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Gemeinden ohne Pfarrer

Wenn Pfarreien immer größer werden, sind Laien auch in der Gemeindeleitung gefragt. 

Wie soll Kirche noch nah an den Menschen sein, wenn es immer weniger Priester gibt und Pfarreien immer größer werden? Einige Bistümer wollen mehr Laien an der Gemeindeleitung beteiligen.

Samstagnachmittag in der Kirche: Die kleine Elisa soll um 16 Uhr getauft werden. Die Eltern hätten die Taufe lieber etwas früher gehabt, damit die Großeltern nicht im Dunkeln zurückfahren müssen. „Geht nicht anders“, heißt es im Pfarrbüro. „Wir müssen acht Gemeinden versorgen.“ Das Taufgespräch mit Eltern und Paten findet im Pfarrhaus zwischen zwei Terminen des Pfarrers statt. Zu einer Zeit, wo eigentlich der vierjährige Bruder Justus ins Bett gebracht werden müsste. Der Wunsch der Patin, die Taufe musikalisch zu gestalten, wird vom Pfarrer gleich abgewehrt. Keine Zeit. Nach der Taufe muss er direkt weiter, um in einer anderen Gemeinde Gottesdienst zu feiern. Er hat auch keine Zeit, während der Taufe auf Justus und seine vier Kindergartenfreunde einzugehen. 

Alltag in sogenannten XXL-Pfarreien, wie sie seit Jahren in fast allen Bistümern entstehen. Zusammengelegt aus mehreren Gemeinden, die von einem zentralen Seelsorgeteam „versorgt“ werden. Weil es zu wenige Priester gibt, weil die Kirchen immer leerer und finanzielle Mittel knapp werden. Die Folgen sind absehbar: Lebendige Gemeinden werden aufgelöst und in große Verwaltungseinheiten überführt, die pastorale Nähe geht verloren. Pfarrer hetzen von Termin zu Termin, reiben sich mit Verwaltungsaufgaben und Gremienarbeit auf, kennen den Großteil ihrer Gemeindemitglieder nicht mehr. Viele Gemeinden haben keinen eigenen Priester mehr vor Ort. Und sonntags findet auch nicht mehr in jeder Gemeinde eine Eucharistiefeier statt. Die eigentliche Seelsorge bleibt da oft auf der Strecke. Wie soll es unter diesen Bedingungen gelingen, Gemeinden lebendig zu halten, als Kirche präsent zu sein?

Abschied vom bisherigen Gemeindemodell

„Wir stoßen an unsere Grenzen: Mit Priestern und Hauptamtlichen allein werden wir die Aufgaben nicht mehr schaffen“, so der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode bei einer Veranstaltung beim Leipziger Katholikentag. Die Kirche müsse sich von einem Gemeindemodell verabschieden, das auf einen Priester hin ausgerichtet ist und das viele Menschen nicht mehr erreicht. Weg vom Anspruch der Vollversorgung, hin zu einer Vielfalt an Verantwortung. Raus aus den eng umgrenzten Kirchenräumen, hin zu den Orten, wo die Menschen leben und arbeiten. Dazu sei es aber notwendig, Laien sehr viel stärker einzubeziehen. Nicht als Lückenbüßer, betont Bischof Bode, sondern als Getaufte und Gefirmte. Das gehe nicht immer ohne Konflikte. Denn es geht nicht nur um strukturelle Veränderungen, sondern um einen Mentalitätswandel in den Köpfen. Dienste und Ämter in der Kirche müssten neu überdacht und Ausbildungswege verändert werden. 

„Kirche der Beteiligung"

In seinem Bistum versucht Bischof Bode derzeit in einigen Gemeinden, ehrenamtliche Gemeindeteams einzusetzen. „Unter dem Leitwort ‚Kirche der Beteiligung‘ beschreiten wir im Bistum neue Wege, die Verantwortung der Getauften und Gefirmten für ihre Gemeinde am Ort zu stärken“, beschreibt Seelsorgeamtsleiterin Daniela Engelhard das Osnabrücker Modell. „In einem ehrenamtlichen Gemeindeteam übernehmen Frauen und Männer gemeinsam Leitungsverantwortung für ihre Gemeinde, die Teil einer größeren Pfarrei oder Pfarreiengemeinschaft ist. Mit dem Modell wollen wir dafür sorgen, dass Kirche nahe bei den Menschen ist und neue Formen der Teilhabe an Leitung ermöglichen.“ Sich um gute Beziehungen zu kümmern – das ist die Hauptaufgabe dieser Teams. 

Ein Frauenteam als Gemeindeleitung 

Eines dieser Teams ist ein reines Frauenteam, das seit Anfang des Jahres in der Gemeinde Liebfrauen in Osnabrück-Eversburg tätig ist. In einem Gottesdienst wurden die sieben Frauen von Daniela Engelhard offiziell beauftragt. „Wir waren zum Teil schon vorher lange mit der Gemeindearbeit vertraut“, berichten Ute Burmeister und Jutta Brand. „Das war aber nicht die Voraussetzung für die Mitarbeit im Gemeindeteam. Nach mehreren Wochenend- und Abendseminaren haben wir uns für diesen Dienst entschieden.“ Sie sind zunächst für drei Jahre beauftragt, danach können sie neu entscheiden, ob sie den Dienst fortführen wollen. Getragen wurden sie von dem Wunsch, die Liebfrauengemeinde lebendig zu halten und ein Ohr für die Belange der Gemeinde zu haben. Vier Bereiche gehören zu ihren Aufgaben: in Zukunft Gemeinde gestalten, in Zukunft Gottesdienst feiern, in Zukunft glauben und in Zukunft solidarisch handeln. „Das heißt ganz einfach ausgedrückt: Wir hören in unserem Umfeld, was gebraucht oder gewünscht wird, tragen dies in unserem Gremium vor und beraten gemeinschaftlich, ob und wie wir diese Wünsche umsetzen können.“ Ihre Beauftragung empfinden Ute Burmeister und Jutta Brand als „einen großen Vertrauensbeweis seitens der Gemeinde und des Bistums“ und sie hoffen, „diesem gerecht zu werden“. 

Neue Wege in der Seelsorge

Auch in anderen Bistümern werden Modelle erprobt, Laien an der Gemeindeleitung zu beteiligen. In Hildesheim, den ostdeutschen Diözesen, Köln, Aachen, Würzburg, Rottenburg, Freiburg. Das Bistum Trier macht sich nach seiner Synode auf den Weg, Limburg startet Mitte Juni seine Pastoralwerkstatt. Und auch die bayrischen Diözesen haben angekündigt, neue Wege in der Seelsorge gehen zu wollen. „Lokale Kirchenentwicklung“ nennt sich der Prozess, der Priester, Hauptberufliche und engagierte ChristInnen in einer gemeinsamen Verantwortung sieht, um die Zukunft der Kirche vor Ort zu gestalten. In kleinen, überschaubaren Gemeinschaften miteinander den Glauben zu teilen. Es gibt kein Patentrezept. Jede Gemeinde muss ihren eigenen Weg finden, sehen, was gebraucht wird und welche Talente und Charismen vorhanden sind. Die deutschen Bischöfe haben Mitte 2015 ein Impulspapier „Gemeinsam Kirche sein“ herausgegeben, in dem sie das „gemeinsame Priestertum aller Getauften“ betonen und dazu ermutigen, neue Modelle der Beteiligung zu entwickeln und Leitungsdienste von nicht geweihten Frauen und Männern zu fördern. Einen Weg, den das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet hat, der sich aber bisher nur langsam durchsetzt. 

 St. Barbara: Gemeinde ohne Priester

Sehr viel weiter geht ein Modellprojekt im Bistum Essen, das bisher einzigartig in der deutschen katholischen Kirche ist: Die Kirchengemeinde St. Barbara im Duisburger Norden wird eigenständig von ehrenamtlich tätigen Laien geleitet – ohne eigenen Priester, ohne Pastoralreferentin oder -referent, ohne finanzielle Unterstützung durch das Bistum. Eigentlich sollte die 1952 erbaute Kirche 2013 im Zuge der Strukturreform geschlossen werden – so wie fast 100 andere Kirchen des Ruhrbistums. Zudem sollte auch noch der katholische Kindergarten aufgelöst werden, obwohl die Plätze dringend gebraucht wurden. Die Gemeindemitglieder waren empört. „Zwei Tage später haben wir uns zusammengesetzt und entschieden, dass wir das auf keinen Fall hinnehmen wollten“, erzählt Angelika Hoffmann. Sie wehrten sich mit Mahnwachen, Lichterprozessionen und öffentlichen Briefen gegen das Aus und besetzten schließlich die Kirche. Als Bischof Franz-Josef Overbeck bei seiner Entscheidung blieb, gründeten Gemeindemitglieder den Förderverein „Rettet St. Barbara“ (www.rettet-st-barbara.de) und entwickelten ein Konzept, wie sie die Gemeinde eigenständig fortführen könnten. Das Konzept überzeugt. Im Herbst 2014 einigen sich Gemeinde und Bistum darauf, dass St. Barbara erst einmal als Modellprojekt bestehen bleibt. Drei Bedingungen muss die Gemeinde erfüllen: Sie finanziert sich selbst und erhält keine Kirchensteuermittel; kirchenrechtlich ist die Gemeinde an die Großpfarrei St. Johann angeschlossen; nach drei Jahren wird Bilanz gezogen und gemeinschaftlich entschieden, ob und wie es weitergeht.

Fünf Säulen, für die Laien Verantwortung übernommen haben

Was ist das Besondere an diesem Modell? Fünf Säulen umschreiben die wesentlichen Aufgaben, die von Laien ehrenamtlich übernommen werden:

Liturgie – Feier des Glaubens: Hier geht es um die Gestaltung von Wortgottesdiensten und Andachten, die Vorbereitung von Eucharistiefeiern, die Entwicklung neuer liturgischer Formen.

Diakonie – Taten der Nächstenliebe: Ihre wesentliche Aufgabe ist die Steuerung und Bündelung der sozialen und caritativen Aktivitäten in der Gemeinde.

Martyria – Verkündigung: Diese Gruppe kümmert sich um religiöse Angebote für bestimmte Zielgruppen wie zum Beispiel für Kinder und Jugendliche, Frauen, Senioren.

Koinonia – Gemeinschaft der Gläubigen: Die Aufgaben dieses Arbeitskreises umfassen die praktische Planung und Umsetzung von Gemeindefesten, Konzerten, Märkten und anderen Veranstaltungen der Gemeinde.

Oikonomia – wirtschaftliche Sicherstellung der Pastoral vor Ort: Ihre Aufgabe besteht darin, durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Sponsorenwerbung und Aktionen die nötigen Mittel zum jährlichen Unterhalt von Kirche und Gemeinderäumen zu beschaffen, um das religiöse Leben vor Ort zu unterstützen und zu unterhalten. Rund 30000 Euro muss die Gemeinde dafür jährlich aufbringen.

Eucharistiefeiern mit Gastpriestern

Ganz ohne Priester geht es jedoch nicht. Zu den Eucharistiefeiern am Sonntag und zur Spendung von Sakramenten kommen Gastpriester aus benachbarten Gemeinden. 

Die fünf Säulen orientieren sich am Gemeindemodell des französischen Erzbistums Poitiers, das seit vielen Jahren Laien in die Gemeindeleitung einbezieht. Dort gibt es inzwischen über 300 örtliche Gemeinschaften, die jeweils von fünf Laien geleitet werden. Religionsunterricht, Gesprächskreise, diakonische Hilfen, Bestattungen, Wort-Gottes-Feiern – all das leisten die Gemeinschaften selbst. Begleitet werden sie von einem Pfarrer, der für mehrere Gemeinschaften zuständig ist.

Große Bereitschaft zur Mitarbeit

Die Gemeindemitglieder von St. Barbara sind hoch motiviert, miteinander ein lebendiges Gemeindeleben zu gestalten. „Der größte Teil unserer Gemeindemitglieder unterstützt das Projekt“, berichtet Vereinsvorsitzende Angelika Hoffmann. Die einzelnen Säulen werden jeweils von Gruppen mit etwa zehn ehrenamtlich tätigen Mitgliedern getragen. Erfreut stellt Angelika Hoffmann fest, dass auch Menschen zur Mitarbeit gewonnen werden konnten, die die Kirchengemeinde bisher nicht erreicht hat: „Weit über die Hälfte der 60 in den Säulen Tätigen sind keine regelmäßigen Kirchenbesucher.“ Vorbehalte gibt es eher bei den Priestern anderer Gemeinden. „Bei den meisten Klerikern muss noch ein gehöriges Umdenken stattfinden. Sie möchten einerseits neue Wege gehen, innovativ sein, können sich aber nicht vorstellen, wie sich ihr Aufgabengebiet in Zukunft wandelt. Sie möchten zu gerne an dem, was sie kennen, festhalten. Natürlich auch nicht ihre Autorität verlieren.“ Aber Angelika Hoffmann ist zuversichtlich: „Wenn die Parteien sich bei ihren gestellten Aufgaben auf Augenhöhe begegnen, wenn das Machtdenken an letzte Stelle rückt, dann wird es ein gutes Miteinander geben.“ 

Kirche in neuem Kleid

Drei Jahre haben die Verantwortlichen Zeit. „Dann wird geschaut, was das Modell attraktiver macht als das der herkömmlichen Gemeinden“, so die Vereinsvorsitzende. „Dann wird gefragt: Wie sind die Angebote? Wie stellt sich das neue Gemeindeleben dar? Inwieweit hat man sich den Kirchenfernen geöffnet? Welcher Ort der Begegnung ist St. Barbara jetzt? Konnten die aufzubringenden Geldmittel erwirtschaftet werden?“ Ihr persönlicher Wunsch: „Dass alle mit der uns gestellten Aufgabe wachsen und jeder 100 Prozent Verantwortung für seine Aufgabe übernimmt. Dass Zeit und Raum für alle Beteiligten da ist, selbst zu wachsen und Nutzen aus diesem Tun zu ziehen. Und dass die Menschen begeistert sagen: Ja, das ist Kirche in neuem Kleid.“

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 7/2016

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