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Der gesegnete Tag

Die Ursprünge des Sonntags liegen im Schabbat

Welch heilsamer Brauch ist es, einen Tag in der Woche zu ruhen, wie es die Bibel verlangt! Eine Begegnung mit dem jüdischen Feiertag Schabbat, aus dem sich der christliche Sonntag entwickelt hat.

Am Freitagabend, kurz bevor die Sonne untergeht und der Himmel sich verdunkelt, da wird es Zeit, den Schabbat zu halten. Der schönste Wochentag beginnt. Vorbei ist die Hektik des Alltags, jede Anspannung weicht und Licht erstrahlt in der Dunkelheit. Es ist das Licht zweier Kerzen. Die eine wird für das Gedenken, die andere für das Be­wahren des höchsten Feiertags angezündet. Eine festliche Aufgabe für die Frau des Hauses. Über den beiden flackernden Flammen spricht sie dann einen Se­gen. Die Wohnung ist aufgeräumt, der Tisch festlich gedeckt, im Ofen steht ein warmes Mahl bereit, alle haben sich gewaschen und hübsch zurechtgemacht. In diesem Augenblick hat das Mühen, das Streben aufgehört. Es ist Zeit, sich zu freuen und das Leben zu genießen.

Das "Allerbeste der Woche"

„Der Schabbat ist das Allerbeste der Woche“, sagt Michaela Rychla, die in München und Regensburg jüdische Religion unterrichtet. Die Tage der 59-jährigen Ge­schichtswissenschaftlerin sind randvoll mit Arbeit, gerade eben ist der erste Teil ihrer Lehrbuchreihe der jüdischen Religion erschienen. Früher bot sie Synagogenführungen an, heute engagiert sie sich in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Doch am Schabbat schreibt Michaela Rychla nichts, sie korrigiert keine Schulaufgaben, kocht nicht und schaut nicht auf ihr Smartphone. Am Schabbat gehört die Zeit ihr selbst, ihrer Familie, den Freunden und vor allem Gott, der seinem Volk aufgetragen hat, am siebten Tag der Woche zu ruhen. 

Seit mehr als drei Jahrtausenden feiern jüdische Gläubige das wöchentliche Fest. Seine Wurzeln reichen ins Buch Genesis im Alten Testament. Dort, gleich am Anfang, heißt es über die Erschaffung der Welt, Gott, der Schöpfer, habe sechs Tage lang gearbeitet, doch am siebten Tag ruhte er. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig… (Gen 2,3)

Die Sieben-Tage-Woche, erschaffen von Gott selbst

Das ist der Ursprung des Schabbats. Gott selbst erschafft einen heilsamen Rhythmus von Arbeit und Ruhe – die Sieben-Tage-Woche. Der Ruhetag gilt sogar als die Krone der Schöpfung. Denn er ist ein Teil von ihr, gleichsam ihr Höhepunkt. Die Arbeit und das Ruhen gehören in der Bibel unzertrennlich zusammen. Dem Schabbat schließlich wird eine solche Bedeutung beigemessen, dass er als einziger Feiertag zu einem der Zehn Gebote wird, die das Leben regeln: Gedenke des Schabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. (Dtn 5,12–14)

Das ausführlichste der Zehn Gebote, wie Michaela Rychla anmerkt, wandte sich ursprünglich an israelitische Großbauern. Sie wurden ermahnt, die Fremdarbeiter, die Sklaven, die Tiere und auch sich selbst nicht auszubeuten. Jeder ohne Unterschied soll eine regelmäßige, gottgegebene Auszeit halten. Das ist die Botschaft des biblischen Schabbats. Zur Begründung heißt es weiter: Denk daran, als du Sklave in Ägypten warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit hoch erhobenem Arm herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Schabbat zu halten. (Dtn 5,13–15)

Gerechtigkeit dank Schabbatgebot

Ja, Gott hat das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Das Schabbatgebot schützt die gewonnene Freiheit. Und es stellt Gerechtigkeit in der Gesellschaft her. Niemand soll mehr pausenlos arbeiten müssen, niemand soll mehr versklavt und ausgebeutet werden, selbst die Tiere nicht. 

Für die jüdische Religionslehrerin Michaela Rychla ist der Schabbat das Größte und Heiligste, was Menschen von Gott bekommen haben. Und nach den Worten des jüdischen Philosophen Abraham Joshua Heschel ist der Feiertag „eine Erinnerung an jedermanns Königswürde, eine Aufhebung der Unterscheidung von Herr und Knecht, Reich und Arm, Erfolg und Fehlschlag.“

Die königliche Braut Schabbat

Der Tag selbst wird von den Gläubigen als Königin oder als königliche Braut besungen – ein Sinnbild für seine Würde und besondere Bedeutung. Das Bild der Königin eignet sich auch deswegen, weil das hebräische Wort Schabbat weiblich ist, erklärt Michaela Rychla. „Lasst uns die Schabbat-Königin empfangen“, sangen schon vor Jahrhunderten fromme Gelehrte. Der Brauch hat sich bis heute gehalten. „Schabbat ist die Quelle des Segens, vom Anfang, von der Urzeit her geweiht“, heißt es in der Liturgie.

Keine Rede von Sonntag: Jesus feiert den Schabbat

So alt, so erhaben ist die jüdische Tradition, aus der sich später der christliche Sonntag entwickelt hat. In der Bibel selbst ist keine Rede von Sonntag, weiß die katholische Theologin Anneliese Hecht. Jesus feierte als Jude den Schabbat. So auch die ersten Judenchristen. Diese haben am Freitagabend den Schabbat begonnen und am Ende des Feiertags oder am folgenden Abend das Abendmahl gehalten, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi. Nach und nach wurde der Tag nach dem Schabbat, der erste Tag der Woche, zum gemeinsamen Feiertag der Christen. Erst im vierten Jahrhundert, als das Christentum zur Staatsreligion aufstieg im Römischen Reich, bestimmte Kaiser Konstantin den Sonntag zu dem, was er heute immer noch ist oder sein sollte: zum arbeitsfreien Ruhetag.

Endlich mal Zeit haben, freie Zeit!

Wie Michaela Rychla ist auch Anneliese Hecht eine vielbeschäftigte Frau. Seit Jahrzehnten arbeitet die 62-Jährige beim Katholischen Bibelwerk in Stuttgart, gibt Kurse, verfasst schriftliche Arbeiten. Alles dreht sich darum, heutigen Menschen den Zugang zur Bibel zu erleichtern. Und das auch ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Nie sei sie fertig mit ihren Aufgaben. Doch der Sonntag ist ihr heilig, dafür habe sie sich bewusst entschieden. Die ganze Woche schon freut sich Anneliese Hecht darauf, an diesem einen Tag ihre Pflichten beiseitezulegen und schlicht Zeit zu haben. Zweckfreie Zeit. Der Sonntag ist heilig, das heißt „herausgenommen aus unserer Welt, anders als sie“, erklärt Hecht. Anders als die Welt, in der Zeitnot herrscht, Stress, atemloses Rennen. Kaum merklich lösen sich heilsame Lebensrhythmen auf, verschwinden unter der vielen Arbeit, dem Konsum und dem endlosen virtuellen Angebot. 

Die Rückbesinnung auf die Bibel tut gut

Es ist höchste Zeit, sich auf die tiefe Weisheit der Bibel zurückzubesinnen, die mit dem Schabbat zu einer Kultur der Pause einlädt. Und das schon seit tausenden Jahren. Doch be­reits zu biblischen Zeiten musste der wöchentliche Feiertag verteidigt werden – zum Beispiel gegen Händler, die keine Umsatzeinbußen hinnehmen wollten. Als ob die Rechnung „Zeit ist gleich Geld“ schon damals ein Credo gewesen wäre. So berichtet der Prophet Nehemia, wie er mit Leuten in Streit gerät, die Wein, Trauben, Feigen, Fische am Schabbat nach Jerusalem bringen, um sie dort zu verkaufen. Schließlich sieht er sich genötigt, die Stadtmauer schließen zu lassen, um die Schabbat-Ruhe zu schützen. Nicht ohne Grund wird das göttliche Geschenk des freien Tages bereits früh zum Gebot umgewandelt. Möglicherweise auch deswegen, weil sich die Sieben-Tage-Woche nicht wie etwa der Tag, der Monat oder das Jahr von der Natur ableitet, sondern ein kultureller, ein sozialer Rhythmus ist, meint Anneliese Hecht. Gott selbst mahnt in der Bibel zur Einhaltung des Feiertags und stellt Verstöße gar unter Todesstrafe:

Sechs Tage soll man arbeiten; der siebte Tag ist Schabbat, Ruhetag, heilig für den Herrn. Jeder, der am Schabbat arbeitet, soll mit dem Tod bestraft werden, spricht Gott zu Mose im Buch Exodus (31,15). Für die Theologin Hecht könnte die To­desstrafe auch heute noch darin bestehen, dass Menschen, die ohne Unterlass arbeiten, ihre Lebenskraft, ihre Lebenslust verlieren. Sie beobachtet Ehrgeizige, die sich nur auf Leistung ausrichten, die meinen, keine Zeit für Muße zu haben – und deswegen bereits jung an ihre Grenzen kommen. Treibt sie, wie die Händler, die Furcht davor, ein Siebtel ihrer Zeit unnütz verstreichen zu lassen und damit ihren Profit oder Erfolg zu gefährden? Die Bibelwissenschaftlerin stellt eine entgegensetzte Rechnung auf: Jeden siebten Tag der Woche feiern gläubige Juden die Muße. Den Schabbat erleben sie als Vorgeschmack auf das kommende Paradies. Sie dürfen das Paradies jetzt schon regelmäßig schmecken, dürfen aufsteigen zur Ewigkeit. Ein Siebtel ihres Lebens gehört bereits jetzt der zeitlosen Seligkeit bei Gott. Warum also hetzen? Und wohin? 

Wichtig sei auch, dass der wöchentliche Feiertag nicht beliebig wählbar, sondern für alle verbindlich geregelt bleibt. Das sei sehr biblisch, denn die Bibel orientiert sich stets am Gemeinwohl, so Hecht. 

Wenn alle frei haben, können alle beisammen sein

Wenn alle frei haben, können Mütter, Kinder, Partner, Freunde nicht nur gemeinsam Gott loben, sondern auch einfach beisammen sein. Den Schabbat feiert man nicht allein. Ein gemeinsames Mahl gehört dazu. Es ist Brauch, Alleinstehende einzuladen, er­zählt Michaela Rychla. Nach dem Gang in die Synagoge wartet auf dem festlich gedeckten Tisch Wein im verzierten Becher. Ein be­sticktes Tuch verdeckt zwei zum Zopf ge­flochtene Brote, die Chalot. Sie erinnern an das Manna, das die Israeliten auf dem Weg zum Gelobten Land in der Wüste entdeckt haben, als ihnen der Hunger drohte. Und weil Gott wünschte, dass sein Volk am Schabbat ruht, schickte er da­mals, am sechsten Tag, die doppelte Menge Manna. Deswegen sind zwei Brote auf dem Tisch.

Den Duft des Schabbats einatmen

Dann wird der Kiddusch gefeiert: Der Vater nimmt den Weinbecher und segnet ihn, danach auch die Brote. Wenn alle aus dem Becher getrunken haben, schneidet er für jeden ein Stück Brot ab, salzt es und reicht es herum. „Als Jesus mit seinen Jüngern am Gründonnerstag das letzte Abendmahl gefeiert hat, hielt er als gläubiger Jude die Schabbat-Zeremonie, den Kiddusch“, erklärt Michaela Rychla. Das anschließende warme Essen kann bis zu drei Stunden dauern. Es wird erzählt, ge­sungen. Alle haben Zeit, einen ganzen Tag lang – von Freitagabend bis Samstagabend. Dreimal sind die Feiernden in dieser Zeit zur Liturgie in die Synagoge eingeladen. Sich freuen und dankbar sein, das sind die einzigen Aufgaben des Wochentages, der ganz anders ist als die übrigen. Bis die ersten drei Sterne am Himmel zu sehen sind. Dann wird es Zeit, sich vom Schabbat zu verabschieden, mit der Havdala-Zeremonie – der Unterscheidung, der Trennung. Erneut schenkt der Vater Wein ein, diesmal so reichlich, dass der Becher überfließt. So soll auch der Schabbat in die kommende Woche überfließen. Eine Dose mit wohlriechenden Gewürzen wird he­rumgereicht. Jeder atmet den Duft des Schabbats ein, den Duft von Zimt, Nelken, Kardamom, und nimmt ihn als schöne Erinnerung mit in den Alltag. Eine aus sechs Strängen Wachs geflochtene Kerze wird angezündet – verflochten und doch verschieden, wie der Schabbat und alle anderen Wochentage es sind. Mit einem gesungenen Gebet endet der siebte Tag und mit ihm die Woche. Eine neue beginnt. Die Erinnerung an das Licht, den Duft und den Geschmack des Feiertags werden sie schöner machen, vor allem aber die Vorfreude auf die nächste Ankunft der Königin Schabbat.

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 6/2016

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