützigen Stiftung und der Universität Zürich. Dort heißt es: „Anstoß für das Jahrbuch ist die Einsicht, dass die Qualität der Demokratie von der Qualität medienvermittelter Öffentlichkeit ab­hängt. Durch das Jahrbuch er­hält das Publikum einen Maßstab, welchem Journalismus es sich aussetzen will, die Medienmacher er­halten einen Maßstab, welchen Journalismus sie produzieren und verantworten wollen, und die Politik erhält Einsicht in die Entwicklung des Medienwesens und in die Ressourcen, die dem Informationsjournalismus in der Schweiz zur Verfügung stehen.“ Das ernüchternde Ergebnis: Die Qualität sinkt kontinuierlich. 

Tendenz zur kurzfristigen Berichterstattun

In Deutschland fehlt eine derartige systematische, wissenschaftliche Erkundung der Medienlandschaft. Die Qualität hierzulande lässt sich nur an punktuellen kommunikationswissenschaftlichen Studien ablesen. Aber auch da zeigt sich: Ja, die Qualität hat gelitten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren eine Tendenz hin zum Drama, zum Skandal, zur Oberflächlichkeit und kurzfristigen Berichterstattung und zur Betonung negativer Sachverhalte. 

Uwe Krüger von der Uni Leipzig ist ein freundlicher, vorsichtig formulierender Kommunikationswissenschaftler. Durch seine Doktorarbeit über die Verflechtungen führender deutscher Journalisten mit der großen Politik wurde er in der Branche so bekannt, wie das in seinem Fach selten ist: Die ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ griff im April vor zwei Jahren seine Forschungsergebnisse in einer Szene auf, die inzwischen Kultstatus hat: „Qualitätsjournalismus“ (abrufbar auf www.youtube.com). Kernaussage: Leitende Redakteure der Zeit, der Süddeutschen, der Frankfurter Allgemeinen, der Welt pflegen ein eng geknüpftes Netzwerk und große Nähe zum Berliner Verteidigungsministerium und zu NATO-nahen Organisationen wie der „Münchner Sicherheitskonferenz“, dem „Aspen Institut“ oder der „Atlantikbrücke“. Das Risiko dabei: Die Unabhängigkeit der Berichterstattung leidet. 

Medien müssen Widersprüche klar aufzeigen

In seinem neuen Buch „Mainstream – Warum wir den Me­dien nicht mehr trauen“ analysiert Krüger die Vertrauenskrise. Er sagt: „Das Verhältnis zwischen misstrauischen Mediennutzern und Journalisten sollte neu justiert werden.“ Von den Journalisten fordert er: „Mehr Dialog, mehr Auseinandersetzung, mehr alternative Perspektiven, um blinde Flecken auszuleuchten.“ Wer zum neoliberal geprägten Weltwirtschaftsforum in Davos fährt, um aus der Perspektive der Ge­winner der Globalisierung zu berichten, „der fahre zur Abwechslung einmal zur Gegenveranstaltung, dem Weltsozialforum, um mit den Verlierern und Kritikern der Globalisierung zu sprechen“, schreibt Krüger. Denn: „Journalisten sind dafür verantwortlich, Öffentlichkeit herzustellen, nicht dafür, Regierungsstrategien abzusichern oder ein erwünschtes Meinungsklima herzustellen oder gesellschaftliche Widersprüche zu verschleiern. Sie sollen im Gegenteil diese Widersprüche klar aufzeigen.“ Nur so gelingt eine seriöse gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Schwer auszuräumen: der Vorwurf der Lüge 

Allerdings müssen beide Seiten auch dazu bereit sein: „Ihr lügt doch schon wieder!“, hieß es kürzlich in Anrufen empörter Hörer, als der Bayerische Rundfunk über die Bautzener Krawalle berichtet hatte. „Ihr sagt nicht, dass die Gewalt von den Flüchtlingen ausging!“ Solche Anrufe und Mails gehören inzwischen zum Alltag vieler Redaktionen. Wenn es die Zeit erlaubt, wird der Kritik nachgegangen, wird geredet, wird diskutiert. So auch diesmal. Es ließ sich belegen: Der BR hatte berichtet, dass in Bautzen junge Flüchtlinge Bierflaschen und Steine warfen und so die Eskalation auslösten. „Wir haben den Leuten wortwörtlich vorgelesen, was in den Nachrichten ge­sagt wurde, und trotzdem blieben sie bei ihrem Vorwurf der Lüge. Was will man dann noch sagen? Da steht man ratlos da.“ 

Mercedes Riederer, die das erzählt, ist ein Nachrichtenprofi durch und durch: 40 Jahre Berufserfahrung, acht Jahre Leiterin der Deutschen Journalistenschule, Trägerin des Publizistikpreises der Landeshauptstadt München, Vorstandsmitglied im Münchner Presseclub, eine Journalistin, der kein unüberlegtes Wort entschlüpft, eine, die jeden angefangenen Satz korrekt zu Ende führt, eine, die nichts sagt, was sie nicht belegen kann. Eine, die mäßigt, statt zuzuspitzen. Seit vierzehn Jahren ist sie Chefredakteurin der Nachrichtenwelle des Bayerischen Rundfunks.

Diffuse Skepsis gegenüber etablierten Institutionen

Auch sie spürt das Misstrauen. Nachvollziehen kann sie es allerdings nicht recht, sagt sie und stellt daher die Krise in einen größeren Zusammenhang: „Ich denke, dass die Unzufriedenheit mit den Medien Teil einer diffusen Skepsis gegenüber allen etablierten Institutionen ist, den Banken, den Kirchen, der Politik, der EU und so weiter.“ 

Dieser erweiterte Blickwinkel macht das Problem für den Journalismus nicht einfacher: „Alles, was wir uns bisher überlegt haben, um dem Misstrauen entgegenzuwirken, greift nicht wirklich. Wir versuchen, transparenter zu werden, unsere Arbeit besser zu erklären, zu schildern wo es Unsicherheiten oder Schwierigkeiten gibt. Wir achten darauf, dass insbesondere in Kommentaren unterschiedliche Positionen zum Zuge kommen. Wir setzen uns verstärkt mit den Hörerinnen und Hörern auseinander. Aber offenbar ist es so, dass die Leute nichts mehr mögen, was nicht ihre eigene Beobachtung bestätigt.“

Dabei gibt es immer viele Blickwinkel, unter denen ein Ereignis betrachtet werden kann. Riederer: „Der Journalistische ist nur einer davon. Wenn er nicht mit dem eigenen Erleben übereinstimmt, ist das auch eine Chance, die eigene Wahrnehmung zu erweitern und zu überprüfen.“ 

Das bestätigt der Leipziger Wissenschaftler Uwe Krüger: „Problematisch wird es allerdings dann, wenn die Welt, die man in den Medien gespiegelt findet, eine gänzlich andere ist, als die, die man selbst erlebt. Wenn die eigene Position kaum vorkommt. Wenn man beim Zeitunglesen denkt: ,Die‘ schreiben für irgendwen, aber nicht für mich.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2016

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