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Auf alten Pfaden unterwegs

Pilgern zieht mehr und mehr Menschen in seinen Bann. Alte Pfade werden wiederentdeckt und neue Wege im In- und Ausland unter die Füße genommen. 

Es war ein Zeitschriften-Bericht über den Egeria-Pilgerweg, der mich sofort gepackt hat“, erzählt Uta Geyer. Das war im März 2006, und die damals 61-jährige Frauenbundsfrau aus Mering bei Augsburg erkennt sofort: „Genau das will ich machen.“ Gemeinsam mit anderen Frauen will sie in Richtung Jerusalem pilgern, das Ziel, das im 4. Jahrhundert auch die christliche Pilgerin Egeria von Spanien aus angestrebt hat. Uta Geyer will den Weg in Etappen bewältigen – jedes Jahr ein Stück, zehn Jahre lang bis 2015. Noch am gleichen Abend setzt sie sich an den Computer und schreibt eine E-Mail, um sich anzumelden. Was ihr die Sicherheit der Entscheidung gab, weiß sie nicht zu sagen. Zum einen hatte sich die Volksschullehrerin wohl unbewusst nach einem neuen Anfang gesehnt, denn im Herbst 2006 begann ihr Vorruhestand. Es reizte sie auch, einen Pilgerweg nur mit Frauen zu gehen und die sportliche Herausforderung zu meistern. Jerusalem und nicht Santiago als Ziel zu haben, war wohl ebenfalls sehr verlockend.

Dem Leben Rhythmus geben

Für 2006, die Etappe durch Frankreich, bekommt sie in der Pilgergruppe keinen Platz mehr. Doch ab Norditalien 2007 pilgert Uta Geyer jedes Jahr ein Stück auf Egerias Spuren. Durch Slowenien und Kroatien, durch Serbien, Rumänien, Bulgarien, zweimal in der Türkei sowie auf Zypern, bis es Ende Oktober 2015 durch Israel und Palästina geht. 

Die Entscheidung für den Egeria-Weg verleiht dem Leben von Uta Geyer einen eigenen Rhythmus. Jedes Jahr ist da zunächst die Vorbereitung auf ein neues Land, seine Geschichte und Kultur. Bald übernimmt sie die Aufgabe, beim Vorbereitungstreffen im Juni das Land der Gruppe vorzustellen. Dann die abwechslungsreiche Zeit des Pilgerns im Herbst. Als Nachbereitung hält sie in Mering Vorträge für einen wachsenden Kreis interessierter ZuhörerInnen. Bei ihren Vorträgen sammelt sie Spenden, die an Frauen und Projekte gehen, die die Egeria-Pilgerinnen auf ihrem Weg kennenlernen.

Eine Schatzkiste voll Erinnerungen

Wie in eine Schatzkiste greift Uta Geyer heute auf die Erinnerungen an Menschen zurück, die den Pilgerinnen offen und freundlich entgegenkamen, die sie bewirteten, ihnen den Weg wiesen, ihnen ihr Herz öffneten und aus ihrem Leben erzählten. Da ist eine Frau in Serbien, die für die Gruppe kühles Wasser aus ihrem Brunnen pumpt und sie dann zu einem schattigen Lagerplatz für die Mittagspause führt. Oder der alte Grieche, der sie vor einem Bergsturz am Weg warnt und sie bis zu einer sicheren Alternativroute begleitet. Oder die Menschen im slowenischen Weinbaugebiet, die ihnen freigiebig reife Trauben reichen. Und die alte Jüdin in Israel, die sie in die Synagoge führt und segnet.  

Natürlich muss die Gruppe auch Schwierigkeiten überwinden. Wenn das Nachtquartier plötzlich doch nicht zur Verfügung steht, der Begleitbus eine Panne hat oder am Morgen eine Schlange aus dem Koffer kriecht. In Serbien und Kroatien begegnen die Frauen Menschen, die noch vom Krieg gezeichnet sind, und sie brauchen Führer, die sie sicher um Minenfelder herum begleiten. 

Den Moment leben

Aber: Alles ist gut gegangen. Zehn Jahre blieb Uta Geyer fit genug, um mitzuhalten. „Für all das bin ich unendlich dankbar“, bilanziert Uta Geyer. Das Wichtigste, was sie aus ihren Pilgerjahren mitnimmt, ist die Fähigkeit, sich mehr auf den Moment konzentrieren zu können. Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass die Gruppe nach dem täglichen Morgenimpuls schweigend wanderte. Uta Geyer konnte sich auf die kleinen Dinge am Wegrand und auf sich selbst konzentrieren. „Einen Rhythmus von Gehen, Atmen und Nachdenken zu finden und dadurch ganz bei mir zu sein, war für mich das Wesentliche.“ Die Wirkung hält bis heute an. „Ich habe dieses Gefühl von Unterwegssein behalten und dabei das Wissen, in diesem Unterwegssein geborgen zu sein.“ 

Der Pilgerweg auf den Spuren der Egeria, ein Projekt des Ökumenischen Forums Christlicher Frauen in Europa, ist jetzt abgeschlossen. Die Erfahrungen der Pilgerinnen kann man nachlesen und sich gegebenenfalls dafür rüsten, selbst nach Jerusalem zu gehen. 

Ein neues Projekt: Pilgern zum Papst nach Rom

Ein neues Frauen-Pilgerprojekt hat seinen Anfang gerade in der Schweiz genommen. „Wäre jetzt bei diesem Papst nicht der Zeitpunkt gekommen, um für eine Kirche mit Frauen tausend Kilometer unter die Füße zu nehmen? Würde eine Pilgerschaft von St. Gallen nach Rom dem Anliegen nicht Kraft und Bedeutung geben?“ Vor zweieinhalb Jahren stellt sich die Theologin Hildegard Aepli aus St. Gallen diese Fragen. Die Schweizerin  bespricht ihren Gedankenblitz mit zwei Freunden. Mit ihnen war sie vor Jahren nach Jerusalem gepilgert – wahrscheinlich auch auf Wegen, die einst Egeria genommen hatte. 

Die drei fragen zunächst ihren Bischof, ob er die Idee unterstützen würde. Bischof Markus Büchel aus St. Gallen sagt zu, und das Projekt „Für eine Kirche mit* den Frauen“ entwickelt sich. Um Hildegard Aepli bildet sich eine Kerngruppe, die zuallererst das Anliegen des Pilgerweges formuliert, als ganz einfache Bitte: „Wir wünschen, dass Männer der Kirche in Zukunft nicht mehr ohne Frauen über deren Stellung, Rolle und Funktion einerseits und über die Belange der Kirche im Allgemeinen andererseits nachdenken und entscheiden.“ Der Gruppe geht es darum, ein Zeichen zu setzen und dieses Zeichen wirken zu lassen. Denn: „Viele Frauen fühlen sich in unserer Kirche fremd, nicht ernst genommen oder unwillkommen, weil sie zu wenig in verantwortlichen Gremien eingebunden und an Entscheidungsprozessen beteiligt sind.“ 

Start in St. Gallen mit einem Segensgottesdienst

Kaum ist das Anliegen formuliert, findet es den Zuspruch vieler Frauen und Männer. Gemeinsam stellen sie das Projekt auf ein spirituelles Fundament. Innerhalb von drei Wochen stehen 52 Autoren zur Verfügung, die jeweils eine Woche lang für die Webseite der Aktion Gebetsimpulse schreiben. Mit diesen Impulsen wird nun schon seit fast einem Jahr für das Anliegen gebetet. Auch mehr als ein Dutzend Schweizer Ordensgemeinschaften haben sich dem Beten angeschlossen. 

Die Pilgerschaft selbst ist am 2. Mai 2016 in St. Gallen mit einem Segensgottesdienst gestartet. Am Gedenktag der bedeutenden Ortsheiligen Wiborada sind sieben Frauen und ein Mann aufgebrochen. Sie wurden auf vier Teilstrecken von organisierten Pilgergruppen begleitet. Am 2. Juli, dem Fest der Begegnung von Maria und Elisabeth – Mariä Heimsuchung, bringen die PilgerInnen, ihr Anliegen in Rom vor. Für Hildegard Aepli ist das Projekt ein Wunder: „Wir haben kein Sekretariat, wir haben kein Geld, es wurde niemand freigestellt für die Arbeit, alles ist ehrenamtlich. Das Projekt ist gewachsen durch die unzähligen Zusagen vieler Einzelner und ohne, dass eine generalstabsmäßige Übung aufgezogen wurde.“

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 5/2016