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Räume der Ruhe

Neu gestaltete Kirchenräume laden Gläubige ein, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren

Konzentration und Leere helfen, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Diesen Gedanken verfolgen Pfarrgemeinden, Architekten und KünstlerInnen, wenn sie Kirchenräume neu gestalten.  

St. Moritz, Augsburg: Geborgen im weissen Lichtraum

"Ich kann mich nicht wirklich satt sehen“, sagt Renate Braun, wenn sie von der neugestalteten St. Moritz Kirche spricht. „Zum einen entdecke ich immer wieder neue Blick- und Raumbeziehungen oder neue Orte, die atmosphärisch besonders sind. Und dann gibt es die Veränderungen, die durch das Wetter, die Tageszeiten und Jahreszeiten hervorgerufen werden.“ Diese Aussage ist erstaunlich. Denn die Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Moritz spricht von einem Kirchenraum, in dem es nach seiner Neugestaltung auf den ersten Blick nicht sehr viel zu sehen gibt. Eine Konzentration auf Weniges hat stattgefunden. 

Der englische Designer John Pawson hat das neue Konzept für die Kirche erarbeitet, indem er immer wieder nachfragte: „Was braucht ihr wirklich?“ Die Antwort aus der Gemeinde war eindeutig: die Figur des Christus Salvator, die Jesus darstellt, wie er am Ende der Zeit wiederkommt. Sie ist das letzte Werk des bekannten Bildhauers Georg Petel, entstanden 1632 im Dreißigjährigen Krieg. Man weiß nicht genau, ob Georg Petel kurz danach durch Kriegseinwirkung starb oder einfach verhungerte. „Auf jeden Fall ist die Darstellung ein Meisterwerk, das den Gläubigen der Gemeinde am stärksten ans Herz gewachsen ist“, erläutert Renate Braun, die sich auch als Kirchenführerin engagiert.  

So hat John Pawson auf diese Figur seine Raumgestaltung konzentriert. Die Besucher der Stadtkirche St. Moritz treten in den langgestreckten Raum, der sie durch seine weiße Farbe sogleich zu umhüllen scheint. Noch intensiver wird das Weiß ganz vorne im Ostchor. Eine schwebende Atmosphäre entsteht dort, unter anderem hervorgerufen durch gedämpftes Licht von draußen. Die Fensterscheiben sind aus dem watteweißen Halbedelstein Onyx geschnitten. Aus einem unendlich scheinenden Raum schreitet die Figur des Christus Salvator den Besuchern mit schwungvollem Schritt entgegen, die rechte Hand segnend erhoben. Die Größe der Figur ist vom Eingang schwer zu schätzen. Drei bis fünf Meter könnten es sein. Doch gehen die Besucher noch vorne, erleben sie, wie sich die segnende Gestalt auf Menschenmaß verkleinert, sie ist nur 1,86 Meter hoch. „Für mich verdeutlicht dieses Phänomen dem Betrachter, dass Christus Mensch geworden ist“, erklärt Renate Braun. 

Um die Konzentration auf Weniges zu ermöglichen, verwendete John Pawson nur wenige Materialien. Aus demselben Stein sind die Böden und der Altar, aus dunkel gebeiztem Holz ist alles Gestühl und Onyx wurde für die Fenster verwendet. Ausgeklügelte indirekte Beleuchtung und sich wiederholende Bögen lassen auch in den Seitenschiffen und -kapellen Lichtstimmungen entstehen, die ein Gefühl der Unendlichkeit vermitteln. Durch die Kreuzkapelle und die Marienkapelle in den Seitenschiffen begegnen die Gläubigen in der Moritzkirche den drei christlichen Geheimnissen von Geburt, Tod und Wiederkehr. 

„Die Resonanz auf die Neugestaltung ist überwiegend po­sitiv“, freut sich Renate Braun. „Die Moritzkirche ist seit 2013 mehr ins Bewusstsein der ganzen Stadt gerückt. Und wir hören oft, dass dieser Raum vielen Leuten guttut.“ 

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Mariendom, Hildesheim: Historische Schönheit neu entdecken

Seit einem Jahr ist der Mariendom in Hildesheim wieder geöffnet. Fünf Jahre Renovierung haben in dem Gotteshaus, das seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, eine neue Raum­atmosphäre geschaffen. Und die Menschen, die zahlreich in das Gotteshaus strömen, staunen. „Der Hildesheimer Dom ist ein Magnet geworden, das kann man wirklich sagen“, bestätigt Jutta Düerkop. Die 73-Jährige ist seit knapp 30 Jahren Kirchenführerin und kennt die Veränderungen genau. Sie sagt: „Der Raum ist geklärt worden.“ Darin sieht sie vor allem die Handschrift des verantwortlichen Architekten Johannes Schilling aus Köln.

Dank seines Wirkens ist der Raum selbst sichtbar geworden. Neue, nur teilweise gedämpfte Fenster lassen viel Licht herein. „Wir haben jetzt im Gegensatz zu früher einen hellen Innenraum mit ganz hellem Putz“, erläutert Jutta Düerkop. 

In dem neugestalteten Raum können inhaltliche Bezüge gut erkennbar werden. So wird jeder Besucher, der durch den Mittelgang nach vorne geht, zunächst auf das große Bronze-Taufbecken stoßen. Es wurde aus einer Seitenkapelle wieder in die Mittelachse der Kirche gerückt und macht deutlich, was für jeden Christen am Anfang steht. Dann wird der Blick von einem Meisterwerk der mittelalterlichen Goldschmiedekunst gefangen genommen. Der über sechs Meter im Durchmesser große Heziloleuchter schwebt über den Sitzen der Gemeinde und verbindet sich optisch mit dem zweiten Radleuchter im Dom ganz vorne im Ostchor, dem etwas kleineren Thietmarleucher. Darunter trifft der Blick auf den neuen Altar und einen alten Osterleuchter, in dem jetzt ein ganz modernes Bergkristallkreuz steckt. Diese Komposition begeistert Jutta Düerkop, denn sie sagt: „Der besonders betonte, hervorgehobene Platz für einen Herrscher, eine überwölbte Apsis, ist der Platz für dieses Heilszeichen.“ Hinter dem Kreuz ist die Sicht frei nach draußen zu den Zweigen des legendären tausendjährigen Rosenstocks, dessen Geschichte mit der Gründung des Bistums und der Stadt eng verknüpft ist. 

Und unter dem Altar in der Krypta wiederholt sich die Verknüpfung von innen und außen. Hinter einer gotischen Madonna (Foto oben) gibt ein Fenster den Blick auf den Wurzelbereich des Rosenstocks frei. „Das ist wunderbar, dass alles so klar und durchsichtig geworden ist“, freut sich die Kirchenführerin. 

Noch viele andere Reliquien und kostbarste Kunstwerke kann sie den Besuchern an zum Teil neuen, aber immer wohldurchdachten Plätzen zeigen. So ist die Bernwardtür, die älteste mit Figuren geschmückte Bronzetür des Mittelalters, jetzt so angebracht, dass sie an hohen Feiertagen zum Kirchenraum hin geöffnet werden kann. Sonst ist sie geschlossen, und die Besucher können die Tür betrachten, ohne die Betenden im Kircheninnenraum zu stören.

Seit der Wiedereröffnung hat Jutta Düerkop zahlreiche Menschen durch den Dom geführt und so gut wie keine ablehnende Reaktion auf die Veränderungen der Bischofskirche be­kommen. Dafür trifft sie immer wieder auf Besucher, die beim Eintritt in den Raum völlig überrascht stehen bleiben und überwältigt nur noch um sich schauen.

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St. Pantaleon, Unkel: Die Leere wirken lassen

Es war eine ungewöhnliche Aktion für die kleine Stadt Unkel bei Bonn. Knapp drei Wochen konnten in der Fastenzeit alle das katholische Gotteshaus St. Pantaleon von einer neuen Seite kennenlernen. Nach der Renovierung wurden die Kirchenbänke zunächst nicht zurückgestellt. Der sakrale Raum, der sonst durch massive Eichenbänke so voll gestellt ist, dass Rollstuhlfahrer Probleme haben, sollte neue Wirkungen entfalten. „Wir wollten die Menschen anders ansprechen, ihnen die Möglichkeit geben, eine Leere zu spüren und dabei Weite und Offenheit wahrzunehmen“, erläutert Rita Cosler die Aktion. Die Gemeindereferentin trug die Idee für einen Kirchenraum, der leerer ist, schon mehrere Jahre mit sich herum. Den Anstoß gab ein Bericht über eine ähnliche Aktion in einer Kirche im Münsterland. Die Renovierung bot dann in Unkel die Gelegenheit, im bereits leer geräumten Raum aktiv zu werden. Und der freie Raum wirkte sofort. Die Gottesdienstbesucher waren gebeten worden, ihre eigenen Sitzgelegenheiten mitzubringen. Ganz von selbst stellten sie ihre Stühle im Kreis um den Altar, machten den Kreis weiter, wenn noch jemand dazukam, und unterhielten sich vor und nach dem Gottesdienst. „Sonst sitzen die Besucher der Sonntagsgottesdienste jeder in seiner eigenen Bank“, erläutert Rita Cosler den Unterschied. Damit die Gottesdienstbesucher um den Altar sitzen konnten, wurde er ins Mittelschiff des Gotteshauses gerückt. Nach einer Messe, die im gemeinsamen Rund gefeiert wurde, sagte eine 70-Jährige: „Ich habe das erste Mal gespürt, der Herr ist wirklich bei uns.“ Aber nicht nur bei den regulären Gottesdiensten konnte der Kirchenraum neu erspürt werden. Ein Team von Freiwilligen hatte ein Programm erarbeitet, das Neues in den sakralen Raum hinein nahm. Dazu gehörten meditatives Tanzen, Musik mit Klangschalen und eine Lichtinstallation. Auch das spirituelle Angebot konnte sich durch den offeneren Raum neu ausrichten. So führte ein Bußgottesdienst in einem Stationenweg vom Taufbecken zum Kreuz und dann in den Altarraum. Einen besonderen Akzent setzte ein Angebot für Familien. Wie mittelalterliche Pilger konnten sie eine Nacht im Kirchenraum schlafen. Rita Cosler verknüpfte diese Idee mit einer Geschichte aus dem Alten Testament. Dort wird erzählt, wie Samuel im Tempel schläft, aber immer wieder wach wird, weil er meint, sein Lehrer Eli hätte nach ihm gerufen. Doch es ist Gott selbst, dessen Ruf Samuel gehört hat. In St. Pantaleon konnten die Familien ganz frei bestimmen, wo sie im Kirchenraum ihr Lager aufschlagen. Ein Kind suchte sich seinen Platz nah am Hochalter und beim Ewigen Licht. Gefragt, warum ge­rade dort, kam als Antwort: „Ich fühle mich hier so sicher.“  Deshalb ist Rita Cosler überzeugt, dass der Raum auch aus sich selbst spricht. „Manchmal müssen wir sakrale Räume leerer machen, um das zu spüren, weil wir durch zu viele Bilder und Schmückendes abgelenkt sind.“ 

Als die Aktion abgeschlossen war und alle Kunstgegenstände denkmalgerecht wieder auf ihrem Platz standen, kam für Rita Cosler die größte Überraschung. Bis heute bemühen sich Gemeindemitglieder darum, dass nicht mehr alle Bänke im Kirchenraum stehen und einige träumen davon, dass der Altar wieder mehr in die Mitte gerückt würde. 

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Wallfahrtskirche Maria Eich, Planegg: Mit Maria meditieren

Mit einem Kunstwerk überhaupt noch jemand zu berühren, das ist die Schwierigkeit heute“, sagt die Bildhauerin Carola Heine. „Alle sind total überflutet, absorbiert von Medien, von Events und Terminen. Dass es einem Künstler gelingt, jemand wirklich tief herauszureißen aus dem, wo er gerade drinsteckt, ist sehr selten.“ 

Carola Heine hat sich in der Wallfahrtskirche Maria Eich in Planegg bei München dieser Herausforderung gestellt. Nach dem Umbau der Wallfahrtskirche 2008 sollte in dem sonst schmucklosen Raum mit einem schlichten neuen Altar vor allem die Figur der Maria wirken.

Bevor sich Carola Heine um den Auftrag bewarb, kannte die Bildhauerin den Wallfahrtsort nicht. „Mich hat die wunderbare Natur da draußen tief beeindruckt. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es so etwas Idyllisches gleich neben der S-Bahn gibt“, schildert sie ihren ersten Eindruck. Deshalb war es ihr wichtig, die Natur in den Kirchenraum mit hineinzunehmen. Für sie ergab sich das folgerichtig aus der Geschichte des Ortes. Zwischen 1710 und 1712 hatten Gläubige eine Muttergottesstatue in den Hohlraum einer Eiche gestellt. Nach Ge­betserhörungen entwickelte sich die Wallfahrt. 

Carola Heine setzte ihre fast lebensgroße Marienfigur auf einen unbehauenen Stein. Das sollte so wirken, als wäre um die in der Waldeinsamkeit sitzende Maria der Kirchenbau gewachsen. „Egal von welcher Tür man hereinkommt, man hat das Gefühl, Maria ist von draußen nur ein bisschen hineingerutscht“, freut sich die Künstlerin. Und sie hat die Verbindung mit der Natur noch weiter verstärkt. Die aus Zirbelholz ge-schnitzte Marienfigur ist unbemalt, und ein Vögelchen hat sich auf ihrer Hand niedergelassen. Die Fenster hinter der Figur hat der Glaskünstler Johannes Schreiter sehr schlicht gestaltet. Doch das Wichtigste, um die Blicke aus dem Kirchenraum auf eine Statue zu konzentrieren, ist die besondere Haltung der Figur. Maria sitzt mit geöffneten Händen meditierend auf ihrem Stein. Das Jesuskind in ihrem Schoß, wie das Vögelchen hervorgehoben durch einen Goldüberzug, streckt den Zeigefinger nach dem Tier aus.  

„Es war ein Wagnis, von den althergebrachten Formen der Mariendarstellung abzuweichen und Maria in dieser meditativen Gebetshaltung zu zeigen,“ erzählt Carola Heine. Es kamen durchaus Einwände wie: „Maria hat ja gar keinen blauen Mantel“ oder „Die hält das Kind nicht fest, das fällt gleich runter“. Auch Pater Matthäus, Prior des die Wallfahrt betreuenden Augustinerklosters, bestätigt die Schwierigkeiten. „Für meinen Vorvorgänger, der den Umbau in die Wege geleitet hatte, war es zunächst schwierig, die Neuerungen zu vertreten. Doch inzwischen ist die Figur so sehr angenommen, dass Menschen  ganz bewusst in die Kirche kommen um bei Maria zu verweilen.“ Carola Heine zeigt Maria als Frau, die, ins Gebet versunken, völlige Ruhe ausstrahlt. Sie hofft, dass diese Ruhe auf die Betrachter ausstrahlt. Und: „Eigentlich wartet der Andachtsuchende vor dem Bild genau wie die Künstlerin auf die Eingebung. Er wartet darauf, berührt zu werden. Er wartet auf denselben schöpferischen Geist, der durch die Oberfläche und Alltagsroutine hindurch unser Leben berührt.“

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Redaktion: Anne Granda
aus KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/15