KDFB

Richtig gut essen

Slow Food liegt im Trend – als Gegensatz zu Fast Food

Unter dem Motto „gut – sauber – fair“ will die weltweite Bewegung den Wert von Nahrungsmitteln bewusst machen. Denn gutes Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme.

 

Gutes Essen? Das ist das, was ich hier habe“, lacht Klara M. und zeigt auf ih­ren prall gefüllten Einkaufskorb. Die 48-jährige Physikerin kommt gerade von einem Bauernladen in der Nähe einer niederrheinischen Kleinstadt. Eier hat sie gekauft, ein Brot aus der hofeigenen Bäckerei, deftigen Schinken, Tomaten, weiße Rübchen, Kirschen. Alles aus der Region. „Ich achte schon darauf, was wir essen und wo die Lebensmittel herkommen“, erzählt die Mutter von zwei halbwüchsigen Jungen. Wenn sie an die vielen Fertigprodukte aus dem Supermarkt denkt, dann schüttelt es sie. „Jede Menge Zusatzstoffe, künstliche Aromen, Farbstoffe, Zucker in allen Varianten, zu viel Salz, zu viel Fett. Da koche ich lieber selbst, da weiß ich, was drin ist.“ 

Wie sie das denn alles schaffe, wird sie oft von Freundinnen und Kolleginnen gefragt. „Die Zeit nehme ich mir, sie ist es mir wert“, sagt Klara M. „Es ist alles eine Frage der Planung. Es muss ja auch nicht immer ein aufwändiges Menü sein. Jetzt bei der Hitze reichen ein bunter Salat mit Schafskäse und einem Stück Brot. Oder Pellkartoffeln mit selbst angerührtem Kräuterquark. Das ist schnell gemacht und schmeckt lecker. Auch einfaches Essen ist gut – wenn die Zu­taten gut sind.

Was sind wir bereit, für gutes Essen zu geben?

Gut essen, das wollen wohl alle. Doch was ist wirklich gut? Was sind wir bereit, dafür zu geben – an Zeit, an Geld, an Leidenschaft? An Rezepten und kreativen Ideen mangelt es nicht. Auch nicht an ambitionierten Hobbyköchen. Dennoch boomt der Markt mit Fast Food. Da gibt es morgens einen Coffee to go, mittags schnell einen Snack aus dem Bistro um die Ecke. Zwischendurch einen Smoothie für die Gesundheit, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Und abends schiebt man ein Fertiggericht in die Mikrowelle, weil man es nicht mehr geschafft hat, frisches Gemüse einzukaufen, oder weil man zu müde ist. Der Kontakt zwischen den Herstellern von Lebensmitteln und den Verbrauchern ist weitgehend verloren gegangen. Oft wissen wir nicht einmal mehr, wie Lebensmittel hergestellt werden und wo sie herkommen. Und weil sie immer und überall preiswert zur Verfügung stehen, haben sie für viele auch keinen Wert mehr. Deshalb werden sie so achtlos weggeworfen. 

Die Weinbergschnecke als Symbol der Entschleunigung 

Seit fast 30 Jahren gibt es eine Bewegung, die weltweit gegen diesen Trend ankämpft: Slow Food. Ihr Logo ist die Weinbergschnecke – ein Symbol der Langsamkeit, der Entschleunigung, des guten Lebens. Slow Food versteht sich als Vereinigung von bewussten GenießerInnen und mündigen KonsumentInnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben: 

die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten; eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt zu fördern; ProduzentInnen, HändlerInnen und VerbraucherInnen miteinander in Kontakt zu bringen, Wissen über die Qualität von Nahrungsmitteln zu vermitteln und so den Ernährungsmarkt transparent zu machen. 

Slow Food versteht sich als Gegenbewegung zu Fast Food. „Fast Food meint aber nicht, dass man schnell was zwischendurch isst“, betont Anke Klitzing, Leiterin der Geschäftsstelle von Slow Food Deutschland. „Gemeint ist das ganze Fast-Food-System. Also die Entwicklung hin zur industriellen Nahrungsmittelproduktion, deren Kennzeichen Masse und Gleichmacherei sind.“ Das Würstchen, der Joghurt, der Eintopf in der Dose, die Tiefkühlpizza, das Brot schmecken immer gleich – egal wo und wann das Produkt gekauft wird. 

Geschmack, Herstellung, regionale Traditionen:
Es gilt, die Vielfalt zu erhalten

Im Gegensatz dazu steht Slow Food für Vielfalt. Für die Vielfalt des Geschmacks, für die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensmittel und Herstellungsarten, die Vielfalt dessen, was in den jeweiligen Regionen der Welt in einem jahrhundertelangen Zusammenwirken von Mensch und Natur hervorgebracht worden ist. „Ein Lebensmittel, das nach traditioneller Art handwerklich hergestellt wird, schmeckt nicht immer gleich. Und sieht auch nicht immer gleich aus“, so Anke Klitzing.

Slow Food wurde 1986 von dem italienischen Journalisten und Soziologen Carlo Petrini als Verein zur Er­haltung der regionalen Esskultur in der norditalienischen Kleinstadt Bra gegründet. Auslöser soll die Eröffnung eines McDonalds an der berühmten Spanischen Treppe in Rom gewesen sein, was bei Anhängern der echt italienischen Küche eine Welle der Empörung ausgelöst hat. 

An dieser Tatsache kommt keiner vorbei: 
Die Deutschen wollen für ihre Lebensmittel wenig zahlen

Heute gibt es Slow Food weltweit in etwa 150 Ländern. In Deutschland wurde der Verein 1992 gegründet. Er hat derzeit bundesweit rund 13.500 Mitglieder in 85 regionalen Gruppen, den sogenannten Conviviens. Die Mitglieder kommen aus al­len Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. „Es sind Menschen, die sich dafür interessieren, wo ihr Essen herkommt, wie es hergestellt ist und welche Auswirkungen ihre Kauf- und Essgewohnheiten auf die Umwelt, auf die Erzeuger, auf das ganze Lebensmittelsystem weltweit haben“, berichtet Anke Klitzing. Gäste sind bei fast allen Veranstaltungen willkommen. „Wir möchten den Menschen den Wert von Lebensmitteln, also den ‚Mitteln zum Leben‘, wieder nahebringen“, so Ursula Hudson, Kulturwissenschaftlerin und Vorsitzende von Slow Food Deutschland. „Die Menschen hier in Deutschland haben sich daran gewöhnt, für Lebensmittel wenig Geld auszugeben. Es wird das Billigste vom Billigen gekauft. Und das hat oftmals gar nichts mit dem Einkommen zu tun. Wir sind das wohlhabendste Land in Europa und geben am wenigsten Geld für unser Essen aus. Wenn wir mehr wissen über Ge­schmack und Genuss, führt dies sicher zu verantwortlicherem Handeln.“

Sich gut ernähren – gut investierte Zeit

Dass man sich gutes Essen nicht leisten könne, ist für Anke Klitzing kein Argument. „Klar, man wendet Zeit auf und gibt Geld aus – aber das ist eine Frage der Prioritäten, die man setzt. Was ist mir wirklich wichtig? Sich um gutes Essen zu bemühen ist gut investierte Zeit. Man investiert in die eigene Gesundheit, empfindet Freude am Tun, erlebt Gemeinschaft.“  Sich gut zu ernähren sei zudem oft preiswerter als gedacht. Zumal, wenn man Produkte aus der Region wählt und sie dann kauft, wenn sie Saison haben. „Sicher, gutes und ökologisch erzeugtes Fleisch ist teuer. Aber muss man jeden Tag Fleisch es­sen? Muss man immer die edelsten Teile essen? Ein Rind hat mehr Teile als nur das Steak oder das Filet. Wenn man ein bisschen Phantasie hat und plant, dann kann man auch mit wenig Geld weit kommen.“

Kritische Fragen an die Erzeuger

Das Konzept von Slow Food ist eigentlich ganz einfach: Lebensmittel müssen gut, sauber und fair sein. Gut im Sinne von wohlschmeckend, nahrhaft, frisch, gesundheitlich einwandfrei, die Sinne anregend und befriedigend. Sauber hergestellt, ohne die Ressourcen der Erde, die Ökosysteme oder die Umwelt zu belasten und ohne Schaden an Mensch, Natur oder Tier zu verursachen. Mit angemessener Bezahlung und fairen Bedingungen für alle – von der Herstellung über den Handel bis hin zum Verzehr. Das stellt hohe Ansprüche an die ErzeugerInnen, aber auch an die VerbraucherInnen von Lebensmitteln. Für sie bedeutet das nämlich, sich zu informieren, kritische Fragen zu stellen, solidarisch zu sein und bewusst bei den regionalen ErzeugerInnen einzukaufen, die die Kriterien für ein gutes Lebensmittel erfüllen.  

Längst ist aus dem reinen Genussverein Slow Food eine politisch tätige Non-Profit-Organisation geworden. Sie be­schäftigt sich mit der europäischen Agrarpolitik, demonstriert mit anderen Organisationen gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP oder prangert das Landgrabbing an, also den Erwerb von Land zu Spekulationszwecken. Das Bienensterben ist ebenso Thema wie artgerechte Tierhaltung, nachhaltige Fischerei und Artenvielfalt. Auch die Lebensmittelverschwendung ist im Fokus, zeigt sie doch, dass Lebensmittel nicht sehr wertgeschätzt werden. Slow Food hat ein eigenes Projekt „Teller statt Tonne“, ist aber auch Kooperationspartner der Kampagne „Zu gut für die Tonne“, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gestartet wurde.

Treffen bei Tafelrunden

Neben der Aufklärungs- und Bildungsarbeit kommen Genuss und Lebensfreude nicht zu kurz. In den Conviviens treffen sich Mitglieder und Gäste regelmäßig zu Tafelrunden oder „Schneckentischen“. Da wird in geselliger Runde gekocht, gegessen, gelacht und auch gestritten, Rezepte werden ausgetauscht, Restaurants getestet und Produktionsbetriebe besucht. Es ist ein bunter Reigen von regionalen Veranstaltungen, Ak­tionen, Projekten – für Jung und Alt. Da ist die Frauengruppe DaVina in Berlin, die Wein verkostet und mit Winzerinnen, Weinhändlerinnen und Sommelièren im Gespräch ist. In Aachen probierten Slow Foodler Gerichte aus Brotresten. Das Convivium München bietet Kochkurse für Studenten. Und in Bad Reichenhall lud unter dem Motto „Eine Welt an einem Tisch“ eine Initiative, zu der auch der örtliche KDFB-Zweigverein zählte, Flüchtlingsfrauen zu einem Frauenfrühschoppen ein. 

Ein bunt bemalter Küchen-Bauwagen

Die Kinder- und Jugendarbeit ist dem Verein besonders wichtig. „Essen geht über die Sinne, vor allem über die Geschmacksnerven“, stellt Ursula Hudson fest. „Deshalb setzen wir schon im Vor- und Grundschulalter an, denn gut schmecken kann man lernen.“ In Kochkursen für Kinder er­fahren die Kleinen, dass es Spaß macht, sich mit Essen und Kochen zu beschäftigen. In den Städten Frankfurt, Karlsruhe und München werden dafür die Slow Mobile eingesetzt. Das sind mit einer Küche ausgestattete, bunt bemalte Bauwagen, die zu Kindergärten, Horten und Grundschulen rollen. Die Kinder sind mit Begeisterung dabei, wenn es ans Kochen geht. Gut besucht sind „Schnippeldiscos“ für Jugendliche. Sie finden im Rahmen der Aktion „Teller statt Tonne“ statt. Die Jugendlichen gehen vorher auf die Felder oder in die Supermärkte und sammeln dort Ausschussware ein, die nicht verkauft werden kann. Anschließend schnippeln und kochen sie an einem öf­fentlichen Ort bei fetziger Musik und setzen so ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung. 

Respekt vor den Lebensmitteln

Viele der Themen, die Slow Food aufgreift, sind auch Themen des KDFB: faire Bezahlung von Lebensmitteln, die Situation von Kleinbäuerinnen in den Ländern des Südens und ihr Beitrag zur Welternährung, Erhaltung der Artenvielfalt und nachhaltiges Wirtschaften, der kritische Blick auf das Freihandelsabkommen TTIP oder die Lebensmittelverschwendung. Die in Trier initiierte Fastenaktion „7 Wochen mit...“ soll motivieren, Lebensmittel aus der Region und dem fairen Handel zu kaufen. Bei der Aktion „für mich. für dich. fürs klima“ des VerbraucherService ging es um klimabewusste Ernährung. Der VerbraucherService in Bayern bietet Beratung und Kurse rund um Ernährungsfragen, auch für Kinder und Jugendliche. 

„In der Öffentlichkeit muss wieder mehr Respekt vor den Lebensmitteln vermittelt werden“, mahnt Bärbel Kräutle an, Bundesvorsitzende der Landfrauenvereinigung im KDFB. „Unsere Landwirte haben vieles zu bieten, was gutes Essen ausmacht: ursprüngliche Lebensmittel statt maschinell und stark verarbeitet hergestellt. Lebensmittel, bei denen man weiß, was man in der Hand hält, und bei denen man nicht erst im Kleingedruckten auf der Verpackung nachlesen muss, was drin ist.“ Dass man hier vor allem auch mit Projekten in Kindergärten und Schulen ansetzen müsse, sieht Bärbel Kräutle genauso wie Slow Food. „Es ist auch uns ein großes Anliegen, so könnte zum Beispiel der Lernort Bauernhof mehr gefördert und den Schulen die Möglichkeit gegeben werden, diese Bauernhöfe auch zu besuchen.“  

Das Netzwerk Terra Madre

Vieles von dem, was Slow Food tut, hat mit Schöpfungspartnerschaft zu tun, auch wenn der Begriff in dem Zusammenhang nicht auftaucht. So wundert es nicht, dass der Slow Food-Präsident Carlo Petrini das Vorwort zur italienischen Fassung der kürzlich von Papst Franziskus veröffentlichten Umwelt-Enzyklia „Laudato si“ geschrieben hat. Darin betont Carlo Petrini die Gemeinsamkeiten der Slow-Food-Philosophie mit dem ökologischen Gedankengut des päpstlichen Rundschreibens. Es sind die kleinen Unternehmen und kleinbäuerlichen Betriebe, Fischer und Tierzüchter, auf die Slow Food setzt. Mit ihnen könne gelingen, was die übermächtige Agrarindustrie nicht geschafft hat: die Welternährung mit guten Lebensmitteln zu garantieren. Das 2004 von Slow Food gegründete Netzwerk Terra Madre (Mutter Erde) soll weltweit alle die zusammenbringen, die in regionalen Projekten aktiv sind, um unser Lebensmittelsystem von unten her zu ändern. Bei internationalen und regionalen Treffen werden Erfahrungen ausgetauscht und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Vor einiger Zeit hat Papst Franziskus bei Carlo Petrini angerufen und dieses Netzwerk gelobt. „Dass die höchste Autorität der katholischen Welt Wertschätzung und Verständnis für die ländlichen Gemeinschaften zum Ausdruck bringt und ihre entscheidende Rolle bei der Verteidigung des Gemeinguts auf unserer Erde anerkennt, ist sehr wichtig“, so Petrini. Dieser Anruf sei ein wertvolles Signal der Solidarität.

Redaktion: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert 8+9/2015

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