KDFB

Medizin am Ende?

Die Diskussion um die Sterbehilfe

Wir alle wissen nicht, wie es sein wird, wenn unser Leben zu Ende geht. Sicher ist nur eines: Der Tod wird für die meisten von uns nicht plötzlich, nicht schnell und nicht schmerzlos kommen, auch wenn wir uns das anders wünschen. Ein Beitrag über Medizin, Recht und Ethik am Lebensende.

Hier wäre der Ort der Fürsorge gewesen. Der Ort der Linderung, der Begleitung und des Wartens. Der Ort, dem sich auch der sterbenskranke Günther Wagner hätte anvertrauen können, wenn er nicht eine völlig andere Entscheidung für seinen Tod getroffen hätte. 

Der Ort: eine der nahezu 500 Palliativstationen und Hospize in Deutschland. Es ist hell und ruhig hier, von der üblichen Krankenhaushektik ist nichts zu spüren. Es gibt keine Überwachungsgeräte, nichts piepst und blinkt und alarmiert, auch dann nicht, wenn ein Herz aufhört zu schlagen. Viele Angehörige sind da, manche rund um die Uhr. 

Noch mal die Sonne auf der Haut spüren

Spezialisierte ÄrztInnen lindern mit hochwirksamen Medikamenten Schmerzen und Angst. Krankenschwestern und -pfleger haben ausreichend Zeit, zu reden oder auch eine Patientin im Bett auf die Terrasse der Station zu schieben, damit sie noch einmal die Sonne auf der Haut spürt. Sie haben Zeit, eine Hand zu halten, bis der Schlaf kommt. Oder ein Glas Bier zu holen, wenn ein Patient das möchte, denn es kann ja nicht mehr schaden. Was immer für einen Menschen getan werden kann, damit er seine letzten Tage und Stunden nicht qualvoll und einsam zubringen muss: Hier wird es getan. Und tatsächlich sind die meisten Patienten ruhig und gelassen, auch wenn ihr Zustand oft erbarmungswürdig ist. Manche haben die Sprache verloren, können nicht mehr schlucken, nicht mehr sprechen. Husten kraftlos, wenn der Schleim sie quält. Haben Tumore, die nach außen wuchern und nässen und riechen. Haben Wunden, die niemals mehr heilen werden. Manche liegen ruhig im Dämmerschlaf, sei er krankheitsbedingt oder herbeigeführt durch Morphin und andere Medikamente, die das Elend eines langen Sterbens zudecken wie ein Mantel. Ein Ort der Todgeweihten ist es, das ja. Aber es ist kein Ort des Horrors. 

Eine einsame Entscheidung, ein einsamer Tod

Für Günther Wagner war die Palliativstation des Krankenhauses in seiner Heimatstadt dennoch nicht der richtige Ort. Vor siebeneinhalb Jahren hatte er die Diagnose Magenkrebs erhalten, 62 Jahre war er damals alt. Sechs Einheiten Chemotherapie überstand er tapfer, ebenso Operation und Bestrahlung. Die Prognose sei günstig, sagten die Ärzte, der Krebs früh erkannt, und wirklich ging fünf Jahre lang alles gut. Dann: Metastasen in Lunge und Gehirn, ein unklarer Befund in der Leber. Inoperabel, sagten die Ärzte. Keine Hoffnung mehr auf Heilung. Eine weitere Chemo würde – vielleicht – das Leben etwas verlängern. 

Günther Wagner überlegt, berät sich mit seiner Frau, holt sich eine zweite Meinung. Und lehnt schließlich ab. Er will abschließen, seine Angelegenheiten regeln, sich vom Leben und den Menschen, die ihm lieb sind, verabschieden. Dafür braucht er seine Kraft, er will sie nicht für die quälenden Nebenwirkungen einer ohnehin aussichtslosen Chemo vergeuden. Er trifft Freunde und Verwandte, er schreibt sein Testament, löst Verträge und Abonnements auf, verschenkt und wirft weg, was er nicht mehr braucht. Er will seiner Frau und den erwachsenen Kindern nichts Unerledigtes hinterlassen. 

In den nächsten Wochen verschlechtert sich sein Zustand. Seine Anzugjacken schlottern um den mageren Körper. Er wiegt noch 53 Kilo, viel zu wenig für den großen Mann. Sein Bauch schwillt an – in der Bauchhöhle sammelt sich Wasser, das auf die inneren Organe drückt und Übelkeit verursacht. Er braucht mehr und mehr Schlaf, aus dem er immer öfter so erschöpft erwacht, wie er eingeschlafen ist. Er weiß: Es wird noch ein paar Wochen dauern, in denen es kontinuierlich weiter bergab gehen wird. Der Krebs wird weiter wachsen, an ihm zehren, zunehmend Schmerzen bereiten. Er wird sich ausdehnen, vielleicht in benachbarte Organe eindringen, vielleicht nach außen wuchern, bis sein Körper aufgibt. Ob er die letzten Tage unter dem Schutz eines gnädigen Leberkomas in zunehmender Bewusstlosigkeit verdämmern darf? Ob er am Ende nach Luft ringen wird, voller Angst zu ersticken? Ob Krampfanfälle auftreten werden, Halluzinationen oder ob der Tumor im Gehirn ihn verändern wird, sodass ihn seine Frau, seine Freunde, seine Kinder nicht wieder erkennen oder er sie? Keiner weiß das. 

Wünschenswert: Ein würdevolles Lebensende

Die Ärzte versichern ihm, dass sie alles tun werden, damit er ohne Schmerzen und ohne Angst sterben kann. Günther Wagner glaubt ihnen, jedoch: Er will darauf nicht warten, will seinen Angehörigen nicht todesschwach und elend in Erinnerung bleiben, will handlungsfähig bleiben und beschließt zu handeln, solange er noch die Kraft dazu hat. In einer Oktobernacht im vergangenen Jahr macht er sich auf den Weg, allein, und erhängt sich an einem Baum am Rand seiner Heimatstadt. Niemand weiß, wie er sich dort im Dunkeln fühlte. Hatte er Angst? Fühlte er sich einsam? Hat er gelitten oder war er schnell tot?

Vielleicht hätte es eine würdevollere Alternative zu diesem einsamen Tod am Waldrand gegeben. Vielleicht hätte er zu Hause in seinem Bett sein Leben beenden können, vielleicht begleitet von Menschen, die ihm lieb und nahe waren. Wenn – ja, wenn Günther Wagner geahnt hätte, dass er seinen oder einen anderen Arzt auch dann um Hilfe bitten darf, wenn er seinen Todeszeitpunkt selbst wählen möchte.

Der Tod kommt meist nicht schmerzlos

Die meisten Menschen wünschen sich einen schnellen schmerzlosen Tod, am liebsten zu Hause, im Schlaf, ohne Vorboten. Tatsächlich sterben aber immer weniger Menschen so: Die steigende Lebenserwartung bringt es mit sich, dass Er­krankungen wie Krebs und Demenz einen immer größeren Anteil an den Todesursachen haben und ein langsames Sterben über Jahre hinweg mit sich bringen. Bereits heute sind mehr als zwei von drei Todesfällen absehbar, und es werden immer mehr. 

Wenn das Leben langsam verlischt, weil unheilbare Krankheiten oder das Alter selbst es einschränken, wenn Fä­higkeiten verloren gehen oder Schmerzen entstehen, dann braucht es gute medizinische und pflegerische Begleitung. Nicht alles ist für jeden richtig und von jedem gewollt, sodass viele Entscheidungen zu treffen sind – vom Kranken selbst, solange er das noch kann, oder von seinen Angehörigen. Entscheidungen, die bis zuletzt immer bedrängender werden: Soll noch weiter behandelt, soll künstlich ernährt, sollen Antibiotika gegeben werden? Gar beatmet? Was braucht und was möchte der todkranke Mensch in seiner allerletzten Lebensphase? Bereits heute sterben bis zu 90 Prozent aller Patienten auf Intensivstationen nicht trotz medizinischer Eingriffe, sondern weil auf diese bewusst verzichtet wurde. 

Angst, die Weichen falsch zu stellen

Die Möglichkeiten einer hochtechnisierten Medizin konfrontieren immer mehr Menschen, Patienten wie Angehörige, mit komplexen Fragen, die verunsichern und Ängste wecken: Angst vor einem qualvollen, viel zu langsamen Sterben, Angst davor, ausgeliefert zu sein an einen kalten Medizinbetrieb und eine unwürdige, unterfinanzierte Pflege. Angst auch, den Menschen, die man liebt, über alle Maßen zur Last zu fallen. Angst vor Einsamkeit. Angst vor der Verantwortung. Angst, Fehler zu machen und die Weichen falsch zu stellen.

Wie groß die Ängste sind, zeigt sich an der aktuellen De­batte über Sterbehilfe in Deutschland: Im Herbst will der Bundestag über ein neues Gesetz beschließen. Dabei geht es zwar – aller Voraussicht nach – nur um die Frage, ob es in Zukunft eine gesetzliche Regelung für die ärztliche Beihilfe bei der Selbsttötung geben soll oder nicht – eine Frage, die nur eine sehr kleine Gruppe von Menschen betrifft. Diskutiert wird aber im Parlament und in Talkshows, auf Ta­gungen und in Familien über Sterbehilfe insgesamt – und das sehr emotional, sehr persönlich, teilweise auch mit viel Pa­thos. 

Das Wort „Sterbehilfe" führt in die Irre

Dabei sorgt schon das Wort „Sterbehilfe“ als solches für Missverständnisse, schafft Irrtümer und zementiert Tabus, und zwar nicht nur unter Laien. Auch Fachleute wenden, wie Studien immer wieder zeigen, den Begriff viel zu oft fehlerhaft an. Passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe, aktive Sterbehilfe – nur wenige wissen, was genau damit gemeint ist. Und tatsächlich kann der un­scharfe Begriff „Sterbehilfe“, je nach Standpunkt und Zusammenhang, die mitfühlende, fürsorgliche Begleitung eines Sterbenden bezeichnen, aber ebenso die Tötung eines Menschen, sprachlich schöngefärbt. Der Deutsche Ethikrat hat schon vor fast zehn Jahren vorgeschlagen, das Wort „Sterbehilfe“ aufzugeben und klügere und treffendere Begriffe zu verwenden – vergeblich. Immer noch dominiert und erschwert das irreführende Wort die Debatten und vermischt, was nicht zusammengehört. 

Der Mensch bleibt einzigartig auch am Lebensende

Sterben hat viele Facetten – auch daher mag die Verwirrung beim Begriff Sterbehilfe rühren. Nicht nur medizinische Aspekte sind wichtig, sondern auch rechtliche, psychosoziale und spirituelle, ethische und auch gesellschaftliche. Und, das ist der Kern: Jeder Mensch ist anders und trägt andere Wünsche und Vorstellungen, Hoffnungen und Ängste in sich. Sterben ist wie das Leben selbst: einzigartig, unverwechselbar. „O Herr, gib’ jedem seinen eigenen Tod. Das Sterben, das aus je­nem Leben geht, darin er hatte Liebe, Sinn und Not“, schrieb der Dichter Rainer Maria Rilke 1905. Die heutige Hochleistungsmedizin konnte er dabei noch nicht im Blick haben, trotzdem liest sich der Vers wie ein Wegweiser durch schwierige Entscheidungen am Lebensende.

Autorin: Susanne Zehetbauer
aus: KDFB Engagiert 7/14