KDFB

Frauen auf der Pirsch

Jägerin Christa Rodenkirchen ist passionierte Jagdhornbläserin und geht mit ihrem Pudelpointer En­no auf die Jagd. Bild: privat

Frauen erobern die Hochsitze: In Deutschland gibt es rund 37.000 Jägerinnen. Tendenz steigend. Auch KDFB-Frauen behaupten sich in der Männerdomäne.

Da! Ein 6er-Bock! An­na Maria Haubner späht durch ihr Fernglas. Der Rehbock schreitet ruhig über die frischgemähte Wiese und steuert auf ein Weizenfeld zu. „Rehwild liebt Weizen“, flüstert die KDFB-Frau, die seit 2011 einen Jagdschein besitzt. Doch heute legt die 55-Jährige aus Pentling das Gewehr nicht an, obwohl Bö­cke keine Schonzeit ha­ben. Ein 6er-Bock mit sechs Geweihenden ist vom Revierpächter nicht zum Ab­schuss freigegeben.

Immer mehr Frauen wie Anna Maria Haubner er­obern die Jagdreviere: In Deutschland sind von den 370.000 Jägern inzwischen zehn Prozent Frauen. Vor zwanzig Jahren war es nur ein Prozent. Zur Jägerprüfung melden sich heute zu einem Viertel Frauen an, so der Deutsche Jagdverband.

Frauen müssen in der Jagdgesellschaft erst mal einen Test absolvieren

Dass Frauen in die Männerdomäne Jagd Einzug halten, gefällt Susanne Schrenk, Jägerin und KDFB-Frau aus Scheidegg im Allgäu: „Die Jagd ist ein uraltes Männerprivileg. Für manche Jäger ist es nicht einfach, dass sich Frauen in ihren Hoheitsbereich ausstrecken.“ So wird auf mancher Jagdeinladung die ungewohnte weibliche Gesellschaft erstmal getestet. „Sie befragen mich nach meinem Gewehr und stellen mir noch ein paar Fragen aus der Jägerprüfung. Wenn alles richtig beantwortet ist, bin ich akzeptiert“, sagt Schrenk und schmunzelt. Die meisten Jäger würden es trotzdem begrüßen, dass immer mehr Frauen einen Jagdschein haben: „Sie empfinden die Jagdgenossinnen als sehr kollegial.“ 

Frauen jagen aus anderen Gründen als Männer

Während für die Waidmänner soziale Anerkennung als Hauptmotiv gilt, steht bei den Jägerinnen die Hege auf dem ersten Platz. Ihnen ist es wichtig, das Wild so im Bestand zu halten, dass es für sich selbst gute Lebensbedingungen hat: genug Platz und Futter. Das hat die Forschungsgruppe zur Psychologie der Jagd vom Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen herausgefunden. Außerdem schätzen Frauen die Jagd als Ausgleich zum Alltag. Ihnen ist das Naturerleben wichtig. Die Umfrage bei über 600 JägerInnen hat auch ergeben, dass viele Frauen über die Ausbildung von Hunden zur Jagd gelangen. Außerdem schätzen Männer wie Frauen, dass sie durch die Jagd Wildbret gewinnen.

"Die natürlichste Form der Fleischbeschaffung"

„Jagd ist und bleibt für mich die na­türlichste Form der Fleischbeschaffung. In Zeiten von Fleischskandalen und Massentierhaltung ein sehr po­sitiver Nebeneffekt“, sagt Christine Kraus. Die 28-jährige Frauenbundfrau aus dem Zweigverein Bellheim bei Speyer hat bereits mit 16 Jahren den Jagdschein erworben – aus Familientradition: „Als Kind durfte ich meinen Vater oft ins Revier und zur Jagd begleiten. Auch meine Mutter und meine Ge­schwister jagen. Außerdem ist mein Lebensgefährte Berufsjäger. Aber am meisten hat mich die Ausbildung der Jagdhunde interessiert“, erklärt die Jagdhundezüchterin, die mit ihren Hunden – einem Deutsch Kurzhaar und drei Parson Jack Russell Terriern – bei Jagdeinladungen immer willkommen ist. 

Christine Kraus hat sich mit der Jagdscheinausbildung den Wunsch erfüllt, viel über Wild, Wald und Natur zu lernen. Aber Jägerinnen brauchen außer Naturverbundenheit auch ganz viel Mut, weiß Susanne Schrenk: „Im Moment des Tö­tens klopft mein Herz ganz wild. Jedes Mal. Wenn ich mir nicht sicher bin, nehme ich den Finger vom Abzug. Ich riskiere nichts! Entweder ein perfekter Schuss oder gar keiner!“ 

"Wir dürfen uns an der Schöpfung bedienen"

Die 51-jährige katholische Religionslehrerin hat kein Problem, ein selbst erlegtes Tier zu essen: „Es ist für uns da. Wir dürfen uns an der Schöpfung bedienen. Wenn ich die Jagd verurteile, dann darf ich auch kein Rind und kein Schwein essen!“ Schrenk ist es wichtig, dem erlegten Tier nach Waidmannsbrauch die Ehre zu erweisen – mit dem Ritual des letzten Bissens. Dazu wird mit einem Zweig über die Schusswunde ge­strichen und das Tier bekommt ein Zweiglein zwischen die Zähne gelegt. 

Vor 15 Jahren hatte sich die Mutter von drei Kindern spontan entschieden, den Jagdschein zu erwerben: „Es war einfach in mir! Das Naturerleben und die Nähe zum Wald sind für mich die Hauptgründe, warum ich Jägerin bin. Der Wald gibt mir Kraft!“ Ihr Ehemann zeigte sich zunächst verwundert über das neue Hobby. „Aber er hat es mitgetragen, mich für die Jä­gerprüfung abgefragt und auf die Kinder aufgepasst, wenn ich zum Schießtraining musste“, erzählt Schrenk.

Die Jagdausbildung bei der Kreisjagdvereinigung Ravensburg dauerte ein Dreivierteljahr. Für die Jägerprüfung, auch das „Grüne Abitur“ genannt, habe Schrenk so viel gelernt wie noch nie in ihrem Leben.

Bei Wildunfällen sind Jäger gefragt 

Wenn sie an ihrer Schule eine vierte Klasse übernimmt, gibt die Lehrerin den Schülern ein Jahr Zeit zu erraten, welches besondere Hobby sie habe. „Wenn die Kinder dann erfahren, dass ich Jägerin bin, staunen sie“, lacht Schrenk. Bisher sei sie immer positiv auf ihr Hobby angesprochen worden. „Bei uns in der Region sind Jäger angesehen. Viele haben großen Respekt vor der Jagd. Und bei Wildunfällen sind die Leute froh, wenn Jäger kommen und das Leid schnell beenden können“, weiß Schrenk. Nur manchmal hört sie die skeptische Frage: „Frauen und Jagd – wie passt das zusammen?“

Hege mit dem Gewehr

Das kennt auch KDFB-Frau Anna Maria Haubner. „Vor allem Frauen fragen mich: ‚Hast Du kein Problem damit, ein Tier auszunehmen? Ist ja eklig!‘ Aber ich komme aus der Landwirtschaft. Ich habe gelernt, dass man Tiere zur Nutzung hält, dass sie ge­schlachtet und verarbeitet werden. Das Aufbrechen ist eine heikle Sache. Aber wenn man das nicht aushält, darf man keinen Jagdschein machen.“

Der Wald, der zu ihrem Hof gehört, war für Haubner der Hauptgrund, die Jägerprüfung abzulegen. Als Waldbesitzerin ist sie um den Baumbestand besorgt und will Neuanpflanzungen schützen: „Denn Rehe lieben die jungen Triebe, und wenn der Wildbestand zu hoch wird, muss man etwas tun.“

Wie Anna Maria Haubner sieht auch Försterin Gabriele Ott in der Jagd eine absolute Notwendigkeit. „Der Rehwildverbiss richtet große Schäden in den Wäldern an. Junge Anpflanzungen kann man nicht nur mit Zäunen schützen, denn Waldwirtschaft wird auf sehr großen Flächen betrieben“, erklärt die 48-Jährige aus Bechhofen bei Feuchtwangen, die den Jagdschein vor fast 30 Jahren im Forststudium erworben hat. Ott sieht die Jagd als „Hege mit der Büchse“. Ohne Jagd würde sich das Rehwild, das heutzutage keine natürlichen Feinde wie Wolf oder Luchs mehr hat, stark vermehren: „Das Biotop Wald gelangt dann an seine Grenzen. Die Tiere bekommen Parasiten, die Seuchengefahr steigt, die Rehgeißen finden zu wenig Futter und die Kitze sind sehr schmächtig.“ Zudem würde ein hoher Wildbestand auch zu mehr Verkehrsunfälle führen.

Wildschweine richten viele Schäden an

Aber nicht nur das Rehwild in den Wäldern sorgt für große Schäden, sondern auch Wildschweine, die sich auf Äckern, in Vorgärten und selbst in Weinbergen gütlich tun. „Erlegte Wildschweine müssen im Gegensatz zum Rehwild auf Parasiten und Radioaktivität untersucht werden“, so Ott. Wildschweine ernähren sich unter anderem von Pilzen, die noch immer durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 stark belastet sind. Deshalb werden sie kontrolliert, bevor sie zum Verzehr zugelassen werden.

„Rehfleisch ist hingegen unbelastet“, erklärt Jägerin Christa Rodenkirchen aus Kinsegg bei Bernbeuren. Die Biologielehrerin und Waldpädagogin betreibt auf dem Forstgut ein Rotwildgehege zur Fleischgewinnung. Sie hat ihr Jagdrevier direkt vor der Haustür – und ist ein Wildfleisch-Fan: „Ich mache alles aus Wild: Hack- oder Grillfleisch, Wild-Lasagne, Hirschrouladen oder Rehrücken zum Spargel. Für mich als Jägerin ist es toll, wenn ich meinen Gästen ein Bio-Fleisch zubereiten kann, dass ich selbst erlegt habe.“

Schüler können von Jägern viel lernen 

Christa Rodenkirchen, gebürtige Kölnerin, bietet in ihrer Einrichtung „Waldort Gut Kinsegg“ zusammen mit einem angestellten Förster waldpädagogische Projekte und Naturführungen für Kindergärten, Schulklassen oder auch für Erwachsene an, wie zum Beispiel die „Nachtwanderung für Frauen“. Ihr Wissen als Jägerin fließt auch in die „Steinzeittage“ ein, während der sich Schüler mit den Themen Jagd, der Verarbeitung von Knochen, Sehnen und Fellen sowie der Zubereitung von Wildfleisch befassen. 

Kritische Einstellungen gegenüber der Jagd und ihrem Rotwildgehege kennt Rodenkirchen von manchen Projektteilnehmern. Häufig hört sie die Frage, wie sie als Frau und Mutter Tiere töten könne. „Ich frage dann zurück: Essen Sie gerne Fleisch oder Wurst? Verwenden Sie Lederartikel? Sind Sie Vegetarier oder Veganer? Wenn sie die letzte Frage verneinen, gehen ihnen schnell die Argumente aus. Mit Veganern diskutiere ich weiter.“ Viele Menschen würden sich beim Thema Fleisch etwas vormachen, findet Rodenkirchen: „Es will keiner wissen, was alles passieren muss, bis ein Steak auf dem Teller liegt.“

Jagen heißt: Verantwortung tragen 

Die Jagd ist für Ro­denkirchen mit großer Verantwortung verbunden: für die Tiere, für die Umwelt und für einen möglichst guten Schuss. „Wenn ich nicht mehr gut schießen kann, höre ich auf“, erklärt die passionierte Jagdhornbläserin, die mit ihrem Pudelpointer „En­no“ bis zu 50 Mal pro Jahr auf die Jagd geht. 

Zur Ruhe setzen will sich Rodenkirchen aber noch lange nicht: Die 65-Jährige, die 15 Jahre lang Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft Füssen war, ist voller Energie und hat bereits einen weiteren Einsatzbereich ge­funden: Sie will Frauen helfen, sich in der Männerdomäne der Waldbesitzer zu be­haupten. Gerade hat sie die Interessengruppe Süd-West-Bayern für Waldbesitzerinnen ge­gründet. „Jägerinnen sind da schon viel weiter, vernetzter und selbstbewusster als Waldbesitzerinnen“, so Rodenkirchen.

Die Natur hautnah erleben

Auch Jägerin Haubner ist organisiert: im Jägerinnen-Forum des Bayerischen Jagdverbandes. Zudem unterstützt sie eine Jägerkollegin bei Waldexkursionen, die im Rahmen eines Ferienprogramms für Kinder angeboten werden: „Wir stellen Tierpräparate wie zum Beispiel Reh, Wildschwein, Fuchs, Dachs oder verschiedene Vo­gelarten in natürlicher Umgebung auf und erklären den Kindern, wie die Tiere im Wald leben.“ Mit von der Partie ist dann auch ihr Jagdhund „Bazi“. Der Parson Jack Russell Terrier ist Haubners Jagdgefährte und zu jeder Jahreszeit auf dem Hochsitz dabei, egal bei welchem Wetter. Die KDFB-Frau schätzt das Ansitzen als Naturerlebnis: „Ich liebe es, jede Veränderung im Wald mitzubekommen. Ohne Jagdschein würde ich nie auf einem Hochsitz stundenlang die Natur beobachten. Ein Winteransitz kann jedoch sehr kalt werden. Da statte ich mich mit einer Wärmflasche aus, und natürlich bin ich dann frustriert, wenn kein Schwein kommt.“ 

Um für den Ernstfall in Übung zu sein, geht die Waidfrau zum Schießtraining. Weitere Termine rund um die Jagd füllen ihren Terminkalender, ob als Jagdhornbläserin oder als Mitglied der Interessengemeinschaft Waldbesitzerinnen. Zudem war Haubner aktiv beim Frauenbund und zwei Wahlperioden im Vorstandsteam des Zweigvereins Hohengebraching. „Die Kolleginnen vom KDFB sind meinem Hobby positiv begegnet, auch wenn die Jagd oftmals aufgrund von Vorurteilen kein gutes Image hat und sehr emotional diskutiert wird. Es hat mich sehr gefreut, als ich vor vier Jahren die Jägerprüfung bestanden hatte und sie mir mit einem Wort gratulierten: Respekt!“

Autorin: Karin Schott
KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2015

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