KDFB

Frau Kroll und die deutsche Wende

KDFB-Mitglied Sylvia Kroll hat die Katholische Hochschule für Sozialwesen in Berlin mitbegründet. Foto: Sileny

Vor 25 Jahren wurde Deutschland ein Staat, frei und demokratisch im Osten wie im Westen – nach 40 Jahren Trennung.  Das Leben der Berliner Frauenbundsfrau Sylvia Kroll ist ein Stück Zeitgeschichte. Sie kannte die DDR, erlebte die Wende und schätzt das geeinte Land.

Berlin, Bornholmer Straße: Meterhohe Eisenstäbe säumen die Stelle, wo einst die Mauer stand. Wie ein durchlässiges Gefängnisgitter erinnern sie an die Zeit, als es zwei deutsche Staaten gab, voneinander abgeriegelt, jeweils einer anderen Machtzone zugeteilt. Über das ehemals schwer bewachte Gelände laufen heute Schüler in Gruppen, gehen zwischen den Stäben hin und her, betrachten Denkmäler für getötete Grenzgänger, versuchen sich vorzustellen, wie es da­mals gewesen sein mag. Denn sie leben im geeinten Deutschland, und das ist für sie selbstverständlich. 

Für Sylvia Kroll jedoch ist dieses Leben immer noch wie ein Wunder. Um der promovierten Psychologin und Frauenbundsfrau zu begegnen, führt der Weg von der Mauer-Gedenkstätte Richtung Osten in die Köpenicker Allee. Dort, im Berliner Viertel Karlshorst, wo 1945 Deutschlands bedingungslose Kapitulation besiegelt wurde, ist in einem ehemaligen Krankenhaus die Katholische Hochschule für Sozialwesen untergebracht. Die Hochschule existiert fast genauso lange wie die deutsche Einheit. 

Als Katholikin in der DDR

Sylvia Kroll ist eines der Gründungsmitglieder. Unmittelbar nachdem Deutschland eins geworden war, machte sie sich begeistert ans Werk, denn auf einmal war so vieles möglich, wovon sie in den Jahrzehnten zuvor nur träumen konnte. Ganze dreißig Jahre ihres Lebens verbrachte die heute 57-Jährige in der DDR, einem totalitären Staat.

Die Professorin trägt ihre Haare kurz, hinter der Brille blicken entschlossen wache Augen, ihr Händedruck ist fest. „Ich bin keine typische Vertreterin der damaligen Gesellschaft“, betont sie in ihrem Büro im dritten Stock der Hochschule. Denn Sylvia Kroll ist Katholikin. In der DDR gehörte sie einer sechsprozentigen Minderheit an, die nach Plan der regierenden Sozialistischen Einheitspartei nach und nach auszusterben hatte. Das galt auch für die zahlenmäßig ungleich stärkeren evangelischen Christen, zu denen sich etwa 24 Prozent der Bevölkerung bekannten. Wer an Gott glaubte, stand im Widerspruch zur herrschenden Ideologie. Zwar schien die Glaubensfreiheit per Verfassung garantiert, tatsächlich hatten Gläubige jedoch keine Möglichkeit, ihre Rechte einzuklagen.

Abitur nach Dienstschluss

Christin in der DDR zu sein hieß zum Beispiel, nicht studieren zu dürfen. Sylvia Kroll wäre gerne Naturwissenschaftlerin geworden. Doch daran war nicht zu denken. Selbst das Abitur wurde ihr verwehrt. Andererseits, sagt sie, habe gerade die Zugehörigkeit zu der missliebigen katholischen Kirche es möglich gemacht, sich dem Regime und seinen Einschränkungen ein Stück weit zu entziehen. Weil sie Katholikin war, konnte sie am Ende doch studieren. Und das kam so: Zunächst entschied sie sich für einen rein katholischen Berufsweg und absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin innerhalb der Caritas. Auf dem Gebiet der DDR gab es 142 katholische Kindergärten, die bereits vor 1945 existiert hatten. Das Regime duldete sie. Da diese Kindergärten den staatlichen Plänen nicht untergeordnet waren, konnte eine katholische Erzieherin nicht einfach in eine staatliche Einrichtung wechseln. Katholisch ausgebildet, blieb sie in der katholischen Nische. Dort arbeitete Kroll, abends nach Dienstschluss holte sie das Abitur nach. Und dann hatte sie Glück, wie sie sagt: Weil der Caritas Fachkräfte fehlten, handelte der damalige Direktor, Weihbischof Theodor Hubrich, für die Er­zieherin einen Studienplatz in klinischer Psychologie an einer staatlichen Hochschule aus. 

Die Diözesen bleiben ungeteilt

Sylvia Krolls Glück war begründet in der Struktur der ka­tholischen Kirche. Die Kirche existierte zwar im geteilten Deutschland, ihre Diözesen aber blieben ungeteilt, überquerten die Grenzen. So gehörte Magdeburg, wo Kroll aufwuchs, der Diözese Paderborn an. Auch das geteilte Berlin war eine einzige katholische Diözese und ein Dorn im Auge des sozialistischen Regimes. Die Berliner Kardinäle Al­fred Bengsch, später Joachim Meisner, entschieden sich be­wusst, im Ostteil zu bleiben. Unwillig mussten die Behörden sie mit Diplomatenpässen hin- und herreisen lassen. Und auch die Caritas war eine gesamtdeutsche Größe. „Wir ostdeutschen Katholiken hatten Westdeutschland im Rückgrat, das hat uns gestärkt“, sagt Kroll, „anders als die Kirchen in Ungarn, Polen oder Rumänien hatten wir diesen Luxus.“ Selbstverständlich drängte das DDR-Regime darauf, Bistumsgrenzen den Landesgrenzen anzupassen. Und fast kam es dazu unter Papst Paul VI. Und wieder kann Sylvia Kroll von Glück reden, denn sein Nachfolger Johannes Paul II. konnte den Plan noch rechtzeitig stoppen. Und so hat Kroll als Studentin wiederholt an Begegnungen mit westdeutschen Katholiken teilnehmen können, zum Beispiel in Ungarn, wo sich ohne Wi­derstand der Behörden Urlaub machen ließ. 

Die allgegenwärtige Enge weiten

Der Austausch über die Grenzen hinweg habe die allgegenwärtige Enge ge­weitet, die selbst in Berlin, der weitläufigen Stadt, zu spüren war. Es war eine psychische Enge. Sylvia Kroll zählt auf: nicht selbst denken dürfen. Keine eigene Meinung haben dürfen. Mit der Mauer leben müssen und der offiziellen Lüge um ihre Existenz, sie sei Schutz gegen das aggressive Westdeutschland. Schulkinder zum Wehrkundeunterricht schicken müssen. Am Ritual der Ju­gendweihe nur schwer vorbeikommen, einer Art sozialistischer Firmung. Keine Perspektive sehen, nur den grauen Alltag der gleichgeschalteten Republik. 

So verzweifelt die Enge gewesen sei, für die Menschen der DDR war sie eine Selbstverständlichkeit, erinnert sich Kroll. Und weil sie nicht ausbrechen konnten, versuchten sie, so die Psychologin, ihre Situation schönzureden: Hatten nicht alle Kinder Platz im Kindergarten? Hatten nicht alle Erwachsenen Arbeit? Hatten nicht alle Brot und ein Dach überm Kopf? Warum mehr wollen? Das Urteil „lebenslanges Gefängnis“ ließ sich so besser aushalten. 

Das Gefängnis beginnt zu bröckeln

Doch dann – Sylvia Kroll lächelt – kamen die 1980er-Jahre, und das Gefängnis fing zu bröckeln an. Das Jahrzehnt be­gann im Osten Deutschlands mit regelmäßigen Friedensgebeten gegen das Wettrüsten – in einer Leipziger evangelischen Kirche. Bald folgte ein deutsch-deutscher Deal, der einem Agententhriller gleicht. Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte ihn eingefädelt. Die hoffnungslos verschuldete DDR empfing vom Klassenfeind Westdeutschland einen Milliardenkredit. Als Gegenleistung verbürgte sie sich, mehr Freiheit zu gewähren: Selbstschussanlagen an den Grenzen abzubauen und die Ausreise zu erleichtern. Da­mals, erinnert sich Sylvia Kroll, sah man auf den Straßen häufig Autos mit einem weißen Band an der Antenne. Und das hieß: Ich habe auch einen Ausreiseantrag gestellt. Wer das tat, musste mit Schikanen rechnen. Noch. Denn der Zug Richtung Freiheit kam bereits ins Rollen und war nicht aufzuhalten. 

Der christliche Glaube wird plötzlich interessant

Die Kirchen, insbesondere die evangelischen, gerieten in dieser Zeit zunehmend auf die politische Bühne, waren die Keimzellen der friedlichen „Revolution der Kerzen und Gebete“, die die Massen erfasste. Auch katholische Gemeinden öffneten Gotteshäuser zu ökumenischen Friedensgebeten. Der christliche Glaube wurde plötzlich interessant im atheistischen Staat. Sylvia Kroll staunte, als Kollegen an der staatlichen Universität sie baten, ihnen etwas über die Kirche zu erzählen. 

Unaussprechliche Freude, als die Mauer fällt

Wenn sie an die Zeit der Wende zurückdenkt, ist die Euphorie wieder da. Sie lehnt sich im Stuhl zurück und breitet die Arme aus. Ihre Augen blitzen. Ungeahnte Dinge geschahen. Sie war dabei. Der 9. November 1989 lebt wieder auf. Da­mals nimmt sie an einer Großveranstaltung teil, im Haus des Lehrers am Alexanderplatz – einem politisch-ideologischen Bildungszentrum mit Pflichtprogramm. An jenem Tag kommen dort freiwillig massenhaft Menschen zusammen, um sich für die Abschaffung des paramilitärischen Fachs Wehrkundeunterricht auszusprechen. Das Mikrofon wandert von Hand zu Hand, häufig ist das Wort Gestaltungsfreiheit zu hören, ein Wort, das Sylvia Kroll beflügelt. Als sie dann um neun Uhr abends mit dem Auto nach Hause fährt, schaltet sie das Radio an und hört: „Die Mauer ist gefallen.“ Nein, das glaubt sie nicht. Doch dann sieht sie Bilder im Fernsehen: Menschenmassen um die Mauer, auf der Mauer. Feierstimmung. Sylvia Kroll startet erneut das Auto und fährt zu­sammen mit einer Freundin in die Bornholmer Straße, taucht in die Masse ein. Keiner weiß genau, was los ist. Es ist eine friedliche Versammlung. Eine „frohmachende Erwartungshaltung“ ist spürbar. Da muss jetzt was passieren..., heißt es immer wieder. Und dann geschieht das Un­glaubliche: Die Mauer wird geöffnet. Und die Massen strömen nach Westberlin, in die Freiheit, Richtung deutsche Einheit. „Hör mal, du bist jetzt in Westberlin. Kannst du das glauben?!“, ruft Sylvia ihrer Freundin zu. „Neee!“ 

Eine unaussprechliche Freude war das. Auf den Straßen prosteten sich Menschen mit Sekt zu. Ein wildfremdes Westberliner Ehepaar lud im Überschwang Sylvia Kroll und ihre Freundin spontan zu sich nach Hause zum Essen ein. 

Bleiben und das Neue gestalten

Es ist der Anfang einer neuen Epoche. Alte Strukturen können sich nicht mehr halten. Nach vierzig Jahren Trennung finden Ost- und Westdeutschland wieder zueinander. Für die Menschen aus dem Osten stellt sich zunehmend die Frage: In den Westen auswandern oder bleiben? Die Frage schwelt in der Gesellschaft schon länger. „Wir wollen raus!“, riefen Menschen bei einer Demonstration zwei Monate vor der Maueröffnung. „Wir bleiben hier!“, entgegneten ihnen andere. Für Sylvia Kroll war von Anfang an klar: Sie bleibt. Als Christin wollte sie mit anpacken, das Neue gestalten. Schon bald sitzt sie als Beauftragte der katholischen Kirche im Bildungsausschuss des Zentralkomitees der Volkskammer, wirkt bei Reformen mit. Schon bald krempelt sie die Ärmel hoch, um eine lang ersehnte staatlich anerkannte katholische Hochschule mitzugründen. Zugleich muss sie hinnehmen, dass ihre Promotion unterbrochen wird. Ihrem Professor wurde Mitarbeit bei der Stasi nachgewiesen, er wurde kaltgestellt. Vieles wankt. Kroll muss ein Jahr warten, um neu promovieren zu können. Doch die allgemeine Hochstimmung trägt sie, gibt ihr Kraft, mit Rückschlägen umzugehen. Wie anderen auch. „Eine Leichtigkeit des Seins erfasste uns alle“, erzählt sie. Heute ist Gelassenheit daraus geworden. Die vielzitierte Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit der Einheit wird, so Kroll, von den Medien aufgebauscht. „Wir sind glücklich über die Freiheit und das vereinte Deutschland. Sie sind ein Gewinn“, sagt sie. 

Der Preis der Freiheit

Und doch mischt sich heute noch ein wenig Wehmut in die Freude über das Ende der Diktatur: „Damals hielten die Menschen mehr zusammen, eine Nähe war da, die half, der ge­meinsamen Not zu trotzen“, erinnert sie sich. Man habe sich spontan besucht, einfach so. Wie selbstverständlich waren Freunde, Nachbarn, ja selbst Fremde füreinander da. Auch in der Kirche habe man mehr zusammengehalten. In der kleinen Schar kannte man sich, pflegte mehr das Gespräch, weniger die Sitzungen. „Es gab damals bei uns keine Trennung zwischen der Kirche als Institution und der Kirche als Glaubensgemeinschaft, wir waren eins“, sagt sie und fügt hinzu: „Den Bischof zu kritisieren, daran dachte keiner, er war ein Teil der Gemeinschaft. Ach, diese Trennung zwischen Geistlichen und Laien, die gab es damals bei uns nicht.“ Viele Katholiken aus dem Osten haben die Kirche nach der Wende als fremd erlebt, sich nicht mehr wohlgefühlt in ihr, weiß Kroll. „Warum dieser ewige Kritikblick?“, sie schüttelt den Kopf. Die überzeichnet kritische Einstellung verhindere doch Freiheit, Lebendigkeit, Freude. Traurig macht sie, dass katholisch nun häufig mit konservativ, ja reaktionär gleichgesetzt wird, sie erlebt das immer wieder, auch an der Hochschule. Sylvia Kroll wünscht sich, dass Christen den Mut haben, ihren Glauben als Selbstverständlichkeit nach außen zu leben, dass Glaube und professionelles Handeln nicht als Widerspruch erscheinen.

Selbst gestalten: ein kostbares Gut 

Um Mitglied im Frauenbund zu werden, hat Sylvia Kroll zehn Jahre Zeit gebraucht. Sich organisieren zu lassen, das wollte sie zunächst gar nicht. Es war Überredungskunst nötig, und wieder war es die Aussicht, gestalten zu dürfen, die sie überzeugte. „Kommen Sie doch in den Frauenbund, wir brauchen eine Vertreterin für die neuen Bundesländer im Zentralkomitee der Katholiken“, warb die damalige Präsidentin Ursula Hansen. Darauf hat sich Sylvia Kroll eingelassen und wirkte von 2000 bis 2008 in dem Gremium. Sie weiß auch, wie wichtig es ist, sich in der Pfarrgemeinde und der Kommune zu engagieren. Und das tut sie nach Kräften. Sie will vor allem eins: den Menschen Mut machen, ihre Gestaltungsfreiheit zu nutzen. Denn die ist ein kostbares Gut.

Redaktion: Maria Sileny
aus: KDFB Engagiert 8+9/2015