KDFB

Eine Frage der Menschlichkeit

Deutschland und die Flüchtlinge: Schaffen wir das?

Deutschland, überfordert: Selten zuvor ist die Erregung im Land ähnlich hochgekocht wie in der Flüchtlingskrise. Selten zuvor standen die deutsche Gesellschaft, die Politik, aber auch je­der Einzelne so gespalten, so emotional, so ratlos vor brisanten Fragen. Fachleute geben Antworten aus ihrer Perspektive.

"Wir schaffen das!“ Ein denkwürdiger Satz. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn sagte, war klar: Die vielen Tausend Menschen vor Ungarns Grenzen waren nicht mehr aufzuhalten, ohne eine Katastrophe, ohne ein Blutbad auszulösen. Denn: Grenzzäune oder Mauern funktionieren nicht ohne Schießbefehl – die Deutschen wissen das, und Merkel weiß es. Ihre Entscheidung war daher ohne akzeptable Al­ternative.

„Wir schaffen das!“ Ein kraftvoller Satz war das, ein Satz, der Deutschland an seine Stärke erinnerte und gleichzeitig in die Pflicht nahm. Und tatsächlich: Erst in München, wo in den dramatischen Tagen Anfang September Zehntausende ankamen, ohne dass ausreichende Infrastruktur für sie zur Verfügung stand, später auch in vielen anderen Städten und Dörfern in Deutschland packten unzählige Menschen an, um den Ankömmlingen aus Pakistan, aus Syrien oder aus Nigeria, aus dem Senegal, aus Eritrea, vom Balkan und aus Afghanistan nicht nur ein Lächeln zu schenken, sondern die Hilfe zu leisten, die der zwangsläufig behäbigere Staat nicht so schnell zustande brachte. 

Sternstunde der Zivilgesellschaft

Eine Sternstunde der Zivilgesellschaft schlug, ein vielleicht historisch zu nennender Moment, an den man sich noch in vielen Jahren erinnern wird. Ein Moment, gefügt aus Nationalstolz und Güte, in dem eine Gemeinschaft spürbar wurde wie sonst nur, wenn die deutsche Nationalelf im Finale einer Weltmeisterschaft steht. Ein Moment, in den sich auch die Erleichterung mischte, sich nicht mehr schämen zu müssen: über den Tod der unzähligen Menschen, die während der vergangenen Jahre im Mittelmeer ertranken, während Deutschland und Europa tatenlos zusahen. Es sind solche Ereignisse, in denen Zeitläufte sich zu einem symbolträchtigen Augenblick verdichten.

Die deutschen Medien feierten den Moment distanzlos und euphorisch mit – von der ARD bis zur Bildzeitung. Danach, ebenso schnell: der Schwenk auf Ängste, Alarmrufe und Bedrohungskulissen. Über weite Strecken verstärkte die Berichterstattung bloß die Emotionen und markigen Sprüche der überforderten Politiker, anstatt der allgemeinen Erregung sachliche, unaufgeregte Recher­che entgegenzusetzen. 

Ein ähnliches Szenario hat Deutschland schon einmal gemeistert

Sachlich wäre zum Beispiel gewesen: dass Deutschland ein ähnliches Szenario schon einmal gemeistert hat. Im Jahr 1993 waren ebenfalls die Asylbewerberzahlen massiv angestiegen, über 500.000 waren es. Dazu kamen Hunderttausende Spätaussiedler pro Jahr, die aus dem früheren Ostblock zuwanderten, größtenteils keine ausreichenden Sprachkenntnisse hatten und ebenfalls integriert werden mussten. Gleichzeitig hatte das Land weitere Lasten zu schultern: die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der deutschen Einheit, eine hohe Mobilität aus den neuen Bundesländern in Richtung Westen, eine Zivilgesellschaft, die längst nicht so aktiv und vernetzt war wie heute. Damals gelang es. Doch zu einem hohen Preis: Eine Welle der Fremdenfeindlichkeit rollte durchs Land. Es gab Tote zu beklagen. 

Ob es jetzt gelingt, die Flüchtlingskrise gut zu bewältigen, wird sich zeigen. Sicher ist, dass sie viele drängende Fragen aufwirft, lokale wie globale, die weit über die Wochen im Herbst hinauszeigen: Fragen nach dem sozialen Fundament und den wirtschaftlichen Le­bensbedingungen in Deutschland, vor deren Verschlechterung sich viele fürchten. Nach Werten und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Nach Fluchtursachen, nach dem desolaten Zustand der Herkunftsländer und nach der deutschen und europäischen (Mit-)Verantwortlichkeit dafür. Nach Quellen, aus denen Flüchtlinge wie Deutsche schöpfen können. Nicht zuletzt: Fragen nach unserer Menschlichkeit. 

Redaktion: Susanne Zehetbauer
aus KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 11/15

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