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"Lass mich nie ohne Freundin sein!"

Frauenbeziehungen in der Bibel: voller Lebenskraft

Nur wenige Texte der Bibel sind Beziehungen unter Frauen gewidmet. Wer sie findet und aufmerksam liest, entdeckt in den uralten Geschichten Welten voller Lebenskraft und Liebe.

Manchmal ist es nur ein Nebensatz, manchmal schwebt etwas ungesagt zwischen den Zeilen. Wer nach Frauenfreundschaften in der Bibel sucht, sollte aufmerksam lesen: Die Samariterin, die am Jakobsbrunnen mit Jesus sprach, wie Johannes in seinem Evangelium berichtet, ging sicher jeden Abend Wasser holen. Und dort traf sie andere Frauen. Freundinnen waren unter ih­nen, mit denen sie alles besprechen konnte. Und wenn sie dann mit dem gefüllten Krug nach Hause zurückging, war ihr leichter ums Herz. Davon erzählt die Bibel nicht. Und auch nicht davon, wie es war, wenn sich Lydia, die erste Christin auf europäischem Boden, mit anderen Frauen zum Gebet vor den Stadttoren Philippis am Fluss traf. Sicher waren die Frauen untereinander befreundet, sicher haben sie sich gegenseitig im Glauben gestärkt. Und wie war es mit der Tochter des Richters Jiftach? Nachdem der Vater beschlossen hatte, ihr Leben als Dank für seinen Feldsieg Gott zu opfern, ging sie zusammen mit ih­ren Freundinnen in die Berge, um sich auf den Tod aus des Vaters Hand vorzubereiten. Die Bibel nennt weder den Namen der jungen Frau noch berichtet sie davon, wie die Freundinnen gemeinsam trauerten, weil eine von ihnen ge­waltsam zu sterben hatte. 

Die Archäologie belegt: Israelitische Frauen lebten in der Großfamilie

Freundschaft unter Frauen gab es in biblischen Zeiten so wie heute. Doch nur sehr wenige Texte der Bibel erzählen ausführlicher von ihr. Sie wird nur dann erwähnt, wenn es um mehr geht, wenn eine liebevolle Beziehung zwischen Frauen über sich hinausgeht und etwas Wichtiges zu der Glaubensgeschichte des Volkes Israel beiträgt. Auch dann lassen sich die biblischen Freundschaften in ihrer Form kaum mit jenen vergleichen, wie sie heute gepflegt werden – etwa zwischen zwei verheirateten Frauen, die ab und zu mal etwas Schönes miteinander unternehmen. Denn die Gesellschaft der biblischen Zeit war eine andere. Die Menschen waren in eine Großfamilie eingebunden, die Teil einer Sippe war, die wiederum einem Stamm angehörte. Freundschaft konnte sich daher kaum außerhalb der Familie entwickeln, insbesondere unter Frauen. Sie hatten im Haushalt Tag und Nacht zu tun, wie aus dem Lob der tüchtigen Frau im Buch der Sprichwörter hervorgeht: Sie sorgt für Wolle und Flachs und schafft mit emsigen Händen, sie pflanzt einen Weinberg, spinnt, webt Tücher und verkauft sie. Auch des Nachts erlischt ihre Lampe nicht... (Sprichwörter 31,10–31) 

Archäologische Funde zeigten, dass der Haushalt einer israelitischen Familie zumeist aus etwa zwölf Personen bestand. Die Großeltern lebten dort, zusammen mit ihren Söhnen und deren Frauen und Kindern. Unverheiratete Schwestern und alleinstehende Witwen konnten dazugehören, auch Diener und Mägde. An der Spitze stand der Vater, der Patriarch, der mehrere Ehefrauen haben konnte. Ihm gehörte der Familienbesitz, den er an seine Söhne weitervererbte. Frauen waren wirtschaftlich von Männern abhängig. Ihr Lebensort war die Familie. Innerhalb ihres weitverzweigten Netzwerks standen sich Frauen verschiedener Generationen bei Tod und Geburt zur Seite, sie teilten den Alltag und feierten Feste miteinander. 

„Gott, du Freundin der Menschen"

„Wenn ich Freundschaft nicht nur als eine Beziehung außerhalb der Familie, sondern schlicht als Beziehung definiere, dann ist in biblischen Texten durchaus das vorhanden, was wir heute darunter verstehen“, sagt Barbara Janz-Spaeth, Referentin für Bibelpastoral in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und ehemalige geistliche Beirätin im Frauenbund. „Freundinnen der Bibel sind solidarisch miteinander, freuen sich und trauern gemeinsam, vertrauen sich einander an und trauen sich etwas zu. Maria und Elisabet zum Beispiel, eine sehr junge und eine alte Schwangere, verbringen drei Monate zusammen. „Die Jüngere hilft der Älteren, die letzte Zeit vor der Geburt durchzustehen, die Ältere der jungen Frau, den Anfang der Schwangerschaft zu verkraften. Sie schützen und tragen sich gegenseitig“, sagt Janz-Spaeth.

Heutige Frauen können Anregung für ihre Freundschaft in biblischen Texten finden, weiß Janz-Spaeth. Zumal in der Bibel stets eine dritte Kraft hinzukommt: Gott. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle schrieb in einem ihrer Gedichte: Gott, du Freundin der Menschen, lass mich nie ohne Freundin sein. Wir gehen zu zweit los, aber deinetwegen sind wir immer schon mindestens drei...

Gott als Freundin, das sei ein schönes Bild, meint Barbara Janz-Spaeth. Allerdings „sollten wir vorsichtig sein und Gott nicht zu menschlich denken“, sagt sie. „Gott ist ein Geheimnis, eine Kraft, über die wir Menschen nicht verfügen können. Gott ist die, der Andere, das Überraschende.“ Auch in jedem Menschen gebe es etwas Göttliches, so Janz-Spaeth weiter. „Jeder trägt ein Geheimnis in sich, von außen nicht erkennbar.“ 

Ein Gottesdienst für die Freundschaft

Befreundete Frauen sollten deswegen die Persönlichkeit und Eigenständigkeit der anderen achten und nicht zu sehr darauf drängen, dass die Freundin sich angleicht. 

Freundschaft sei so vielfältig wie die Menschen, „die eine  Frauenfreundschaft gibt es nicht“, sagt Barbara Janz-Spaeth. Trotzdem weiß sie, wer eine Freundin ist: „Sie ist eine Lebensbegleiterin, zu der ich jederzeit hinkommen kann, ohne mich entschuldigen zu müssen, dass ich da bin.“ Die Beziehung unter Freundinnen stärkt, hilft Herausforderungen zu meistern. Freundinnen wagen etwas gemeinsam. Und sie öffnen neue Horizonte füreinander. Wie etwa die biblische Noomi und ihre Schwiegertochter Rut: Gemeinsam machen sich die beiden Witwen auf den Weg, in der Hoffnung, ihre Not zu überwinden. Und Noomi zeigt Rut ein neues Land und einen neuen Glauben.

In einem Gottesdienst könnten Frauen Blumen als Symbol für ihre Freundschaften in einen gemeinsamen Korb legen, schlägt Barbara Janz-Spaeth vor. Viele verschiedene Blumen, für jede Frau eine. Jede ist anders, und jede ist schön, die Blumen wie die Frauen. Bei Blumen passen die wildesten Farben zusammen. Eine pinke Dahlie zum Beispiel sieht zusammen mit einer leuchtend roten oder orangen Rose prächtig aus. Genauso überraschend können Freundschaften sein: „Die zwei Frauen passen gar nicht zusammen, würde man denken. Doch gerade sie scheinen sich gefunden zu haben...“, sagt Barbara Janz-Spaeth.  

Autorin: Maria Sileny
Aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2015

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