KDFB

Leben im Schatten

Der Frauenbund unterstützt das Engagement von IN VIA für Frauen ohne Papiere. Helfen Sie mit einer Spende auf das Konto: Katholischer Deutscher Frauenbund, Liga Bank Regensburg, IBAN: DE97 7509 0300 0202 2085 55, BIC: GENODEF1M05, Stichwort: IN VIA.

KDFB-Spendenaktion 2015 für Frauen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Das Motto: "Mittendrin. Ohne Rechte." 


Der Alltag ist hart, nicht auffallen ist alles. Frauen, die sich ohne gültige Papiere in Deutschland aufhalten, leben in ständiger Angst. Bei IN VIA, dem katholischen Verband für Frauen- und Mädchensozialarbeit, werden sie nicht alleingelassen. Der Frauenbund unterstützt diese Arbeit mit seiner diesjährigen Spendenaktion.

Ist es die nette Frau um die Ecke, die man jeden Morgen auf dem Weg ins Büro flüchtig grüßt, wenn sie sich zur gleichen Zeit auf den Weg macht? Vielleicht die Mittdreißigerin mit der farbenfrohen Bluse, die in der Straßenbahn schräg gegenüber sitzt und mit der man einen kurzen Blick ausgetauscht hat? Oder die Mutter, die nur wenig Deutsch spricht, aber ihren Erstklässler immer am Schultor abholt? 

Menschen, die keine gültige Aufenthaltsgenehmigung ha­ben, leben mitten unter uns. Unsichtbar, schattenhaft. Manchmal seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Doch auch wenn sie alles tun, um möglichst wenig aufzufallen – ihr Leben ist hart, und jeden Tag kann alles vorbei sein. Denn illegal sein heißt: keine Meldebescheinigung, keine Arbeitserlaubnis, keine Krankenversicherung – trotzdem müssen sich Betroffene ernähren, sich kleiden, wohnen und nicht selten ihre Familie hier oder in ihrem Herkunftsland unterstützen. Etwa 500.000 Menschen leben illegal in Deutschland, schätzen Hilfsorganisationen. Die genaue Zahl kennt niemand.

So wird man "illegal"

Illegal, ohne Papiere: Das klingt nach nachts über die grüne Grenze, nach still und heimlich einreisen. Auch das gibt es. Doch in vielen Fällen sind die Wege, die in die Illegalität führen, gerade bei Frauen unspektakulär. „Die Frauen sind häufig mit einem gültigen Visum eingereist. Sie haben als Au-pair gearbeitet, haben hier studiert oder sind als Touristin gekommen. Nachdem ihr Visum abgelaufen ist, sind sie nicht in ihre Heimat zurückgekehrt, sondern hier geblieben“, erklärt Regine Rosner, Referentin für Migration bei IN VIA Freiburg. Eine andere Gruppe sind Frauen, die einen deutschen Mann geheiratet haben und noch keine drei Jahre verheiratet sind. Sie haben kein eigenständiges Aufenthaltsrecht und gelten als illegal, sobald sie verlassen werden. Frauen, deren Asylantrag abgelehnt wurde und die dennoch nicht zurückgekehrt sind in ihre krisengeschüttelte Heimat, finden sich unter ihnen. Als il­legal gelten auch Frauen, die Opfer von Menschenhandel ge­worden sind und deren Traum, sich eine Existenz aufzubauen, auf grausamste Weise zerplatzt ist. 


Suolas steiniger Weg

Wie bei Suola (Name von der Redaktion geändert), einer jungen Frau aus Nigeria. Sie ist ge­rade mal dreizehn, als die Madame zu ihr kommt. So heißen die Frauen, die junge Mädchen nach Europa vermitteln. Meist mit dem Versprechen auf Arbeit und ein besseres Leben. 

Auch für Suola klingen ihre Worte wie eine Verheißung. Zöpfe flechten soll sie in einem Friseursalon und dann eine Ausbildung machen. Vor ihrer Abreise muss sie versprechen zu schweigen. Dafür muss sie ein Voodoo-Zeremoniell über sich ergehen lassen. Die Voodoo-Variante Juju ist ein weit verbreiteter Kult in Nigeria. Sie muss BH und Slip ausziehen, Fingernägel und Haare dazugeben. All das wird verschlossen in einem Be­hälter im Voodoo-Schrein zurückbehalten. Dann muss sie eine übelriechende Flüssigkeit trinken, angeblich das Wasser ihrer Vorfahren. Wenn sie ihr Versprechen bricht, so machte ihr der Voodoo-Priester deutlich, dann passiere ihrer Familie etwas Schlimmes oder sie werde verrückt. Das Siegel des Schweigens wirkt. Viele Opfer aus Nigeria trauen sich kaum, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Das Juju-Zeremoniell macht sie noch er­pressbarer. 

Für Suola endet der Traum von einem besseren Leben abrupt bei ihrem ersten Stopp in Frankreich. Sie wird vergewaltigt, um sie gefügig zu machen für ein Leben als Zwangsprosti­tuierte. Denn das Mädchen ist in die Fänge von Menschenhändlern geraten. 60.000 Euro angeblicher Schulden für Reisekosten und Papiere soll sie in Deutschland „abarbeiten“. Die Tortur endet, als die Polizei sie bei einer Razzia findet, ihre Traumatisierung vermutlich niemals. 

So hilft IN VIA

Um Mädchen wie Suola, die verloren gegangen sind in ihrem eigenen Leben, kümmert sich seit zwanzig Jahren Barbara Eritt aus Berlin. Die Sozialpädagogin, die bei IN VIA an­gestellt ist, hat die Strukturen zur Hilfe für Zwangsprostituierte mit aufgebaut. 

Sie kann die Frauen in eine Schutzwohnung vermitteln, sie zur Ausländerbehörde begleiten, den Prozess vorbereiten, mit ihnen Schritte zurück in ihr Leben gehen. Die Sicherheit, dass sie bleiben dürfen, kann sie ihnen nicht geben. Die Frauen bekommen zunächst nur eine Duldung für sechs Monate und dann eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, bis der Prozess stattfindet. Danach haben sie keine gesicherte Aufenthaltserlaubnis mehr. Für viele ist die Rückkehr aber nicht vorstellbar oder auch gefährlich. „Gerade für Minderjährige bräuchten wir eine sofortige Aufenthaltsgenehmigung, denn so verlieren wir wertvolle Zeit, und ihre Traumatisierung verfestigt sich noch durch die ständige Ungewissheit, wie es mit ihnen weitergeht“, ist Barbara Eritts Erfahrung. 

Das Vertrauen der Frauen ist nicht leicht zu erringen

Es dauert, bis Mädchen wie Suola Vertrauen schöpfen und ihre Geschichte erzählen können. Bis dahin muss Barbara Eritt viel Geduld aufbringen. „Man kann das nicht planen, irgendwann bricht es aus der Frau heraus, und dann braucht man Zeit für sie – meist stundenlang. Das ist eine sehr sensible Situation, und es ist wichtig, dass die Frau das Geschehene aus sich rauslassen kann.“ In einigen Sprachen wie Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch, Russisch, Griechisch und Englisch können das die Mitarbeiterinnen der Berliner Beratungsstelle selbst verstehen, da auch sie aus verschiedenen Nationen kommen. Doch für manche Gespräche muss eine Dolmetscherin anwesend sein. Das kostet Geld. Dringend benötigt werden auch Mittel für die therapeutische Begleitung der traumatisierten Frauen. „Bisher ist die Aufnahme einer Therapie oft nicht möglich“, erklärt Barbara Eritt. 

Was Frauen ohne Papiere nicht mögen, sind zu viele Fragen. Selbst vermeintlich belanglose Fragen, wie die nach dem Heimatland, bedeuten Stress. Denn jede Antwort kann zur Falle werden, die sie aus ihrem Leben wirft. Sie brauchen Orte, wo sie selbst Antworten darauf finden können, wie es mit ihnen weitergehen kann. Es gibt solche Orte. Da, wo München am buntesten ist, wo man Frauen aus arabischen Ländern verschleiert bei einer Tasse Mokka im Café sitzen sieht, wo die Tomaten und Auberginen der türkischen Gemüsehändler um die Wette leuchten, dort wo man eben nicht auffällt, wenn man aus einem anderen Kulturkreis kommt – da ist es nur ein Katzensprung in die Beratungsstelle Migration von IN VIA. Dort unterstützen Lourdes Valencia, Jeanette Looi-Dommel und ihre Kolleginnen die Ratsuchenden. Darunter sind Migrantinnen mit den verschiedensten Fragen, viele davon mit Aufenthaltserlaubnis, manche mit einer Duldung und immer wieder auch Frauen, deren Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist. Bei den Beraterinnen zu sitzen und endlich offen sprechen zu können, ist für viele Frauen, wenn sie Vertrauen gefasst haben, eine große Erleichterung. Hier kennt jemand ihre Nöte, hier weiß jemand um die psychische Belastung, mit der sie Tag für Tag leben. Illegal zu leben, macht viele Menschen krank. Der hohe Druck, die Ungewissheit. 

Spezielle Sprechstunden beim Arzt

Auch die Angst vor Krankheit oder einem Unfall ist immer präsent. In eine Klinik eingeliefert zu werden, kann bedeuten, aufzufliegen. Ein Ausweg sind spezielle Sprechstunden für Migranten, für die man keinen Versicherungsnachweis braucht. Bei Rot über die Straße gehen, durch den Bahnhof laufen, auf dem häufig Polizeikontrollen stattfinden – für Papierlose ist das undenkbar. „Für die Frauen ist es das Schlimmste, ihren Alltag zu organisieren. Offiziell existieren sie nicht. Mit dieser Perspektive müssen sie sich täglich durch die Straßen bewegen. Wenn mit den Familienangehörigen zu Hause etwas passiert, ist das hoch belastend, man kann ja nicht einfach ausreisen und hinfahren, es gäbe kein Zurück mehr“, macht IN-VIA-Referentin Regine Rosner deutlich. 

Wer beschließt, unterzutauchen, ohne den Behörden gemeldet zu sein, der braucht gute Kontakte. Jemanden, bei dem er ein Zimmer zur Untermiete findet, denn ein eigener Mietvertrag ist unerreichbar. Jemanden, der eine Putzstelle weiß. Eine Schulleiterin, die sich traut, Kinder aufzunehmen, auch wenn sie nicht gemeldet sind. Bis 2009 machte man sich noch strafbar, wenn man Papierlose unterstützte, beriet oder behandelte und diese nicht den Behörden meldete. Mittlerweile ist dies straffrei gestellt. Auch Schulen müssen seit einigen Jahren nicht mehr melden, wenn sie Kinder aufnehmen, deren Familien sich illegal im Land aufhalten. Trotzdem ist es für die Familien ein unkalkulierbares Risiko, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Werden Daten abgeglichen? Was wenn bei Ausflügen der sichere Rahmen der Schule verlassen wird?

Rechtlos am Arbeitsplatz

Frauen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, arbeiten meist in privaten Haushalten als Putzhilfe, in der Kinderbetreuung, als Pflegerin, als Aushilfen in Spülküchen und Restaurants oder in der Prostitution. Bei ihren Beschäftigungen sind sie extrem schutzlos. „Eine Klientin, eine ausgebildete Chemikerin, die bei einem Mann die Wohnung putzte, wurde damit konfrontiert, dass für diesen sexuelle Dienstleistungen mit zum ,Gesamtpaket‘ gehörten“, erzählt Regine Rosner. Rechtlich gegen ihn vorgehen kann die Frau nicht. Es bleibt ihr nur, eine neue Stelle zu suchen – in der Hoffnung, fair behandelt zu werden und den Lohn, wie mündlich vereinbart, auch zu erhalten. 

Dass man auch innerhalb kurzer Zeit vor dem Problem Illegalität stehen kann, erleben mitunter Frauen, die mit einem Au-pair-Visum eingereist sind. 

Giulia findet Zuflucht

Giulia (Name von der Redaktion geändert) war 21, als sie als Au-pair in einen Münchner Vorort kam. Es gefiel ihr bei der Familie mit den zwei kleinen Kindern, in dem Reihenhaus mit dem kleinen Garten. Bis zu dem Tag, als sie feststellte, dass sie schwanger war. Als ihre Gastfamilie davon erfuhr, wollte diese sie sofort zurückschicken. Doch eine Rückkehr, ledig und schwanger, in ihre traditionell geprägte Familie in Südamerika war für sie unvorstellbar. Sie war in einer Zwickmühle: Denn sobald sie ihre Gastfamilie verlassen würde, verlöre ihr Visum als Au-pair seine Gültigkeit. 

Sie fand den Weg zu Jeanette Looi-Dommel in der IN-VIA-Beratungsstelle München. Sie half der jungen Frau, den Boden unter den Füßen wiederzugewinnen: Giulia konnte in das Haus Tahanan einziehen. Es ist eine Übergangsunterkunft für Frauen mit un­gesichertem Aufenthaltsstatus, die IN VIA betreut. Auch Opfer der Zwangsprostitution finden dort Zuflucht. Ebenso wie Ehefrauen, die von ihren Männern psychisch unter Druck gesetzt oder körperlich misshandelt werden. „Wir können dort Frauen Schutz bieten, die wegen ihres Aufenthaltsstatus in Frauenhäusern oder der Wohnungslosenhilfe nicht aufgenommen werden“, erklärt die Sozialpädagogin. Giulia hat als Schwangere erst eine Duldung, bis die Mutterschutzzeit nach der Geburt abgelaufen ist. Doch spätestens dann müsste sie ausreisen. Doch Giulia kämpft mit Hilfe ihrer Beraterin weiter. Und sie hat Glück, denn der Vater erkennt das Kind an, und so erhält Giulia eine Aufenthaltsgenehmigung. Als das Kind auf der Welt ist, zieht sie in ein Mutter-Kind-Haus um und beginnt einige Zeit später ein Studium. Ihr Weg ins Leben scheint geglückt. 

Schon ein lautes Geräusch kann Panik auslösen

„Manchen Frauen sieht man es nicht gleich an, was sie durchgemacht haben. Aber nach einer Weile im Haus Tahanan merkt man, dass die Frauen nicht in den Schlaf finden, dass sie tagsüber die Vorhänge geschlossen halten, dass sie sich teilweise nicht alleine auf die Straße trauen, dass sie ein lautes Geräusch in Panik versetzt. Dann kommen die sogenanten Flashbacks, die plötzlichen Rückerinnerungen an schreckliche Situationen, und sie brauchen Unterstützung“, erklärt Jeanette Looi-Dommel. 

Hilfe benötigen die Frauen auch, wenn sie ernsthaft krank werden. Es gibt niemanden, der Medikamente bezahlen würde. Eine Geburtsurkunde für ihr Kind oder eine eidesstattliche Erklärung, falls keine Geburtsurkunde ausgestellt werden kann, können sie sich aus eigener Kraft nicht leisten. 

Was die Beraterinnen von IN VIA immer wieder verzweifeln lässt, ist die Dreijahresfrist für Ehefrauen. Drei Jahre durchzuhalten, wenn die Ehe zur Hölle wird, das ist eine lange Zeit. Für Frauen, die bleiben wollen, ist es oft die einzige Lö­sung. „Zurück zu gehen ist für viele Migrantinnen undenkbar. Es bedeutet für sie ein Scheitern auf ganzer Linie und einen Gesichtsverlust in der Heimat“, erklärt die Münchner Beraterin Lourdes Valencia.

Panya möchte bleiben 

Panya (Name von der Redaktion geändert) lernte ihren zukünftigen Mann vor gut zwei Jahren in ihrer Heimat Thailand kennen. Er war dort im Urlaub. Sie arbeitete in einem Restaurant am Strand. Er war freundlich und großzügig. Sie mochte ihn. Einige Zeit später heirateten sie. Heute lebt sie in Deutschland. Zu zwei Nachbarinnen hat sie etwas Kontakt gefunden. Doch ihr Mann will nicht, dass sie eigene Schritte geht, dass sie sich Arbeit sucht und ihren Bekanntenkreis er­weitert. Er möchte, dass sie zu Hause ist, sich dort um alles kümmert. Immer wieder verbietet er ihr, etwas zu unternehmen. Schließlich installiert er eine Überwachungskamera und kontrolliert jeden ihrer Schritte. Panya bekommt Angst vor ihm. Immer wieder droht er: „Wenn du nicht machst, was ich sage, schicke ich dich zurück nach Hause.“ Panya möchte aber in ihrem neuen Leben bleiben. Nur zusammen mit ihrem Mann hält sie es nicht mehr aus. Doch ihr fehlen noch acht Monate für eine eigene Aufenthaltsgenehmigung. 

Momente ohne Angst im Nacken sind selten

Frauen, die einen deutschen Mann geheiratet haben, kommen häufig in die Beratung. „Wenn körperliche Gewalt im Spiel ist, bekommt die Frau normalerweise eine Aufenthaltsgenehmigung. Schwieriger ist es, Psychoterror nachzuweisen. Deshalb versuchen viele, die drei Jahre durchzuhalten. Wenn es gar nicht mehr geht, können betroffene Frauen vorübergehend im Haus Tahanan unterkommen. Doch wenn die Frauen dann keine Duldung erhalten, werden sie abgeschoben. „Man weiß nie, wie der Fall weitergeht. Man versucht, eine Lösung zu finden und den Frauen zu helfen, aber die Gesetzeslage kann man ja nicht ändern“, sagt Jeanette Looi-Dommel.

Auch sich austauschen und Kontakte schließen können die Frauen bei IN VIA KOFIZA. Sie treffen sich regelmäßig in verschiedensprachigen Gruppen. Jede Frau, die in die Beratung kommt, wird dazu eingeladen, nach dem Aufenthaltsstatus fragt dort niemand. „Auch wenn die Frauen in schwierigen Situationen sind, wir lachen miteinander oder trinken zusammen eine Tasse Tee“, erklärt die Sozialpädagogin Lourdes Valencia. Momente ohne die Angst im Nacken.

Autorin: Claudia Klement-Rückel
KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2015

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