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Erbinnen einer großen Frauentradition

Gemeinschaft und Glaube leben: der Beginenhof Bochum. Foto: Beginenhof Bochum

Wie Beginen heute nach mittelalterlichem Vorbild leben

 

Das Leben der mittelalterlichen Beginen wird immer genauer erforscht. Vor allem Frauen engagieren sich dafür, es dem Vergessen zu entreißen. Moderne Beginen versuchen die Frauentraditionen, die dabei ans Tageslicht kommen, wieder mit Leben zu füllen.

Für viele Frauen war es wie die Erfüllung eines Traumes, als klar wurde: Frauen haben starke christliche Ahninnen, und das ist historisch belegbar. In den 1980er-Jahren entdeckten ForscherInnen immer mehr Quellen über die besondere Lebensform von Frauen in sogenannten Beginenhöfen. Zwar kannte man die Häuser der stattlichen Beginenhöfe in Belgien, die inzwischen ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Doch dass hinter dem Beginentum eine große europäische Frauenbewegung steckt, hat sich erst in den vergangenen Jahrzehnten enthüllt. Bereits um das Jahr 1200 taten sich alleinstehende Frauen zusammen, ernährten sich von ihrer Hände Arbeit, teilten ihren Glauben, wählten eine Meisterin und gaben sich eigene Regeln.

Das Beginenarchiv in Fulda dient der Forschung

Diese alte Frauenkultur begeisterte viele Frauen, zahlreiche lokale Beginenvereine entstanden. Viele führen bewusst das Wort Begine in ihrem Namen. In diesen forschen Frauen zur Beginengeschichte und entwickeln, angeregt durch das mittelalterliche Vorbild, ähnliche Haus- und Lebensgemeinschaften. „Im Jahr 1985 kannte man in den Archiven und Bibliotheken das Wort Begine kaum mehr, heute weiß man, dass 660 deutsche Städte Archivmaterial über diese Seite der Frauengeschichte besitzen“, erläutert Brita Lieb. Die 70-Jährige lebt als Einzelbegine, engagiert sich seit zwanzig Jahren für das Beginentum und hat in Fulda ein Beginenarchiv aufgebaut. Das wird von vielen Forscherinnen in Anspruch genommen.

Einst brauten Beginen Bier und siedeten Seifen

Man weiß heute, dass diese religiöse Frauenbewegung des Mittelalters wirtschaftlich unabhängig auftrat und sich genossenschaftlich organisierte. Beginen sorgten für ihren Lebensunterhalt durch die Pflege von Kranken und Bedürftigen. Sie bauten Hospize und Unterkünfte. Und sie erschlossen sich weitere Erwerbszweige. So gab es Beginen, die webten, Kerzen zogen, Seifen siedeten, Bier brauten, Brot buken oder als Mägde, Haushälterinnen oder Hebammen arbeiteten. Einige lebten sogar vom Handel mit Grund und Boden oder verliehen Geld. Einzelne Gemeinschaften bekamen von reichen Damen finanzielle Unterstützung und konnten damit ärmeren Frauen eigene Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten einrichten.

Beim Eintritt versprachen die Frauen ein gottesfürchtiges Leben auf Zeit

Bei ihrem Eintritt legten die Frauen kein Gelübde, sondern ein Versprechen für ein gottesfürchtiges Leben auf Zeit ab. So konnten sie die Gemeinschaft wieder verlassen, ihr privates Vermögen mitnehmen und heiraten. Von den Niederlanden, die damals auch Teile von Belgien und niederrheinische Ge­biete umfassten, verbreitete sich die Lebensform der Beginen über ganz West- und Mitteleuropa. Ihre beruflichen Erfolge machten sie jedoch später zu einer Konkurrenz der in mächtigen Zünften organisierten Handwerker. Zudem betrachtete die Kirche ihre religiöse Unabhängigkeit immer wieder sehr kritisch. Durch die Veränderungen in der Zeit der Reformation lösten sich viele Beginenkonvente auf oder zogen in katholische Gebiete um. Bis vor Kurzem lebten noch einzelne Frauen nach der 900-jährigen Tradition. Immer noch zeugen die prachtvollen Beginenhöfe in Belgien von der Bedeutung dieser Frauengemeinschaften in der Vergangenheit und erzählen vom Glanz einer Frauengeschichte, die in Deutschland fast vergessen war.

Heute lebt die 900-jährige Frauengeschichte wieder auf

Inzwischen gibt es in Deutschland einen Dachverband der Beginen, dem 19 Beginengemeinschaften angehören. Über 500 Frauen und Kinder leben in sogenannten Beginenhöfen. „Das moderne Beginentum wird weiter expandieren oder vielmehr explodieren, weil es einfach dran ist in unserer Zeit.“ Davon ist die Einzelbegine Brita Lieb überzeugt. Sie geht davon aus, dass jede Frau an guten Beziehungen interessiert ist, niemand gern allein alt wird oder ins Altersheim gehen will, junge und alte Frauen in Bezügen leben wollen, wo man aufeinander schaut, sich gegenseitig hilft, beim Kochen oder Einkaufen oder bei der Aufsicht von Kindern, die früher nach Hause kommen als ihre berufstätigen Mütter. Damit das möglich wird, müssen sich, so Brita Lieb, Frauen zusammentun, die sich über ihre eigene Person hinaus engagieren wollen. In allen Wohnprojekten, die sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten haben, geht es um ein gutes Miteinander in der neuen „Wahlverwandtschaft“. Und: „Eine Ausrichtung ist all diesen Projekte gemeinsam, sie sind ökologisch“, weiß die engagierte Begine, die auch jahrelang im Vorstand des Dachverbands aktiv war. „Aber ob und wofür sich die Gruppen darüber hinaus engagieren, ist sehr unterschiedlich.“ Es reicht vom Einsatz für den Frieden über die Organisation von Pilgerreisen bis zum Studium der Mystik. So dienen die mittelalterlichen Beginen vor allem als Vorbild für ein solidarisches Miteinander von Frauen.

Bislang einzigartig: das Bochumer Projekt

Seit Sommer 2013 gibt es den ersten Beginenhof, der das christliche Erbe der Beginenbewegung für heute umsetzen will. Er wurde in Bochum errichtet. Brita Lieb hat ihn in siebenjähriger Arbeit ermöglicht. Ein Gemälde zeigt die idyllisch angelegte Siedlung: 15 eineinhalbstöckige Giebelhäuser gruppieren sich zu einem Hof, in der Mitte ein Baum mit runder Sitzbank und weitere Ruheplätze vor den Häusern. Das Ensemble ist ein Neubau, den historischen Höfen in Belgien nachempfunden, und bietet 24 Wohneinheiten zwischen 50 und 100 Quadratmetern. Es musste einiges zusammenspielen, damit das Projekt verwirklicht werden konnte. „Brita Lieb hat sehr viel Energie hineingesteckt“, erzählt Karen Lehmann. Die 49-Jährige ist im Vorstand des Trägervereins „Beginen heute“ und von Anfang an dabei. „Brita Lieb hat das Bistum angeschrieben, ob es nicht aufgelassene Grundstücke für solch ein Projekt gibt, und eine alte Bochumer Genossenschaft als Bauträger ins Boot geholt“, so Karen Lehmann. Unter dem Titel „Ehemalige kirchliche Gelände werden zu Frauendörfern“ steuerte auch das Bundesfamilienministerium einen Zuschuss bei.

Raum für Gemeinschaft und Glaube

„Unmittelbar neben dem Areal des Beginenhofes steht die erste ökumenische Kirche der Diözese Essen ,Max-Kolbe‘. Sie war der Anlass, dort den Beginenhof zu bauen“, erläutert Brita Lieb. „Der wunderbare Raum war schon mehrere Jahre ungenutzt.“ Jetzt pachten ihn die Beginen, um für das gemeinschaftliche Leben und Glauben Platz zu haben. Das bedeutet, dass jede Bewohnerin zusätzlich zu ihrer Miete eine Umlage von 110 Euro zahlen muss. Trotz guter Planung und regelmäßiger Treffen vorab wäre das Beginenhofprojekt kurz nach dem Einzug der Frauen beinahe gescheitert. „Wir sind im Sommer 2013 eingezogen, und im Februar 2014 traten acht Frauen aus dem Beginenverein aus“, erzählt Karen Lehmann. Worum es bei dem Streit ging, kann sie nicht genau erklären. „Es war wohl zu schwierig, mit zwanzig Frauen zwischen 30 und 80 die Regeln des Miteinanders zu klären“, erzählt sie. Und: „Inzwischen weiß ich, dass fast alle Gemeinschaften Phasen von heftigen Auseinandersetzungen hatten.“ Mit Hilfe einer Moderatorin, die viel Erfahrung mit Streitschlichtung in klösterlichen Gemeinschaften mitbrachte, lebt die geschrumpfte Gruppe jetzt friedlich zusammen. Zu ihr gehören unter anderem zwei junge alleinerziehende Mütter, drei Kinder und eine 80-Jährige. „Wir wollen uns gut kennenlernen und gemeinsam etwas entwickeln“, erläutert Karen Lehmann. „Jede kann zum Beispiel eine der Abendandachten gestalten, zu der zweimal pro Woche alle, auch Interessierte aus der Umgebung, eingeladen sind. Und an Wochenenden holen wir uns Referenten für Workshops.“ Bei den letzten ging es um „Stimme und Körperpräsenz“ und um „Kontemplation.“ Einmal in der Woche treffen sich alle, um gemeinsame Aktionen abzusprechen. „Ich hatte gedacht, dass wir im vergangenen Jahr nur gestritten haben, doch wenn ich genau überlege, haben wir jeden Monat ein Erzählcafé veranstaltet, Veranstaltungen zum christlichen Jahreskreis gemacht und seit Herbst pro Woche mindestens eine Besuchergruppe empfangen. So geben wir Geschichte und Idee des Beginentums weiter.“ 

Autorin: Anne Granda
aus: Engagiert 6/2015

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