KDFB

Ein Beruf für Leute mit Herzblut

Springt ein, wenn die Mutter ausfällt: die Familienpflegerin. Bild: Familienpflegewerk im KDFB

Familienpflegerinnen müssen für schwierige Einsätze gerüstet sein

Verhindern, dass alles zusammenbricht – darin sind sie Expertinnen. Familienpflegerinnen springen ein, wenn die Mutter ausfällt. Zwei Jahre dauert die Ausbildung, die auch für Quereinsteigerinnen nach der Familienphase interessant ist. Denn Nachwuchs ist rar. 

Pelmeni schmecken besonders gut mit Schmand. Seit zwei Wochen weiß Ramona Unterreiter nicht nur das, sondern auch, wie man die russischen Teigtaschen zubereitet. Die 21-Jährige arbeitet als staatlich geprüfte Familienpflegerin beim Familienpflegewerk im KDFB, Station Trostberg. Zur Zeit ist die Berufsanfängerin bei einer russischen Familie im Einsatz. Die Mutter hatte einen Autounfall. Nun sorgt Ramona Unterreiter dafür, dass der einjährige Junge trotzdem gut versorgt ist. Sie kocht für ihn, hält sein Zuhause in Ordnung, schaut Bücher mit ihm an und rutscht mit ihm auf den Knien herum, weil er am liebsten seine Spielzeugautos auf dem Teppich hin und her fahren lässt. Nebenbei entdeckt sie in ihrer Heimat russische Lebensmittelläden, in denen sie für die Familie einkauft, und lernt ein Stück russische Familienkultur kennen.  

Jeder Einsatz bringt neue Herausforderungen

Familienpflegerinnen springen ein, wenn die Mutter wegen einer schweren Krankheit, eines Unfalls oder einer Risikoschwangerschaft ausfällt und verhindern somit, dass alles in einer Familie zusammenbricht. Sich schnell auf neue Familien und ihre Werte, auf unterschiedliche Erziehungsstile und Kulturkreise einzustellen, das gehört zum Arbeitsalltag der Familienpflegerinnen. Jede Familie ist anders, jeder Einsatz bringt neue Herausforderungen mit sich. „Genau deshalb habe ich mich für diesen Beruf entschieden“, sagt Ramona Unterreiter. Sie ist gelernte Kinderpflegerin und hat sich nach ihrer ersten Ausbildung zur Familienpflegerin weiterqualifiziert. In einigen Bundesländern, darunter auch in Bayern, ist eine einschlägige Berufsausbildung die Voraussetzung, um Familienpflegerin zu werden. Alternativ dazu wird auch anerkannt, wenn BewerberInnen mindestens drei Jahre lang einen Familienhaushalt geführt haben. Das kann gerade für Frauen interessant sein, die nach einer Familienphase wieder in die Arbeitswelt starten, sich aber beruflich neu orientieren wollen. 

Viele Wege führen in die Ausbildung 

Auch Lara Kiefer und Heike Wöller haben sich für diesen Beruf entschieden. Aber sie stehen noch ganz am Anfang: Für die nächsten eineinhalb Jahre werden sie gemeinsam die Schulbank in der Fachschule für Familienpflege bei der Stiftung Katholisches Familien- und Altenpflegewerk in München drücken, zusammen mit sieben angehenden Kolleginnen. Lara Kiefer ist 18 Jahre alt, nach Realschulabschluss und Hauswirtschaftsschule führte sie ihr Weg direkt auf die Schule in der Mitterfeldstraße. Zuhause hat die junge Frau sechs kleine Ge­schwister und ist dadurch trotz ihres jungen Alters auf ihre Art ein Familienprofi. Heike Wöller dagegen ist 53 Jahre alt, hat lange – auch selbstständig – als Pflegehelferin in der Altenpflege gearbeitet und ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Die Altenpflege bis zum eigenen Renteneintritt auszuüben, das konnte sie sich jedoch nicht vorstellen. Deshalb ist sie nun noch mal in die Schülerinnenrolle geschlüpft und profitiert von den Erfahrungen aus Familie und Beruf. Die Klassen sind häufig so unterschiedlich zusammengesetzt. Schülerinnen und Lehrerinnen schätzen die Anregungen, die daraus erwachsen.

Pädagogik, Pflege und Hauswirtschaft auf dem Stundenplan

Gerade steht das Fach Pflege auf dem Stundenplan. Schwangerschaft und Geburt sind heute das Thema. Fachlehrerin Monika Schön hat die Nachbildung eines weiblichen Beckens dabei und eine spezielle Babypuppe, mit der sie den Geburtsverlauf zeigen kann. Mit schwangeren Frauen werden die angehenden Familienpflegerinnen in Zukunft häufiger zu tun haben. Wenn größere Kinder zu versorgen sind, sind Frauen mit einer Risikoschwangerschaft auf Hilfe angewiesen. Auf einem der Schultische steht eine Platte mit Apfel-Streusel-Muffins. Die haben die Frauen gerade in der Lehrküche gebacken. Die Mappe mit Familienrezepten wird jede Woche dicker. 

Gesprächsführung, Bewegungserziehung, Pflege, Pädagogik und Psychologie stehen ebenso auf dem Stundenplan wie Rechtskunde, Wirtschaftslehre, Hauswirtschaft und noch einiges mehr. „Die Ausbildung ist anspruchsvoll. In den eineinhalb Jahren an der Schule kommt einiges auf die Schülerinnen zu“, sagt Pflegelehrerin Monika Schön. 

Doch die Schule hat Nachwuchssorgen. Im letzten Jahr  kam erstmals keine Klasse zustande, heuer sind es nur neun Schülerinnen. Woran liegt das? Ein Grund ist sicher, dass Kinderpflegerinnen, die früher am stärksten unter den Schülerinnen vertreten waren, nun so händeringend von Kindertageseinrichtungen gesucht werden, dass sie schon während der Ausbildung Verträge erhalten. Außerdem ist nicht gesagt, dass die zusätzliche Ausbildung auch ein höheres Gehalt bringt. Zwischen 1.900 und 2.400 Euro brutto verdient eine Familienpflegerin, je nach Dienstalter. Die Schule an der Mitterfeldstraße hat reagiert. Eine Stiftung beteiligt sich ab sofort an den Ausbildungskosten mit 125 Euro im Monat. Wer nach eineinhalb Jahren Fachschulausbildung und sechs Monaten Berufspraktikum sein Zeugnis zur staatlich geprüften Familienpflegerin in Händen hält, der erhält gleichzeitig eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, darf also ohne Abitur studieren, zum Beispiel Sozialpädagogik. 

Retterin in Notsituationen

Familienpflegerinnen verhindern, dass alles zusammenbricht, wenn der Alltag nicht mehr organisierbar ist. Maria Kaiser aus Unterschleißheim hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, nicht mehr für die Familie sorgen zu können. Während ihrer zweiten Schwangerschaft ist ihr Körper ausgestiegen. Heftigste Schwindelattacken und starke Kopfschmerzen legten die Sozialpädagogin monatelang lahm. Ihren achtjährigen Sohn konnte sie ebenso wenig betreuen wie den Haushalt erledigen. „Wir haben uns lange durchgeschleppt mit der Hilfe von Familie und Freunden. Doch irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir waren schon auf einen Stand weit unter Null abgesackt.“ Die Frauenärztin griff ein und verordnete eine Familienpflegerin. „Das war unsere Rettung. In dem Moment, als diese unglaublich sympathische und freundliche Frau vor der Tür stand, setzte eine große Erleichterung ein. Sie kochte für unseren Sohn, ging mit ihm raus, spielte mit ihm und kümmerte sich um den Haushalt. Als ich nach der ambulanten Entbindung mit meiner neugeborenen Tochter aus der Klinik kam und ihr unser Kind als erstes in die Arme legen konnte, war das für alle ein sehr emotionaler Moment“, erzählt Maria Kaiser. 

Nicht alle Augenblicke, die sich bei Familienpflegerinnen einprägen, sind so beglückend. Es gilt auch oft, der  Familie Stabilität zu geben, wenn die Mutter beispielsweise während einer Krebserkrankung vollkommen ausfällt oder gar stirbt. Wenn für eine Familie die Welt stehen bleibt, sind sie es, die Boden unter den Füßen geben und die Versorgung am Laufen halten. Dann ist es wichtig, eine gewisse Distanz wahren zu können und das Leid nicht zu nah an sich heranzulassen. „Wir besprechen vieles bei unseren Teamsitzungen und haben auch Supervision, um mit solchen Situationen umzugehen“, erklärt Ramona Un­terreiter. Nach den ersten Monaten im Beruf fällt ihr Fazit zur Ausbildung positiv aus: „Wir kommen gut vorbereitet aus der Schule in die Praxis.“

Autorin: Claudia Klement-Rückel

Aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2015