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Ausbeutung im Hinterzimmer

Zwangsprostitution und Frauenhandel sind weit verbreitet

Jeden Tag suchen in Deutschland 1,2 Millionen Männer eine Prostituierte auf. Viele Frauen stehen den Freiern nicht freiwillig zu Diensten. Nur: Sie sehen keinen anderen Ausweg aus Armut und Not.

In Sachen Prostitution ist Augsburg eine ganz normale Stadt“, sagt Soni Unterreithmeier. Der Straßenstrich ist verboten, die Genehmigungen für Bordelle werden von den Behörden restriktiv gehandhabt. Es gibt eine Stelle, an der traditionell deutsche Prostituierte ihre Dienste anbieten – einige ältere Frauen. Und es gibt eine große Zahl ausländischer Prostituierter, die Polizei spricht von etwa 600. Sie kommen überwiegend aus den Armenhäusern Europas und arbeiten in einschlägigen Etablissements oder privaten Wohnungen. Auf diese Frauen richtet sich Soni Unterreithmeiers Blick. Die 67-jährige Sozialpädagogin leitet die Solwodi-Beratungsstelle mit Schwerpunkt Opfer von Frauenhandel und Zwangsprostitution. Und sie ist es gewohnt, hinter die Kulissen der schwäbischen Fassaden zu schauen – in die Hinterzimmer. Sie weiß, was sich dort verbirgt. 

Sie wärmten sich die Hände an der Heizung und warteten auf Anweisungen

Zum Beispiel zwei junge Ungarinnen, die die Polizei An­fang des Jahres aufgegriffen hat, als sie wegen des Verdachts auf Zwangsprostitution ermittelte. Wie in solchen Fällen üb­lich, wird die Solwodi-Beratungsstelle eingeschaltet. „Da sa­ßen die beiden Ungarinnen nun bei uns an der Heizung, haben sich die Hände gewärmt und gewartet: auf Zigaretten, Fastfood und Anweisungen“, erinnert sich Soni Unterreithmeier. „Sie waren keineswegs einverstanden damit, bei uns gelandet zu sein“, erzählt sie weiter. „Sie haben über den Verlust ihrer Männer geweint, die nun in Haft saßen. Aber das war nur vordergründig. Tatsächlich ist für sie eine Welt zusammengebrochen. Sie sahen keine Zukunft für sich.“ 

Sie müssen Geld verdienen – egal wie

Soni Unterreithmeier kennt viele solcher Geschichten. Es sind junge Frauen, die von klein auf Gewalt und Geringschätzung erfahren haben, die in bitterer Armut und ohne Zukunftsperspektive aufgewachsen sind. Es sind Frauen, die sich auf Männer einlassen, die sie mit Jobversprechen und vorgetäuschter Liebe in die Prostitution locken. Es sind Frauen, die von ihren Familien unter Druck gesetzt werden, Geld zu verdienen, egal wie. „Wenn ich meiner Familie kein Geld schicke, geht es ihr schlecht. Die ist angewiesen darauf“, gestand eine der beiden Ungarinnen gegenüber Solwodi. 

Der Zuhälter muss für Statussymbole sorgen

Soni Unterreithmeier erklärt, wie die Tätigkeitsverhältnisse – Arbeit mag sie es nicht nennen – konstruiert sind: „Der Zuhälter hat einen hohen Finanzbedarf. Er ist ja nur dann in seinen Kreisen anerkannt, wenn er für Statussymbole sorgt.“ Die Frau, die er ausbeutet, bekommt in der Regel etwas Geld, um es an ihre Familie zu schicken. „Dafür muss sie rund um die Uhr einsatzbereit sein, darf keinen Freier ablehnen, muss demütigende und ekelerregende Praktiken akzeptieren.“ In der Regel sind es nur relativ kleine Beträge, die die Frau von dem abzweigen kann, was sie einnimmt. „Aber sie sieht, wie viel Geld durch ihre Hände fließt. Selbst wenn sie nur 30 Euro für einen halbstündigen Kontakt mit dem Freier erhält, ist das doch manchmal in 24 Stunden eine Summe, die einem Monatslohn im Herkunftsland gleichkommt. Das führt dazu, dass die Frauen völlig unrealistische Vorstellungen davon haben, was in Deutschland verdient wird“, urteilt Unterreithmeier.

Ein eigenes Leben führen? Kaum denkbar!

Werden die Frauen von der Polizei aufgegriffen, heißt das für sie, dass ihr Lebenskonstrukt zusammenstürzt, dass Hoffnungen und vermeintliche Liebesbeziehungen zerbrechen. „Ich habe mit den Ungarinnen über ihre Zukunft gesprochen“, erzählt Unterreithmeier, „habe ihnen in Aussicht gestellt, dass sie in einer Schutzwohnung unterkommen und als Opfer von Menschenhandel Deutsch lernen und eine Ausbildung machen könnten und so eine Zukunft in Deutschland hätten.“ 

Doch es schien ihnen kaum denkbar, tatsächlich eine Chance auf ein eigenständiges Leben zu haben. „Viele Frauen haben eine so geringe Vorbildung, dass es ihnen als Riesenhürde erscheint, Deutsch zu lernen. Und sie haben die Vorstellung, dass sie mit zwanzig zu alt für eine Ausbildung sind“, bedauert die Solwodi-Leiterin. „Das sind Frauen, die ganz jung aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden“, sagt Unterreithmeier. „Oft stammen sie aus Randgruppen. Oft wollen sie aufgrund des Elends in ihren Herkunftsländern nur zu gern glauben, dass die Männer, die sie da hineinziehen, gut zu ihnen sein werden.“ Nur zu leicht ließen sie sich von den Zuhältern mit Versprechen einlullen wie: „Ich lege das Geld auf die hohe Kante“ oder „Du musst das nur eine Zeitlang machen, nur so lange, bis ich das Geld zusammenhabe und eine Kfz-Werkstatt kaufen kann. Dann sorge ich für dich.“

Prostitution ist psychische und körperliche Extrembelastung 

Was die Frauen aber nicht einkalkulieren: „Dieses Leben halten sie nicht lange durch“, ist Unterreithmeier überzeugt. „Es ist gesundheitlich gefährlich und entwürdigend, nonstop benutzt zu werden. Es ist eine tiefe Kränkung, eine psychische und körperliche Extrembelastung, die man nicht unbeschadet überstehen kann.“ Die Frauen, die zu Solwodi kommen, sind meist in einem schlechten Zustand, den zu überspielen sie ge­wohnt sind. Dennoch ist es mühsam, sie aus der Prostitution herauszuholen, sie zu überzeugen, dass sie rasch handeln müssen, um sich Lebensperspektiven zu eröffnen. „Nach zehn Jahren ist es zu spät. Dann sind sie wirklich zerstört“, ist Unterreithmeier überzeugt.

Um Menschenhandel zu bekämpfen, ist die Polizei auf aussagewillige Frauen angewiesen. Das sei extrem wichtig, betont Unterreithmeier, denn die Ermittlungen sind äußerst aufwändig und Täter können nur aufgrund von Aussagen der Betroffenen verurteilt werden.

Solwodi: Früher waren die aufgegriffenen Frauen nicht so hoffnungslos

Die beiden Ungarinnen wurden bis zur richterlichen Vernehmung zwei Wochen lang von Solwodi betreut – zu kurz, um echte Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Beide wollten zunächst in ihr Heimatland zurückkehren. Eine entschied sich, um die Familie vor einem Desaster zu bewahren, weiter in der Prostitution zu arbeiten, allerdings unabhängig von einem Zu­hälter. Die zweite wurde an eine ungarische Beratungsstelle vermittelt, die sich um zurückgekehrte Frauen kümmert.   

„Vor zehn Jahren“, sagt Soni Unterreithmeier, „waren die Frauen, die zu uns gekommen sind, nicht so hoffnungslos, sie hatten in der Regel etwas mehr Bildung im Gepäck und eine größere Wut, die es ihnen erlaubt hat, für sich selbst zu kämpfen.“ Viele wollten sich wehren. „Ich bin nicht ein Stück Vieh, das möglichst viel Geld einzubringen hat“, dieser Satz einer Betroffenen ist der Solwodi-Leiterin im Gedächtnis geblieben. „Heute ist es schwieriger geworden, den entmutigten Frauen einen Ausweg zu weisen“, stellt sie fest. „Und meine Kolleginnen bestätigen diese Beobachtung.“

Sprechstunde bei der Sozialarbeiterin im Kleinbus

Hoffnung setzt Unterreithmeier jetzt auf eine neue Strategie der Stadt Augsburg. Seit 1. Mai gibt es eine sogenannte aufsuchende Milieusozialarbeit. Es sind zwei Teilzeitstellen geschaffen worden, eine beim Gesundheitsamt, eine weitere bei Solwodi. Die Hilfsorganisation hat dafür eine Juristin angestellt, die aus Rumänien stammt und sich im Umgang mit Randgruppen und Behörden gut auskennt. Sie bietet Sprechstunden in einem Kleinbus an, einem Schutzraum außerhalb der Bordelle. „Wir erhoffen uns, dass sich Prostituierte an diese Ansprechpartnerin wenden, wenn die Situation für sie untragbar erscheint“, sagt Unterreithmeier. „Außerdem hoffen wir, mit den Frauen über einen längeren Zeitraum hinweg Ausstiegsperspektiven entwickeln zu können. Es soll ein Vertrauensverhältnis entstehen.“ Derzeit hält Solwodi bundesweit sieben Schutzwohnungen für Aussteigerinnen bereit, in Bayern sind es zwei mit insgesamt vier Plätzen. „Bisher reicht das aus“, sagt Soni Unterreithmeier. Aber sie wünscht sich, dass mehr Frauen den Weg aus zerstörerischer Gewalt und Abhängigkeit finden.

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 6/2016

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