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Pflegekrise in Deutschland

Die Not in Krankenhäusern, in Altenheimen und den Familien wird immer größer.

Frau Ott hört zu, überlegt, und dann lächelt sie ein freundliches, faltiges Lächeln. Man sieht, dass sie viel gelächelt hat in ihrem Leben: Um ihre blauen, wimpernlosen Augen reiht sich ein Strahlenkranz aus Fältchen, die sich bis zur Schläfe ziehen, wo ihre weißen, flaumigen Haare beginnen. „Naja“, sagt sie und lässt den Blick durch den Raum wandern. „Sie sind alle recht nett hier.“ Sie zögert. „Schön ist es nicht. Aber was soll man machen?“

Frau Ott ist alt, 94 Jahre war sie im Juli. Dement ist sie nicht, aber langsam haben die Jahre sie gemacht, langsam im Reden wie im Denken. Manchmal vergisst sie beim Nachdenken, worüber sie nachdenkt, die Konzentration gleitet mit den Wolken vor dem Fenster davon. „Was wollten Sie wissen?“, fragt sie dann und lächelt scheu mit ihren tausend hübschen Fältchen. „Ach, mein Kopf ist so alt und so dumm geworden.“ Dann schaut sie wieder aus dem Fenster neben dem Pflegebett, und man hat das Gefühl, das Wesentliche bleibt un­gesagt.

Ein Schlaganfall – und alles ändert sich

Das Wesentliche. Wesentlich könnte sein, dass sie vor ein paar Wochen aus dem Bett gefallen ist, als sie nachts aufzustehen versuchte. Vielleicht hatte sie vergessen, dass ihre linke Körperseite nach einem kleinen Schlaganfall viel schwächer ist als die rechte. Sie hat sich nicht schlimm verletzt, zum Glück, nur ein paar ausgedehnte blaue Flecken wegen ihrer Blutverdünnungsmittel waren die Folge, aber bis die Nachtschwester sie vor dem Bett auf dem Boden sitzend fand, klapperten ihr die Zähne. Ausgekühlt. Seither schläft sie mit einem Gurt um den Bauch. Pflegebetten, die man bis zum Boden herabfahren kann – sie sind kaum teurer als die herkömmlichen – gibt es in ihrer Einrichtung noch nicht. Wesentlich wäre auch, dass 42 Bewohner und Bewohnerinnen mit ihr auf der Station leben. Manche sind dement, manche nicht, aber alle sind schwach und kraftlos, viele chronisch krank. Nachts ist nur eine einzige Altenpflegerin da. Das ist noch gut, denn im Durchschnitt deutscher Pflegeheime kommt nachts eine Pflegekraft auf 60 hilfsbedürftige Menschen. 

Eine Pflegekraft für 60 Bewohner

60 Menschen auf Station. Wie oft eine einzige zuständige Pflegerin da nach jedem Schützling sehen kann, ihn umlagern, um Druckstellen zu vermeiden, ihm ein Schmerzmittel bringen, wenn er eines braucht, – das kann man sich ausrechnen. Zwölf Minuten für jeden. Abzüglich der Dokumentation, denn jeder Handgriff muss notiert werden.

Wesentlich wäre auch: Dass Frau Ott zu wenig trinkt, aber keiner genug Zeit hat, sie immer wieder daran zu erinnern. Dass sie zu wenig isst, aber keiner genug Zeit hat, sie in ihrem Tempo dazu anzuleiten. Dass kaum mal einer Zeit hat, sie zur Toilette zu führen, und dass sie deshalb gewindelt wird. Wesentlich wäre, dass nur 120 Vorlagen pro Monat für sie zur Verfügung stehen, weil die Kranken- und Pflegekassen am Inkontinenzmaterial ebenso sparen wie am Personal und weil die pauschalen Monatsbeträge den Bedarf oft nicht decken. Wesentlich: Dass es nicht nur die Haut, sondern auch die Würde verletzt, wenn Menschen in ihren Ausscheidungen liegen müssen.

Pflegebedürftige: ausgeliefert 

Doch dazu sagt Frau Ott nichts. Kann ihr langsamer gewordener Kopf ausblenden, wie ausgeliefert sie ist? Oder nimmt sie ihre Lage gleichmütig hin, arrangiert sich mit der Weisheit des Alters oder Resignation, dass doch nichts zu ändern ist? Frau Ott sagt, dass sie Glück hat, dass ihr Bett auf der Fensterseite des Raumes steht, mit Blick auf die Baumkronen, manchmal auf den Kondensstreifen eines Flugzeuges, ein paar Vögel und die Wolken über München. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, weil die Eintönigkeit im Zimmer sie tagsüber stundenlang dösen ließ, sieht sie zu, wie der Mond wandert. Ihre Zimmergenossin sieht nur auf den schmalen Paravent, der die Kopfseiten der beiden Betten voneinander ab­schirmt. Und auf den Kunstdruck an der Wand, Claude Monets „Frauen im Garten“. 

Dass alte Menschen im Altenheim Skat spielten und Ausflüge machten, ist lange her: Heute ist die Mehrzahl der Be­wohnerInnen schwach, dement und leidet an mehreren Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose. Die meisten ziehen erst in hohem Alter, mit Mitte 80, in eine stationäre Pflegeeinrichtung und verbringen dort ihre allerletzte Lebenszeit: Männer leben dort im Durchschnitt ein knappes halbes Jahr, Frauen deutlich länger – gut 14 Monate. Das ist Spiegel der höheren Lebenserwartung von Frauen: Sie sind im Alter oft alleinstehend, während Männer öfter zu Hause gepflegt werden, solange es irgendwie geht. Und zwar von ihren Frauen. 

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe

Auch Frau Ott ist alleinstehend. Ihr Mann starb vor 17 Jahren, nachdem sie ihn zwei Jahre lang gepflegt hatte. Sie selbst litt in den vergangenen Jahren immer stärker unter Osteoporose, das Gehen fiel ihr schwer und schwerer. Dreimal täglich kam der ambulante Pflegedienst, half beim Waschen und Duschen, richtete ihr Mahlzeiten und Medikamente her, setzte sie morgens in den Sessel, half ihr abends ins Bett. Sohn und Schwiegertochter, beide über 70, kümmerten sich um sie, eine Putzfrau kam, und so kam sie mit Hilfe ihres Rollators im Erdgeschoss ihres Häuschens ganz gut zurecht. Schließlich, im vergangenen Mai, ein Schlaganfall, nach Krankenhaus und Reha-Klinik war klar: Zu Hause leben geht nicht mehr. 

Ein Sturz, eine Erkrankung, ein Unfall oder das Alter selbst: Immer mehr Menschen brauchen dauerhaft oder vorübergehend in ihrem Alltag Hilfe. Schon heute gibt es in Deutschland etwa 2,8 Millionen Pflegebedürftige, und es werden immer mehr. Experten schätzen, dass es im Jahr 2040 fast viereinhalb Millionen sein werden. Nur: Wer wird sie pflegen? Schon heute gibt es viel zu wenige ausgebildete Pflegekräfte. Schon heute wird viel zu wenig Geld im Gesundheitswesen eingesetzt, um ausreichend Personal in den Kliniken, Heimen und ambulanten Pflegediensten zu beschäftigen. Stattdessen wird gerade am Personal gespart und immer weiter rationalisiert. Schon heute verdienen Pflegekräfte viel zu wenig, um davon leben zu können. 

Wer kann vom Gehalt einer Pflegerin leben?

Rund 2500 Euro brutto. Das verdient eine Altenpflegerin durchschnittlich in Westdeutschland, im Osten etwa 500 Euro weniger. Kein Wunder, dass es nicht genügend Pflegekräfte gibt: Wer kann davon, zumal in Großstädten, eine Familie ernähren?

Doch es ist nicht allein das magere Gehalt. Die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), Christel Bienstein, die als Professorin für Pflegewissenschaften an der Universität Witten-Herdecke forscht und lehrt, sagt: „Primär sind es die Arbeitsbedingungen, unter denen die Pflegefachpersonen leiden.“

Überstunden, Arbeitsverdichtung, Pflege im Minutentakt. Immer mehr Pflegekräfte können das nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren: Im Juli streikten die Pflegenden der traditionsreichen Berliner Charité, einer der größten Universitätskliniken Europas, – nicht etwa für mehr Gehalt, sondern für mehr Kolleginnen und Kollegen. Professorin Christel Bienstein: „In den Kliniken werden aus Kostengründen mehrere Fachrichtungen zusammengelegt, das geht dann querbeet. Da liegen Herzpatienten neben neurologisch Kranken. Die Ärzte kümmern sich natürlich nur um Patienten aus ihrem Fachbereich, die Pflegenden sollen aber alles wissen und können und jeden gut pflegen. Das ist eine helle Überforderung.“

Lebensgefahr im Krankenhaus: Für jeden Patienten mehr, den eine Pflegekraft auf chirurgischen Stationen versorgen muss, steigt das Sterberisiko um sieben Prozent. 

Kaputtrationalisierte Pflege gefährdet Leben

Es lässt sich längst nachweisen: Kaputtrationalisierte Pflege gefährdet Leben und Gesundheit der Patienten. 50.000 Vollzeitstellen wurden nach Schätzungen des DBfK in den deutschen Krankenhäusern in den vergangenen Jahren gestrichen. Internationale Studien, die Daten von Hunderttausenden Patienten auswerteten, zeigten eindeutige Zusammenhänge: Schlechte Rahmenbedingungen und zu knapp besetzte Pflege führen zu einem Anstieg von Komplikationen und Sterberaten der Patienten. Länder mit guter Pflegeausstattung, Norwegen etwa oder Schweden, haben zudem weniger Probleme mit den gefürchteten multiresistenten Keimen, die auf kein Antibiotikum mehr ansprechen.

Pflegeprofessorin Christel Bienstein: „Das Gesundheitssystem setzt die falschen Anreize. Wir haben zu viele Krankenhäuser, zu viele Eingriffe, eine diagnostische Überversorgung in manchen Medizinbereichen, zu viele teuerste Geräte. Das bindet Arbeitskräfte und Geld, bringt aber unterm Strich nachweisbar keinen besseren Gesundheitszustand und keinen Zusatznutzen für die Menschen.“ Zum Beispiel sei Deutschland an der Spitze, was die Ausgaben für die Kardiologie an­geht – die Sterblichkeit bei Herzerkrankungen liege aber nicht geringer als in Ländern, die sehr viel weniger Mittel in dieses Fachgebiet fließen lassen. Ähnliches gilt für die Orthopädie und auch für manche Felder der Krebsmedizin, sagen Kritiker des bestehenden Systems, wie zum Beispiel der Münchner Medizinethikprofessor Georg Marckmann. Daraus lässt sich nur eines schließen: Die Prioritäten sind falsch ge­setzt, sagt Pflegeprofessorin Christel Bienstein. Einen Ausweg sieht sie nicht:

„Geld müsste umgeschichtet werden, aber da traut sich keiner ran – schließlich wird dort viel verdient. Es gibt zu viel Lobbyismus im Gesundheitsbereich, jeder verteidigt sein Terrain.“ 

Fehlanreize der Politik

Überdeutlich werden die Fehlanreize der Politik auch beim Abrechnungssystem: Seit 2003 müssen sich Kliniken strikt aus den sogenannten Diagnosegruppen (DRG) finanzieren. Das sind Pauschalen, die pro Fall von den Krankenkassen bezahlt werden, egal wie lang der „Fall“ – der kranke Mensch also – im Krankenhaus bleibt. Die Folgen: Mehr Eingriffe, mehr Einweisungen, drastisch gestiegene Fallzahlen. Deutlich mehr Arztstellen und Verwaltungspersonal, das die Diagnosen kodiert, denn das bringt Geld. Weniger Krankenschwestern und -pfleger, denn die bringen kein Geld. Die Liegezeiten haben sich sehr verkürzt, weil ein Krankenhaus besser verdient, je kürzer ein Patient bleibt. In den Neunzigerjahren dauerten Klinikaufenthalte noch durchschnittlich gut dreizehn Tage, heute sind es nur noch rund sieben. „Blutige Entlassung“ nennen Kritiker diese Praxis, die den Patienten quasi aus dem Operationssaal direkt nach Hause schickt – aus wirtschaftlichen Gründen. Wie gefährlich nahe dieser Abrechnungsmodus medizinische Überlegungen an betriebswirtschaftliches Controlling rückt, zeigen Instrumente wie das Ampelsystem, das in mancher Klinik-Software eingesetzt wird. Es funktioniert so: Werden Patientendaten aufgerufen, meldet ein Farbfeld in rot, gelb oder grün, ob sich der Patient für das Krankenhaus noch rechnet oder nicht. Rot bedeutet: Hier wird nichts mehr verdient. Aus der Werbung eines Anbieters für Klinik-Software: „Es warnt sowohl vor Kurzliegern und Langliegern als auch vor zu frühen Weiterverlegungen.“ Eine mittlere Liegezeit ist am wirtschaftlichsten.

Das Abrechnungssystem der Fallpauschalen hat mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser tief in die roten Zahlen gebracht. Die große Mehrheit von Chefärzten, Pflegedienstleitungen und selbst Geschäftsführern glaubt, dass sich die Mittelknappheit negativ auf die Patientenversorgung auswirkt. Die Bundesärztekammer plädiert deshalb dafür, das DRG-System umzustellen – zumal Deutschland das einzige Land ist, das die Fallpauschalen rigide als alleiniges Abrechnungselement anwendet. 

Immer kürzer im Krankenhaus – aber wer kümmert sich danach?

Während reduzierte Pflege die Patienten nachweisbar gefährdet, muss eine frühe Entlassung aus dem Krankenhaus nicht zwangsläufig schaden – schließlich erholen sich viele Menschen zu Hause ohnehin besser. Auch DBfK-Präsidentin Christel Bienstein ist der Meinung, dass sich die Verweildauern weiter verkürzen müssen. „In Schweden ist der Durchschnitt bei fünf Tagen. Doch dort ist die ambulante pflegerische Betreuung viel besser ausgestattet und qualifiziert.“ 

Frau Ott lag nach ihrem Schlaganfall vier Tage auf einer „stroke unit“, wie die spezialisierten Stationen zur Erstversorgung eines Schlaganfalls genannt werden. Danach sieben Tage auf Normalstation, anschließend Reha. Dann wurde sie entlassen, kam nach Hause, verunsichert, schwer gehbehindert, mit einer Schluckstörung und Koordinationsschwierigkeiten. Man merkt ihr den Schrecken heute noch an. „Schlimm war es“, sagt sie, „ganz schlimm“, und die blauen Augen werden feucht. „Es ging einfach nimmer daheim, und man fühlt sich doch zu Hause am wohlsten. Aber was soll man machen?“ Ihr Blick schweift durch den Raum. Auf dem Nachtkästchen steht ein Foto ihres Häuschens aus den Siebzigerjahren, vor der Eingangstür ihr Mann in Arbeitshosen, einen Obstpflückerstab neben sich, sie in einer geblümten Kittelschürze, Kopftuch um die Haare und in der Hand einen Eimer voller Äpfel. Beide lachen in die Kamera. Inzwischen ist das Häuschen verkauft, aus dem Erlös wird die Pflege be­zahlt.

Angehörige, die pflegen, sparen dem Staat Geld

„Ambulant vor stationär“ ist ein Grundsatz des Sozialgesetzbuches. Eigentlich ein guter Gedanke, denn er trägt dem Umstand Rechnung, dass die meisten Menschen so lange wie möglich in ihrem Zuhause bleiben wollen. Er kalkuliert aber auch ein, dass Angehörige – Ehepartner, Kinder, Nachbarn, Freunde – die Pflege ganz oder teilweise übernehmen und dem Gesundheitssystem so eine Menge Geld sparen. 

1,76 Millionen Menschen, das sind 70 Prozent der Pflegebedürftigen, lebten 2013 zu Hause und wurden von ihren Angehörigen Tag und Nacht versorgt. Die sogenannte „informelle Pflege“ ist ein zentraler Stützpfeiler des Gesundheitssystems – allerdings auf Kosten derer, die sie leisten. 

Der Unterstützungsbedarf ist höher, als die Statistik ausweist

Die offiziellen Zahlen berichten nur von den Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen. Weil das aber bisher erst bei einem verhältnismäßig ho­hen Unterstützungsbedarf ab 90 Minuten pro Tag geschieht, sind alle, die weniger Hilfe brauchen oder vom Begutachtungssystem nicht erfasst werden, nicht eingerechnet. Experten schätzten bereits 2002, dass weitere knapp drei Millionen Menschen hilfsbedürftig sind, ohne leistungsberechtigt zu sein. Auch um sie kümmern sich Angehörige, Nachbarn, Freunde. Eine Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass zwischen fünf und sechs Prozent aller Erwachsenen pflegen. 

Die meisten, zwei Drittel, sind erwerbstätig, zumeist in Teilzeit, denn mehr geht auch kaum im Spagat zwischen Job und häuslicher Pflege. Fast ein Drittel von ihnen kümmert sich jeden Tag drei Stunden oder länger – oft auf Kosten der eigenen Gesundheit, und meist völlig unzureichend abgesichert. Nach Schätzungen sind pflegende Angehörige die mit Abstand am häufigsten von Burnout bedrohte Bevölkerungsgruppe.

So geht es nicht weiter!

Während sich die Vereinbarkeit von Kindern und Er­werbstätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten verbessert hat, wurde die Situation pflegender Angehöriger – auch sie vereinbaren Familie und Beruf! – weitgehend vernachlässigt. Ein paar Hundert Euro Pflegegeld und minimale Rentenansprüche reichen nun mal nicht aus. Erst langsam begreifen Politik und Wissenschaft, dass die moderne Gesellschaft ein grundsätzliches Problem hat: eine Krise der Sorgearbeit. „Care“ ist der sozialwissenschaftliche Begriff, der Fürsorge, Erziehung, Pflege, Unterstützung, bezahlt oder unbezahlt, im weiten Sinne umfasst, also alle Tätigkeiten, bei denen sich ein Mensch um einen anderen Menschen kümmert, ihm beisteht, ihm hilft, für ihn sorgt. 

Professorin Barbara Thiessen leitet an der Hochschule Landshut das Institut für Sozialen Wandel und Kohäsionsforschung. Sie sagt: „Das Leben besteht aus Autonomie und An­gewiesenheit. Menschen sind lebenslang auf Care angewiesen, das ist kein Notfall, sondern ein Prinzip. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie wir das organisieren und die Angewiesenheit in unseren Alltag integrieren können.“ So wie jetzt geht es nicht weiter. 

Dringend erforderlich: eine "Care-Revolution"!

„Wir haben eine umfassende Care-Krise in allen Facetten“, sagt Thiessen und erklärt: „Die politischen Rahmenbedingungen sind Stückwerk und widersprechen einander häufig, zum Beispiel der Grundsatz, dass ambulante Pflege den Vorrang vor stationärer Pflege hat. Das ist schön, aber wie das funktionieren soll, dass pflegende Angehörige dennoch für ihre Existenz sorgen können und nicht gnadenlos überfordert sind oder verarmen, das steht nicht im Gesetz.“

Thiessen hat zusammen mit anderen SozialwissenschaftlerInnen, vorwiegend Frauen, die Initiative „Care.Macht. Mehr“ gegründet, um der Care-Krise zu mehr Aufmerksamkeit und systematischer Erforschung zu verhelfen. Konkrete Forderungen gibt es noch nicht, zunächst müssten die Teilbereiche Erziehung, Versorgung, Pflege, Be­treuung, bezahlt und unbezahlt, systematisch zusammengedacht werden. Im Care-Manifest heißt es: 

„Noch werden Care-Aufgaben ,irgendwie’ übernommen, aber meist um einen hohen Preis, den vor allem überarbeitete Mütter, gestresste pflegende Angehörige, ausgebrannte Pflegekräfte und Erzieherinnen bezahlen.“ 

Doch es gehe nicht mehr darum, so heißt es im Manifest, weitere Notlösungen und unverbundene kleine Maßnahmen zu organisieren, sondern gute, neue, umfassende gesellschaftliche Lösungen zu finden, die den Zusammenhang von Care, Ge­schlechterverhältnissen, Ökonomie, Arbeitsorganisation, Zeitstrukturen und sozialer Gerechtigkeit im Blick haben. „Denn gute Care-Strukturen sind für uns alle die Grundlage eines guten Lebens. Deshalb wird gegenwärtig vielerorts in Europa über Lösungen nachgedacht und über ein Menschenrecht auf gute Sorge diskutiert.“

Autorin: Susanne Zehetbauer
KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2015

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