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Langsam reisen

Alles zu Fuß gehen. Auf Hausbooten gemächlich schippern. In kargen Landschaften nur wenige Eindrücke wirken lassen. – Immer mehr Reisende versuchen mit betonter Langsamkeit die alltägliche Beschleunigung auszubremsen.

Ein beherzter Sprung ins 15 Grad kalte Wasser: Auch das kann Langsamkeit sein. Elke Weiler hatte das Kaltbadehaus am schwedischen Öresund beim Radeln zufällig entdeckt: Ein langer Steg zu einem flachen Holzhaus über dem Wasser, etwa fünfzig Meter vom Ufer entfernt. Das Wasser blau und grün, mintgrün das Haus darüber. Zögernd wagt sie sich bis zur Kasse und lässt sich alles ganz genau erklären: erst duschen, dann schwitzen, dann abkühlen im kalten Ostsee-Wasser. Ausgestattet mit einem Handtuch und einem Stück Vlies als Sitzkissen wird sie in die Frauenabteilung geschickt. In der Sauna geht es hoch her, wie beim Kaffeeklatsch ohne Kaffee. Die Schwedinnen lächeln sie an, alle haben hervorragende Laune. Elke Weiler taucht genüsslich ein in den fremden Alltag: „Solche Momente machen für mich das langsame Reisen aus.“ 

Zeit, um den Geist eines Ortes zu finden

Langsamkeit hat für sie nichts mit Passivsein zu tun. Sie will sehr wohl neue Erfahrungen sammeln. Als Bloggerin schreibt sie seit vier Jahren im Internet über ihre Erfahrungen auf Reisen. Meere, Küsten Inseln, Natur, das Leben der Menschen dort und langsames Reisen sind ihre Themen, und die präsentiert sie mit Bildern und Texten in ihrem Meerblog. „Für mich gehört zum langsamen Reisen vor allem dazu, den Geist eines Ortes zu finden.“ Was sonst noch dazugehört, ist nicht genau festgelegt. „Das ist vielleicht ganz gut so, dass jeder und jede für sich bestimmen muss, was Langsamkeit bedeutet“, sagt Elke Weiler. Viel lernt sie darüber bei sich zu Hause an der Nordsee. „Wenn ich am Meer spazieren gehe, passieren zwei Dinge. Ich bekomme, wie die Seefahrer aller Zeiten, Sehnsucht nach der Ferne und gleichzeitig fallen alle Sorgen und Probleme von mir ab.“ 

Es sind vor allem Reiseblogger, die sich Gedanken zu „Slow Travel“, dem langsamen Reisen, ma­chen. Sie listen meist in Empfehlungen auf, was Reisende weglassen sollen. Wer langsam reisen will, sollte demnach lieber keinen Reiseführer benutzen, keine Besichtigungslisten abarbeiten, länger an einem Ort bleiben, allein reisen und sich mit Einheimischen an­freunden.   

Die langsamere Route verleiht dem Ort meht Bedeutung 

Der Reiseschriftsteller Dan Kieran hat das neue Phänomen in seinem Buch „Slow Travel. Die Kunst des Reisens“ genauer untersucht. Für ihn hat langsames Reisen zunächst mit zu Hause zu tun. Der „Meister des langsamen Reisens“, wie ihn die britische Presse heute nennt, begann seinen Weg, als er 21-jährig aus einer Kleinstadt nach London zog. Er berichtet: „In dem Versuch, ein eigenes Gefühl für diese riesige und scheinbar unüberschaubare Stadt zu entwickeln, entschied ich mich eines Tages dafür, die U-Bahn zu meiden und stattdessen den Bus zu nehmen.“ Obwohl er dafür verlacht wurde, so viel Zeit zu verplempern, hielt er sich ein Jahr lang an seinen Vorsatz. Er gewann dadurch allmählich einen Eindruck davon, wo ein Teil Londons endet und ein anderer anfängt. Daraus machte der angehende Reiseschriftsteller ein Prinzip: „Wann immer es geht, nehme ich die langsamere Route, weil sie der Reise und den Orten, die ich besuche, eine viel größere Bedeutung verleiht, als wenn ich einfach über das Meer fliege – auch wenn das sehr viel effizienter sein mag.“

Unterwegs ohne Reiseführer

Die nächste Lektion des langsamen Reisens lernte Dan Kieran ebenfalls zu Hause. Er nahm sich vor, eine Strecke, die er jahrelang täglich mit dem Auto durchfahren hatte, zu Fuß zurückzulegen. Auf diesem Tagesausflug entdeckte er, was geschieht, wenn sich vertraute Landschaft durch sehr viel langsameres Fortkommen ausdehnt. „Da fiel mir auf, dass ,es‘ geschehen war. Unterwegs hatte ich eine Pforte durchschritten, und sowohl meine Geistesverfassung als auch mein Blickwinkel hatten sich verändert.“ Es kam ihm vor, als wäre er schon viel länger unterwegs gewesen oder auch viel intensiver als die Minuten, die seine Uhr anzeigten. Der veränderte Blickwinkel stieß ihn auch darauf, dass die ihn umgebende Landschaft wie eine Sprache war, deren Begriffe er nicht kannte. Denn er konnte die Vögel, Bäume, Gräser, wilden Blumen und Tiere nur lü­ckenhaft benennen. Nur ein sehr langsam Reisender wird solche Lücken nach und nach schließen können. Auf den Reisen, die Dan Kieran weiter von zu Hause wegführten, machte er die Erfahrung, dass ihm Reiseführer nicht helfen. Er fand heraus: „Sie konzentrieren sich auf die Abkürzungen, die es einem ermöglichen, das Fremde zu erleben, ohne sich tatsächlich auf die Orte einzulassen, die man be­sucht.“ 

Literarischen Werken oder Biographien führen an einen Ort heran

Um einen Trip zum Leben zu erwecken, empfiehlt er stattdessen literarische Werke, Krimis oder Biographien, die in den bereisten Gegenden spielen. Auf einer Reise nach Prag ließ er sich von der Lebensgeschichte Václav Havels leiten. Er folgte den Spuren des tschechischen Dramatikers, Menschenrechtlers und Politikers, der während der Herrschaft der kommunistischen Partei einer der führenden Regimekritiker war. Dadurch erschloss sich ihm in wenigen Tagen die Geschichte des Landes in großer Tiefe.

Sich von einer Feder nach Schottland locken lassen

Langsam zu reisen ist auch wichtig, wenn die Reise einen besonderen Anlass hat. Dan Kieran ist überzeugt, dass jeder ganz bestimmte Verlockungen in sich verspürt, einen be­stimmten Ort zu besuchen. Er empfiehlt, solchen inneren Sehnsüchten nachzugehen. Ihn selbst lockte die Feder eines Goldadlers nach Schottland. Und obwohl an dem geplanten Reisetermin ein Orkan für Strom- und Zugausfälle sorgte, waren es gerade die zahlreichen Hindernisse, die diese Sehnsuchtsreise für ihn so besonders machten. Ähnlich erging es ihm, als er sich spontan auf die Idee eines Freundes einließ, mit einem elektrischen Milchwagen England von Osten nach Westen zu durchqueren. Dabei erlebte er die Langsamkeit des Reisens eindrücklich: „Gegen Ende der ersten Woche begannen wir langsam daran zu glauben, dass unser Trip gelingen könnte, und entspannten uns. In diesem Moment veränderte sich unsere Wahrnehmung. Der Elektromotor war so leise, dass er die Wildtiere nicht verscheuchte, und wir gewöhnten uns daran, auf kleinen Feldwegen von Hasen, Kaninchen und Vögeln begleitet zu werden. Einmal fuhren wir einen Hügel hinauf und wurden von einer Hummel überholt.“ 

Nach jahrelangen Erfahrungen mit dem langsamen Reisen, sagt Dan Kieran heute: „Es geht darum, die Welt neu zu entdecken und unsere Vorstellung davon, was ,Wissen‘ bedeutet, in Frage zu stellen.“

Autorin: Anne Granda
aus: KDFB Engagiert 7/15