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Alt werden auf dem Land

Das wünschen sich ältere Menschen: den Lebensabend in vertrauter Umgebung und Gemeinschaft verbringen. Bild: Bardehle

Den Lebensabend im Dorf verbringen – das ist möglich

Wer sein ganzes Leben in einer ländlichen Umgebung verbracht hat, will da nicht mehr weg – auch nicht im hohen Alter. Damit die Senioren in den Dörfern gut versorgt sind, müssen Politik und Gesellschaft Weichen stellen. 

„Vergessen Sie nicht zu schreiben, dass es auch recht muntere Alte auf dem Land gibt und dass sie zu leben wissen!“, ruft mir ein Damenquartett zu, das ich bei seinem flotten Spaziergang rund um einen kleinen See treffe. Sie sind alle über 80, verwitwet und leben auf dem Land. „Die Stadt? Nein, die Hektik vermissen wir nicht! Uns gefällt es auf dem Land.“ Da zwei von ihnen noch Auto fahren, sind auch gemeinsame Einkäufe im Nachbarort kein Problem. Sie managen ihren Haushalt und die Gartenarbeit weitgehend alleine, helfen sich gegenseitig. „Es geht nicht mehr alles so schnell wie früher und es zwickt auch hier und da, aber wir haben ja Zeit“, erzählen sie. „Und wenn es einer von uns nicht gut geht, dann sind die anderen zur Stelle.“  Keine Frage: Vielen älteren Menschen auf dem Land geht es gut. Sie sind geistig und körperlich fit, auch in hohem Alter. Sie leben häufiger als Städter im eigenen Haus. Sie engagieren sich in der Kirchengemeinde und in den Vereinen im Ort. Wohnen auf dem Land – das bedeutet für sie mehr Lebensqualität, Entschleunigung, Natur, eine starke Gemeinschaft. Die Menschen fühlen sich wohl – solange alles wie gewohnt funktioniert.

Ohne Auto zum Arzt

Was aber, wenn es nicht mehr funktioniert? Wenn die Kräfte nachlassen und man hilfebedürftig wird? Wenn Einkäufe oder Arztbesuche ohne eigenes Auto zum Problem werden? Wenn Haus- und Gartenarbeit überfordern, es aber keine kleineren Wohnungen im Ort gibt? Wenn ein Schlaganfall oder eine schwere Erkrankung einen zum Pflegefall machen? Dann wird es schwierig auf dem Land. In vielen Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr, keinen Arzt, keine Bank, keine Post. Gasthäuser schließen, vielerorts auch noch die Kirchen. Mit ihnen sind auch soziale Treffpunkte im Dorf verschwunden. Busse und Bahnen fahren, wenn überhaupt, nur selten. Bahnhöfe und Bushaltestellen sind oft weit weg. Das Angebot an Pflegeeinrichtungen und Dienstleistungen wie Haushaltshilfen und Alltagsbegleitung ist zu gering. Fehlen dazu dann hilfsbereite An­gehörige oder Nachbarn im engeren Umfeld, dann sind hilfebedürftige Menschen gezwungen, auf ihre alten Tage den Ort zu verlassen. Da Frauen in der Regel älter werden als Männer, sind sie besonders betroffen. 

Heimatlos in alten Tagen

Ludwina S. ist es so ergangen. Sie hat ihr ganzes Leben lang am Rand eines niederbayerischen Dorfes gewohnt. Einen Führerschein hatte sie nie. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie zum Einkaufen und für andere Besorgungen mit dem Rad in den nächstgrößeren Ort gefahren. „Bei Wind und Wetter“, erinnert sich die 85-Jährige. „Es war schon recht mühsam, wenn ich vollbepackt zurückgeradelt bin.“ Irgendwann ging das alles nicht mehr so gut. Arthrose machte ihr zu schaffen. Die Garten- und Hausarbeit wurde zu mühsam. Die Kinder wohnten weit weg. Zudem hätte das alte Haus dringend renoviert werden müssen. „Wie hätte ich das machen sollen mit meiner kleinen Witwenrente? Wissen Sie, wie das ist, wenn man nächtelang nicht schlafen kann, weil man nicht weiß, was aus einem wird? Dazu dann noch die Schmerzen und die Angst zu stürzen und niemand findet mich.“ Ein Altenheim gab es nicht im Ort, da hätte sie auch nicht hingewollt. Ihre Kinder haben sie schließlich überredet, in ihre Nähe zu ziehen. Und so hat sie mit 80 Jahren ihre vertraute Umgebung verlassen und ist zum jüngsten Sohn ins Siegerland gezogen. Rund 500 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Aber richtig angekommen ist sie da bis heute nicht. Obwohl sie jetzt viel mehr Kontakt zur Familie hat, fühlt sie sich heimatlos und fremd. „Die Leute hier sind so anders, sie verstehen mich nicht richtig und ich sie nicht. Mein Sohn und meine Schwiegertochter arbeiten beide, die Enkel studieren. Laufen kann ich nicht mehr so gut. So sitze ich hier den ganzen Tag alleine“, erzählt Ludwina S., und mit Tränen in den Augen denkt sie an ihre Heimat. Einen alten Baum verpflanzt man nicht so leicht.  

Neue Lösungen fürs Land 

Obwohl die Zahl alter Menschen in den Dörfern noch schneller ansteigt als in den Städten, beginnen viele Regionen erst jetzt, deren Situation stärker in den Blick zu nehmen. Überall im Land wird analysiert, beraten, geplant und ausprobiert. Gemeinsam mit BürgerInnen und Beratungsdiensten versuchen die Kommunen, Lösungen zu finden, damit alte und hilfebedürftige Menschen in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt sowie seine Parlamentarischen Staatssekretäre Maria Flachsbarth und Peter Bleser haben im vergangenen Jahr bundesweit Dörfer besucht. Unter dem Motto „Gut leben auf dem Land – was uns wichtig ist“ haben sie die Sorgen und Nöte der Landbevölkerung gehört. „Neben vielen anderen Themen ging es in diesem Bürgerdialog auch um die soziale Lage alter Menschen“, so KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Situation in den Dörfern ganz unterschiedlich ist. Wir haben wachsende Dörfer vor allem im Umfeld von Städten, die auf einem guten Weg sind, sich auf eine älter werdende Gesellschaft einzustellen. Und wir haben schrumpfende Dörfer in strukturschwachen Regionen, die es sehr viel schwerer haben, weil ihnen die Eigenmittel und auch die Motivation fehlen, um Projekte zu beantragen.“ Die Probleme sind überall gleich, stellt Maria Flachsbarth fest. „Es sind die fehlende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, der Rückgang der Versorgungseinrichtungen im Dorf, zu we­nig barrierefreie Klein-Wohnungen und zu wenig unterstützende Dienstleistungen. Hier brauchen die ländlichen Regionen finanzielle und beratende Unterstützung. Und deshalb stellen wir von der Politik auf den verschiedenen Ebenen zahlreiche Fördergelder bereit, um entsprechende Projekte der Dorfentwicklung voranzubringen.“ 

Legden – das Dorf der Zukunft

Was möglich ist, zeigt Legden im Münsterland. Als „ZukunftsDorf“ ist es über die Region hinaus bekannt geworden, weil sich die BürgerInnen frühzeitig der Herausforderung gestellt haben, den Ort als lebenswerten Raum für alle Generationen zu gestalten. 

Rund 7.250 Menschen leben dort. Gegenüber vielen anderen Dörfern hat Legden den Vorteil, dass noch Einrichtungen vorhanden sind wie Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, eine aktive Kirchengemeinde, Kindergärten und Grundschule, Ärzte, Lebensmittelgeschäfte, lebendige Vereine und engagierte BürgerInnen. Noch gibt es junge Familien im Ort, aber der Anteil der Menschen über 60 wird in den nächsten Jahren stark ansteigen. Bürgermeister Friedhelm Kleweken wollte dem demografischen Wandel rechtzeitig begegnen, aus einer Position der Stärke heraus. 2009 begann ein intensiver Diskussionsprozess im Ort. „Es braucht Mut und auch Durchhaltevermögen, um auch einmal unkonventionelle und kreative Ideen in die Tat umzusetzen und die Weichen zur Bewältigung von zukünftigen Herausforderungen frühzeitig richtig zu stellen“, betont der Bürgermeister. Ein wichtiger Ansatz des Konzepts ist es, möglichst viele an der Planung und Umsetzung zu beteiligen und somit den Zusammenhalt der Generationen und bürgerschaftliches Engagement zu stärken. „Die Bürgerinnen und Bürger stehen im Mittelpunkt des umfassenden Gestaltungsprozesses“, berichtet Kleweken. „Alle Altersgruppen sind einbezogen. Die Kindergärten, Schulen, Vereine, Verbände und darüber hinaus auch umliegende Hochschulen.“ 

Orte der Begegnung schaffen

Gemeinsam und mit professioneller Hilfe wurden Projektbausteine entwickelt, die nach und nach umgesetzt werden. So gibt es Aktionen wie das „Wissens-Camp“, bei dem sich Menschen aller Generationen treffen, um voneinander zu lernen. Jugendliche begleiten Menschen mit einer dementiellen Erkrankung und bauen so Berührungsängste ab. Der im vorigen Jahr neu eröffnete Dahliengarten neben der Kirche ist ein Treffpunkt für alle Generationen. Selbst der Friedhof wird zu einem Ort der Begegnung, auf dem Lesungen und Konzerte sowie Gesprächsangebote für Trauernde stattfinden. Unter dem Motto „Gesund älter werden“ entstand mitten im Dorf in einem alten Gebäude ein Gesundheitszentrum, in dem sich verschiedene Dienstleister zu einem Kompetenznetzwerk zusammengeschlossen haben. Ziel ist es, vorbeugend gegen Diabetes, Bluthochdruck und Bewegungsmangel tätig zu werden und dementielle Erkrankungen bereits im Frühstadium zu erkennen. Im Projektbaustein „Teilhabe am Leben“ wird ein Unterstützungsnetzwerk für Menschen mit Demenz aufgebaut, das ihnen die Teilhabe am sozialen Leben des Dorfes ermöglicht. Weitere Projektbausteine sind der Bau von barrierefreien Wohnungen, der Ausbau von Beratungsstellen, Tagespflegeeinrichtungen und Hausgemeinschaften, außerdem die barrierefreie Umgestaltung des Dorfzentrums. 

Ein Labor für den gesellschaftlichen Wandel

Legden ist für sein ganzheitliches Konzept mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Der Ort versteht sich als „Zu­kunftslabor“ für den gesellschaftlichen Wandel, das auch Mo­dell für andere Regionen sein kann. Deshalb zieht er viele Besuchergruppen aus dem In- und Ausland an. Möglich wurde das Konzept, weil das Dorf viele Fördermittel erhielt: so zum Beispiel aus dem LEADER-Programm der EU und aus dem NRW-Förderprogramm „Regionale 2016“.

Das Modell Legden lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Dörfer übertragen. Letztendlich muss jeder Ort für sich herausfinden, wo seine Stärken und Schwächen liegen, was gebraucht wird und was realistisch umgesetzt werden kann. Vieles lässt sich mit ehrenamtlichem Engagement lösen: Nachbarschaftshilfe zum Beispiel oder Aktionen wie „Bürger helfen Bürgern“. Kirchengemeinden und Vereine schaffen soziale Treffpunkte für verschiedene Generationen. Bürgerinitiativen gründen Mitfahrdienste oder Dorfläden. Bei anderen Projekten ist die Zusammenarbeit von professionellen und ehrenamtlichen Kräften nötig. So werden leer stehende Bauernhöfe, Schulgebäude oder Pfarrhöfe zu Senioren-WGs oder Einrichtungen mit betreutem Wohnen umgebaut. Kleine Ge­meinden schließen sich zusammen und planen gemeinsame Gesundheits- und Dienstleistungszentren. 

Die Beispiele zeigen, dass es durchaus möglich ist, im ho­hen Alter in der vertrauten dörflichen Umgebung leben zu können. Dazu braucht es aber einen starken Zusammenhalt und bürgerschaftliches Engagement. „Im entlegenen ländlichen Raum werden sich in Zukunft nur jene Dörfer stabilisieren, in denen eine aktive Bürgerschaft für attraktive Lebensbedingungen sorgt“, stellt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung fest. „Wo kein Gemeinschaftsgefühl entsteht, wo keine Innovation stattfindet, wird der demografische Niedergang nicht aufzuhalten sein.“

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/2016

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