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Gottesdienst aus Stoff

Liturgische Gewänder tragen dazu bei, dass aus dem Gottesdienst ein Fest des Glaubens wird. Sie werden sorgsam entworfen und aus hochwertigen Stoffen geschneidert. Gefertigt werden sie nicht nur für Priester, sondern auch für Männer und Frauen, die als Laien liturgische Dienste übernehmen.

Als Ralf Gührer am Tag nach seiner Priesterweihe seine erste heilige Messe zelebrierte, musste er das ohne sein eigenes Primizgewand tun. Das war noch nicht fertig. „Ein Priester, der neu in seinen Beruf geht, macht sich Gedanken, um seine Ausstattung“, sagt er, „so wie andere Berufsanfänger auch. Ich habe überlegt, was mir entspricht, und nicht das Passende gefunden.” Also machte er sich selbst an die Arbeit und entwarf ein Messgewand. Ein Wirbel in der Mitte sollte für den unendlichen Gott stehen. Der Text des Te Deums, der ihn auf seinem spirituellem Weg begleitet hat, sollte außerdem eng damit verwoben sein. Beides wollte er in den Stoff für das Gewand einweben lassen. Sein Weg führte ihn bis ins italienische Como, zur Seidenweberei Bianchi. „Es ist eine Meisterleistung, dieses Muster in eine durchgehende Stoffbahn zu weben“, sagt er. Das Messgewand begleitet ihn nun seit elf Jahren. Er trägt es an hohen Festtagen, immer wenn das Kirchenjahr die liturgische Farbe Weiß vorsieht. 

Wissen, woher der Stoff kommt, wissen, wie mit den Menschen umgegangen wird, die diese Arbeit erledigt haben, das war ihm ein persönliches Anliegen. „Wenn ich daran glaube, dass das, was ich in der heiligen Messe tue, absolut wahrhaftig ist, dann muss auch meine Kleidung wahrhaftig sein“, sagt er. Das heißt für den Geistlichen aus Oberelchingen im Bistum Augsburg, für den die Kunst neben seiner Arbeit als Pfarrer eine große Rolle spielt: „Die Stoffe müssen aus Naturprodukten sein, also aus Seide, Leinen oder Wolle, und sie müssen unter fairen Bedingungen entstanden sein. Eine Näherin braucht vierzig Stunden für ein Messgewand. Das muss fair entlohnt werden.“ Die Rückmeldungen seiner Gottesdienstbesucher bestärken ihn. „Das Gewand funktioniert in einer barocken Kirche ebenso wie vor der weißen Wand. Es ist modern, aber schreckt traditionell verwurzelte Menschen nicht ab“, ist seine Erfahrung.  

Die eigene Person ablegen

Sie sind aus kostbaren Stoffen geschneidert, kunstvoll bestickt oder mit wertvollen Applikationen aus Seide versehen. Paramente – dazu gehören sowohl die Textilien, die die Kirche schmücken als auch die liturgischen Gewänder – wirken neben Kirchenraum, Gesang, Texten und den Handlungen der Liturgie auf die Gemeinde ein. „Die Gewänder unterstreichen den feierlichen Charakter des Gottesdienstes“, sagt Andreas Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier. Außerdem würden sie dem Priester oder den Laien, die sie tragen, helfen, eine andere Rolle anzunehmen, die eigene Person abzulegen. 

„Wenn ich mein Gewand anziehe, bin ich als Privatperson Ralf Gührer in diesem Moment nicht wichtig. Man stellt jemand anderen dar. Als Priester handelt man anstelle von Christus. Das sollte einen Priester demütig machen. Gewänder sind wichtig, um zu verdeutlichen, dass man in eine andere Rolle schlüpft“, erklärt der Gemeindepfarrer. 

Das weiße Gewand als Ausdruck der Taufwürde

Eine liturgische Rolle im Gottesdienst übernehmen auch immer häufiger Laien. Die ehrenamtlichen Begräbnisleiterinnen waren es, die Pastoralreferentin Ewa Karolczak aus Hannover immer wieder mit der Frage konfrontierten: Welche Gewänder gibt es für diese Frauen? Denn ihnen war es wichtig, in ihrer Rolle klar erkennbar zu sein. „Mein Gewand zeigt: Ich komme als Frau der Kirche. Das Gewand trägt zur Würde der Trauerfeier bei. Das liturgische Gewand ist weit mehr als pure Äußerlichkeit. Es ist Ausdruck unserer Taufwürde, unseres Zeugnisses und auch Ausdruck der Wertschätzung dem Anlass und den Menschen gegenüber, denen wir begegnen“, erklärt Ewa Karolczak. Nach ihrer Erfahrung bringen die Frauen heute eine größere Bereitschaft mit, selbst ein liturgisches Gewand überzuziehen, das sei vor zwanzig Jahren noch anders gewesen. 

Den kirchlichen Auftrag sichtbar machen

„Wenn jemand eine Lesung vorträgt, braucht er nicht un­bedingt ein liturgisches Gewand, aber wenn er eine ganze Wort-Gottes-Feier leitet oder ein Begräbnis, dann finde ich es sehr wichtig“, betont Andreas Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut. „Wenn bei einer Begräbnisfeier jemand nicht als Person der Kirche zu erkennen ist, könnte es sich auch um freie Beerdigungsredner handeln.“ Aber es sei wichtig, das Zeichen zu setzen, dass es sich um eine kirchliche Beerdigung handele. „Eine Dame aus dem Bistum Münster hat mir erzählt, dass in ihrer Gemeinde verschiedene Mitglieder Begräbnisfeiern leiteten und dazu liturgische Gewänder anzögen. Nur eine Begräbnisleiterin wolle das nicht. Deshalb schickt der Pfarrer immer den Küster als Kreuzträger in Talar und Rochette, also dem Chorrock, mit, damit klar ist, hier wird im Auftrag der Kirche gehandelt“, erzählt der Theologe.

„Die weiße Albe, die an das Taufkleid erinnert, steht im Grunde jedem Gläubigen zu“, erklärt Andreas Poschmann. Bereits vor zehn Jahren hat das Deutsche Liturgische Institut, für das er arbeitet, einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem es um Entwürfe für Liturgische Gewänder für Laien, speziell auch für Frauen ging. 

Modenschau für liturgische Gewänder 

In Hannover ging man im vergangenen Jahr noch einen Schritt weiter. Da präsentierten sich ungewöhnlich gekleidete Models auf einem roten Teppich. Bei einer liturgischen Modenschau speziell für Frauen, mitorganisiert von Ewa Karolczak, konnten sich Frauen, die Wort-Gottes-Feiern oder Begräbnisse leiten, ein Bild machen, wie sie sich dabei passend anziehen können. „Einfach ein Männergewand überstreifen, das wollen viele nicht. Weil es von den Schnitten her auch einfach nicht passt“, erklärt Beate Cassau vom gleichnamigen Paramente-Haus in Paderborn. Die Nachfrage nach Gewändern für Frauen sei in den vergangenen Jahren stetig und stark gestiegen. Auf diesen Bedarf aufmerksam machen – das wollten die Organisatorinnen der Modenschau. Meist handelte es sich bei den gezeigten Gewändern um weiße Alben, eventuell mit einem farbigen Einsatz oder einem Schal in der entsprechenden liturgischen Farbe.

Schlicht ist gefragt

Insgesamt seien die liturgischen Gewänder mit den Jahren schlichter geworden, hat Andreas Poschmann beobachtet. Da­bei gebe es vor allem zwei Entwicklungen: zum einen das Be­mühen um moderne Gewänder, oft von renommierten Künstlern geschaffen. Auf der anderen Seite würden auch historische Gewänder wieder herausgeholt und in Paramente-Werkstätten oder Klöstern liebevoll restauriert. 

Mit der Zeit sind auch die Entwürfe von Pfarrer Ralf Gührer schlichter geworden. Seit seinem Primizgewand sind be­reits zehn weitere Gewänder entstanden. Nicht nur für ihn selbst. Immer wieder erreichen ihn Anfragen aus anderen Ge­meinden und von Priesterkollegen. „Wir setzen uns dann zusammen, und ich versuche herauszuhören, was diese Gemeinde und diesen Menschen ausmacht und was passt“, erklärt er. Das Messgewand habe eine dienende Funktion. Man sollte ein Auge dafür entwickeln, wie die sinnlichen Eindrücke im Gesamten wirken. „Das hat auch damit zu tun, wie man selbst die heilige Messe feiert. Ich bin davon abgekommen, kleinteilig zu gestalten. Wie haben meist eine große Kirche, in der der Gläubige aus weiter Entfernung sieht.“ Seine Gewänder be­schränkt er nun auf Form, Farbe und Qualität des Stoffes. „Es darf heute sehr reduziert sein in den Bildern. Das Bild selber ist der Priester, wie er im Gewand da steht.“ Deshalb schafft er bei seinen Messgewändern einen Farbkontrast zwischen dem Futter und dem eigentlichen Stoff: „Das verstärkt die Gesten, wenn ich die Hand hebe. Damit ist das Geschehen der heiligen Messe für die Mitfeiernden doppelt präsent.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: Engagiert 5/2015