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Altern ist kein Unglück

Schreibt Gesundheitsratgeber: Marianne Koch. Foto:dtv

Sie geht jede Woche live auf Sendung. Mit Mitte achtzig ist Marianne Koch eine anerkannte Medizinjournalistin. Ihrer Karriere als Filmstar trauert sie nicht nach. Lieber erklärt sie, wie man sich im Alter gesund erhält.

KDFB Engagiert: Frau Dr. Koch, Sie feiern in diesem Jahr ihren 85. Geburtstag und sind so vielseitig aktiv wie Menschen, die um Jahrzehnte jünger sind. Seit wann hatten Sie dieses Ziel vor Augen, im Alter jung zu bleiben? 

Marianne Koch: Eigentlich merkwürdig, dass ich mich heute noch an meine erste Begegnung mit dem Phänomen Jungbleiben erinnere. Ich habe damals, vor vielen Jahren, auf der Premierenfeier einer meiner Filme eine zierliche Dame kennengelernt, die ich auf Mitte 50 schätzte und die mich faszinierte. Sie erzählte über ihre Arbeit als Rechtsanwältin, hatte alle Bücher gelesen, über die man gerade sprach, und sprühte vor Lebendigkeit und Lebenslust. Zum Schluss konnte ich mich nicht beherrschen und fragte sie nach ihrem Alter. Sie war 73 Jahre alt! Unfassbar. Ich muss ein total verblüfftes Gesicht gemacht haben, denn ich weiß noch, wie sie sich darüber amüsierte. Wenn überhaupt alt werden, dachte ich damals mit meinen gerade mal 25 Jahren, dann so.  

War ab diesem Zeitpunkt ein runder Geburtstag für Sie kein Problem mehr? 

Marianne Koch: Ich habe nie verstanden, wieso „runde“ Geburtstage überhaupt ein Problem sein sollten.

Sie haben Ihr Medizinstudium wegen Ihrer aufblühenden Filmkarriere unterbrochen und es erst im Alter von 40 Jahren wieder aufgenommen. Warum wandten Sie sich der Medizin wieder zu? Spielte dabei eine Rolle, dass in der Filmbranche vor allem junge Gesichter gefragt waren? Fühlten Sie sich zu alt für den Film? 

Marianne Koch: Ich habe mein Studium nach dem Physikum unterbrochen, weil ich nach einigen deutschen Filmen ein prima Angebot hatte, auch in Hollywood zu arbeiten. Das war mit dem Studium leider nicht mehr zu vereinbaren. 

Ich war damals aber fest davon überzeugt, dass die ganze Filmkarriere nach zwei bis drei Jahren ohnehin vorbei sein würde. Schließlich war ich keine Schauspielerin und wollte auch nie eine sein. Was mich reizte, war die Möglichkeit, aus dem damals – die Fünfzigerjahre! – tristen grauen Deutschland herauszukommen, in der Welt herumreisen zu können und dabei interessante Leute kennenzulernen. Dazu machte es Spaß, mit guten Schauspielern und exzellenten Regisseuren wie Helmut Käutner, Kurt Hofmann oder Sergio Leone auf kreative Weise zu arbeiten.

Dass meine sogenannte Filmkarriere dann über zwanzig Jahre dauerte und noch wer weiß wie lange weitergegangen wäre, hätte ich nicht von mir aus Schluss gemacht, konnte ich nicht ahnen. Ich wusste nur, dass ich über kurz oder lang zu meinem eigentlichen Beruf, der Medizin, zurückgehen würde. Diese Lust am Studium und das Ziel, als Ärztin arbeiten zu können, hat mich in all den Jahren nicht eine Sekunde verlassen.

Und haben Sie im Medizinstudium gelernt, wie man anders altert? 

Marianne Koch: Ich habe eine ungeheure Menge gelernt, lernen müssen. Ich bin Internistin, aber keine Fachärztin für Geriatrie. Die relativ wenigen Fakten, die das Altern beschleunigen, kennt ohnehin jeder: rauchen, Bewegungsmangel, geistige Trägheit, Armut, schlechte Ernährung und Mangel an Sozialkontakten. Um das zu wissen, braucht man kein Studium.

Hat Sie die Begegnung mit Alter, Tod und Leid in der eigenen Praxis angespornt, auf Ihre Gesundheit und Fitness zu achten? 

Marianne Koch: Sie hat mich vor allem angespornt, meine Patienten vor Tod und Leid zu bewahren. Was das Altern angeht: Ich habe Altern nie als Unglück, sondern als einen natürlichen Vorgang angesehen. Und ich habe das Gefühl, dass meine ganze Generation so ähnlich denkt. Jedenfalls sind die Alten nicht mehr die Alten. Sie sind aktiv, bleiben im Beruf oder engagieren sich für andere, sind oft bis in ihre achtziger Jahre gesund und lassen sich nicht aus der Mitte der Gesellschaft verbannen.

Auf eine einfache Formel gebracht, wie lässt sich der Alterungsprozess aufhalten? Es gibt ganz sicher kein Spezialrezept. Aber wenn ich eine Eigenschaft nennen soll, die tatsächlich einen großen Einfluss hat auf die Jugendlichkeit älterer Menschen, dann wäre dies: beweglich bleiben. Körperlich und geistig. Und dabei die Lust am Lernen nie verlieren.

Welche Rolle spielt die genetische Ausrüstung?

Marianne Koch: Eine ganz große. Es ist sehr ungerecht, ich weiß, dass der eine schon mit 60 Jahren Hüft- und Knieprobleme bekommt oder Probleme mit seinen Blutgefäßen, während andere auch im hohen Alter keine oder nur wenige körperliche Einschränkungen spüren. Dennoch: Wir sind nicht Sklaven unserer Gene. Wenn meine Mutter an Diabetes erkrankt war, weiß ich, dass ich mir auf keinen Fall ein stärkeres Übergewicht zulegen darf und dass ich körperlich aktiv sein muss. Und wenn mein Vater mit 50 einen Herzinfarkt erlitten hat, dann werde ich darauf achten, dass mein Blutdruck und meine Blutfettwerte im Normbereich bleiben, und ich werde unter keinen Umständen rauchen. Es ist also wichtig, ein wenig Familienkunde zu betreiben und sich sozusagen die möglichen Schwachstellen im Erbgut bewusst zu machen.

Welche Bedeutung kommt der Disziplin zu, wenn man im Alter jung bleiben will?

Marianne Koch: Ach, die Disziplin. – Ja, sicher, man kann nicht jahrzehntelang über die Stränge schlagen, nicht genug schlafen, zu viel Alkohol trinken, sich einen Teufel um einen zu hohen Blutdruck scheren und dann erwarten, dass der Doktor den müden Körper schon wieder repariert. Andererseits halte ich überhaupt nichts von einem Leben, das sich nur in strengen Vernunftgrenzen abspielt. Die Lust am Dasein, die Lust an der Improvisation, an unerwarteten Erlebnissen; die Freude an einem guten Essen oder an Gesprächen mit Freunden bis tief in die Nacht hinein bereichert uns doch unendlich. Dass die seelische Befindlichkeit den Körper beeinflusst, dass also Heiterkeit und positive Erlebnisse uns jung erhalten, ist eine Binsenwahrheit.  

Wie wichtig ist geistige Flexibilität?

Marianne Koch: Unendlich wichtig. Ich habe das bereits mit „Beweglich bleiben!“ bezeichnet. Dabei halte ich mich für ein ganz gutes Beispiel: Da ich jede Woche Expertin in einer 60 Minuten langen Live-Sendung im Hörfunk des BR, nämlich im „Gesundheitsgespräch“ bin, muss ich mich medizinisch für jedes Thema auf den neuesten Stand bringen. Das heißt, ich bin gezwungen (mache das allerdings auch mit großem Vergnügen), in den entsprechenden Fachzeitschriften und im Internet die Ergebnisse der neuesten Studien, die neuen Leitlinien und Erfahrungsberichte nachzulesen. Zu­ammen mit meinen sonstigen Vorlieben – für Literatur, Musik und Museen – ergibt das, so denke ich, ein gutes Training meiner Grauen Zellen.

Am wichtigsten sind solche kognitiven Anregungen für diejenigen, die mit 60 oder 65 Jahren aufhören zu arbeiten und bei denen dann die bisherigen Denkanstöße wegfallen. So verlockend das Rentnerdasein auch scheinen mag – man sollte sich schnell neuen Beschäftigungen zuwenden, durch die man geistig gefordert wird. Das können ehrenamtliche Verpflichtungen in Kirche oder Gemeinde sein, Kurse in der Volkshochschule, eine Sprache lernen und so weiter. Vor allem: Es sollte etwas Neues, Ungewohntes sein. Neues lernen hält das Gehirn wach.

Worauf sollten Frauen besonders achten? 

Marianne Koch: Ich denke nicht, dass es einen wesentlichen Unterschied beim Altern der Geschlechter gibt. Vielleicht mit einer Ausnahme: Wir Frauen sind oft in der Rolle der Familienmanagerinnen. Wir sind alltagskompetent, kümmern uns um das Wohlergehen von Mann, Kindern und Enkeln, um Geld und Steuern. Dabei kann es passieren, dass man sich selbst nur noch als „Mutti“ oder „Oma“ versteht und dadurch leicht an Weiblichkeit und erotischem Glanz verliert, während die Männer bis ins hohe Alter selbstverständlich auf ihre virile Anziehungskraft setzen und sich als tolle Kerle sehen. Das kann zu Komplikationen führen.

Was Botox und Schönheitschirurgie betrifft, so muss das jede Frau mit sich ausmachen. Ich habe allerdings diese Schein-Verjüngungen für mich immer schon grundsätzlich abgelehnt. Schließlich sollte man sich mit 60 oder 70 Jahren nicht durch ein glatt gebügeltes Gesicht, sondern durch die eigene Persönlichkeit definieren.

Was würden Sie einer sechzigjährigen, unsportlichen Frau raten, die mit Übergewicht zu kämpfen hat? Muss sie ihr Leben komplett umkrempeln, um im Alter fit zu bleiben? Geht da überhaupt noch was? 

Marianne Koch: Prinzipiell geht natürlich immer was. Aber solange die etwas üppige Dame gesund ist, also nicht an Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten leidet, sollte sie fröhlich bleiben, wie sie ist. Mäßiges Übergewicht führt nach den neuesten Untersuchungen nicht zu einer verkürzten Lebenszeit. Eines sollte sie allerdings tun: täglich eine halbe Stunde stramm spazierengehen.

Wann ist jemand für Sie wirklich alt? 

Marianne Koch: Wenn man die Frage im übertragenen Sinn versteht, dann beginnt das Altsein von dem Moment an, ab dem man denkt, für sein Leben genug gelernt zu haben. Das heißt, mit dem Tag, an dem man seine einmal gefassten Meinungen bis ins Grab nicht mehr verändern will. Diese Haltung findet man auch schon bei Dreißigjährigen.

Medizinisch gesehen ist der Begriff der Gebrechlichkeit vor allem mit dem Schwund der Muskelmasse verbunden. Muskeln, die nicht bewegt oder trainiert werden, schmelzen dahin, werden dünn und schwach. Wir müssen also dafür sorgen, dass unsere Muskeln auch im Alter stark bleiben. Das erreicht man allerdings nur durch tägliche Bewegung. Dabei muss man nicht ins Fitness-Studio gehen. Leichter Sport – Schwimmen, Wandern, Gymnastik oder einfach regelmäßige Spaziergänge – sollten ganz selbstverständlich in den Alltag eingebaut werden. Durch Bewegung werden auch unsere geistigen Fä­higkeiten, Denkvermögen, Gedächtnis verbessert, weil das Gehirn dabei mehr Botenstoffe produziert. Sogar die Alzheimer Krankheit kann durch körperliche Aktivität vielleicht nicht verhindert, aber zumindest hinausgeschoben werden.

Ich kenne wunderbare Menschen, die nach Jahren „alt“ sind, aber unglaublich frisch an Körper und Geist geblieben sind – und solche kennen Sie bestimmt auch.    

Sie sind nicht nur Ärztin, sondern auch Medizinjournalistin und haben Ihren ersten Bestseller mit 70 Jahren geschrieben. In Ihren Büchern machen Sie den Patienten Mut, sich selbstbewusst um ihre eigene Gesundheit zu kümmern. Für wie wichtig halten Sie die „sprechende Medizin“, um Menschen die Angst vor dem Alter zu nehmen? 

Marianne Koch: Die sprechende Medizin ist für jede Art der Kommunikation mit dem Arzt von überragender Bedeutung. Zuhören, den Menschen in seiner Ganzheit und in seiner psychosozialen Situation zu erkennen, ihn zu beraten, seine Vorstellung von Krankheitsbewältigung zu respektieren – all das sind Primärtugenden eines Arztes. 

Ich bezweifle allerdings, dass die sprechende Medizin allein den Leuten die Furcht vor dem Altern nehmen kann – zu tief stecken solche Ängste in vielen Leuten, zu sehr hat der Zeitgeist mit seiner Verherrlichung der Jugend, dem Hedonismus, mit dem Mangel an Spiritualität und an Empathie gegenüber anderen, besonders auch gegenüber Älteren, um sich gegriffen. Hier muss die Gesellschaft, müssen wir alle eingreifen, um die Würde älterer Menschen zu erhalten.

Was unternehmen Sie, um den 90. Geburtstag gesund zu feiern? 

Marianne Koch: Ich bin gar nicht sicher, ob ich 90 Jahre alt werden will. Es ist zu traurig, wenn um einen herum die Freunde sterben.

Aber ich bin im Grunde ein fröhlicher und optimistischer  Mensch. Und ich bin dankbar, dass ich ein so reiches Leben führen durfte und noch führen kann, mit meiner Familie, mit unseren Tieren, mit Arbeiten (im Bayerischen Rundfunk und derzeit auch an einem neuen Buch), mit Reisen, Musikhören, Lesen und vielen Gesprächen.

Im Übrigen esse ich sehr gern, ernähre mich allerdings vernünftig, das heißt „mediterran“ mit viel Gemüse, Obst, Salat, nicht zu viel Fleisch, manchmal Fisch und wenig Süßigkeiten (die ich ohnehin nicht mag), dazu gerne ein Glas Wein. Und selbstverständlich gehe ich täglich – und bei jedem Wetter – mit meinen beiden Hunden spazieren. Das ist auch schon alles. 

Interview: Eva-Maria Gras

aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 5/2016